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Religion als Motor für positive gesellschaftliche Transformationsprozesse
ОглавлениеDie Rolle der Kirchen in der Vergangenheit war im Hinblick auf den Umgang mit Diktaturen, Menschenrechten, Rassismus, Sklaverei, Antisemitismus oft widersprüchlich, ja mitunter ausgesprochen problematisch. Das Sündenregister der christlichen Kirchen ist lang. Sie gerieten in den Ruf, Modernisierungsverweigerer zu sein, Diktaturen zu unterstützen, Antisemitismus zu fördern, Rassismus zu tolerieren und patriarchalische Herrschaftsformen zu stützen. Auch der deutsche Protestantismus trat in seiner dunkelsten Ära für rassistische Positionen und Praktiken ein.
Die katholische Kirche widersetzte sich lange der Moderne, betrachtete den religiösen Pluralismus als Feind, war überskeptisch gegenüber den modernen Wissenschaften und nahm in Menschenrechtsfragen eine unklare Position ein. Es kam vor, dass die Kirche auf der Seite von Diktatoren stand, wie das anscheinend in Argentinien der Fall war. Erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1966) brachte eine völlige Neuorientierung, durch welche die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, dass die katholische Kirche in der Folge weltweit zu einer Kraft zivilgesellschaftlicher Demokratisierung wurde. Zum Ende des 20. Jahrhunderts erleben wir das Engagement der Kirchen für die Armen, Unterdrückten, Ungebildeten und Ausgegrenzten. Katholische Bischöfe spielen eine fördernde und entscheidende Rolle in den Freiheitsbewegungen Lateinamerikas. Der Erzbischof von San Salvador Oscar Romero trat vehement für soziale und politische Reformen ein und bezahlte seine Opposition zur damaligen Militärdiktatur mit dem Leben. Er gilt als ein führender Vertreter der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, die sich für soziale Gerechtigkeit und eine Umgestaltung der Gesellschaft aus dem Geist des Evangeliums engagiert. Der Vatikan beobachtete die katholischen Befreiungsbewegungen mit Skepsis, weil er kommunistische Ideen als eigentliche Antriebskraft dahinter vermutete.
Der polnische Papst Johannes Paul II. hat in den 1980er Jahren die Menschen zum Widerstand gegen kommunistische Unrechtsdiktaturen angestiftet und damit eine Freiheits- und Demokratiebewegung im damaligen Ostblock mit ausgelöst.20 Die Geschichte der Friedlichen Revolution von 1989 in der DDR belegt die friedensstiftende Kraft und Kreativität der christlichen Religion. Die sogenannte Wende wurde in den Kirchen des Landes geboren. Zu Tausenden versammelten sich die Menschen dort, beteten, diskutierten und hörten das Evangelium des Friedens. Dann zogen sie mit Kerzen auf die Straße, um für Freiheit und für ein Ende des DDR-Regimes zu demonstrieren.21
Erzbischof Desmond Tutus Engagement für Versöhnung und die Rechte der schwarzen Südafrikaner geschah mit einer eindeutig religiösen Motivation. Nach Monica Toft haben seit den 1970er Jahren religiöse Akteure in den großen politischen Umbruchbewegungen in 63 % der Fälle die Demokratisierung vorangetrieben. Sie nennt viele globale Beispiele, wie es dem religiösen Einfluss zu danken ist, zu Modernisierung, Demokratisierung und wirtschaftlichem Fortschritt einen entscheidenden Beitrag geleistet zu haben. Sie schreibt: »Die letzten vier Jahrzehnte haben gezeigt, dass Religion ein Zerstörer von Diktaturen sein kann, ein Initiator von Friedensverhandlungen und Versöhnung, ein Förderer wirtschaftlicher Entwicklungen und Projekte, ein Befürworter von Frauenrechten, ein Krankheitsbekämpfer und ein Verteidiger von Menschenrechten.«22 Es gibt heute eine unglaubliche Fülle religiös motivierter Initiativen, um gegen Armut, Ungerechtigkeit, Sklaverei, Kinderarbeit, Frauenunterdrückung, Rassismus, Verfolgung anders Glaubender, Bildungsarmut, Frauenhandel, Diskriminierung von Homosexuellen einzutreten und sich für die Nöte der Menschen einzusetzen.