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Die Universität /1933

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Im Sommer macht Wilhelm sein Abitur. Er schliesst sehr gut ab. Nun geht es darum, wo und was er studieren will. Für ihn ist klar, er will Luftfahrtingenieur werden und da bietet sich die Universität von Aachen an. Als seine Bewerbung angenommen wird, freute er sich riesig. Er wird in Aachen im Studentenwohnheim wohnen und nur noch am langen Wochenende nach Worms kommen. Die schönen Mittwochabende mit Gabi fallen aus. Aber sonst herrschte eitle Freude.

Rosa wischt sich eine Träne ab, als sie Wilhelm und Franz am Bahnhof in Worms verabschiedet. Ein grosser Koffer mit Wilhelms Habseligkeiten schleppend, besteigen sie den Zug nach Köln. Von dort fahren sie weiter nach Aachen. Franz hilft den Koffer bis ins Studentenwohnheim zu tragen. Wilhelm steht mit seinem Vater auf dem Platz vor der Universität. Er ist nicht der einzige. Auch andere Jungen stehen da mit ihrem Köfferchen und warten auf den Direktor der Uni.

Nun wird es Zeit, sich von seinem Vater zu verabschieden. Nach einer langen Umarmung, dreht sich sein Vater um und geht mit strammem Schritt Richtung Bahnhof. Sein rechter Arm geht oft zu seinem Kopf hoch, es könnte sein, dass er sich eine Träne wegwischen muss.

Nun ist Willi allein, das erste Mal in seinem Leben muss er ohne Eltern klar kommen. Er schaut seinem Vater noch nach, bis er hinter der Strassenecke verschwindet, dann konzentriert er sich auf seine neue Umgebung.

Auf der Treppe zum Eingang steht nun ein älterer Herr in einem Anzug mit Krawatte und fordert die Jungen auf ruhig zu sein. Dann beginnt er mit seiner Ansprache. Nach der Begrüssung verliest er einige Regeln, welche an der Uni gelten und die, so betont er, unbedingt eingehalten werden müssen. Eine Regel besagt, dass man nur in der Schuluniform, die jeder Student bekommt, an Vorlesungen teilnehmen darf.

Danach beordert er die Studenten, welche im Wohnheim der Uni wohnen werden, nach rechts, die anderen können bereits wieder nach Hause zu ihren Eltern. Beim Eingangstor verteilt ein Mann Zettel mit den Zeiten für den Beginn der einzelnen Vorlesungen. Es sind nur wenige die das Glück haben, bei ihren Eltern zu wohnen. Die meisten wohnen zu weit weg.

Eine attraktive Frau mit einer Liste beginnt nun mit dem Aufrufen von Namen. Immer wenn wieder vier Jungs bei ihr stehen, gibt sie denen die Zimmernummer bekannt. Darauf verlassen die den Platz mit ihrem Gepäck und machen sich auf, im Gebäude ihr Zimmer zu suchen.

«Klaus Kirsch, Wilhelm Wolf, Sepp Herger und Hermann Möller! - Ihr habt Zimmer zehn.»

Die vier schauen sich gegenseitig an, sie sind nun Zimmerkollegen. Dann packt Sepp seinen Koffer und geht los. Die anderen drei folgen ihm. Das Zimmer zehn liegt im ersten Stock des Wohnheims, nebst den vier Betten hat es einen grossen Schrank. Das Fenster zeigt Richtung Hinterhof. In der Mitte steht ein kleiner Tisch mit vier Stühlen. Die einzige Lampe hängt über dem Tisch.

Auf jedem Bett liegen zwei Schuluniformen. Jeder musste seine Kleidergrösse vorher schriftlich angeben. Auf den Schuluniformen ist auch ein Namensschild angebracht. So weiss jeder, welches der Betten ihm zugeteilt ist. Dann packen die vier ihre Koffer aus.

«Ich bin der Sepp aus München und studiere Mathematik.»

«Ich bin Willi und studiere Luftfahrt Technik», antwortet Willi und reicht dem Sepp die Hand, «ich komme aus Worms.»

«Aus einer Kleinstadt, das finde ich niedlich.»

«Ich bin Klaus aus Pahlen und studiere Biologie.»

«Pahlen, wohl liegt den das?», fragt der Sepp abschätzig.

«In Schleswig-Holstein nur zehn Kilometer von der Nordsee entfernt.»

«Und habt ihr dort auch eine Schule?», will der Sepp wissen, «oder gibt es dort nur Kühe.»

«Kühe gibt es in Pahlen viele», entgegnet Klaus, auf die Bemerkung über die Schule geht er gar nicht ein.

«Ich bin Hermann Möller aus Gera und studiere deutsche Geschichte», stellt sich noch der kleinste der vier vor.

Nach der kurzen Vorstellung ist jeder mit Auspacken beschäftigt. Sie haben noch viel Zeit sich kennen zu lernen. Ab und zu schielt Willi zu den anderen rüber. Sepp und Hermann hängen ihre Uniform der Hitlerjugend schön gebügelt in den Schrank. Sie können sie nicht anziehen, denn es herrscht ein striktes Verbot, was das Tragen von politischen Symbolen betrifft und dazu gehören sicher auch Uniformen. Damit ist Willi eine grosse Sorge los, er befürchtete, dass alle in Uniformen der Hitlerjugend herumlaufen und er weiss nicht, wie er zu einer solchen kommen könnte. In Worms konnte er nicht der Hitlerjugend beitreten, die Klassenkameraden haben sein jüdische Uroma nicht vergessen.

Welche politische Ideologie Klaus vertritt, kann er nicht feststellen. Er scheint aus einfachen Verhältnissen zu kommen, zumindest deutet seine Kleidung darauf hin. Das kann auch daran liegen, dass er aus einem kleinen Dorf stammt. Da ist Kleidung kein Statussymbol, sie muss nur zweckmässig sein. Nun er wird es in den nächsten Wochen herausfinden.

Eine schrille Glocke ruft zum Essen. Nun ist Willi gespannt, ist die Verpflegung gut? Er hat auf jeden Fall einen riesigen Hunger. In der Mensa sind schon viele Plätze belegt. Die vier Leidensgenossen bleiben zusammen. Der Sepp spielt sich mächtig auf und prahlt mit seiner Grossstadt München, als sei sie die Hauptstadt nicht nur von Deutschland, sondern von der ganzen Welt. Deshalb habe Hitler sich hier niedergelassen.

Willi fällt auf, dass dieser Hitler allgegenwärtig ist. Man kommt nicht an ihm vorbei, da auch an den anderen Tisch oft dieser Name zu hören ist. Wenn Willi hier nicht untergehen will, muss er sich anpassen, es bringt nichts, wenn er sich dagegen stellt.

Er braucht dringend eine Strategie und Ausrede, warum er noch nicht in der Hitlerjugend mitwirkt. Ein Vorteil ist, dass er der einzige aus Worms ist. Er muss also nicht befürchten, dass die Geschichte seiner Uroma jemand kennt, so gesehen, kann er einen Neustart wagen.

«Die Lehrer in Worms haben uns verboten, in die Hitlerjugend einzutreten. Das waren noch so richtig kaisertreue. Sie waren immer der Meinung, dass man den Kaiser wieder einsetzen soll, nur der würde Deutschland einigen. Wir mussten natürlich auch unter der französischen Besatzung leiden.»

«Dann verstehe ich erst recht nicht», wendet Sepp ein, «warum die gegen Hitler sind, ihm ist es anzurechnen, dass die Franzosen abgezogen sind.»

«Das haben die jetzt auch begriffen», verteidigt sich Willi, «schliesslich wurde Hitler in Worms gebührend empfangen. Das Stadion war restlos überfüllt.»

Die ersten Wochen als Student sind für Willi nicht einfach. Es zeigt sich, dass die Schule in Worms, ihn nur ungenügend auf das Luftfahrtstudium vorbereitet hatte. Die meisten Mitstudenten waren bereits in der Luft. Wenn nicht in einem Flugzeug, so zumindest mit einem Zeppelin. Auch mit seinem Wissen im Bereich Strömungslehre hinkte er im Vergleich zu dem anderen Studenten hintennach. In diesem Fach kann ihm Sepp wenigstens etwas Nachhilfe geben, so dass er langsam den Anschluss findet.

In Aachen halten sich die Nationalsozialisten zurück. Noch haben sie in der Regierung nicht die Mehrheit, sie sind nur zweitstärkste Partei. Immerhin Sorgen ihre Scharmützel in ganz Deutschland für Unruhe. Diese Unruhen führen am 12. September zur Auflösung des Reichstags. Faktisch ist Deutschland nicht mehr regierbar.

Sepp und Hermann halten mit bissigen Kommentaren nicht zurück. Willi beteiligt sich ebenfalls an den politischen Diskussionen und vertritt nun vehement die Haltung, dass nur Hitler Deutschland retten kann. Für ihn spielt auch die Tatsache, dass sich Hitler sehr für die Luftfahrt einsetzt, eine wichtige Rolle. Bei den Politikern der Zentrumspartei hat man immer noch den Eindruck, dass sie eher auf Kavallerie setzen, als auf diese neuartige Modeerscheinung.

Dank der Unterstützung von Sepp und Hermann wird Willi in die deutsche Studentenverbindung der Nationalsozialisten aufgenommen. Jetzt hatte er endlich das Gefühl, dass er dazugehört.

An den Abenden im Vereinslokal geht es hoch her. Nationalistische Lieder werden gegrölt. Die Studenten sind bereit, für den Führer alles zu geben, das sind sie Deutschland schuldig.

Der Aufschrei im Keller ist gross, als die neue Reichsregierung die SS und die SA verbietet. Das will man sich nicht bieten lassen. Nur dem Umstand, dass man keine Waffen hat, ist es zu verdanken, dass die Studenten nicht auf die Strasse gehen.

«Unsere Zeit komm noch», verkünden die Aufpeitscher, «wir müssen Geduld haben und uns auf die kommenden Aufgaben vorbereiten. Man darf erst losschlagen, wenn man sicher ist, dass man gewinnt. Diese Lehre haben wir aus dem gescheiterten Hitlerputsch gezogen. Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir an der Reihe.»

Grossdemonstrationen organisierte man keine mehr. Dafür sind immer kleine Gruppen unterwegs, die, allerdings nur wenn keine Gefahr besteht, Schaufenster von jüdischen Geschäften einschlagen oder linke Demonstrant verprügeln, wenn diese aus ihren Kneipen kommen. Solange Hitler nicht an der Macht ist, darf Deutschland nicht zur Ruhe kommen.

Willi lebt sich gut in Aachen ein. Seiner Gabi schreibt er wöchentlich einen Liebesbrief. Beide freuten sich, dass sie sich in den Herbstferien endlich wieder sehen können.

Die Enttäuschung von Gabi ist gross, als ihr Willi schrieb, dass er die ganzen Herbstferien in einem Lager für Studenten verbringt. Willi sieht das Lager als Chance, sich in der Hitlerjugend zu integrieren und das dadurch die jüdische Uroma nicht mehr relevant ist. Das Lager könnte auch seine Chance, später in die Luftwaffe einbezogen zu werden, erhöhen.

Zusammen mit Sepp und Hermann fahren sie nach Brüggen am Niederrhein. Dort wird ein Zeltlager errichtet. Das erste Mal wird Willi einem militärischen Drill ausgesetzt. Es beginnt bereits am Morgen beim Frühstück, ganze zehn Minuten sind dafür eingeplant. Punkt sechs Uhr ist Appel. Der Führer des Lagers verkündet das Tagesprogramm. Zuerst Sport, danach exerzieren, danach Schiessübungen mit einem Karabiner. Endlich darf Willi seinen ersten Schuss abgeben. Der landet nur noch knapp auf der Scheibe, was den Hortenführer zu einer Schimpftirade veranlasst. Mit dem zweiten und dritten Schuss kann er sich die ersten Punkte auf dem Blatt notieren lassen. Eins ist klar, beim Schiessen muss er sich noch gewaltig steigern. Danach gibt es Mittagessen auf dem Feld, das heisst aus der Feldküche und mit der Gamelle.

Nach einer Stunde geht das Programm weiter. Seine Horte wird beim Bau einer Holzbrücke über einen Bach eingesetzt. Da heisst es Holzträger und Bretter schleppen. Vor dem Nachtessen muss noch ein Fussmarsch über fünf Kilometer bewältigt werden. Verpflegung ist spärlich, Willi muss das erste Mal hungrig ins Zelt kriechen, zum Glück ist er so müde, dass er sofort einschläft.

Die nächsten Tage sehen ähnlich aus. Das einzige was Willi richtig Spass macht ist der Sport am Morgen. Besonders wenn Fussball gespielt wird, kann er sich durchsetzen, da hat er mehr Erfahrung. Alle anderen Aktivitäten bereiten ihm noch Probleme. Mit dem Schiessen wird es von Tag zu Tag besser, trotzdem, den Rückstand auf die andern, welche bereits in der Hitlerjugend geübt hatten, kann er nicht aufholen. Das Aufbauen der Brücke macht ihm Spass und auch die immer länger werdenden Fussmärsche bereiten ihm keine Probleme. Auch dass er abends immer hungrig ins Zelt muss, stört ihn nicht mehr, alles eine Frage der Angewöhnung. Das harte Leben wird durch die ausgeprägte Kameradschaft wettgemacht. Gemeinsam leiden ist nicht so schlimm, wie wenn man es allein ertragen müsste.

Nach dem Lager wird Willi in die Hitlerjugend aufgenommen, niemand hat überprüft, ob eine jüdische Verwandte in seinem Stammbaum auftaucht. Wichtig ist, dass er ein guter Kamerad war, auf den man sich verlassen konnte.

Als Mitglied der Studentenverbindung hätte er eigentlich das Recht, die SA-Uniform zu tragen, doch die SA bleibt vom Reichskanzler Schleicher verboten. Man darf sich momentan nur heimlich treffen.

Gabi ist immer noch beleidigt, weil Willi in den Herbstferien nicht nach Worms kam. Ihre Briefe wurden seltener und er merkt, dass sie sich langsam entfremdet. Zum Glück ist schon bald Weihnachten, dann kann er für zwei Wochen nach Hause. Er muss sich für Gabi ein schönes Weihnachtsgeschenk ausdenken, sonst darf er sich nicht blicken lassen. Für ihn war die Aufnahme in die NSDAP wichtiger, als die Freundschaft mit Gabi. Er mag sie, das sicher, aber im Notfall gibt es noch andere Mädels, denen man den Hof machen kann. Das mit der NSDAP hatte nun Vorrang. Er muss die Uroma endlich vergessen machen, ist man mal dabei, kümmert sich niemand mehr, um seine Verwandtschaft.

Die letzten Wochen besucht er immer den Markt. Noch kann er sich nicht entscheiden. Ein schöner Hut, ein Schal oder eine schöne Halskette stehen zuoberst auf der Liste, nur entscheiden kann er sich noch nicht. Eigentlich tendiert er auf die Halskette, doch die ist sehr teuer und übersteigt seine Möglichkeiten deutlich.

«Du suchst doch noch ein Geschenk für Gabi», Sepp wirkt sehr geheimnisvoll, «ich hätte da eine Halskette, die könnte ich dir für fünfzig Mark verkaufen!»

«Fünfzig? - Das könnte ich mir noch leisten», geht Willi auf den Handel ein, «ist sie aus Gold?»

«Natürlich!», er zieht eine kleine Schachtel aus seinem Hosensack und zeigt sie Willi.

Der nimmt die Halskette aus der Schachtel und betrachtet sie im Licht. Zudem schätzt er das Gewicht, ja, sie scheint wirklich aus Gold zu sein.

«Aber fünfzig finde ich etwas gar hoch, sie hat nicht mal ein Amulett», versucht er den Preis noch zu drücken.

«Das könnte ich noch organisieren, welches Sternzeichen hat deine Freundin?»

«Sie ist eine Löwin.»

«Gut, ich beschaffe dir noch ein Amulett mit einem Löwen, aber dann muss ich noch ein Fünfer extra verlangen. Das Amulett kostet mich sicher noch ein Zehner.»

«Also ab gemacht», Willi streckt ihm die Hand entgegen um das Geschäft abzuschliessen, «fünfzig aber mit dem Amulett, dafür kriegst du von mir noch zwei Tafeln Schokolade, mein Vater hat mir gestern ein Paket geschickt.»

Sepp ergreift seine Hand und bestätigt das Geschäft. Beide sind zufrieden, auf die Schokolade kann Willi gut verzichten. Vater schickt ihm beinahe jede Woche ein Paket. Er hat aus seiner Zeit als Schmuggler, immer noch einen Vorrat an Schokolade. Momentan sind die Preise sehr schlecht, so kann er sie wenigstens privat gut einsetzen. Für Willi ist die Schokolade eine Notreserve, wenn mal das Essen in der Mensa nicht seinem Geschmack entspricht.

Vor Weihnachten stehen an der Uni noch einige Tests an. Willi schafft die Prüfungen in Algebra, Physik und Englisch ohne Probleme. Bereits am 4. Advent reisst er mit dem Zug nach Worms. Vater holt ihn vom Bahnhof ab. Willi blickt sich um. Gabi ist nicht da, er ist enttäuscht, er hatte sich auf einen Kuss gefreut.

Mit seinem Vater spaziert er durch das weihnachtlich geschmückte Worms. Den schweren Koffer transportieren sie im Leiterwagen, wie vor einigen Jahren, als sie die Bauernhöfe in der Umgebung besuchten.

Wilhelm erzählt von der Uni und dass er sich gut durchschlägt. Mit den Fächern hat er keine Probleme. Nach einigem Zögern informiert er seinen Vater, dass er in die NSDAP eingetreten ist.

«Gab es dabei keine Probleme», fragte der nach, «du weist doch, die Uroma?»

«Nach dem Lager gab es keine Probleme, ich wurde nicht mehr überprüft.»

«Dann ist's gut», meint Vater, «ich hatte schon befürchtet, dass du deine Zukunft wegen der Uroma verbaut hast. Im Moment kommt man an den Nationalsozialisten nicht vorbei. Ich denke, für Deutschland ist es das Beste, wir brauchen eine starke Führung.»

«Im Lager war es hart, aber die Kameradschaft ist einmalig. Es hat mir gefallen.»

«Das verstehe ich», meint Vater, «wenn nur dieser Hass auf die Juden nicht wäre.»

Wilhelm antwortet nicht, er denkt an Joshua und Frau Goldberg, seine ehemalige Lehrerin. Plötzlich erschrickt er, lässt sich gegenüber seinem Vater nichts anmerken. Ihm ist eben ein schrecklicher Gedanken gekommen. Woher hatte Sepp die Halskette? Hat er die bei einem Juden mitgehen lassen, als sie die Scheibe seines Geschäfts einschlugen? Ein schrecklicher Gedanke, doch er muss ihn verdrängen. Er kann sich nicht leisten, ein neues Geschenk zu kaufen. Zudem ist ja nichts bewiesen. Sepp hat in diese Richtung keine Andeutungen gemacht und Willi kann sein Gedanken inzwischen gut lesen. Er weiss wie er tickt und merkt im Normalfall sofort, wenn er ihn reinlegen will. Sicher ist alles korrekt verlaufen, auch das Amulett mit dem Löwen hat er nachgeliefert, das hätte er ja nicht wissen können oder hat er nochmals ein Geschäft überfallen? Kaum denkbar, die Zeit war zu knapp, das Amulett mit dem Löwen zu suchen. Langsam beruhigt er sich, schliesslich hat er es bezahlt.

Sie biegen in die Strasse ein und er sieht seine Mutter vor dem Haus stehen. Als sie ihn erblickt, rennt sie zum Gartentor und reisst es auf, dann rennt Rosa den beiden entgegen und fällt ihrem Sohn um den Hals. Die Tränen kullern über ihre Wangen. Wie gross er geworden ist.

«Kommt, ich habe ein Kaninchen gebraten, dazu gibt es Sauerkraut, das isst du doch so gern.»

Natürlich, denkt Willi, es war nicht anders zu erwarten, aber er freut sich wirklich. Mutters Küche ist doch die Beste. In der Familie Wolf hat sich nicht viel geändert, Mutter kocht immer noch mit etwas zu viel Salz. Die Möbel und auch das Essbesteck sind noch gleich. Wie könnte es auch ändern, Vater ist immer noch ohne Arbeit und die Geschäfte mit Goldberg bringen nur wenig ein. Wenigsten so viel, dass er nicht in der Suppenküche anstehen muss, um etwas im Magen zu haben, aber grosse Ausgaben kann er sich nicht leisten.

Was sein Vater macht ist ihm eigentlich egal, solange er das Schulgeld bezahlen kann und dazu hat es immer gereicht. Ihn interessiert etwas ganz anderes, was ist mit Gabi?

Während Rosa wie eine wilde Wespe in der Küche herum irrt, räumt Willi im Gartenhaus auf. Es beruhigt seine Nerven. Später gönnt sich Willi ein Bad und rasiert sich. Noch ist es nur Flaum den er da wegschaben muss, aber er fühlt sich dabei sehr erwachsen. Er zieht sich die lange Hose an, welche seine Eltern ihm für die Reise nach Aachen gekauft hatten. Rosa hat den Tisch gedeckt, erfreut stellt er fest, dass für vier Personen gedeckt ist.

Um sechs Uhr klingelt es.

«Machst du auf», befiehlt Rosa ihrem Sohn, «ich muss den Braten aus dem Ofen nehmen.»

Willi eilt zur Tür und öffnet. Er schaut in zwei strahlende Augen. Sekunden schauen sie sich an, dann breitet Willi seine Arme aus und umarmt Gabi. Die Umarmung geht Sekunden später in einen Kuss über. Erleichtert stellt er fest, dass die Herbstferien vergessen sind, sie hat ihm verziehen.

«Hallo Gabi», stammelt Willi nach Atem ringend, «freut mich, dich zu sehen. Hübsches Kleid», stellt er noch fest, dann küssen sie sich erneuert.

«So jetzt kommt endlich rein, das Essen ist fertig», stört Rosa die Begrüssung.

Während dem Essen wandert Willis Hand oft unter den Tisch und streichelt Gabis Hand. Dann ist es Zeit die Kerzen am Weihnachtsbaum anzuzünden. Gabi und Willi sitzen eng beieinander auf dem Sofa, welches ihnen Franz überlassen hat.

Dann ist es Zeit, die Geschenke zu verteilen. Bei Willi steigt die Nervosität wieder an. Gabis Augen strahlen, als sie das Geschenk auspackt. Eine Halskette mit einem Amulett ihres Sternzeichen, damit hat sie nicht gerechnet. Ein langer Kuss folgt als Dank. Sie schenkt ihm ein Sackmesser mit zehn Klingen. Auf der Karte steht: «In Liebe! Gabi!»

Von Rosa bekommt er einen selbstgestrickten Pullover und Vater schenkt ihm ein Füllfederhalter. Damit ist die Bescherung vorbei. Zum Kaffee gibt es noch selbst gebackene Weihnachtsplätzchen.

«Bringst du mich nach Hause?», flüstert ihm Gabi geheimnisvoll ins Ohr.

«Gern, musst du schon gehen?»

«Ja, ich habe versprochen um zehn zu Hause zu sein, ich bin schon spät dran.»

Die beiden verabschieden sich von Willis Eltern und treten in die kalte Nacht hinaus. Die Strassen sind menschenleer. Eng umschlungen schützen sie sich gegen die Kälte. In einer dunklen Ecke bleibt Gabi stehen.

«Ich will mich noch für die schöne Halskette bedanken!», flüstert sie ihm ins Ohr. Dabei öffnet sie den Mantel und zieht Willi eng an sich. Seine Hände umfassen ihre Taille, er spürt ihren schönen Körper, langsam wird er mutiger und seine Hände sind schon sehr nahe bei ihren Brüsten. Er bemerkt, dass der Rock von drei Knöpfen zusammengehalten wird. Vorsichtig öffnet er den ersten. Als er keine Abwehrreaktion feststellt, wird er mutiger und kurze Zeit später streichen seine Hände über und kurze Zeit später unter ihrem BH.

Langsam wird es kalt. Gabi deutet an, dass sie nach Hause muss. Beim Licht der Strassenlampe wird nochmals die Kleidung überprüft.

Silvester feiern sie bei den Eltern von Gabi. Es bleibt bei heimlichen Berührungen. Sie sind froh, dass sie ihre leichte Krise wegen dem Herbstlager überstandenen haben.

Jeden Tag verfolgt man am Radio das Geschehen in Berlin. Die Nazis machen enormen Druck. Das Verbot der SS und SA ist praktisch wirkungslos. Noch ist von Hindenburg Reichspräsident, doch er kann nichts beschliessen, wenn die Nazis nicht einverstanden sind, wird sein Beschluss ignoriert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Alles deutet darauf hin, dass es Neuwahlen braucht, so ist Deutschland nicht regierbar.

Am Dreikönigstag verabschiedet sich Willi von Gabi, er muss zurück nach Aachen. Doch er hat versprochen, in der Faschingswoche, nach Worms zu kommen, dann bleibt die Uni geschlossen.

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