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Mit den Hühnern zu Bett

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Wer Hühner hält, muss sie am Abend eintreiben und im Stall einschliessen, um sie vor Füchsen, Mardern und Nachtraubvögeln zu schützen; d Hüenner itue, heisst das in der Mundart. «Hüener iitue u Chüngle mischte», schreibt Stef Stauffer im Roman «Hingerhang» von 2018. Als Redensart im übertragenen Sinn gebraucht, meint öpperem d Hüenner itue, «jemanden zurechtweisen». Die Hühner suchen ihre Schlafstelle auf, sobald die Dämmerung einsetzt. Wer mit den Hühnern zu Bett geht und mit den Hühnern aufsteht, mundartlich mit de Hüenner undere geit u mit de Hüenner ufsteit, «geht früh zu Bett und steht früh auf», und zwar seit dem 16. Jahrhundert: «Wer will frühe auffstehen / der muss mit den Hünern zu beth gehen», heisst es 1602 in «Der Teutschen Weissheit». Auch im Französischen und Englischen ist se coucher avec les poules und se lever avec les poules bzw. to go to bed with the chicken seit dem 18. Jahrhundert belegt.

In den traditionellen Hühnerhäusern setzten sich die Hühner zum Schlafen auf eine erhöhte Sitzstange, welche Sedel oder Sädel genannt wurde. Sedel «Sitz, Heimstatt» ist ein mit siedeln, Siedler, Siedlung verwandtes Erbwort. Ds Huen sädlet sech, sagt man; i ga z Sädel meint im übertragenen Sinn «ich gehe ins Bett, ich lege mich zur Ruhe», wer sech sädlet «lässt sich nieder, sitzt ab».

Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn oder auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn kann ich sagen, wenn ich meine «zufällig gelingt (selbst dem Unfähigsten) mal etwas». Der älteste mir bekannte Beleg stammt aus Rollenhagens «Froschmeuseler» von 1595: «Ein blind Hun findt auch wol ein Korn.» Dieselbe Form der Redensart ist auch in «Der Teutschen Weissheit» belegt und scheint die älteste zu sein. In der «Historia meteorologica» von 1651 lesen wir jedoch, wer Wetterphänomene voraussage, ohne sich an Regeln zu halten, lande nur zufällig einen Treffer «oder findet wie ein blind Huhn eine Erbeiss (Erbse)». Auch im Schauspiel «Der pedantische Irrthum» von 1673 sagt eine Figur: «Ein blind Huhn findet auch einmahl eine Erbse.» Zudem findet im «Hannoverischen Magazin» von 1779 «auch ein blindes Huhn ein Haberkorn» und in Sophiens von Karlitz «Heiratsmaximen» von 1786 erwischt ein Freier «ein Mädel, wie ein blindes Huhn ein Gerstenkorn».

Statt vom blinden Huhn ist in vielen Belegen seit dem 16. Jahrhundert vom blinden Hahn die Rede: Wir lesen, dass «ein blinder Han ein Körnle gefunden» habe (1595) und «ein blinder Han find auch ein Gersten körnlin» (1630) bzw. «ein Weizenkörndl» (1929). Philipp Balthasar Sinold von Schütz behauptet in seiner «Europäischen Fama» von 1707 von einem General, er habe «von seinen befochtenen Siegen kein grösseres Glücke, als ein blinder Hahn, der zuweilen eine Erbse findet». Sowohl Huhn als auch Hahn sind also möglich und das Korn kann auch ein Körnle sein, ein Gersten-, Weizen- oder Haferkorn bzw. eine Erbse.

Der griechische Fabeldichter Phaedrus, der in der Zeit um Christi Geburt lebte, schrieb eine Fabel, welche Gotthold Ephraim Lessing unter dem Titel «Die blinde Henne» ins Deutsche übersetzte: Eine blinde Henne scharrt fleissig, und sooft sie ein Korn ausscharrt, pickt es ihr eine sehende Henne weg. Ein Zusammenhang zwischen Fabel und Redensart ist nicht wahrscheinlich.

Der Redensart vom blinden Huhn, welches ein Korn oder eine Erbse findet, begegnen wir auch im Niederländischen, Dänischen, Schwedischen und Französischen. Sie gehört zu einer Gruppe verwandter Redensarten, in denen ein blindes Lebewesen etwas findet, z. B. eine Taube: In Joachim Manzels «Spicilegium historico-philologicum» von 1701 habe ich einen ersten Beleg gefunden für «eine blinde Taube findet auch zuweilen eine gute Erbse». «Seltner werden Cardinäle, in ihrer jetzigen Lage, einen guten Papst treffen, als blinde Tauben eine Erbse finden», behauptet Schlötzers «Stats-Anzeiger» von 1786. Diese Redensart steht sogar noch im «Protokoll des ordentlichen Gewerkschaftstages der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden» von 1953: «Es gibt ja auch blinde Tauben, die ebenfalls mal eine Erbse finden.»

In vielen deutschen Mundarten belegt ist die Redensart auch eine blinde Sau findet mal eine Eichel, so z. B. im Aargauischen, es hät scho mängi blindi Suu en Eichle gfunde, und im Seealemannischen, s hot scho oft e blinde Sau e Eichel gfunde. Im Jahr 1780 predigt der legendäre Wiesenpater aus dem bayerischen Ismaning: «Wenn sich ein grosser Sünder auf’m Todtbeth bekehrt, so ist’s grad so viel, als wenn eine blinde Sau eine Eichel find’t.» In etwas anderer Form lesen wir sie in «Mahomets und Türcken Grewel (Gräuel)» von 1664: «wie eine blinde Sau ein Ruben (Rübe) erwischt». Sogar im Buch «Pennsylvania-German dialect» von 1989 finden wir «e blindi Sau find aa ebmools en Ärbs».

Die Redensart gibt es sogar mit der blinden Kuh. In seinem Buch «Die Thiere in der indogermanischen Mythologie» von 1874 legt Angelo de Gubernatis die Redensart wie eine blinde Kuh eine Erbse findet gleich mythologisch aus:

«Das deutsche Sprichwort ‹Wie eine blinde Kuh eine Erbse findet› wird jetzt zur Bezeichnung einer Unmöglichkeit angewendet; und doch findet in dem Mythus die blinde Kuh (oder die Nacht) wirklich die Erbse oder Bohne (den Mond), welche in jeder Hinsicht identisch ist.»

Das ist ein gewagter Schluss, wenn man sieht, mit wie vielen Tieren diese Redensart vorkommt. Manchmal findet die blinde Kuh auch eine Eichel oder eine Erdbeere, wie in der Rottenburger Redensart da hat einmal eine blinde Kuh eine Erdbeere gefunden, die in Wanders «Sprichwörter-Lexikon» von 1870 aufgeführt ist.

Ebenfalls verbreitet ist die Redensart vom Blinden, der ein Hufeisen findet. Belegt ist sie bereits 1541 in Sebastian Francks Sprichwörtersammlung in der Form «es findt auch ye ein blinder ein hufeisen» und in einem Faust-Buch von 1681: «Es findet bisweilen auch der Blinde ein Hufeisen / und eine blinde Henne ein Körnlein.»

Ich habe mit dir noch ein Hühnchen zu rupfen, mit diir han i non es Hüendli z rupfe meint seit der Mitte des 19. Jahrhunderts «ich habe mit dir noch etwas zu bereinigen». Älter und seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt ist mit jemandem ein Hühnchen zu pflücken haben. Der Schriftsteller und Sprachforscher Johann Christoph Gottsched führt in seiner «Deutschen Sprachkunst» von 1752 «mit einem ein Hühnchen pflücken» auf. In dieser Form nimmt Adelung die Redensart 1798 in sein Wörterbuch auf: «Wir haben noch ein Hühnchen mit einander zu pflücken, figürlich, wir haben noch eine unangenehme Sache mit einander auszumachen.» Diese Form ist bis heute vor allem im Norden Deutschlands gebräuchlich.

Jean de la Fontaine (1621–1695) erzählt uns die Fabel «La poule aux œufs d’or – Das Huhn mit den goldenen Eiern», die auf den Griechen Phaedrus zurückgeht. Sie handelt von einem Geizhals, der eine Henne besitzt, welche ihm goldene Eier legt. Weil er in ihrem Innern einen grossen Schatz vermutet, tötet er sie und beraubt sich so der Quelle seines Reichtums. Aufgrund dieser Geschichte entstand die Redensart das Huhn, das goldene Eier legt, schlachten «sich seiner Lebensgrundlage berauben». Die deutsche Übersetzung des Berichts «Reise durch Auvergne» von 1791 erzählt, wie vulkanische Grasböden unter den Pflug genommen werden und nach einmaliger Ernte zerstört zurückbleiben: «So betrügt sich die gierige Unwissenheit. Sie öfnet das Huhn um goldene Eier und tödtet es», klagt der Erzähler. Auf «focus online» lesen wir in einem Artikel vom 7. Oktober 2017 über den Autohersteller Skoda: «Niemand schlachtet das Huhn, das goldene Eier legt.» Seit dem 20. Jahrhundert begegnet man auch der Form die Gans, die goldene Eier legt, töten oder schlachten.

Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber

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