Читать книгу Alex und Alexandra - Angela Rommeiß - Страница 13
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ОглавлениеHeute wollte sich Alexandra an das weiße Zimmer machen.
Sie nannte es das weiße Zimmer, weil es weiße Möbel hatte, aber eigentlich war es grau und abgewohnt, genau wie es die anderen Räume des Hauses gewesen waren. Die unteren Räume hatte sie nun größtenteils renoviert, die alten Tapeten abgerissen und mit frischer Farbe hell und freundlich gemacht. Im Badezimmer war es eng, aber die neue Waschmaschine hatte zum Glück noch neben das Toilettenbecken gepasst. In der Küche gab es jetzt einen Herd, der gute Dienste tat, und einen kleinen Kühlschrank.
Alex hatte das alte Elternschlafzimmer bekommen. Sie nannten es das dunkle Zimmer, wegen des großen, schwarzen Kleiderschrankes, der nach wie vor den Raum dominierte. Alexandra hatte mit Svens Hilfe das große, alte Ehebett auseinandergebaut und in das dritte Zimmer gestellt, wo es neben dem Frisiertisch, der auch im Schlafzimmer gewesen war, sowie einem Tischchen und einer nierenförmigen Blumenbank aus dem Wohnzimmer und diversen Umzugskisten ein Betreten des Raumes erschwerte. Irgendwann wollte Alexandra hier ein Gästeschlafzimmer einrichten.
Jetzt war im dunklen Zimmer reichlich Platz für Alex‘ Bett und ihren Schreibtisch. Auf dem knarrenden Dielenboden lagen mehrere kleine, farbenfrohe Teppiche nebeneinander, das machte das Zimmer etwas heimeliger und auch gar nicht mehr so dunkel. Alexandra hatte erst vorgehabt, das ganze Zimmer mit Teppichboden auszulegen, aber sie wusste nicht genau, ob sie das alleine schaffen würde. Sven wollte sie nicht noch mehr beanspruchen, als sie es ohnehin schon tat. Der junge Mann kam oft und gern vorbei und bot bereitwillig seine Hilfe an, aber Alexandra hielt ihn ganz bewusst auf Abstand. Sicherlich wurde im Dorf ohnehin schon kräftig über sie getratscht.
Zwar konnte man sich den Teppichboden auch liefern und verlegen lassen, aber das überstieg ihr Budget bei weitem. Und so erstand Alexandra mehrere kleine Teppiche günstig und legte sie bunt durcheinander ins Zimmer. Das sah witzig aus und Alex hatte es auch gleich gefallen. Ganz fertig war das Zimmer allerdings noch nicht, es musste noch tapeziert werden. Es schien ratsam, damit zu warten, bis es zumindest nicht mehr hereinregnete. Alexandra hatte ihrer Tochter versprochen, dass sie sich ihre neue Tapete selbst aussuchen durfte, sobald die Dachdecker mit ihrer Arbeit fertig waren.
Der riesige, dunkle Kleiderschrank ließ sich nicht ohne weiteres auseinandernehmen, man würde ihn dabei kaputtmachen und dafür war er wiederum zu schade. Nun, sie könnten ihn wenigstens wegrücken, wenn es ans Tapezieren ging, aber das hatte noch Zeit. Alexandra hatte ihrer Tochter den Auftrag gegeben, den Schrank bei Gelegenheit auszuräumen und gründlich von innen und außen abzuwaschen, dann könnte sie zumindest vorübergehend ihre Sachen hineintun.
Nun stand Alexandra also im Zimmer ihrer Tante Anna. Hier hatten sie noch nicht viel gemacht. Der Raum war so groß wie die Küche darunter, wirkte aber wegen der Dachschrägen enger. Rechts neben der Tür stand ein Kleiderschrank und gegenüber eine Kommode, beide aus weißgestrichenem Holz und etwas bauchig gearbeitet. Schöne Möbel, fand Alexandra, vielleicht müsste man sie neu streichen, aber sie wollte sie auf jeden Fall behalten. Unter dem Giebelfenster stand das Bett, dessen neue Matratze noch in seiner Plastikhülle steckte. Die alte Matratze war zwar noch nicht so abgenutzt gewesen wie die des Ehebettes, aber Alexandra schauderte bei dem Gedanken, dass auf ihr womöglich ihre Tante gelegen hatte, als sie – von Schlaftabletten und Alkohol betäubt – gestorben war, und so hatte sie sie mit den anderen entsorgt.
Über dem Bett war ein Regalbrett angebracht, auf dem Bücher standen. Alles sah aus, als wäre die Bewohnerin des Zimmers nur kurz nach nebenan gegangen und könnte jeden Augenblick wieder hereinkommen, sich aufs Bett setzen und ein Buch zur Hand nehmen.
Alexandra trat näher und las die Buchtitel auf den Rücken der verstaubten Bände. Sie erkannte Mark Twains „Tom Sawyer“, „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe, „Försters Pucki“ von Magda Trott und ein Märchenbuch von Hans Christian Andersen. Dazwischen standen dünne Liebesromane und zerfledderte Hefte mit eingeklebten Bildchen vergangener Filmstars, ausgeschnitten aus Zeitschriften. Seltsam, dies war das Bücherregal eines Kindes aus den Sechzigern, bestenfalls noch das eines jungen Mädchens aus dieser Zeit. Aber Tante Anna war doch eine erwachsene Frau gewesen! Vielleicht hatte sie das Zimmer nicht mehr benutzt und nach dem Tode ihrer Eltern im großen Schlafzimmer gewohnt, das war immerhin möglich. Aber unwahrscheinlich. Warum sollte jemand, den ohnehin an Depressionen litt, freiwillig in ein Zimmer mit dunklen Möbeln und düsterer Atmosphäre umziehen?
Alexandra wollte sich zuerst die Kommode vornehmen. In dem Schränkchen, das zwei Einlegeböden hatte, herrschte ein ziemliches Durcheinander. Alexandra seufzte, nahm sich einen Karton, den sie in weiser Voraussicht mitgebracht hatte, und begann alles auszuräumen.
„Hallo, jemand zu Hause?“, rief Alex von unten, als sie vom Spaziergang mit dem Hund zurückkam. Sie hängte die Leine an einen Haken im Flur und streifte die Turnschuhe ab. Mimi bellte kurz auf, dann bekam sie ein Leckerchen und verspeiste es schmatzend.
„Mama“, rief Alex wieder. „Bist du da oben?“
Als sie keine Antwort erhielt, stieg sie die Treppe hinauf und lugte durch die halbgeöffnete Tür des weißen Zimmers. Sie sah ihre Mutter zwischen Gerümpel und Papieren vor der geöffneten und fast ausgeräumten Kommode auf dem Boden sitzen, sie hatte ein vergilbtes Fotoalbum auf dem Schoß und starrte wie hypnotisiert auf die Seiten.
„Mama?“, fragte Alex vorsichtig und trat näher heran.
Alexandra hob die verweinten Augen und sah zu ihrer Tochter hoch. Wortlos hielt sie ihr das Fotoalbum hin und Alex nahm es entgegen. Schnell überflog sie die schwarzweißen Fotos mit den Blicken, um den Grund für das seltsame Verhalten ihrer Mutter zu finden, doch sie sah nur die Abbildungen von zwei Mädchen auf einer Wiese. Offenbar war es der Garten hinter ihrem Haus. Auf einem der Schnappschüsse saß eine Frau in einem altmodischen Badeanzug und mit einer riesigen, weißumrandeten Sonnenbrille auf einem Liegestuhl, dahinter standen zwei Mädchen. Ihre Gesichter waren verschwommen, nicht klar zu erkennen. Das Foto daneben zeigte das jüngere Mädchen beim Ballspielen. Auf einem anderen Bild war Alexandra abgebildet.
„Mama, das bist ja du!“, rief Alex erstaunt. Doch Alexandra schüttelte den Kopf. Sie hatte sich mittlerweile gefangen und durchsuchte ihre Hosentaschen nach einem Taschentuch.
„Sieh doch mal auf das Datum! Ich bin 1974 geboren, soweit ich weiß!“, schniefte sie.
Alex las, was unter dem Porträtfoto des jungen Mädchens geschrieben stand:
Anna Sebach, April 1973, Konfirmation.
Doch das Mädchen glich ihrer Mutter auf so verblüffende Weise, das es schon fast unheimlich war. Das dunkelbraune Haar lag ihr in weichen Wellen auf den Schultern, die Augenbrauen – etwas zu buschig – hatten den gleichen Schwung, der volle Mund lächelte verschmitzt und auf der geraden Nase saßen ein paar kecke Sommersprossen.
„Das gibt‘s nicht!“, hauchte Alex. „Das ist also deine Tante Anna? Sowas von Ähnlichkeit habe ich ja noch nie gesehen. Das ist ja unheimlich!“
„Nun übertreib mal nicht!“, lachte Alexandra, während sie sich hochrappelte und die vom Sitzen steifen Beine streckte. „Es kommt schon mal vor, dass man einem Familienangehörigen ähnlich sieht, du siehst mir ja auch ziemlich ähnlich, und jetzt wird mir auch klar...“
„Was denn?“, fragte Alex, als ihre Mutter nicht weitersprach.
Alexandra schüttelte nachdenklich den Kopf. „Naja, warum sie mich immer Anna nannte. Oma, meine ich. Ich hielt es für einen Spitznamen, weiter nichts. Aber für sie muss es doch gewesen sein, als sähe sie ihre kleine Schwester noch einmal aufwachsen, immerhin ist sie ja auch neun Jahre älter gewesen. Sie nannte mich Anna, weil ich ihr so ähnlich war, aber ihre richtige Schwester hat sie nie mehr besucht. Warum ist sie mit mir niemals hierhergekommen? Nichts – nie ein Wort, nie ein Kontakt. Seltsam, oder?“
Alex zuckte die Schultern und grinste. „Ja, schon komisch. War schon ein verrückter Haufen, deine Vorfahren!“
Sie handelte sich einen Klaps auf den Po von ihrer Mutter ein. „Ach, deine Vorfahren sind das wohl nicht? Ab jetzt in dein Zimmer, du solltest den Schrank auswaschen. Hopp, hopp!“
Als Alex maulend verschwunden war, wurde Alexandra wieder nachdenklich. Alex‘ Stimme klang ihr im Ohr: „Ein verrückter Haufen, deine Vorfahren“. Weshalb hatte sie niemals Kontakt zu ihrer Tante gehabt, die ihr doch so ähnlich sah? War dieses Schweigen von Tante Anna ausgegangen oder womöglich von Mutti? Warum nur?
Ein unguter Gedanke schlich sich in Alexandras Kopf und ließ sich den Rest des Tages nicht mehr vertreiben, sosehr sie auch putzte und aufräumte: Die Depressionen ihrer Tante, die Kinderbücher in ihrem Zimmer, das einsame Leben, der Selbstmord... war Tante Anna vielleicht verrückt gewesen? Hatte Mutter sie von ihr ferngehalten, um sie zu schützen?
Alexandra seufzte. „Ach, Mutti!“, dachte sie zum wiederholten Male. „Warum hast du mir bloß dein Geheimnis nicht anvertraut? Du hättest mir einiges erleichtert.“