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Ordnungsschema zur Bestimmung von Varietäten oder die Suche nach Prinzipien

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Ordnungsversuch

Der Untersuchungsgegenstand der Variationen erscheint auf den ersten Blick ungeordnet, wenngleich auch irgendwie regelhaft. Die Aufgabe der Varietätenlinguistik besteht nun darin, die vielfältigen Phänomene verstehbar zu machen, indem sie ein plausibles System an Erklärungs- und Beschreibungszusammenhängen für vorkommende Variationen formuliert. Dazu müssen die zu erklärenden Variationen in Zusammenhang gebracht werden mit Faktoren (= Bedingungen innerhalb und außerhalb des Sprachsystems), die ihr Vorkommen bestimmen können. Gelingt es der Varietätenlinguistik, die vorkommenden Variationen in einen immer wieder vorkommenden und eine Regelhaftigkeit offenbarenden Erklärungszusammenhang zu stellen (wie zum Beispiel dem Umstand, dass bestimmte verwendete Ausdrücke mit der Herkunft der Sprecher aus einer bestimmten Region oder ihrem Alter zu tun haben könnten), dann hat sie ein Prinzip entdeckt, welches die Fülle immer wieder auftretender Variationen zu erklären vermag. Als Beobachter kann ich nun der Fülle der vorkommenden Phänomene ein Prinzip an die Seite stellen, so dass ich von der „Sprachwirklichkeit“ (Löffler 52016: 79) der konkreten Sprachvariationen auf eine abstraktere Ebene komme, die im Rahmen eines Theoriegebäudes die in der Praxis vorkommende Variationen systematisch beschreiben kann. Das ist der große und praktische Nutzen von Theorien: Man verliert sich nicht in der Fülle der Einzelwahrnehmungen, sondern kann durch übergeordnete Prinzipien ein Ordnungsschema formulieren, welches beim Erkennen der komplexen Sprachwirklichkeit hilft.

Vier-Dimensionen-Modell

In den folgenden Ausführungen wird vor diesem Hintergrund ein Vier-Dimensionen-Modell als Kategorisierungsschema vorgestellt, das sprachliche Erscheinungsformen verschiedener Provenienz präziser bestimmen kann. Das Vier-Dimensionen-Modell bietet einen Orientierungsrahmen und versteht sich als ein integratives Beschreibungsmodell, das neben den sprachwissenschaftlichen Ebenen auch soziologische Kriterien berücksichtigt. Es greift die gängigen, aber uneinheitlich gebrauchten Bezeichnungen und Gewichtungen der Varietätenlinguistik auf, die von Flydal (1952), Coseriu (1970, 1988), Klein (1974), Nabrings (1981), Steger (1988) und Löffler 52016 in die Diskussion eingebracht wurden und

Zitat

„die als […] Determinanten der sprachlichen Variation gelten können […].

(i) die kommunikative Reichweite (diatopische Dimension)

(ii) die soziale Gruppe der Sprechenden (diastratische Dimension)

(iii) die kommunikative Funktion (diasituative Dimension)

(iv) der historische Zeitpunkt (diachronische Dimension).“

(Becker/Hundt 1998:124)

Im Folgenden wird leicht modifiziert und unter expliziter Bezugnahme auf die oben erwähnte Forschungsliteratur von vier Dimensionen ausgegangen:

– der Ausdrucksformen (die geographisch und/oder sozial bestimmt sein können),

– der Zweckspezifik des Inhalts (die von der kommunikativen Funktion geprägt ist),

– der Realisierungsarten des Mündlichen und/oder Schriftlichen (Medialität) und

– der historischen Zeitstufen und diachroner Entwicklungen

Damit übernimmt das hier vorgestellte Modell die zentralen Komponenten der gängigen Erklärungsansätze, spitzt sie aber im Hinblick auf die Dimensionen spezifisch zu – und zwar mit dem Ziel, dass dadurch das Verständnis varietätenlinguistischer Beschreibungs- und Erklärungsbemühungen erleichtert wird. Unterschiede zeigen sich nur in zwei Punkten: Die diastratische Dimension wird im Vier-Dimensionen-Modell in den Ausdrucksformen berücksichtigt (siehe dazu die Aufspaltung der Ausdrucksdimensionen in sozialräumlich und gruppenhaft in Kapitel IV). Und der diamediale Faktor der Mündlichkeit und Schriftlichkeit wird hier als ein eigener Variationsfaktor stark gemacht.

Die Kommunikationssituation der zu untersuchenden sprachlichen Erscheinungsformen ist in der varietätenlinguistischen Betrachtung von besonderer Bedeutung. Sie steht gleichsam im Zentrum der Analyse. Dazu werden an alle zu analysierenden Phänomene bzw. sprachlichen Erscheinungsformen vier Fragen gerichtet, welche die zentralen Aspekte der Varietätenbestimmung darstellen:

Einführung in die Varietätenlinguistik

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