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Den Krebs in Schach halten

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Mary-Ann, eine Schottin, die gar keinen Krebs hatte, musste auf grausame Weise erfahren, welche Rolle das Immunsystem dabei spielt, die Tumorbildung im Körper zu verhindern. Sie litt unter Niereninsuffizienz, einer schweren Krankheit, bei der die Nieren das Blut nicht mehr filtern können. Dadurch sammeln sich Giftstoffe im Körper an, weshalb der Betroffene mehrmals in der Woche zur Dialyse gehen muss. Doch Mary-Ann bekam eine Spenderniere und konnte nach der Transplantation ein Jahr lang ein fast normales Leben führen. Die einzige Einschränkung bestand darin, dass sie täglich Medikamente zur Unterdrückung ihres Immunsystems einnehmen musste, die verhinderten, dass ihr Körper die transplantierte Niere als fremdes Organ abstieß. Anderthalb Jahre nach der Transplantation hatte sie stechende Schmerzen im Bereich der Niere, außerdem wurde bei einer Routinemammografie ein Knoten in ihrer linken Brust entdeckt. Die Biopsie ergab, dass es sich um Metastasen eines Melanoms handelte, eines bösartigen Hautkrebses. Allerdings hatte Mary-Ann keinen Hautkrebs, von dem die Metastasen stammen konnten. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Auch die Dermatologin Rona Mac Kie, die von den Chirurgen hinzugezogen wurde, konnte diesen mysteriösen Fall eines Phantommelanoms nicht erklären.II Es wurde alles getan, um Mary-Ann zu helfen. Die Immunsuppressiva wurden abgesetzt, die kranke Niere entfernt. Aber es war zu spät. Sechs Monate später starb sie an den Folgen eines Melanoms, dessen Ursprung im Dunkeln blieb.

Kurz darauf entwickelte George, ein zweiter Patient, der im selben Krankenhaus eine Nierentransplantation erhalten hatte, ebenfalls ein metastasierendes Melanom ohne Primärtumor. Dieses Mal konnte Dr. MacKie nicht an einen simplen Zufall glauben oder geheimnisvolle Vorgänge im Körper dafür verantwortlich machen. Mit Hilfe eines Registers für transplantierte Organe verfolgte sie die beiden Nieren zurück zur Spenderin. Der Gesundheitszustand der Spenderin hatte den üblichen Anforderungen entsprochen: keine Hepatitis, kein HIV und natürlich kein Krebs. Aber Rona MacKie blieb hartnäckig und stieß schließlich in einer schottischen Datenbank für Patienten mit einem Melanom auf den Namen der Spenderin. 18 Jahre zuvor war die Spenderin operiert worden, man hatte einen winzigen Hauttumor entfernt, der gerade einmal 2,6 Millimeter maß. Anschließend wurde ihr Gesundheitszustand 15 Jahre lang von einer Spezialklinik für Hautkrebs kontrolliert. Schließlich war sie ein Jahr vor ihrem tödlichen Unfall, der mit der alten, überwundenen Krebserkrankung nichts zu tun hatte, als »vollständig geheilt« eingestuft worden. In den Organen der Patientin, die nach bestem Wissen und Gewissen als »frei von Krebs« galt, hatten sich immer noch winzige Tumoren befunden, doch ihr Immunsystem hatte sie in Schach gehalten. Bei der Transplantation gelangten die Mikrotumoren in neue Körper (die von George und Mary-Ann), deren Immunsysteme absichtlich unterdrückt worden waren, damit die transplantierten Nieren nicht abgestoßen wurden. Ohne ein normal funktionierendes Immunsystem konnten sich die Mikrotumoren schnell entwickeln und ausbreiten.

Aufgrund ihrer Rechercheergebnisse konnte Dr. MacKie ihre Kollegen in der Transplantationsabteilung davon überzeugen, die Immunsuppressiva bei George abzusetzen. Stattdessen verordneten sie ihm ein Medikament zur Steigerung der Immunabwehr, damit die melanominfizierte Niere so schnell wie möglich abgestoßen wurde. Einige Wochen später konnte die Niere entfernt werden. George musste zwar wieder zur Dialyse, war jedoch auch zwei Jahre später noch am Leben und zeigte keine Anzeichen eines Melanoms. Sobald sein Immunsystem seine natürliche Stärke wiedererlangt hatte, erfüllte es seine Aufgabe und bekämpfte Tumoren.III

Das Antikrebs-Buch

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