Читать книгу Einführung in die Varietätenlinguistik - Ekkehard Felder - Страница 13
3. Ordnungs- und Beschreibungskriterien
ОглавлениеKategorienbildung
Die soeben dargelegten Beispiele sollen zeigen, dass es im Deutschen viele verschiedene sprachliche Erscheinungsformen gibt, die uns Sprachbeobachtern und an Sprache Interessierten intuitiv und ohne jeden Zweifel als auffällig oder – in linguistischer Sprechweise – als markiert erscheinen und die sich grundständig und charakteristisch von anderen Erscheinungsformen unterscheiden. Es stellt sich daher die grundsätzliche Frage, anhand welcher Kriterien diese sprachlichen Erscheinungsformen präzise erfasst und voneinander abgegrenzt werden können. Welche Sprachformen gehören in eine Kategorie, welche in eine andere? Auf Grund welcher Kriterien werden diese Einteilungen vorgenommen, und wie lassen sich wiederum diese Kriterien bestimmen und erklären?
Typen von Merkmalen
Betrachtet man die bisher erwähnten Kriterien, so scheint es zwei verschiedene Typen zu geben: Zum einen sind dies Kriterien, die im engeren Sinne zum Sprachsystem gehören (innersprachliche Merkmale der linguistischen Beschreibungsebenen von der kleinsten Einheit, dem Laut, bis zum Text) (Danes 2005: 42); und zum anderen handelt es sich um Kriterien, die außersprachlicher Natur (Danes 2005: 43) sind (z.B. areale Herkunft, Alter, Geschlecht, Akteursinteressen, soziale Rollen usw.) und die die Auswahl bestimmter Formulierungen (Sprachproduktion) und ihr Verstehen (Sprachrezeption) stark beeinflussen (außersprachliche Merkmale).
Soziolinguistik
Alle sprachlichen Erscheinungsformen, die von Laien als intuitiv zusammengehörend wahrgenommen werden und die von Linguisten systematisch mit Hilfe nachvollziehbarer Kriterien in Kategorien eingeteilt werden, zeichnen sich also einerseits durch sprachinterne Merkmale aus und lassen sich durch sprachexterne Faktoren näher bestimmen. Die dafür zuständige Teildisziplin firmiert unter zwei Bezeichnungen – nämlich unter Varietätenlinguistik und Soziolinguistik. Der varietätenlinguistische Blickwinkel fokussiert zunächst die innersprachlichen Merkmale auf phonetisch-phonologischer, morphologischer, lexikalischer, syntaktischer und textueller Ebene und setzt diese in einen Erklärungszusammenhang mit außersprachlichen Faktoren wie beispielsweise
– Individuum in Bezug auf (virtuellen) Raum, Zeit und Ort;
– soziale Gruppierung im Hinblick auf Alter, Geschlecht, Identität, Milieu, Lebensstil, Herkunft, Sozialprestige und Gruppenzugehörigkeits- und Gruppenabgrenzungsbedürfnis;
– Situation, was den Grad der Öffentlichkeit, Hierarchie und soziale Rollen, Akteure und ihre Interessen, Erwartungshaltungen, Kontextinterpretationen, Loyalität gegenüber Normen anbelangt.
Der soziolinguistische Zugang setzt meist bei eben diesen außersprachlichen Faktoren an und verknüpft sie mit konkreten Phänomenen (Varianten) sprachlicher Erscheinungsformen innerhalb des grammatischen Gesamtsystems. Soziolinguistik (siehe dazu auch die Einführungen von Löffler 52016, Veith 22005) und Varietätenlinguistik (vgl. die Einführung von Sinner 2014) lassen sich demnach als zwei Seiten einer Medaille versinnbildlichen.
Stichwort
Varietätenlinguistik und Soziolinguistik
Varietätenlinguistik und Soziolinguistik sind keine Synonyme, sondern stehen für zwei ähnliche – wenn auch unterschiedliche – Herangehensweisen an sprachlich markierte Phänomene: Die Varietätenlinguistik betrachtet das zu analysierende Phänomen aus dem Blickwinkel der systemlinguistischen Ordnung und korreliert die Auffälligkeiten mit sprachexternen – zumeist sozialen, arealen oder fach-/sachbezogenen – Faktoren. Die Soziolinguistik fokussiert bei der Analyse des Phänomens zunächst soziale oder andere sprachexterne Faktoren und spiegelt diese mit den systemlinguistischen Ordnungsschemata. Es liegt damit ein ähnliches Erkenntnisinteresse vor, wenngleich auch zwei unterschiedliche Ausgangspunkte eingenommen und Analyserichtungen vorgenommen werden.
Sprachsystem und Gebrauch
Beschäftigt sich also die Soziolinguistik mit dem Sprachgebrauch unter besonderer Berücksichtigung sozialer Faktoren und die Varietätenlinguistik mit Sprache und ihrem Gebrauch unter besonderer Berücksichtigung ihrer systematischen Geordnetheit, so steht die eingeschlagene Herangehensweise, die von konkreten zu bestimmenden sprachlichen Phänomenen ausgeht, vor einem Erläuterungsproblem: Wie lassen sich unter Variationsgesichtspunkten auffällige Sprachphänomene im Spannungsfeld von System und Gebrauch vor dem Hintergrund spezifischer Situationen (Kontextkonstellationen) erklären? Hinweise auf das Sprachsystem finden wir kodifiziert in Wörterbüchern, Grammatiken und wissenschaftlichen Darstellungen. Beispiele für einen nichtkodifizierten Gebrauch kommen in verbreiteten Variationen vor, die nicht unbedingt systemkonform sind (z.B. die Verwendung eines „Sternchens“, fachsprachlich Asterisk, im Wortinnern wie z.B. in Politiker*innen). Es ist also in Bezug auf konkrete Kommunikationssituationen zu fragen, welche Faktoren in bestimmten Sprachhandlungsprozessen eine Rolle spielen.