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Kapitel 4

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Der Amtsvorgänger des neu eingeführten Oberstaatsanwalts Dr. Jünger hatte immer die Distanz zu seinen Kollegen gewahrt und war nie einfach in das Büro eines Staatsanwalts hereingeplatzt. Doch der Nachfolger scherte sich um Diskretion einen Dreck. Ohne anzuklopfen drang er in Cora Dennigsens Büro ein und stellte sie wegen der angeordneten Obduktion des toten Stadtstreichers zur Rede.

»Sie haben ganz offensichtlich nichts Wichtigeres zu tun. Haben Sie sich den Aktenberg einmal angesehen, der sich hier, aus welchen Gründen auch immer, aufgetürmt hat?«

»Wollen Sie mir unterstellen, dass ich meine Arbeit zu langsam oder unvollständig mache?«, zeigte sie sich empört über diesen Auftritt.

»Die Staatsanwaltschaft arbeitet nicht effizient genug. Viel zu viele Strafsachen bleiben zu lange auf unseren Schreibtischen liegen. Wenn die Dinge vor Gericht kommen, wissen Beschuldigte häufig nicht einmal mehr, weswegen sie überhaupt vor Gericht stehen. Das muss sich ändern. Und das wird sich ändern. Es ist tragisch, wenn ein Stadtstreicher wegen der lausigen Kälte erfriert. Aber wir können uns nicht damit aufhalten, diesen Fall als Offizialdelikt zu behandeln. Das ist er nämlich nicht. Der Mann war ein Trinker und jetzt, wo es kalt geworden ist, da ist ihm eingefallen, dass er kein Dach über dem Kopf hat. Einer von denen, die nicht einmal für sich selbst Verantwortung übernommen haben. Da muss der Steuerzahler nicht noch für eine kostspielige und völlig sinnlose Obduktion zur Kasse gebeten werden.«

»Wir kennen nicht einmal die Identität des Toten. Alkoholisiert ist er gewesen, als er gestorben ist. Das konnte man riechen. Dass es sich um einen Stadtstreicher handelt, nehmen wir aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes an. Wissen tun wir das nicht. Zu einer guten Arbeit der Staatsanwaltschaft gehört eine sorgfältige Ermittlung. Ich möchte Fremdverschulden ausschließen.«

»Liebe Frau Dennigsen, wer soll denn einen Penner umbringen und dafür lebenslangen Knast riskieren? Ein Mord braucht ein Motiv. Das sehe ich in diesem Fall nicht im Mindesten.«

»Sagen Sie bitte nicht liebe zu mir. Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt, bisher konnten wir hier in eigener Verantwortung arbeiten und unser Vorgesetzter hat uns vertraut. So würde ich das gern in Zukunft auch handhaben.«

»In Zukunft befolgen Sie Anweisungen. Ich muss Sie wohl nicht daran erinnern, dass Sie als verbeamteter Mensch – ich hoffe, ich habe mich in Gendersprache korrekt ausgedrückt – weisungsgebunden sind. Ich bin als Ihr Vorgesetzter dafür verantwortlich, dass diese Behörde künftig effizienter arbeitet. Da können wir uns nicht mit Bagatellen aufhalten. Oder haben Sie einen Anfangsverdacht?«

»Was bitteschön soll ein Anfangsverdacht sein? Verdacht ist Verdacht.«

»Ich muss Sie ja wohl nicht über den Terminus Anfangsverdacht aufklären. Dieser Begriff ist in unserem Berufsstand allgemein üblich. Spielen Sie hier bitte nicht die Oberlehrkraft. Haben Sie nun einen solchen Verdacht? Ja oder nein?«

»Nein.«

»Also, in Zukunft nichts ohne mein ausdrückliches Einverständnis. Diese Aktion bleibt Ihre einzige eigenmächtige. Ich hoffe, wir haben uns verstanden. Schönen Tag noch.«

Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ schwungvoll das Büro der Staatsanwältin.

Cora rechnete nach. Sie war jetzt 45 Jahre alt. Das bedeutete, dass sie noch über zwanzig Jahre bis zu ihrer Pensionierung vor sich hatte. Ihr neuer Chef war 43. Wenn er nicht eines schönen Tages Justizminister werden sollte, würde sie ihre Pensionierung unter diesen Arbeitsbedingungen nicht erleben. Sie grübelte über die Möglichkeit einer Versetzung nach.

Die kälteste Stunde

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