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Im Lager

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Schon aus der Ferne hörte Hanna das fröhliche Geschrei und Lachen tobender Kinder, in das sich aufgeregtes Hundegebell mischte. Es konnte nicht mehr weit bis zum Lager sein. Rafael hatte ihr erzählt, dass sie direkt an einer kleinen Furt kampierten. Das muntere Plätschern von Wasser verriet ihr, dass sie sich ganz in der Nähe des Bachs befinden musste. Tief atmete sie die würzige Luft ein. Der intensive Geruch feuchter Erde und modrigen Holzes verband sich mit dem austretenden Harz der Tannen und dem Aroma wilder Kräuter, bis er erst kaum wahrnehmbar, dann immer starker vom köstlichen Duft gegrillten Gemüses und Fleischs überlagert wurde.

Hannas Magen knurrte. Vor lauter Aufregung hatte sie den ganzen Tag über keinen Bissen essen können, sodass sie sich nicht darüber wunderte, dass sie hungrig war. Egal was sie versucht hatte, um sich abzulenken, ihre Gedanken waren einzig und allein um Rafael gekreist. Immer wieder hatte sie sein Gesicht, seine von langen Wimpern umrandeten, dunkelbraunen Augen und seine feingliedrigen Hände vor sich gesehen. Selbst ihre Mutter hatte bemerkt, dass sie sich anders als sonst verhielt, es aber letztlich auf den Umstand zurückgeführt, dass man Karl zu Unrecht hatte einsperren lassen wollen.

»Es ist unverschämt, was sie deinem Bruder antun. Kein Wunder, dass du so durcheinander bist!«, hatte ihre Mutter gemeint, als sie aus Versehen eine reich verzierte Keramikvase fallen gelassen hatte. »Aber soweit sind wir noch nicht, dass ein dreckiger Zigeuner es schafft, deinen Bruder ins Gefängnis zu bringen. Ich werde mich beschweren … Noch, besitze ich – Gott hab deinen Vater selig – ein paar Verbindungen …«

Ein bitteres Lachen quälte sich aus Hannas Kehle. Als ob Karl jemals in seinem Leben an etwas Schuld gewesen wäre oder man ihn für irgendetwas zur Rechenschaft gezogen hätte … In den Augen ihrer Mutter besaß er einen Heiligenschein. Egal, was er ihr an Lügen auftischte, sie glaubte ihm alles.

Hanna stolperte über den Ausläufer einer Birkenwurzel, konnte sich aber im letzten Moment fangen. Das fehlt mir noch, dass ich hinfalle!, schalt sie sich selber aus. Fast die ganze Strecke über war sie gerannt und hatte sich dabei unbewusst, immer wieder umgeschaut. Man könnte meinen, dass ich auf der Flucht bin. Hanna ärgerte sich über sich selber. Dabei interessiert es wirklich niemanden, was ich heute Abend tue. Ihrer Mutter hatte sie erzählt, dass sie nach all der Aufregung Kopfschmerzen habe und deshalb früh zu Bett gehen wolle. Eine Antwort oder einen wie auch immer gearteten Kommentar hatte sie nicht von ihr erhalten.

Im Grunde genommen hätte ich ihr die Wahrheit erzählen können, überlegte Hanna mit einem bitteren Beigeschmack im Mund. Sie hört mir eh nie zu. Warum auch? Schließlich bin ich nicht Karl.

Exakt von dem Zeitpunkt an, ab dem Karl das Haus verlassen hatte, hatte ihre Mutter aus dem Fenster geblickt und nach ihm Ausschau gehalten. Hanna wusste, dass sie ihren Fensterplatz erst dann verlassen und zu Bett gehen würde, wenn Karl wieder daheim war. Unzählige Nächte hatte sie auf diese Art und Weise schon verbracht. Und heute würde es nicht anders sein. Warum auch?

Karl interessierte das Ganze einen feuchten Dreck. Wie sie ihn kannte, saß er im Grünen Bock und feierte dort seine wiedergewonnene Freiheit, ehe er mit seinen Freunden in die Antoniusstraße ziehen würde, um dort die restliche Nacht mit einem Straßenmädchen zu verbringen. Was wohl der Heilige Antonius darüber denkt, dass sich ausgerechnet in seiner Straße das leichte Gewerbe angesiedelt hat?, fragte sie sich. Ein heiseres Lachen, das eher einem Schluchzen glich, löste sich aus ihrer Kehle. Sie hatte wahrlich eine feine Verwandtschaft! Aber letztlich war sie nicht viel besser als sie: Lief nächtens einem Zigeuner, einem Herumtreiber hinterher. Was beschwerte sie sich da? Der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Baum. Hieß es nicht so?

Hannas Schritte wurden unwillkürlich immer langsamer, bis sie an den Punkt kam, da sie nicht mehr weitergehen konnte und gänzlich stehen blieb. Schon wollte sie wieder umkehren, als sie zwischen den Ästen einen Wagen erkennen konnte. Neugierig wagte sie sich etwas weiter vor.

Weit ragte das rote, tonnengewölbte Dach über die hölzernen Seitenwände hinaus. Die grün gestrichenen Fensterläden waren liebevoll mit Schnitzereien versehen: Auf der einen Seite eine Eule, auf der anderen ein Eichhörnchen. Fast könnte man meinen, dass sie sich jeden Moment aus ihrer Erstarrung lösen und auf einen der nahestehenden Bäume flüchten, dachte Hanna. Überhaupt schien der Wagen hier- und nirgendwo anders hin zu gehören. Ein Haus aus Stein wäre in dieser Umgebung ein Fremdkörper, aber dieser Wagen, der da zwischen den Birken und Tannen hervorlugte, passte wie die Faust aufs Auge hierher. Es musste wunderbar sein, in so einem Wagen zu wohnen. Stets konnte man sich die schönsten Plätze aussuchen. Egal wo man gerade war. In ihrer Phantasie sah Hanna sich schon durch ganz Deutschland fahren. Vielleicht käme sie sogar bis nach Italien?

»Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn,

Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?

Kennst Du es wohl?

Dahin! dahin

Möcht' ich mit Dir, oh mein Geliebter, ziehn!«4, rezitierte sie leise.

– »Jetzt spinne ich endgültig!«, schalt sie sich laut und schüttelte verwundert über sich selber den Kopf. Das, was du da vor dir siehst, ist ein lausiger Zigeunerwagen und nichts anderes!

Natürlich hatte auch sie im Laufe der Zeit unzählige Geschichten über herumziehende Zigeuner zu hören bekommen. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich den wildesten Klatsch über sie: Ihre Wagen seien eben so verlaust und dreckig wie sie selber. Abgesehen davon finde man dort nicht nur das ganze Diebesgut, das sie sich auf ihren unzähligen Raubzügen zusammengetragen hätten; oh, nein, als viel schlimmer erwiesen sich die in Käfige eingesperrten kleinen, blonden Kinder. Geklaut hätten sie sie und würden sie jetzt für teures Geld verkaufen. Und dann erst das sittenlose, ungehemmte Leben, das sie führten … Zu Hannas großem Bedauern hatten die Stimmen der Frauen genau an diesem Punkt Tuschellautstärke angenommen, sodass sie beim bestem Willen nicht hatte verstehen können, worin sich dieses sittenlose, ungehemmte Leben konkret manifestieren sollte. Wenn es mit dem übereinstimmte, was sie dachte, dann konnte es nicht schlimmer sein, als das, was ihr Bruder trieb.

Mit einem Mal stob eine laut bellende Hundemeute auf sie zu. Es war eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung an Promenadenmischungen, die keinerlei Zweifel aufkommen ließen, dass sie nicht zur Spezies der Schoßhündchen gehörten. Weder schliefen sie auf extra für sie angefertigten Samtkissen, wie es die Hunde einer Freundin ihrer Mutter taten, noch dürften sie in ihrem Leben jemals in die Hände eines Hundefriseurs geraten sein. Ihr zotteliges Äußeres sprach Bände; ebenso ihr breiter Kopf, der mit einem mächtigen Kiefer ausgestattet war und Hanna nur eines signalisierte: Mit mir ist nicht zu spaßen!

Als die Meute breitbeinig sowie zähnefletschend vor ihr stehen blieb, traute sie sich nicht, sich zu regen. Eine höllengefärbte Ewigkeit, in der sie sich zerfleischt am Wegesrand liegen sah, breitete sich vor ihr aus, bis endlich eine sonore Stimme: »Pusta! Refli! Kob!«, rief.

Das unmissverständliche Knurren erstarb auf der Stelle und die Hunde legten sich wie auf Kommando auf den Boden, allerdings nicht ohne sie für einen einzigen Augenblick aus den Augen zu lassen. Insbesondere der mit dem schwarzen Fleck auf der Schnauze schien es auf sie abgesehen zu haben. Immer wieder bleckte er seine Zähne und ließ ein tiefes, grollendes Knurren hören. Erneut fingen ihre Knie an zu zittern. Wie hypnotisiert starrte sie auf sein mächtiges Gebiss und hörte schon in Gedanken, wie er ihre Knochen knackend zermalmte.

»Kann ich ihnen behilflich sein?«, hörte sie endlich die gleiche tiefe Bassstimme fragen, die vorhin gerufen hatte.

Hanna stieß ein gequältes: »Jaaaaa … «, aus, das prompt von dem Schwarzschnäuzigen mit einem tiefen Knurren kommentiert wurde.

»Kob!«

Das Knurren wandelte sich in ein kurzes Winseln, ehe es durch ein freundliches Hecheln ersetzt wurde. Aber erst als die tiefe Bassstimme die drei Promenadenmischungen mit einem kurzen: »Ab mit euch!«, wegschickte und sie davonsprangen, traute sie sich ihren Retter anzuschauen.

Ein kleiner, etwas dicklicher Mann, dessen Gesicht von einem schwarzen Walrossbart beherrscht wurde, stand breit grinsend vor ihr. »Gute Hunde!«, meinte er und wies auf die zu Lämmern mutierten Bestien, die mittlerweile mit einem kleinem Jungen spielten, der sie fröhlich krähend herumkommandierte und abwechselnd über einen Baumstumpf springen oder Pfötchen geben ließ.

»Wenn sie meinen …«, murmelte Hanna mehr als skeptisch.

»Oh, das können sie mir glauben ... Es sind wirklich gute Hunde. Sie passen gut auf, sind ansonsten aber lammfromm!«

»Mhm ...«

»Was kann ich für sie tun? Haben sie sich verlaufen?«

Hanna schüttelte betreten den Kopf. »Ein Herr …, ich meine Herr Zlobek, Herr Rafael Zlobek, … er hat, … er hat mich für heute Abend eingeladen und da ...«, Hanna verstummte. Am liebsten wäre sie vor lauter Scham im Boden versunken. Hätte sie nur nicht Rafaels Einladung angenommen und wäre stattdessen lieber zu Hause geblieben. Wie peinlich! Was mochte der Mann nur von ihr denken? – Auf jeden Fall nichts Gutes. Das stand fest. Sie sah es seiner Miene an, die im ersten Moment wie versteinert wirkte, sich nach und nach aber wieder entspannte.

»Rafael?« Erstaunt zog er eine Augenbraue in die Höhe.

Hanna nickte stumm; gleichzeitig fühlte sie, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.

»Dann kommen sie …« Der Mann breitete, ohne dass das Lächeln seine Augen erreichte, die Arme aus, drehte sich halb um und schritt in Richtung Lager voran.

Nur zögernd schloss Hanna sich ihm an. Ihr Weg führte sie vorbei an anderen Wagen hin zu einem Platz, auf dem ein großes Lagerfeuer brannte.

Vier Männer unterhielten sich angeregt, während eine Schar tobender Kinder sie immer wieder umkreiste. Unter ihnen befand sich auch der kleine Junge, der eben noch mit den drei Hunden gespielt hatte, was nichts anderes bedeuten konnte, als dass die drei Ungeheuer auch in der Nähe sein mussten. Nervös hielt Hanna nach dem schwarzschnäuzigen Köter Ausschau, aber sie konnte ihn ebenso wenig in der zunehmenden Dämmerung entdecken, wie seine beiden vierbeinigen Bundesgenossen. Zweifellos, dachte sie, umkreisen sie das Lager und lauern ahnungslosen Spaziergängern auf. Zuzutrauen wäre es ihnen auf jeden Fall!

Eine dunkelhaarige Frau von herber Schönheit trat aus einem der Wagen und warf ihnen einen misstrauischen Blick zu, sagte aber nichts. Vielmehr schritt sie, mit einer eisernen Kaffeekanne bewaffnet, auf die am Lagerfeuer Sitzenden zu, die lauthals über etwas lachten. Bei den Männern angekommen, ergriff sie den Saum ihres langen, bunten Rocks und hielt ihn mit einer Hand fest, sodass sie niemanden mit ihm berühren konnte, während sie den Männern mit der anderen einschenkte. Leise flüsterte sie dabei einem von ihnen etwas zu, woraufhin dieser sich erhob und sich ihr zuwandte.

Hanna fühlte sich seltsam entblößt, als sie den Blick des Mannes auf sich ruhen fühlte. Stechende Augen, überdacht von dicken, buschigen Augenbrauen in einem kantigen Gesicht musterten sie kurz, ehe sie ihren Blick fragend auf den Mann richteten, der sie hierher geführt hatte.

Hanna merkte, wie ihr erneut die Schamröte ins Gesicht schoss, was den Mann indes nicht interessierte. Er konzentrierte sich auf den Mann mit dem Walroßbart, der in einer fremdländischen Sprache auf ihn einredete.

»Pusta, Refli, Kob und Rafael«, waren die einzigen Worte die Hanna verstand.

Interessiert verfolgten die drei andern das Gespräch aus den Augenwinkeln heraus, taten gleichzeitig aber so, als wären sie in ihr eigenes Gespräch vertieft.

»Ich höre, sie wollen zu meinem Sohn!?« Ein leicht abweisender Unterton schwang in der Frage des Mannes mit den dicken Augenbrauen mit, ansonsten ließ nichts darauf schließen, dass es ihm missfiel, dass eine wildfremde Frau im Lager aufgetaucht war und mit seinem Sohn sprechen wollte.

Hanna nickte.

»Nun gut!«, sagte Rafaels Vater und wandte sich daraufhin an die junge Frau, die soeben noch den vier Männern Kaffee eingeschenkt hatte. »Celia, geh zu Rafael und sag ihm, dass er …«, Rafaels Vater flocht gekonnt eine Pause ein, »Besuch bekommen hat!«

Derweil fühlte Hanna sich recht unbehaglich in ihrer Haut und wusste nicht, was sie tun sollte. Rafaels Vater hatte sich wieder ans Feuer gesetzt und die junge Frau war hinter einem der Wagen verschwunden, um Rafael zu holen. Keiner der Männer lud sie ein, sich zu ihnen zu setzen. Keiner wechselte ein Wort mit ihr. Alleingelassen und befangen, stand sie da und fühlte sich einsamer als je zuvor inmitten des abendlichen Gemurmels und Gescheppers von Tellern und Töpfen, das eine familiäre Vertrautheit und Wärme verriet, die sie selber gerne als Kind erlebt hätte.

Die Kinder hatten mittlerweile aufgehört zu toben und waren wohl in den umstehenden Wagen verschwunden, wo ihre Mütter sie für die Nacht vorbereiteten. Leiser Protest drang aus einem der Wagen heraus, der alsbald wieder verebbte, sodass Ruhe einkehrte.

In Gedanken malte Hanna sich aus, wie der kleine Junge, der vorhin mit dem schwarzschnäuzigen Hund gespielt hatte, sich dagegen wehrte, in den Badezuber zu müssen.

»Du badest jetzt!«, würde seine Mutter zu ihm sagen, woraufhin der Kleine lauthals mit einem: »Nein, ich will nicht!«, protestieren würde, während seine Mutter sorgsam das Badehandtuch für ihn ausbreitete.

»Doch, sonst darfst du morgen nicht mit Pusta, Refli« – oder wie auch immer diese verdammten Köter heißen mochten – »spielen.«

Große, traurige Kinderaugen würden mit einem Schmollmund gepaart leidvoll auf den Badezuber blicken, um letztlich dann doch nachzugeben. Was bedeutete schon ein Bad, wenn man am nächsten Tag wieder nach Herzenslust toben konnte? Also würde der Kleine freiwillig in den Zuber steigen, anschließend liebevoll abgetrocknet werden, ehe es ab ins Bett ging. Natürlich unter Protest. Aber ein letzter wärmender Friedenskuss würde ihn besänftigen, sodass er zufrieden mit sich und der Welt in Morpheus Arme sinken konnte.

Hanna seufzte leise. Das Leben konnte so schön sein, wenn, ja, wenn … Hanna verbot sich weiterzudenken.

Ein leichter Windstoß ließ sie frösteln. Ohne Nachzudenken war sie aus dem Haus gerannt. Sehnsüchtig dachte sie an ihren Wollmantel, der jetzt die kalte Steinwand der heimatlichen Diele wärmte. Das nächste Mal werde ich ihn mitnehmen!, sagte sie sich, nur um sich selber im gleichen Atemzug zu korrigieren: Dumme Gans! Als ob es überhaupt ein nächstes Mal geben wird! – Wo nur dieser Rafael bleibt?

Nervös schaute Hanna sich um, doch die zunehmende Dunkelheit verhinderte eine weite Sicht. Selbst die Wagen waren nur noch schemenhaft erkennbar. Überhaupt, dachte sie, wird es langsam ungemütlich. Die feuchte Kälte, die zunehmend vom Bach heraufzog, ließ sie frösteln. Sehnsüchtig blickte sie auf das wärmende Lagerfeuer, das die Männer für sich reserviert zu haben schienen.

Die warm leuchtenden Flammen flackerten einladend und zauberten zuckende Muster auf die Gesichter der Männer, die sich leise unterhielten. Hin und wieder leuchtete im Dunkeln das punktförmige Ende einer Zigarette auf.

»Kala ist alt genug.«, hörte sie einen der Männer sagen, dessen dicke Nase soeben von einem Flammenschatten verschluckt wurde.

»Sie hat Haare auf den Zähnen.«, wandte Rafaels Vater ein. »Falin ist nicht der Richtige für sie.«

Die Männer lachten.

»Er wird nicht mit ihr fertig werden! Er ist zu weich.«

»Du hast ihr Zuviel durchgehen lassen!«, meinte ein hagerer, grauhaariger Mann und schlug dabei dem Dicknasigen auf den Rücken, der missmutig an seiner Zigarette zog, sodass diese punktförmig aufglühte.

Hanna hatte keine Ahnung, um wen, geschweige denn um was es ging, und wenn sie ehrlich war, dann interessierte sie das Ganze herzlich wenig. Sie stellte sich mittlerweile eine ganz andere Frage: Hatte Rafael nicht von einem Fest gesprochen?

Skeptisch schaute sie sich um. – Nichts! Nur gähnende Leere. Ob sie sich verhört hatte?

Unsicher nagte sie mit den Zähnen an ihrer Unterlippe. Vielleicht wäre es besser, einfach nach Hause zu gehen? Schließlich hatte sie sich für den heutigen Tag genug blamiert! Wenigstens würde sie diese Leute nie wieder in ihrem Leben zu Gesicht bekommen, was als Erfolg zu werten wäre, dachte sie in einem Anflug von Galgenhumor.

Schon wollte sie einen der Männer um eine Fackel bitten, als sich mit einem Mal eine warme Hand auf ihre Schulter legte, sodass sie zusammenzuckte.

»Komm Mädchen!«, hörte sie eine weibliche Stimme hinter sich sagen.

Neugierig drehte sie sich um und blickte in das runzlige Gesicht einer alten Frau, in deren Mundwinkel eine brennende Pfeife hing. Auf der Nase saß eine Nickelbrille, die ihre dunklen Augen in verzerrter Form größer erscheinen ließen, sodass Hanna unwillkürlich an einen Uhu denken musste. Bestimmt wohnt sie in dem Wagen mit der geschnitzten Eule und dem Eichhörnchen. Noch ehe sie sie fragen konnte, wohin sie denn gehen würden, sah sie, wie Rafael auf sie zukam.

Endlich!

»Danke Mami, dass du dich um sie gekümmert hast.«

Die alte Frau nickte Rafael missbilligend zu. Dann drehte sie sich im rauschenden Reigen ihrer übereinander gezogenen Röcke um und ging auf einen der Wagen zu.

»Fräulein Schubek … schön, dass sie so früh kommen konnten.«

»Früh? Bin ich etwa zu früh?«

Rafael lachte laut auf und entblößte dabei sein strahlend weißes Gebiss, während er mit den Schultern zuckte.

»Ja, wann fangen bei ihnen denn die … ich meine, wann, um wie viel Uhr fängt denn ein Fest bei ihnen an?«

Rafael schmunzelte noch immer. »Eine feste Uhrzeit gibt es in dem Sinne nicht. Aber es wird schon etwas später sein. So ab Mitternacht …« Ein spitzbübisches Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus

»Mitternacht?«, stieß Hanna fassungslos aus.

Rafaels Grinsen wurde noch breiter.

»Rafael«, mischte sich mit einem Mal der Mann mit dem Walroßbart ein, »veräpple das Fräulein nicht!«

»Wie kommst du darauf? Ich würde es nie wagen …!«, Rafael lachte laut auf. »Entschuldigen sie Fräulein Schubek, die Gelegenheit sie auf den Arm zu nehmen, konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen … Aber Spaß beiseite! Ohne unsere Frauen können wir kein Fest anfangen. So einfach ist das.« Rafael breitete wie zur Entschuldigung die Hände aus.

Misstrauisch schaute sie ihn an. »Aber diese Mami … und die eine, die sie eben geholt hat …?«

»Notbesetzung!«

»Notbesetzung?« Hanna verstand nichts mehr.

»Was mein Sohn ihnen damit sagen will«, mischte sich dieses Mal Rafaels Vater ein, »ist, dass unsere Frauen erst vom Markt zurückkehren müssen. Celia und Paruli passen auf die Kinder auf. Auf die Großen«, dabei zeigte er grinsend auf sich selbst, »und auf die Kleinen.« Ein lautes, volltönendes, donnerndes Lachen begleitete seine letzten Worte.

»Tut mir Leid, ich wusste nicht …«, hilflos lächelnd blickte sie Vater und Sohn an.

»Woher auch!«

Taubenjahre

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