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VORWORT
ОглавлениеEine Frage treibt mich um, die zum Schreiben dieses Buches führte: Was sind die Gründe dafür, dass sich im westlichen Kulturkreis die Kirchen leeren und die gesellschaftliche Gestaltungskraft des Christentums schwindet, während weltweit das Christentum boomt, neue kraftvolle Gemeinden entstehen und sich ganze Landstriche dem Glauben zuwenden? Europa ist eine säkulare Insel im religiösen Meer. Worin könnten die Gründe dafür liegen, dass die Kirchen außerhalb der westlichen Hemisphäre so außerordentlich lebendig, ausstrahlend und begeisternd für viele Menschen sind, während das Christentum des Westens eigenartig müde, kraftlos und überaltert wirkt? Die alte religionssoziologische These, dass Religion an Bedeutung verliert, wenn Bildung und Wohlstand zunehmen, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse gehen Hand in Hand mit einem religiösen Erwachen. Von einer Säkularisierung ist in den Kirchen, die außerhalb des Westens liegen, nichts zu spüren. Warum schwächeln die Kirchen des westlichen Kulturkreises, während die Kirchen des Südens und Ostens kraftvoll wachsen? Ich habe sechs Indikatoren ausgemacht für das enorme globale Wachstum des Christentums. Des Weiteren setze ich mich mit der Frage auseinander, was die Gründe sind für den Niedergang des Christentums in Europa? Worin liegen die Ursachen für die Säkularisierungsprozesse? Ich habe dafür vier Faktoren ausgemacht, die im Zusammenspiel zu einer Säkularisierung der westlichen Gesellschaft führen.
Im zweiten Teil des Buches geht es um die Frage, wie die Kirchen hierzulande darauf reagieren können. Hat der Glaube eine Zukunft, oder müssen wir uns mit einem Niedergang von Religiosität abfinden? Ist das Christentum des Westens – in katholischer, evangelischer und freikirchlicher Variante – bereit und fähig, auf die Herausforderungen der Säkularisierung angemessen zu reagieren? In welche Richtung müssen Kirchenreformen gehen, damit der Glaube auch im Westen eine prägende Kraft ist?
Als lutherisch gesinnter Christ mit katholischem Herzen und pfingstlichen Sympathien und als evangelischer Pfarrer und Theologe mit einem ökumenischen Horizont frage ich mich im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017: Welche Impulse können heute für einen Aufbruch der Kirchen von Bedeutung sein? Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Erbe Luthers und der Reformation besteht nicht nur in der Bewahrung der Tradition, sondern vornehmlich in der Innovation, damit das Evangelium unter die Leute kommt. Man möge es dem Autor nachsehen, wenn in den Ausführungen zu den geschichtlichen Ursachen, welche die Gründe für die Säkularisierung unserer Kultur thematisieren, in einigen Punkten nicht alle Faktoren die gebührende Berücksichtigung erfahren. Dafür gibt es Experten, die sich jahrelang damit befasst haben und über ein exzellentes Wissen verfügen. Der Autor kommt aus der Praxis, ist Gründer mehrerer Gemeinden in der Landeskirche und jetzt Pfarrer an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg, der Mutterkirche der Reformation. Er möchte Säkularisierung auch für Nichttheologen nachvollziehbar machen und Linien aufzeigen, wie die Kirche agieren kann in einer säkularen Welt, um hoffnungsvoll in eine Zukunft des Glaubens aufzubrechen.
Berlin und Wittenberg im April 2017