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1.3 DIE WENDE IN DER RELIGIONSSOZIOLOGIE
ОглавлениеGing man noch bis fast zum Ende des vorigen Jahrhunderts selbstverständlich davon aus, dass der abnehmende gesellschaftliche Stellenwert von Religion und Kirche eine unausweichliche Entwicklung sei, so machten die globalen religiösen Prozesse diese These immer fragwürdiger und führten zu einem gründlichen Umdenken. Peter L. Berger revidierte seine Überzeugung und schrieb 1999: »Die Annahme, dass wir in einer sich säkularisierenden Welt leben, ist falsch. Die heutige Welt ist intensiv religiöser geworden, und in einigen Regionen mehr als je zuvor. Das bedeutet, dass sich eine ganze Abteilung, die von Historikern und Sozialwissenschaftlern geschrieben wurde, lose zusammengefasst unter der Bezeichnung ›Säkularisierungstheorie‹, grundsätzlich geirrt hat.«3 Ähnlich der kanadische Religionswissenschaftler Peter Beyer: »Es scheint offenkundig, dass die Vorstellung von der Säkularisierung als etwas, wo die Religion allen gesellschaftlichen Einfluss und Bedeutung verliert, auf die globale Gesellschaft als Ganzes keine Anwendung findet. In der Tat sind nur wenige Beobachter willig, die Hypothese zu verteidigen, dass wir, global gesprochen, in einer säkularisierten Gesellschaft leben.«4
Heute setzt sich in der Sozial- und Geisteswissenschaft der Konsens durch, dass die Grundannahmen der Säkularisierungsthese nicht zu halten sind. Einige Religionssoziologen lehnen die Säkularisierungsthese grundsätzlich ab. Sie sei eurozentrisch, eindimensional, deterministisch und fortschrittsgläubig. Andere sprechen sich für eine Modifizierung der These aus. Um Säkularisierungsprozesse zu verstehen, müsse man stärker die historischen Entwicklungen berücksichtigen, die mit dafür verantwortlich sind, dass die Relevanz von Religion zunimmt oder schwindet, wie das zum Beispiel in Europa der Fall ist.