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Terra, 30. Juli 2023 nach Christus, Sonntag

Tagelang hatten die terrestrischen Wissenschaftler das Für und Wider erwogen. Konnte, durfte man es wagen, einen nicht identifizierten außerirdischen Gegenstand in ein

Raumfahrzeug zu bringen – oder diesen gar zur Erde zu transportieren?

Seit Astronaut Pierre LaSalle den länglichen, metallisch glänzenden Gegenstand in einem Alkoven unterhalb des inaktiven Vulkans Olympus Mons gefunden hatte, war es dem bärtigen ESAAstronom Thomas Maier nicht mehr gelungen, ein Auge zuzutun. Auf seinem Schreibtisch türmten sich leere Kaffeebecher und Dosen, die Energydrinks enthielten.

Nie hätte er sich im Vorfeld träumen lassen, dass die erste bemannte Marsmission derart spektakulär verlaufen könnte. Zuerst die Gesteinsund Strahlungsanomalie in der CydoniaRegion, die ein Marsrover vor drei Jahren entdeckt hatte, dann vorgestern die zufällige Sichtung einer massiven Metalltür am Ende einer mutmaßlichen Lavaröhre … und nun das.

Wer jetzt noch allen Ernstes behaupten wollte, es habe auf dem Mars nie höher entwickelte Lebensformen gegeben, konnte wohl nicht ganz bei Trost sein. Und doch würden garantiert wieder abgedrehte Verschwörungstheoretiker wie Pilze aus dem Boden schießen, die frech mutmaßten, die ganze Mission sei getürkt und in Wirklichkeit wie ein lausiges Trashmovie im irdischen Death Valley, Nevada, gefilmt worden.

Maier und seine Kollegen waren hinund hergerissen. Liebend gern hätten sie die sechs Astronauten der AuroraMission kreuz und quer über den Roten Planeten gejagt, um die vielen Geheimnisse und Hinterlassenschaften aufzuspüren, die hier geduldig auf Entdeckung warteten. Niemand wusste schließlich zu sagen, wann der nächste Marsflug stattfinden könnte. 248 Tage für die einfache Strecke waren kein Pappenstiel, eine gewaltige Belastung für Mensch und Material, von den Kosten ganz zu schweigen. Da konnte man nicht eben mal hinreisen, versunkene Zivilisation hin oder her.

Andererseits war Marscontrol für die Sicherheit der Missionscrew verantwortlich. Ein klitzekleiner Fehler reichte aus, um deren unbeschadete Rückkehr zu gefährden, wenn sie an Ort und Stelle Untersuchungen vornahm. Unwägbare Risiken galt es tunlichst zu vermeiden.

Drittens, und diesen Umstand hatte Thomas Maier in der gestrigen Besprechung mehrfach betont, hatte auch die Erdbevölkerung ein Recht darauf, nicht kontaminiert zu werden. Sobald fremde Substanzen, Genmaterial, Bakterien oder Ähnliches wie blinde Passagiere im Raumschiff mit zur Erde reisen würden, wären die Auswirkungen auf die heimische Flora und Fauna unabsehbar – wenn nicht katastrophal.

Maier plädierte deswegen darauf, LaSalle die Öffnung der im luftdicht versiegelten Alkoven aufgefundenen Kapsel gleich an Ort und Stelle zu genehmigen – selbstverständlich erst nach Durchführung üblicher Sicherheitschecks mithilfe der hochempfindlichen technischen Gerätschaften, über die Aurora verfügte. Für gefährliche Herausforderungen dieser Art waren die Astronauten jahrelang ausgebildet worden und Pierre brannte bereits ungeduldig darauf, dem außerirdischen Gegenstand zu Leibe rücken zu dürfen.

»Besser wir setzen ein paar Astronauten der Gefahr aus, als gleich die ganze Menschheit in Mitleidenschaft zu ziehen. Da es sich um unsere geschätzten Kollegen handelt, deren Schicksal auch mir selbstverständlich nicht gleichgültig sein kann, will die exakte Vorgehensweise wohlüberlegt sein. Insbesondere müsste man zunächst sichergehen, dass dieses Ding keine schädliche Strahlung absondert und keinen Sprengsatz enthält«, hatte Maier zum Amüsement einiger Kollegen vorgeschlagen.

Seit dieser Bemerkung kursierten dämliche Witze über fiese

›Marsterroristen‹, die seinen weiteren Vortrag gestern Abend empfindlich gestört hatten. Hochintelligente Wissenschaftler konnten ja so unangemessen kindisch sein! Und nun starrte Thomas Maier wieder unbeweglich auf die verzerrte Übertragung vom Mars, wie LaSalle und seine Mitstreiter am Fuße des Vulkans Bodenproben von der Marsoberfläche kratzten. Allmählich schloss sich das Zeitfenster für eine gründliche Erforschung der Lavaröhre, und das machte ihn nervös.

»Bärchen, es ist endlich soweit! Die Entscheidung ist gefallen. Du sollst dich sofort in Campbells Büro melden!«, brüllte Maiers langjährige Kollegin Sheila, die seit einem halben Jahr neben dem gemeinsamen Projekt auch Wohnung und Bett mit ihm teilte, quer durch den Raum. In ihrer Aufregung hatte sie ganz vergessen, dass sie während der Arbeitszeit keine albernen Kosenamen für ihren Herzallerliebsten verwenden sollte. Zum Glück hatte er den Fauxpas in seiner Erregung überhört.

Maier nahm seinen Blick vom Monitor, sprang mit leuchtenden Augen auf, flitzte wie ein Derwisch den langen Korridor zu Campbells Büro entlang, wo er ins Schlittern kam und unsanft gegen den Türrahmen prallte. Die verdammte Raumpflegerin hatte den Linoleumbelag gewischt und hinterher wieder mal vergessen, das gelbschwarze Warnschild Caution – wet floor! aufzustellen.

»Eines Tages breche ich mir in diesem Irrenhaus noch den Hals«, brummte der Wissenschaftler beim Betreten des Raumes kopfschüttelnd. Er rieb sich die schmerzende Schulter.

Campbell sah missbilligend drein, weil der unkonventionellste seiner ihm unterstellten Mitarbeiter wieder einmal das Anklopfen vergessen hatte.

»Maier, ich muss Ihnen wohl nicht erst erklären, dass die ESA hier und jetzt Geschichte schreibt, Ihnen somit keinesfalls Fehler unterlaufen dürfen. Sie haben grünes Licht für eine Öffnung des Metallbehälters, war eine einstimmige Entscheidung. Suchen Sie sich umgehend ein Team zusammen und erteilen Sie LaSalle die entsprechenden Anweisungen. Die anderen Astronauten sollen sich derweil in sicherem Abstand zum Fundort aufhalten. Schließlich muss im Falle des Falles jemand die Prozedur zum Rückflug durchführen können.

Ich hasse es, für diesen Wahnsinn die Verantwortung übernehmen zu müssen, das will ich gar nicht verhehlen. Aber die Weltöffentlichkeit würde jahrelang mit abertausenden Fingern auf uns zeigen, würden wir diese Möglichkeit ungenutzt verstreichen lassen«, stöhnte Campbell und blickte resigniert gen Zimmerdecke. Seine Gesichtsfarbe wirkte fahl, wahrscheinlich hatte auch er seit vielen Stunden nicht geschlafen.

»Klar, ich bin mir der Tragweite vollständig bewusst. Danke für das Vertrauen! Bin schon unterwegs«, stieß Maier hervor und trat den Rückweg in seinen Kontrollraum an.

Er musste sehr aufpassen, dass er vor lauter Euphorie nicht zu hyperventilieren anfing. Freudentränen standen in seinen braunen Augen. Heute ging einer seiner sehnlichsten Träume in Erfüllung. Eine der vagen, aber ständig präsenten Hoffnungen, derentwegen er einst Astrophysik studiert hatte.

*

Zwei Stunden später waren die Sicherheitstests beendet. LaSalle hatte keinerlei bedenkliche Stoffe am Metallgehäuse der Kapsel feststellen können. Sie bestand aus Edelstahl, wie man es von der Erde kannte; ein weiterer Hinweis darauf, dass sich, zumindest vorübergehend, eine zivilisierte Gesellschaft dort aufgehalten haben musste.

Die Durchleuchtung hatte ergeben, dass sich im Inneren ein länglicher, runder Gegenstand befand. Wäre ein und dieselbe Kapsel irgendwo auf dem blauen Planeten gefunden worden, hätte man am ehesten mit einem zusammengerollten Schriftstück gerechnet. Aber auf dem Mars, war das möglich?

Maier blieb skeptisch. Voreilige Schlüsse konnten leicht das Leben Pierres kosten, sogar die gesamte Mission vorzeitig beenden. Man musste die Neugier bezwingen und weiterhin in alle Richtungen denken. Soeben hob der erfahrene Astronaut seinen riesigen Handschuh mit dem Daumen nach oben, was bedeuten sollte: Alles in schönster Ordnung!

»Hier Marscontrol! Pierre, eine letzte Frage noch, bevor wir loslegen: kannst du an der Kapsel einen Öffnungsmechanismus erkennen oder müssen wir das Behältnis gewaltsam öffnen? Marscontrol Ende!«

Nach etwa vierzehn Minuten Funkverzögerung, die aufgrund der erheblichen Entfernung zwischen den beiden Planeten die Kommunikation lähmte, antwortete LaSalle:

»Verstehe euch laut und deutlich, Kameraden. Ja, hier läuft tatsächlich eine feine Linie über die Mitte der Kapsel, mit dem bloßen Auge ist sie kaum zu erkennen. Könnte sich um eine Nahtstelle handeln. Soll ich jetzt vorsichtig versuchen, die Alien-Blechbüchse aufzukriegen? LaSalle Ende

Maier beriet sich kurz mit seinem Team, das aus Sheila und dem erfahrenen Astronom Dr. Hendrik-Jan Wendler bestand, die ihn links und rechts flankierten.

Sporadisch stieß auch Eric Campbell hinzu, der erstens ebenfalls vor Neugier fast platzte und zweitens sichergehen wollte, dass die Funkdisziplin einigermaßen eingehalten wurde. Eine allzu saloppe Ausdrucksweise der Missionsakteure würde sich in späteren Fernsehübertragungen gar nicht gut machen, wenn Bild und Ton live zur Verfügung gestellt werden mussten. Ein bisschen durfte es ruhig menscheln, aber auch hierfür gab es Grenzen. An der Art, wie Maier LaSalle grünes Licht zum Öffnen des glänzenden Behälters erteilte, fand er glücklicherweise nichts auszusetzen.

Vierzehn Minuten später streckte Pierre wieder den Daumen nach oben und begann, die transportable Isozone aufzubauen. Hierbei handelte es sich um ein kubisches, zeltähnliches Gebilde, das an der Außenseite eine Strahlenschutz-Beschichtung aufwies. Dessen Innenraum war hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt, so dass darin Gegenstände untersucht werden konnten, ohne diese der rauen, dünnen Marsatmosphäre aussetzen zu müssen. Dank eines innovativen Klappmechanismus ließen sich Ultraleichtgestänge und reißfeste Folie relativ schnell entfalten und stabilisieren. Bei Bedarf konnte man die Luft heraussaugen, um ein Vakuum zu erzielen.

Nachdem die verzerrten, stellenweise wild zuckenden Bilder im irdischen Kontrollzentrum angelangt waren, hielt Thomas Maier vor Spannung die Luft an. Seine Fingernägel krallten sich in die Handflächen, er begann zu schwitzen. Sheila musste ihn wiederholt sanft mit dem Ellbogen in die Seite boxen, um ihn ans Luftholen zu erinnern.

Der mutige Missionsleiter von Aurora 2023 schickte sich in fünfundfünfzig Millionen Kilometern Entfernung gerade an, einen behutsamen Öffnungsversuch allein mit Muskelkraft zu versuchen. Oder vielmehr hatte er das vor rund vierzehn Minuten getan … wer wusste schon, ob er aktuell überhaupt noch am Leben war! Die Nervosität seiner Zuschauer steigerte sich ins Unermessliche.

»Schon ziemlich krass, einen Menschen quasi in seiner Vergangenheit zu betrachten, wie er sich in einer überdimensionierten Frischhalteverpackung bemüht, irgendein unheimliches AlienDingsbums aufzuschrauben«, meinte Sheila nachdenklich.

»Jetzt, wo du es sagst … der schraubt tatsächlich, das ist ein stinknormaler mechanischer Gewindeverschluss«, keuchte Dr. Wendler und kratzte sich ungläubig die Glatze.

»Schon, aber sieh mal genauer hin! Aus dem breiter werdenden Spalt quillt eine zähflüssige Masse heraus – oder könnte das bloß wieder eine Bildstörung sein? Oh Gott, hoffentlich nichts Giftiges oder Ätzendes …!«

Noch immer schraubte LaSalle konzentriert, sagte dabei keinen Ton. Die klobigen Handschuhe seines Raumanzugs erlaubten nun mal keine hastigen oder allzu präzisen Bewegungen. Lediglich seine gleichmäßigen Atemgeräusche waren zu hören. Wenigstens etwas! Wer ruhig atmete, konnte zumindest keine ernsten Gesundheitsprobleme haben.

»Sag doch endlich was!«, murmelte Sheila mit weit aufgerissenen Augen. Eine Nachfrage über Funk hätte wegen der vermaledeiten Zeitverzögerung nichts gebracht. Sie mussten sich also gedulden, bis Pierre von selbst etwas äußerte.

Da, nun hielt er zwei Teile in der Hand, die Kapsel war vollends geöffnet. In langen, silbrig glänzenden Fäden tropfte tatsächlich eine sirupähnliche Masse aus den beiden Hälften zu Boden. LaSalle griff mit einem pinzettenartigen Werkzeug in die größere und zog langsam und vorsichtig ein dunkles Röllchen daraus hervor. Er leuchtete mit der Helmlampe seines Anzugs in die Kapselteile, schüttelte den Kopf. Scheinbar enthielten sie keine weiteren Gegenstände. Er legte sie zur Seite.

»Marscontrol, ich hoffe, ihr habt das hier mitbekommen. Ich halte eine Art Folie in Händen, die fein säuberlich aufgerollt ist. Sie schwamm in einer dicklichen Flüssigkeit, die offenbar der Konservierung diente. Außerdem hat sie wohl den Verschluss versiegelt, denn im Gewinde ist sie zu einer Art elastischem Gummi kristallisiert.

Schade, dass ich diese Folie – oder was auch immer das sein mag – nicht mit bloßen Fingern befühlen kann. Das Material sieht aus wie … hm … wie dünner Kunststoff. Ja genau, wie handelsübliche Plastiktüten von der Erde. Soll ich vorsichtig versuchen, das Ding zu entrollen? LaSalle Ende

Die drei Verantwortlichen sahen sich gegenseitig an. »Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer weiß, ob das Material den Rückflug zur Erde heil übersteht! Pierre soll das gute Stück auseinanderfieseln und es zur Sicherheit gleich abfotografieren, oder was meint ihr?«, fragte Maier.

Zwei Minuten später erteilte Thomas Maier dem wartenden Astronauten die entsprechende Anweisung. Die übrigen Mitarbeiter im Kontrollraum sprangen vor ihren jeweiligen Bildschirmen auf und jubelten. Nun mussten sie wieder fast eine Viertelstunde warten, bis der Funkspruch in die Tat umgesetzt wurde. Eine schier endlos lange Zeit!

In diesem Moment gesellte sich auch Eric Campbell wieder dazu, den die pure Neugier aus seinem Büro getrieben hatte. Im Grunde war er zwar als Ressortleiter für Finanzielles und PRArbeit zuständig – doch dieser Tag im Juli 2023 war dermaßen geschichtsträchtig, dass er die Vorgänge auf dem Mars unbedingt live miterleben musste. Man brachte ihn kurz auf den neuesten Stand, dann klebte auch er mit den Augen abwechselnd an der Uhr und auf dem riesigen Monitor. Sein Smartphone, das in der Hosentasche unablässig klingelte, stellte er kurzerhand auf stumm.

Ein Raunen ging durch den Kontrollraum, obwohl Gespräche unter den Mitarbeitern während der heißen Phase der Mission unerwünscht waren. Man konnte wegen der Ablenkung allzu leicht eine blinkende Anzeige übersehen, was fatale Konsequenzen für die Kollegen auf dem Mars nach sich zöge. Doch wer wollte den ESAMitarbeitern übel nehmen, dass sie vor lauter Aufregung Mutmaßungen anstellten, ob es sich bei dem folienähnlichen Gegenstand wohl um ein Schriftstück handelte? Denn genau danach sah es aus.

Operation Terra 2.0

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