Читать книгу Einführung in die Varietätenlinguistik - Ekkehard Felder - Страница 8
1. Variationen im Deutschen
ОглавлениеEin Deutsch, viele *Deutschs
Der germanistische Sprachwissenschaftler Hermann Paul behauptet in seinem berühmten Werk Prinzipien der Sprachgeschichte, „innerhalb einer Volksgemeinschaft [werden] so viele Dialekte geredet als redende Individuen vorhanden sind“ (Paul 1880/61960: 38). Übertragen bedeutet dies, es gebe so viele deutsche Sprachen wie Einwohner in den deutschsprachigen Ländern. Das ist sicherlich eine zugespitzte Sichtweise. Und wie lässt sich diese Behauptung in umgekehrter Weise betrachten? Es kann wohl niemand behaupten, dass das Deutsche eine einheitliche Sprache ist, die der Flensburger Rechtsanwalt und der Passauer Installateur gleichermaßen gebrauchen ebenso wie Kölner Jugendliche auf dem Schulhof oder eine Gruppe älterer Menschen in einem Dresdner Altenheim. Gleichermaßen dynamisch zeigt sich die Sprache aus historischer Perspektive, wie die Geschichte des Wortes „geil“ zeigt, das im Mittelhochdeutschen „kraftvoll; üppig; lustig, fröhlich“ bedeutete, im Neuhochdeutschen im Sinne von „geschlechtlich erregt, brünstig“ verwendet wurde, bis es jugendsprachlich zu einem Synonym für „großartig, toll“ wurde (Das Herkunftswörterbuch 2013). Damit stellt sich eine Grundsatzfrage: Wie einheitlich ist das Deutsche in der Kommunikationspraxis der Menschen, und wie lassen sich die vielfältigen Gebrauchsformen innerhalb des Deutschen plausibel darstellen? Dieser Frage widmete sich schon in den 1970er Jahren eine Fernsehserie, die in dem Buch von Hermann Bausinger (1972) mit dem sprechenden Titel Deutsch für Deutsche: Dialekte, Sprachbarrieren, Sondersprachen dokumentiert ist.
Ausgangspunkt Sprachgebrauch
Vor diesem Hintergrund wird häufig der Sprachgebrauch von sozial, fachlich, regional oder anderweitig abgrenzbaren Gruppen als Dreh- und Angelpunkt herangezogen. Aber gibt es denn so viele deutsche „Sprachen“, wie es einschlägige Gruppen gibt – so zum Beispiel die Gruppe der Dialektsprecher (auf die Doppelformen „Sprecherinnen und Sprecher“ wird hier aus Gründen der eingängigeren Lesbarkeit verzichtet) oder Sprecher von Jugend- und Seniorengruppierungen? Mit dieser Bandbreite ist die sprachwissenschaftlich und gesellschaftlich bedeutende Frage verbunden, welche sprachlichen Variationen sich in ein Bündel oder Set von Variationen zusammenpacken und als eine in sich relativ „abgeschlossene Sprache“ (Sprache in der Sprache) bezeichnen lassen.
Funktionalistische Sprachauffassung
Die diesem Buch zugrundeliegende Sprachauffassung ist eine funktionalistische, das heißt: Sprache wird als ein System von zweckdienlichen Äußerungsmitteln aufgefasst (Daneš 2005: 39). Auf dieser Grundlage vertrat der Prager Linguist Vilém Mathesius (1961/1975) die Annahme, dass mit Blick auf die Sprachgemeinschaft und ihre Mitglieder das sprachliche „System als eine Gesamtheit von Möglichkeiten erscheint“, die den unterschiedlich sprachkompetenten Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft „in gegebener Zeit und an gegebenem Ort für die Kommunikation durch Rede zur Verfügung steht“ (abhängig von ihren Sprachkompetenzen) und „die wir aus ihren Realisationen in einzelnen Redeakten erkennen“ (Daneš 2005: 39f.). Ein Ausgangspunkt beim Beschreiben und Erfassen von Sprachvariation ist demnach die virtuelle Gesamtgrammatik (Steger 1988: 304) einer Sprachgemeinschaft. Steger geht von einer „Gesamtsprache als Thesaurus [sprachliche Schatzkammer/Anm. E.F.] einer Sprachbevölkerung“ (Steger 1988: 311) aus. Damit ist gemeint, dass jede Sprachausformung vor der Erklärungsfolie einer „ganzen“ Sprache (mit einer virtuellen Gesamtgrammatik als Gesamtsystem) dargestellt werden kann (Steger 1988: 304).
Eigenschaften von Sprachen
Für die Beschäftigung mit sprachlicher Variation sind die folgenden Eigenschaften von Sprache zentral, die Daneš wie folgt prägnant zusammenfasst:
Zitat
„1. Sie ist nicht statisch, sondern befindet sich dauernd im Wandel und ihr System hat offene Grenzen.
2. Ihre Struktur besitzt einen nicht idealen Charakter: Sie ist weder ganz regulär, noch ganz chaotisch […].
3. Sie ist nicht monolithisch, sondern in hohem Maße heterogen (in vielerlei Hinsicht), und es ist eben diese Heterogenität, die für das Konzept der Varietät wesentlich ist.“ (Daneš 2005: 40)
Vor diesem Hintergrund spezifischer Sprachausprägungen und ihrer kategoriengeleiteten Erklärung sind Varietäten zu sehen. Sie sind (im Gesamtorganismus Sprache systemisch wirkende) Subsprachen mit regional (z.B. Semmeln), fachlich (z.B. Klemmmuffe) oder sozial (z.B. gehst du Bus?) bestimmbaren Sprachvarianten, die von zusammengehörenden Akteuren oder Gruppen verwendet werden (spezifische Sprachgebrauchsformen).
Stichwort
Varietät
Eine Varietät ist eine Sprache in der Sprache oder eine strukturell abgrenzbare Subsprache (Teilsprache) innerhalb einer Gesamtsprache. Varietäten sind Subsysteme in einem sprachlichen Gesamtsystem. Aus dem Gesamtsystem wählen Sprecher nach bestimmten Prinzipien einzelne Komponenten aus. Diesen Vorgang will die Varietätenlinguistik in Anbetracht der systematisch geordneten Heterogenität einer natürlichen Sprache mit Hilfe von Modellen erklären. Ein System wird also als eine Gesamtheit von Möglichkeiten verstanden – genauer von sprachlichen Handlungsmöglichkeiten. Varietäten als linguistische Subsysteme definieren wir als spezifische, systematisch vorkommende Sprachvarianten (Sprachgebrauchsformen), die sich durch signifikante und mehrfach auftretende Merkmale in Texten, Gesprächen oder multimedialen Einheiten auszeichnen (spezifische Kombination von Varianten in typologisierten Text- und Gesprächsexemplaren). Diese Merkmalbündel von Sprachvarianten erscheinen im Kontrast zu anderen systematisch auftretenden Variantenrealisierungen (z.B. zum Standard) als markiert und rechtfertigen die Varietätenabgrenzung.
Die markierten Differenzierungsmerkmale lassen sich in zwei Gruppen einteilen: in innersprachliche und in außersprachliche. Innersprachliche Merkmale einer Varietät zeichnen sich durch charakteristische Spezifika auf phonetisch-phonologischer, graphematischer, morphologischer, lexikalischer, syntaktischer und textueller Ebene aus. Sprachexterne Merkmale sind zur Erklärung von markierten Sprachphänomenen im Wesentlichen durch die Bestimmungsfaktoren des Arealen (z.B. die räumlich begrenzte Verbreitung von heben im Sinne von ›halten‹), des Sozialen (z.B. chillen als jugendsprachlicher Ausdruck) und des Fachlich-Funktionalen (z.B. die Verwendung des Fachworts Angiographie) bestimmt. Beide Merkmalsebenen sind auch unter diachronen oder synchronen Gesichtspunkten zu betrachten ebenso wie im Hinblick auf die Medialitätstypik geschrieben – gesprochen – multimedial.
Nationale Varietäten
Eine Varietät ist also eine Subsprache einer Gesamtsprache. Innerhalb der idealisierten Vorstellung einer Gesamtsprache Deutsch werden das Deutsche in Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Luxemburg und der Schweiz unterschieden (Kellermeier-Rehbein 2014) und als nationale Amtssprachen (Ammon 2015: 206) bzw. Varietäten bezeichnet (zur Problematik der Bezeichnung „nationale Varietäten“ siehe Dürscheid/Elspaß 2015: 564). Realisierungen nationaler Varianten finden sich auf allen Ebenen des Sprachsystems. So ist z.B. das in Österreich übliche Lexem Wissenschafter in Deutschland als Wissenschaftler verbreitet und das in Deutschland übliche Graphem 〈ß〉wird in der Schweiz als 〈ss〉 realisiert. Wir haben es also im Gesamtsystem mit einer Variablen zu tun, die mit verschiedenen Varianten gefüllt werden kann. Ob Varietäten grundsätzlich auf der langue- oder der parole-Ebene anzusiedeln sind, muss Gegenstand der weiteren Feinbestimmung im Hauptteil dieses Buches sein. Die deutsche Sprache ist demnach kein homogenes Gebilde, sondern wir haben es mit „Sprachen in der Sprache“ (Varietäten) zu tun – also mit der systematisch „geordneten Heterogenität“ (Weinreich/Labov/Herzog 1968, zitiert nach Gilles/Scharloth/Ziegler 2010: 4) einer natürlichen Sprache.
Variation – Variante – Variable – Varietät
Beiläufig sind in den bisherigen Ausführungen die folgenden Ausdrücke gefallen, die der Abgrenzung bedürfen: Variation, Variante, Variable, Varietät (und in Form des Kompositums mit dem Bestimmungswort Sprach-). Der Ausdruck Variation fungiert als unspezifischer Oberbegriff und verweist auf „lat. variāre ‚(sich) verändern, mannigfaltig machen‘ zu lat. varius ‚mannigfaltig, bunt, abwechselnd, verschiedenartig‘“ (Sinner 2014: 25). Sinner präzisiert die restlichen Ausdrücke wie folgt:
„Variante wird für die einzelsprachliche Einheit und Varietät für das System verwendet. Sprachliche Variablen können (wie die aus der Mathematik bekannten Variablen x, y, z usw.) unterschiedliche Werte annehmen: die sprachlichen Varianten.“ (Sinner 2014: 25)
Varianten sind also Realisierungsmöglichkeiten oder Realisierungsoptionen von Variablen. Szmrecsanyi verweist bei der sprachlichen Variablen darauf hin, dass sie „verschiedene sprachliche Ausdrucksformen“ annehmen kann, welche die gleiche „sprachliche Funktion ausdrücken können“ (Szmrecsanyi 2013: 261). Varietät hingegen bezeichnet eine Menge von Varianten, die in Bezug auf Variablen einen Wert angenommen haben – und zwar in signifikanter, die Variantenhäufung charakterisierender Art und Weise. Varietät kann man in diesem Sinne als spezifische Konstellation von Variablen-Varianten-Kombinationen auffassen. Der Varietätenbegriff ist vor allem ein heuristisches Hilfsmittel zur Kategorisierung von sprachlichen Erscheinungsformen, wie wir in Kapitel VI noch zeigen werden.
Komplementär zu der oben gegebenen Definition von Varietät sei noch der Soziolinguist Dittmar erwähnt, der metaphorisch sehr anschaulich von einem Varietätenraum spricht. Er versteht Varietäten als
Zitat
„Menge sprachlicher Strukturen (Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Lexikon, Pragmatik) […], die relativ zu außersprachlichen Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht, Gruppe, Region, historische Periode, […] etc.) in einem Varietätenraum geordnet sind.“ (Dittmar 1997:177)