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Die Erkenntnis eines Marinearztes

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Judah Folkman diente in den Sechzigerjahren als Chirurg in der amerikanischen Marine und bekam den Auftrag, eine Möglichkeit zur Konservierung von Blut zu finden, das bei Operationen auf hoher See benötigt wurde; damals waren die ersten nukleargetriebenen Flugzeugträger viele Monate unterwegs. Um seine Konservierungsmethode zu testen, führte Folkman ein Experiment durch, mit dem er feststellen wollte, ob das konservierte Blut die Anforderungen eines kleinen lebenden Organs erfüllte. Er isolierte die Schilddrüse eines Kaninchens in einer Glaskammer, also in vitro, und ließ das konservierte Blut hindurchströmen. Das Blut erfüllte seine Funktion und erhielt die Schilddrüse am Leben. Nun stellte sich die Frage, ob Folkmans Verfahren auch bei Zellen funktionierte, die sich rasch vermehrten, wie etwa bei einem Heilungsprozess. Um das herauszufinden, injizierte er in die isolierte Kaninchenschilddrüse Krebszellen, die für ihren schnellen Reproduktionszyklus bekannt sind. Und da erwartete ihn eine Überraschung.

Aus den injizierten Krebszellen entwickelten sich Tumoren, doch keiner wurde größer als ein Stecknadelkopf. Zuerst dachte Folkman, die Zellen seien tot. Aber nachdem er sie Mäusen injiziert hatte, bildeten die Krebszellen rasch große, tödliche Tumoren. Worin bestand der Unterschied zwischen der Kaninchenschilddrüse in vitro und den lebenden Mäusen? Ein Unterschied lag auf der Hand: Die Tumoren, die in den Mäusen wuchsen, waren von Blutgefäßen durchzogen, die Tumoren in der isolierten Schilddrüse dagegen nicht. Durfte man daraus den Schluss ziehen, dass ein Tumor nur wachsen kann, wenn er es schafft, Blutgefäße zu seiner Versorgung umzuleiten?

Besessen von dieser Hypothese fand Judah Folkman bei seiner chirurgischen Tätigkeit weitere Belege. Die bösartigen Tumoren, die er operierte, wiesen alle ein Merkmal auf: Sie waren von zahlreichen zarten, verdrehten Blutgefäßen durchzogen, die den Eindruck erweckten, als seien sie zu schnell gewachsen.

Folkman wurde schnell klar, dass eine Zelle nur überleben kann, wenn sie Kontakt zu winzigen Blutgefäßen hat, hauchdünnen Fädchen, die so fein wie Menschenhaar sind. Diese sogenannten Kapillaren liefern den Zellen Sauerstoff und Nährstoffe und transportieren den Abfall aus dem Zellstoffwechsel ab. Auch Krebszellen sind darauf angewiesen, dass Nahrung angeliefert und der Müll abtransportiert wird. Tumoren können nur überleben, wenn sie von Kapillaren durchzogen sind. Aber da Tumoren sehr schnell wachsen, müssen die neuen Blutgefäße schnell sprießen. Folkman nannte dieses Phänomen »Angiogenese« (nach dem griechischen Wort »angio« für Gefäß und »genesis« für Entstehung).

Blutgefäße stellen normalerweise eine stabile Infrastruktur dar. Die Zellen in der Gefäßwand vermehren sich nicht und bilden nur unter bestimmten Bedingungen neue Kapillaren aus: im Lauf des Wachstums, bei der Wundheilung und nach der Menstruation. Die »normale« Angiogenese ist selbstregulierend und wird streng kontrolliert. Natürlich auferlegte Einschränkungen verhindern die Entstehung brüchiger Gefäße, die zu leicht bluten würden. Die Krebszellen nutzen für ihr Wachstum die Fähigkeit des Körpers zur Bildung neuer Gefäße. Folkman schloss daraus, dass man das Wachstum von Krebszellen bekämpfen könnte, indem man verhindert, dass sie Blutgefäße für sich beanspruchen. Dann würde der Tumor so groß wie ein Stecknadelkopf bleiben. Würde man anstelle der Krebszellen die Blutgefäße zur Versorgung des Tumors angreifen, wäre es sogar möglich, einen Tumor auszutrocknen und so seine Rückbildung einzuleiten.46, 47

Das Antikrebs-Buch

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