Читать книгу Alex und Alexandra - Angela Rommeiß - Страница 11
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ОглавлениеFrau Eberlein erwies sich als Segen und Fluch zugleich.
Sie hatte zu allem einen Rat und praktische Tipps parat, mischte sich in alles ein und gab zu jedem ihren Senf dazu. Über alle Leute im Dorf hatte sie eine Meinung, und das war meistens keine gute. Wortreich schilderte sie der im Vorgarten arbeitenden Alexandra, dass diese als Städter ja keine Ahnung von Gartenbau habe und wie sie es besser machen könne. Sie selbst machte zwar im Garten keinen Finger krumm, das überließ sie ihrem Mann, aber natürlich kannte sie sich bestens aus und beriet ihre neue Nachbarin gern bei der Handhabung des Spatens und der Gartenschere.
„Richtig tief umgraben, nicht nur so ein bisschen rumstochern! Und immer schön die Wurzeln vom Unkraut raussuchen, sonst treibt das alles wieder aus. Das kriegen Sie sowieso nicht wieder so hin, wie es mal war. Und pflanzen Sie ja keinen Essigbaum, da hat man die Schösslinge überall und wird sie nicht wieder los.“
Alexandra verdrehte genervt die Augen. Was, um alles in der Welt, war denn ein Essigbaum? Sie antwortete nicht, in der Hoffnung, die Frau würde irgendwann einmal zum Schluss kommen. Leider hatte Frau Eberlein eine unerschöpfliche Geduld und auch genügend Zeit, die sie ihrer neuen Nachbarin zu widmen gedachte.
Als Mutter und Tochter ein paar Tage später dabei waren, Kitt in die Fugen der Fenster zu schmieren, lehnte Frau Eberlein am Gartentor und erklärte ihnen, dass sie selbst schuld waren, warum hätten sie sich nicht rechtzeitig um das schmucke Häuschen gekümmert, vor fünfzig Jahren wäre es eine Augenweide gewesen.
Alexandra hatte noch nicht herausgefunden, ob es die Frau eigentlich gut mit ihr meinte oder nicht. Wahrscheinlich wusste die das selber nicht. Mit der Zeit hielten es Alexandra und Alex wie Herr Herbert Eberlein, der sich in Schweigsamkeit übte und zusah, dass er genug in Hof und Garten zu tun hatte, damit er sich so wenig wie möglich in der Reichweite seiner Frau aufzuhalten brauchte.
Allerdings hatte Frau Eberlein auch nützliche Seiten an sich. Sie kannte jeden Handwerker hier im Dorfe und empfahl ihnen sowohl einen Klempner als auch einen Elektriker. Die beiden Männer wohnten in Finkendorf, sahen einander ähnlich und waren auch miteinander verwandt. Alexandra fand das interessant, bis sie mitbekam, dass fast alle im Dorf über ein paar Ecken miteinander verwandt waren. „Über den Mist geheiratet“, nannte Frau Eberlein das. Allein den Namen Eberlein trugen drei Familien im Dorf, den Namen Wittke sechs!
„Ich würde mich nicht wundern, wenn ich auch Verwandte hier hätte“, äußerte Alexandra einmal während eines Gespräches, und da sah Frau Eberlein sie mit großen Augen an.
„Nicht wundern? Ihre Mutter hat Ihnen wohl überhaupt nichts erzählt, was? Ein bisschen komisch war die schon, wenn Sie mich fragen! Hat mit uns nichts mehr zu tun haben wollen, ist ein Städter geworden, na, man sieht ja, was sie davon hatte. Sie sind mit dem halben Dorf verwandt, meine Liebe! Sie haben alleine in Finkendorf zwei Großcousinen mit Familien und eine Tante. Die ist allerdings ein bisschen schwachsinnig. Im Nachbardorf wohnt noch ein Onkel mit einer großen Sippschaft. Dann sind da noch die ganzen angeheirateten und verschwägerten Verwandten, man weiß ja manchmal selber nicht, wer alles dazugehört. Aber Verwandte haben Sie hier genug, keine Sorge!“ Sie lachte gackernd.
Diese Neuigkeit war für Alexandra geradezu ein Schock. Da hatte sie sich Hoffnungen gemacht, ihren unbekannten Vater zu finden, und hatte gar nicht daran gedacht, dass die Familie ihrer Mutter über die verstorbene Tante hinausgehen könnte. Sie hatte Cousinen! War eine Cousine nicht fast dasselbe wie eine Schwester? Und ein Onkel war besser als ein Vater, den man nie kennengelernt hatte. Sie war gar nicht so alleine, wie sie nach dem Tod ihrer Mutter glaubte, zu sein. Nein, sie hatte hier ein ganzes Dorf voller Verwandter! Sie würde sie alle kennenlernen und sie würde eine große Familie haben!
Nun ja, falls diese sie haben wollte! Schließlich hatten diese Verwandten noch keinerlei Versuche gemacht, Kontakt mit ihr aufzunehmen – und ihre Anwesenheit hatte sich doch sicherlich schon längst herumgesprochen.
„Was solls, das wird schon noch werden“, dachte Alexandra zuversichtlich. Irgendwann würde sie sie schon kennenlernen und vielleicht fand sie dann auch heraus, wer oder was ihre Mutter von hier vertrieben hatte.
Die Handwerker waren Gold wert. Sie erklärten Alexandra, es täte ihnen Leid wegen ihrer Mutter und sie würden ihr gerne helfen. Dabei verzichteten sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf das „Sie“ wie schon der Bürgermeister Karge. Ohne viele Worte zu machen, und vor allem, ohne Geld zu verlangen, erneuerte Sven Wittke, der Elektriker, die wichtigsten Leitungen und tauschte den Sicherungskasten aus. Selbst neue Steckdosen brachte er in der Küche an. Sie hatten jetzt sowohl einen Telefon- als auch einen Internetanschluss und eine Satellitenschüssel (wenn auch keinen Fernseher). Zwar lagen alle Leitungen über dem Putz und sahen nicht besonders schön aus, aber das war erst einmal egal. Die Räume mussten sowieso tapeziert und teilweise auch neu verputzt werden. Den Elektroherd, den Alexandra günstig gebraucht im Internet bestellt hatte, wollte Sven auch anschließen, sobald er geliefert würde.
Alex behauptete, Sven Wittke hätte ein Auge auf ihre Mutter geworfen, aber die bestritt das vehement. Allerdings war ihr auch schon aufgefallen, dass sie der junge Mann mit seinen treuen, braunen Hundeaugen gern ansah, wenn er meinte, sie würde es nicht bemerken. Ein bisschen geschmeichelt fühlte sie sich schon, schließlich war der Mann einige Jahre jünger als sie und sah ziemlich gut aus (ein bisschen wie der junge Brad Pitt, behauptete Alex), doch von treuen Hundeaugen hatte Alexandra vorerst die Nase voll. Solche hatte Stefan auch, und sie wusste ja, dass man mit solchen Augen mehr als nur eine Frau ansehen konnte.
Von Frau Eberlein erfuhr sie, dass Sven zweiunddreißig Jahre alt war, ihm seine langjährige Freundin im letzten Herbst davongelaufen sei und er aus einer geschiedenen Ehe stammte, wo der Vater nichts getaugt habe und außerdem die Schwester der Mutter eine Selbstmörderin gewesen sei.
Svens Cousin Olaf Lenz, der Klempner, baute Alexandra einen neuen Boiler sowie eine neue Wasseruhr ein und überprüfte die Leitungen. Auch ein neues Toilettenbecken besorgte er und stellte es auf.
Alexandra war himmelfroh, dass sie von diesen Männern Hilfe bekam. Außer für das Material und die Armaturen wollten sie kein Geld annehmen, so oft Alexandra es ihnen auch anbot. Sie winkten nur ab und grinsten. So kochte sie ihnen Kaffee und versorgte sie mit Butterbroten und Würstchen. Kochen konnte sie noch nichts, höchstens Tütensuppe mit im Wasserkocher erhitztem Wasser, aber die beiden breitschultrigen Männer, die in ihren blauen Arbeitshosen am Tisch saßen und die Küche viel kleiner erscheinen ließen, aßen alles, was ihre Gastgeberin ihnen vorsetzte, beschwerten sich nicht und gingen schweigend wieder an die Arbeit, wenn sie satt waren. Alexandra hatte ein schlechtes Gewissen dabei. Sie freute sich schon auf den neuen Herd, dann könnte sie ihnen eine ordentliche Mahlzeit vorsetzen oder mal einen Kuchen backen. Ob sie dann Frau Eberlein auf ein Stück Kuchen einladen sollte, nur um ihr zu beweisen, dass sie als Stadtmensch sehr wohl backen konnte? Wahrscheinlich würde sie das tun müssen, die Frau war ja trotz ihrer penetranten Neugierde auch sehr hilfsbereit gewesen. Alexandra wollte sie sich auf alle Fälle warmhalten.
Es gelang Alexandra im Laufe der Zeit, einige nützliche Informationen aus den beiden Männern herauszuholen. Männer hatten oft eine recht pragmatische Sicht auf die Dinge, nicht so stark eingefärbt von Emotionen und Vorurteilen, wie es zum Beispiel bei Frau Eberlein der Fall war. Allerdings waren sie nicht so gesprächig wie diese. Alexandra versuchte, ihre Tochter zu überreden, sich am Gespräch zu beteiligen.
„Hör mal“, sagte sie zu Alex. „Wir müssen ein bisschen über die Leute hier erfahren. Was so üblich ist und was man über uns denkt. Das kann einem manche peinliche Situation ersparen, meinst du nicht? Auch wenn du es nicht willst, du musst dich früher oder später auch mal im Dorf sehen lassen.“
„Muss ich gar nicht“, maulte Alex. „Ich bleib hier drin und chatte mit meinen Freunden. Wer will denn schon was mit diesen Dorfdeppen zu tun haben?“
„Oh, gut dass du keine Vorurteile hast!“, spottete Alexandra.
„Haben die etwa keine?“, widersprach Alex. „Ständig hört man: Städter, Städter, Städter. Als ob man aussätzig wäre oder verkrüppelt, wenn man aus der Stadt kommt. Du merkst es doch selber, was Frau Eberschwein von dir hält!“
Alexandra lächelte. „Die muss ihre Vorurteile eben aufgeben, wenn sie uns näher kennenlernt. Genau wie du. Komm schon, mir zuliebe. Lass mich nicht immer mit den beiden Männern alleine in der Küche sitzen, wie sieht das denn aus?“
„Na gut!“, seufzte Alex und kam widerwillig mit in die Küche. Da saß sie dann und schwatzte schon nach kurzer Zeit mit einer Lebhaftigkeit, die ihre Mutter an ihr schon lange nicht mehr erlebt hatte. Auch die beiden Männer tauten auf und beantworteten Alex‘ Fragen bereitwillig. Olaf Lenz, der einen dreijährigen Sohn hatte, erzählte, wie viele Kinder und Jugendliche im Dorf lebten und was sie so in ihrer Freizeit taten. Alex tat interessiert und nickte höflich zu seinen Ausführungen. Alexandra sah ihrer Tochter allerdings an der Nasenspitze an, was sie vom Kirmesverein, der Freiwilligen Feuerwehr und vom Kaninchenzüchterverein hielt.
Von Sven Wittke erfuhren sie mehr zu den Leuten, die hier lebten. Was bei Frau Eberlein so geklungen hatte: „Neben Ihnen in dem bunten Haus wohnt der junge Krüger. Sein Vater war ein feiner Mann, das kann ich Ihnen sagen, aber der junge taugt nichts. Hat die Arbeit nicht erfunden, wenn sie mich fragen. Hat Ihnen übrigens jahrelang das Obst geklaut, ist das nicht eine Frechheit? Und dann das bunte Haus! Albern, oder? Aber der hat ja nur so verrückte Ideen. Und seine Frau füttert ihn durch, dumm, wie sie ist, dabei lässt sie sich auch noch jedes Jahr ein Kind machen“, hörte sich von Sven so an: „Knut Krüger? Ja, der ist ein kluger Kopf, hat schon einige Neuerungen hier im Ort eingeführt. Sein Haus hat er selber restauriert, während er im Babyjahr zu Hause geblieben ist. Seine Frau hat eben einen besser bezahlten Job als er. Sein Vater war da ganz anders, der hat nur den Frauen im Dorf schöne Augen gemacht!“
Wahrscheinlich auch Frau Eberlein, deshalb hielt sie ihn auch für einen feinen Mann, dachte Alexandra amüsiert. Was sie allerdings erschreckte, war die naheliegende Tatsache, dass die Leute auch über sie und ihre Tochter so intensiv sprachen, wie sie das über jeden taten. Was mochte da geredet werden? Alexandra mochte gar nicht daran denken, was die alte Klatschbase Eberlein im Dorf über sie verbreiten mochte. Es blieb nur zu hoffen, dass die Leute die Eberlein schon so gut kannten, dass sie wussten, was von ihrem Geschwätz zu halten war und sich ein eigenes Bild von den neuen Nachbarinnen machen würden.
Sie waren noch ein paar Mal in Berlin gewesen, um Möbel und Kleidung zu holen sowie notwendige Amtsbesuche zu erledigen. Alexandra schmerzte es zu sehen, wie Alex jedes Mal richtig auflebte, wenn sie wieder zu Hause war und ihre Freundinnen besuchen konnte. Sie selbst schlief dann auf dem Sofa und fühlte sich unwillkommen, ungeliebt und fremd in der Wohnung, die einmal ihr Zuhause gewesen war. Sie hatte diese Wohnung mit Liebe und Einfallsreichtum eingerichtet und sehr gerne hier gelebt. In jedem Raum, in jedem Möbelstück steckten schöne Erinnerungen an die ersten, verliebten Jahre ihrer Ehe und an die Zeit, als Alex ein Baby gewesen war. Hier war die Kleine aufgewachsen, hatte ihre ersten Schritte gemacht und die Zuckertüte ausgepackt. Zu den Nachbarn hatte ein gutes Verhältnis geherrscht.
Wenn Alexandra jetzt auf die Straße trat und zufällig einen Nachbarn traf, erntete sie reservierte Blicke. Man gab ihr die Schuld am Scheitern der Ehe, das merkte sie genau. Die Leute wussten ja nicht, dass Stefan seit Jahren fremdging, auch sein Alkoholproblem kannte niemand. Die Nachbarn wussten nur, dass sie sich trennen wollten, hörten ihren lautstarken Streit und machten sich ihren eigenen Reim darauf.
Stefan, dem klar wurde, dass die Sache nun endgültig aus war, schlug jetzt einen hasserfüllten, unsachlichen Ton an, wenn sie miteinander redeten. Am Ende jeder Diskussion schrien sie sich nur noch an. Es war keine Rede mehr von Selbstmord, dafür warf er ihr Dinge vor, die seiner Meinung nach zum Ende ihrer Ehe beigetragen hatten. Diese Vorwürfe waren so an den Haaren herbeigezogen und so unfair, dass sie Alexandra eigentlich nicht hätte ernst nehmen sollen, doch die Kränkung blieb haften. War es denn möglich, dass sie diesen Mann einmal geliebt hatte, der ihr jetzt Egoismus und unweibliches Verhalten vorwarf? Sogar als Rabenmutter hatte er sie bezeichnet! Wie schaffte er es nur, dass sie sich tatsächlich als Versagerin fühlte, obwohl er es doch war, der mit seiner Fremdgeherei, die sie jahrelang geduldet hatte, jedes Vertrauen zwischen ihnen zerstört hatte?
Seiner Tochter gegenüber war Stefan übertrieben fürsorglich und verständnisvoll. Alexandra kochte vor Wut, wenn sie mitbekam, wie er dem Mädchen versicherte, sie könne jederzeit mit all ihren Problemen zu ihm kommen und selbstverständlich auch wieder hier wohnen, wenn sie wolle. Alex genoss diese Aufmerksamkeit sichtlich, und ihre Mutter machte sich Sorgen. Was, wenn das Mädchen tatsächlich hier bleiben wollte? Was sollte sie dann machen? Zum Glück äußerte Alex diesen Wunsch aber nicht und kam jedes Mal zwar traurig, aber freiwillig mit ihr nach Finkendorf zurück.
Bei einem ihrer Besuche schenkte Stefan seiner Tochter tatsächlich einen Fernseher zu Ostern! Alex fiel ihrem Vater um den Hals und bedankte sich überschwänglich.
Wann war Alex das letzte Mal zu ihrer Mutter so liebevoll gewesen? Doch Alexandra schwieg dazu, obwohl in ihr die Eifersucht brodelte. Sie wusste, dass sie die Sache nur noch schlimmer machen würde, wenn sie sich nicht zusammennahm.
Die Kolleginnen im Altenheim verabschiedeten Alexandra nicht mit bunten Plakaten wie Alex in ihrer Klasse, waren aber traurig, weil wieder eine Kollegin wegging. Es herrschte Personalmangel auf der Station, und ehe eine neue Kollegin angestellt und eingewöhnt war, mussten sie Alexandras Arbeit mit erledigen. Der Abschied verlief kurz, aber herzlich. Zu einigen Kolleginnen hatte Alexandra im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt und sie versprach, sich zu melden und zu erzählen, wie es auf dem Lande so sei.
Einige alte Leute äußerten ihr Bedauern, dass „ihre“ Schwester sie verließ und wollten sie gar nicht gehen lassen. Dieser Zuspruch tat gut, änderten aber nichts an der Tatsache, dass Alexandra sich als Hauptschuldige in dem Drama fühlte, in welches ihr Leben sich verwandelt hatte. Mehr als einmal kam ihr der Gedanke, ob es wirklich so klug gewesen war, was sie da angestoßen hatte und ob die ganzen Schwierigkeiten wirklich nötig gewesen wären. Hätte sie nicht mit ein bisschen mehr Mühe ihre Ehe retten können? War sie zu intolerant, zu eigennützig? War es nicht unzumutbar für ihre dreizehnjährige Tochter, aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen zu werden?
In dem alten Haus in Finkendorf, welches eine einzige Baustelle war, fühlte sie sich einsam und fremd. Das Gefühl, nirgendwo zu Hause zu sein, machte sie mit der Zeit so mürbe, dass sie sich jeden Abend auf ihrer Luftmatratze in den Schlaf weinte. Die Sehnsucht nach ihrer Mutter und das immer drängender werdende Problem ihrer Finanzlage machten die Sache nicht besser. Alexandra fühlte sich elend und schlecht, und das sah man ihr auch an. Sie hatte Gewicht verloren und sah blass und müde aus.
Seltsamerweise kam Trost von einer Seite, von der sie ihn nie erwartet hätte.
Als sie nach einem sehr anstrengenden Besuch aus Berlin wieder nach Hause kamen und Alexandra mit einer Klappkiste voller Einkäufe in ihre Küche trat, traute sie ihren Augen kaum: Auf dem Tisch stand ein großer Teller, und auf dem lag ein glänzender, duftender Hefezopf, mit Zuckerguss überzogen und daneben zwei Ostereier, ein grünes und ein rotes.
Neugierig trat Alexandra näher. Neben dem Teller lag ein Zettel, auf dem stand in krakeligen Buchstaben: „ FROHE OSTERN UND AUF GUTE NACHBARSCHAFT! IHRE ELVIRA EBERLEIN! PS: DEN ABGEWASCHENEN TELLER HOLE ICH MIR MORGEN AB. AM SAMSTAG MUSS ÜBRIGENS DIE STRASSE GEKEHRT WERDEN!
Alexandra setzte sich auf einen Küchenstuhl und lachte. Das war so typisch Frau Eberlein! Eine Freundlichkeit, gespickt mit einer Ermahnung und einer Erinnerung daran, dass man unter Beobachtung stand. Dazu der offensichtliche Beweis, dass sie einen Wohnungsschlüssel besaß, den sie mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit benutzte, die Alexandra sprachlos machte. Jetzt wusste sie auch, warum das Schloss nicht eingerostet war und bei ihrer Ankunft tadellos funktioniert hatte – Frau Eberlein kam sicherlich in monatlichen Abständen zur Visite herüber. Bei einem ihrer Besuche im Haus musste sie wohl ihre eigene Katze hier eingeschlossen haben, das arme Tier! Wahrscheinlich war es verhungert und verdurstet und hatte in seiner Verzweiflung die Tapeten zerkratzt.
Alexandra betrachtete den Hefezopf. Dann schnitt sie sich eine dicke Scheibe davon ab und beschloss, während sie aß, als allererstes morgen früh das Schloss in der Eingangstür austauschen zu lassen.