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2. Die Kommentierungen des Philipperbriefes durch A. H. FrankeFranke, August H. (1886) und E. HauptHaupt, Erich (1897/1902)
ОглавлениеAugust H. FrankesFranke, August H. Kommentar zum Philipperbrief erschien erstmalig und einzig im Jahre 1886. Die Auslegung erfolgte, wie bei H. A. W. MeyerMeyer, Heinrich A. W., zusammen mit dem Kolosser- und dem Philemonbrief.Franke, August H.1 Franke, seit 1882 Privatdozent in Halle, wurde kurz vor Erscheinen des Kommentars auf einen Lehrstuhl für Neues Testament an der Universität zu Kiel berufen. Sein Ordinariat dort hatte er allerdings lediglich für drei Jahre inne – er musste es wegen schwerer Krankheit schon 1889 aufgeben. 1891 verstirbt Franke, mit nur 37 Jahren. Frankes Grab befindet sich – wie das seines Nachfolgers bei der Kommentierung des Philipperbriefes im KEK, Erich HauptHaupt, Erich – auf dem Laurentiusfriedhof in Halle. Auf Frankes Grabstein ist Phil 1,21 zu lesen: „Christus ist mein Leben“2. Wie wir auch bei Ernst LohmeyerLohmeyer, Ernst sehen werden (s.u.), sind bei Franke Leben und Forschen erkennbar eng verbunden. Dies wird bereits in der knappen, aber persönlich gehaltenen, zweiseitigen „Vorrede“ in dem Kommentar deutlich, wo Franke seine krankheitsbedingten Unterbrechungen bei seiner Arbeit am Philipperbrief beschreibt.
Auf diese „Vorrede“ folgt eine Einleitung (1-25), die sich mit den drei Forschungsproblemen befasst, die ähnlich schon Meyers Einleitung die Struktur vorgegeben hatten (s.o.): der Rekonstruktion der Gemeinde in PhilippiPhilippi (§ 1: 1-7), Fragen nach „Veranlassung, Zweck und Inhalt des Briefes“ (§ 2: 7-15) und der Frage nach der „Einheit und Echtheit“ des Philipperbriefes (§ 3: 15-25). FrankesFranke, August H. Zugang zu den Einleitungsfragen bleibt im Ergebnis nahe bei den Einschätzungen Meyers:
So rechnet auch FrankeFranke, August H. mit einer Abfassung des Philipperbriefes in RomRom im Jahre 63 oder 64 n.Chr. (8). Frankes Darstellung ist jedoch deutlich länger, in Teilen auch umfassender als die des Vorgängers: Franke diskutiert unter § 1 ausführlich „die Frage nach dem nationalen Bestande und dem religiösen Charakter der Gemeinde zu PhilippiPhilippi“ (3) und stellt in diesem Zusammenhang die wechselvollen Forschungstrends, entweder von judaisierenden Parteiungen (mit Verweis auf MatthiesMatthies, Conrad S.)Matthies, Conrad S.Philippi3 oder von einer aus Juden und Heiden gemischten Gemeinde auszugehen, dar (5).
Auch die Diskussion über die Einheit und Echtheit des Philipperbriefes in § 3 ist weitaus umfangreicher geraten – sie gleicht in vielen Abschnitten einem zumeist unpolemisch gehaltenen Literatur- und Forschungsbericht (15-25). FrankeFranke, August H. sieht in Phil 3,1ff. den eigentlichen Ansatzpunkt für die Infragestellung der literarischen Einheit (15), weicht aber auch hier in seiner Gesamtbeurteilung der Einleitungsfragen kaum von Meyer ab. Franke versteht offensichtlich seinen Kommentar als Fortführung und Aktualisierung des Meyer’schen Projekts (vgl. 20). Zur Aktualisierung gehört auch, dass Franke erstmalig eine Gliederung des Textes nach Sinneinheiten bietet (schon 14f.), die kurz formal und inhaltlich charakterisiert werden – so etwa bereits Phil 1,1-11 (25f.) als „Eingang des Briefes“, der dann wiederum in kleineren Einheiten kommentiert wird (Phil 1,1f.; 1,3-6; 1,7f.; 1,9-11 [25-43]). Doch sogar in vielen Detailfragen sieht sich Franke weitestgehend an die Kommentierung Meyers wie an eine Vorlage gebunden.Franke, August H.4 So gibt er bei der Deutung von Phil 1,7 (s.o.) fast wörtlich Meyer wieder: Die Wendung διὰ τὸ ἔχειν με … sei „Ausdruck der innigen Liebe […] des Ap(ostels) zu den Lesern, nicht umgekehrt“ (35). Bei seiner Auslegung von Phil 2,5ff. wiederum setzt sich Franke – jedenfalls im Detail – durchaus auch kritisch mit Meyer auseinander (s.u.).
FrankesFranke, August H. Kommentar hat, vielleicht zu Unrecht, keine große Wirkung auf die Philipperbrief-Forschung entfaltet.Lohmeyer, ErnstFranke, August H.5 Zwar kommt Frankes Werk von 1886 nicht wirklich über die ersten vier durch Meyer bearbeiteten Auflagen des Philipperbrief-Kommentars hinaus, auch wenn sich sein Zugriff auf den Text und die Forschungsfragen sowie seine Darstellungsform deutlich vom Meyer-Kommentar unterscheiden. Der Wert des Franke-Kommentars liegt zweifellos darin, die Forschungsdiskurse des 19. Jahrhunderts, in denen sich schon Meyer fortlaufend zu bewegen und zu bewähren suchte, noch einmal ausführlich, dabei teils überaus materialreich darzulegen und sie mit anderen Augen auszuwerten. Franke leistet so – ob gewollt oder ungewollt – ein rewriting des Meyer-Kommentars.
Erich HauptHaupt, Erich, seit 1888 Professor für Neues Testament in Halle, schloss seine Kommentierung des Philipperbriefes 1897 ab.6 Sie erfolgte wiederum im Rahmen einer gemeinsamen Auslegung der sogenannten GefangenschaftsbriefeGefangenschaftsbrief(e), zu denen nun aber neben dem Philemon-, Kolosser- und Philipperbrief auch der Epheserbrief zählte. Der Kommentarband erschien 1902 noch einmal in bearbeiteter Form,Haupt, ErichGefangenschaftsbrief(e)7 zu einer Zeit, wo Haupt bereits so schwer an einer Gichterkrankung litt, dass er „auf das Katheder getragen werden mußte“8.
Die Einleitung zum Philipperbrief umfasst – neben einer kurzen übergreifenden Einleitung in die GefangenschaftsbriefeGefangenschaftsbrief(e) (1) – weitere 18 Seiten (1897: 86-104; 1902: 83-101), der Kommentar selbst 1897 etwas mehr als 190 Seiten (1-193; 1902: 1-180). Den Bereich der Einleitungsfragen untergliedert HauptHaupt, Erich stringent und überzeugend in die Betrachtung der Leser, des Briefeschreibers und des Briefes. Er weicht so in der Strukturierung, nicht aber in der sachlichen Beurteilung von seinen Vorgängern im KEK ab. Denn auch Haupt lokalisiert die Abfassung des Philipperbriefes in RomRom (1897: 90; 1902: 86f.). In seiner Bearbeitung des Kommentars von 1902 setzt sich Haupt dann nicht nur mit der von H. E. G. PaulusPaulus, Heinrich E. G. schon länger behaupteten Abfassung des Briefes in CaesareaCaesarea kritisch auseinander (1897: 90; 1902: 86), sondern verwirft auch die erst kürzlich, nämlich im Jahre 1900, von Heinrich LiscoLisco, Heinrich (1862-1906)Lisco, Heinrich9 aufgebrachte These einer möglichen ephesinischen Abfassung des Philipperbriefes (1902: 86 und 82). Ausführlich diskutiert Haupt die Fragen der literarischen Einheitlichkeit (1897: 97ff.; 1902: 94ff.) und der Echtheit (1897: 103f.; 1902: 100f.) des Briefes. Die forschungsgeschichtliche Diskussion über die Authentizität des Philipperbriefes hatte zwar, wie Haupt hier zeigt und darstellt, in der Zeit nach BaurBaur, Ferdinand Christian an Brisanz verloren, war aber keineswegs beendet. Das hatte bereits auch FrankeFranke, August H. (19ff.) umfassend gezeigt.
In einem in beiden Ausgaben des Kommentars unverändert gebliebenen Abschnitt des Vorwortes (1897/1902) reflektiert HauptHaupt, Erich die Bedeutung, Leistung und Begrenzung des KEK, wie sie sich aus seiner Sicht am Ende des 19. Jahrhunderts darstellt: Die Kommentarserie habe ihre „beherrschende Stellung wesentlich durch zwei Eigenschaften erworben: die gründliche und saubere philologische Erklärung und die umfassende Berücksichtigung der Geschichte der Auslegung“. Die bisherige Schwäche des KEK sieht Haupt jedoch darin, dass „vermöge der älteren glossatorischen Methode die Gedankenbewegung namentlich in den paulinischen Briefen zu wenig in den Vordergrund trat“ (1897/1902: III). In der Tat bietet Meyer, wie oben gesehen, eine fortlaufende, annotierende Kommentierung, ohne den Text des Philipperbriefes in Sinneinheiten zu strukturieren. Erst FrankeFranke, August H. und Haupt operieren in ihren Kommentaren auf der Basis einer mehr oder weniger großflächigen Textgliederung. Trotz des erkennbar gewachsenen Interesses, den gedanklichen Duktus des Philipperbriefes noch deutlicher als Franke in den Blick zu nehmen, bietet auch Haupt keinen wesentlichen Neuansatz in der Philipperbrief-Forschung. Gleichwohl aktualisiert er die Auslegung des Philipperbriefes im Rahmen des KEK und bereichert sie um die nun explizierte Einsicht, dass die Paulusbrief-Exegese nicht nur historische, philologische oder auslegungsgeschichtliche Fragen zu bearbeiten habe, sondern auch dazu dienen solle, den „Gedankengehalt“ der Briefe zu erheben und deutend wiederzugeben (1902: VI). An diese Einsicht wird Ernst LohmeyerLohmeyer, Ernst anknüpfen.