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6.Überdenken & Überwerfen – Neudenken & Neuentwerfen
ОглавлениеIn May Ayims Gedicht grenzenlos und unverschämt, in dem sie Afro-Deutschsein thematisiert, will sie sich der kolonialen und binären Logik (Deutschsein versus Afrikanischsein) nicht unterwerfen. Sie hinterfragt die hegemonialen Narrative und lässt sich nicht in ihnen festhalten. Sie verlässt bewusst das Zentrum und begibt sich in die Peripherien (»bis zum äußersten Rand«) und vermutet dahinter die (oder eine) Freiheit, in der sie auch ihre »Schwestern« und »Brüder« verortet. Auch Fred Moten und Stefano Harney hinterfragen in The Undercommons34 die Logik der Ordnung und ihre Raumaufteilung aus einer Schwarzen radikalen Tradition. The Undercommons ist nicht an einen physikalischen Ort gebunden und wird auch nicht im identitätspolitischen Sinne auf Subjekte angewendet, die bei dominanten Systemen und Machtstrukturen marginalisiert und exkludiert sind. Es geht vielmehr um eine Koalition, die auf der Anerkennung des im Vorwort von Jack Halberstam bezeichneten »the brokenness of being«35 basiert. Diese Gebrochenheit bezieht sich auf die koloniale und patriarchale Ordnung, in der Subjekte in ihrem Sein ver-andert werden.
Immer noch sind Interventionen notwendig, weil das Theater keinen Raum für marginalisierte Subjekte und Communitys ermöglicht. Immer noch ist ihre Präsenz eine Unterbrechung im kolonialen Raum, der sie in ihrer Gänze (als Subjekte ohne den »white gaze«) nicht zulässt und nicht wahrnimmt. Es geht um die Anerkennung von Wissensproduktionen und Kulturpraktiken, die immer noch einen lediglich marginalen Status haben, indem sie etwa als Amateur- oder Communitytheater klassifiziert werden, weil sie mit dem eigenen Theaterbegriff nicht übereinstimmen. »Einen Schritt weitergehen, und noch einen Schritt darüber hinaus«, das bedeutet im theatralen Raum zugleich das Überdenken und Überwerfen, aber auch das Neudenken und Neuentwerfen von Ästhetiken, die, wie Anta Helena Recke sagt, den »Schein-Universalismus« oder, wie May Ayim es noch expliziter tut, die »Sch-Einheit« konstant in Frage stellen und die Flüchtigkeit (fugitivity) sowie den gebrochenen Raum und das gebrochene Sein anerkennen. Eine konsequente Dekolonisierung von Theater und dessen hegemonialen Narrativen ist unabdingbar. Nur so kann einen Schritt weiter gegangen werden.
1Es sei hier auf den bis heute ungeklärten Tod von Oury Jalloh, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, und die verschiedenen Initiativen, die sich für eine Aufklärung einsetzen, verwiesen. In Berlin ist 2020 das Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) erlassen worden. Für Betroffene ist damit die Möglichkeit zur Verfolgung rassistisch-motivierter Diskriminierung durch Berliner Behörden (und somit auch der Polizei) geschaffen.
2Hier soll Wagner Carvalho, der künstlerische Leiter des Ballhaus Naunynstraße, nicht unterschlagen werden. Allerdings ist das Ballhaus Naunynstraße kein Staats- oder Stadttheater und neben einer Basisförderung mehrheitlich durch Projektförderung finanziert.
3Vgl. Moka, Madeleine: »Anta Helena Recke: Die Konstruktion von Whiteness im Theater«, in RosaMag, 15. September 2019, https://rosa-mag.de/anta-helena-recke-thematisiert-critical-whiteness-im-theater/ (Zugriff am 3. März 2021).
4Noack, Bernd: »Aus Weiß mach Schwarz«, in: Neue Zürcher Zeitung, 14. Oktober 2017, https://www.nzz.ch/feuilleton/aus-weiss-mach-schwarz-ld.1321753 (Zugriff am 3. März 2021).
5Fischer, Eva-Elisabeth: »Schwarz allein reicht nicht«, in: Süddeutsche Zeitung, 13.10.2017, https://www.sueddeutsche.de/kultur/schauspiel-nach-sepp-bierbichler-schwarz-allein-reicht-nicht-1.3707139 (Zugriff am 3. März 2021).
6Recke, Anta Helena: »Uh Baby it’s a White World«, in: Liepsch, Elisa/Warner, Julian/ Pees, Matthias (Hrsg.): Allianzen. Kritische Praxis an weißen Institutionen, Bielefeld 2018, S. 50 – 59, S. 56.
7Mbembe, Achille: Critique of Black Reason, Durham 2017.
8Siehe auch Website von Diversity Arts Culture, https://www.diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/schwarz (Zugriff am 3. März 2021).
9Vgl. Quijano, Anibal: »Coloniality and Modernity/Rationality«, in: Mignolo, Walter D./ Escobar, Arturo (Hrsg.): Globalization and the Decolonial Option, Abingdon 2009, S. 22 – 32.
10Recke: »Uh Baby«, S. 57.
11Siehe auch Sieg, Katrin: Ethnic drag. Performing Race, Nation, Sexuality in West Germany, Ann Arbor 2002; Skwirblies, Lisa: Performing Empire: Theatre, Race, and Colonial Culture in the German Empire, 1884–1914, Palgrave 2022.
12Diese Aussage ist eine Verkürzung vieler Podiumsgespräche und Diskussionen, an denen ich als Wissenschaftlerin of Color eingeladen wurde, um mit weißen Theatermacher:innen über »Diversität« und »nicht-weiße« Künstler:innen zu sprechen.
13Brenner, Michael: »1985 - Theaterskandal in Frankfurt Jüdische Allgemeine«, in: Jüdische Allgemeine, 5. August 2013, https://www.juedische-allgemeine.de/politik/1985-theaterskandal-in-frankfurt/ (Zugriff am 3. März 2021).
14Oguntoye, Katharina/ Opitz (später Ayim), May/ Schultz, Dagmar: Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin 1992.
15Vgl. Reed-Anderson, Paulette: Berlin und die afrikanische Diaspora, Berlin 2000.
16Collins, Patricia Hill: Black Feminist Thought. Knowledge, Consciousness and the Politics of Empowerment, New York 1990, S. 17.
17Dhawan, Do Mar: »Postkolonialer Feminismus und die Kunst der Selbstkritik«, in Steyerl, Hito/Rodriguez, Gutierrez (Hrsg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik, Münster 2012, S. 270 – 290. Hier S. 276.
18Ich werde im Folgenden das N-Wort nicht ausschreiben. Hier sei auf Grada Kilomba verwiesen, die darauf aufmerksam macht, dass das »N-Wort […] in der Geschichte der Versklavung und Kolonisierung situiert ist, d. h. es [ist] ein Begriff, welcher mit Brutalität, Verwundung und Schmerz einhergeht«. Kilmoba, Grada: »Das N-Wort«, Bundeszentrale für politische Bildung, 3. Juni 2006, https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/afrikanische-diaspora/59448/das-n-wort?p=all (Zugriff am 3. März 2021). Überdies sei darauf verwiesen, dass das N-Wort in Frankreich mittlerweile strafrechtlich geahndet wird. Im Englischen wurde der Titel von Anfang an mit »Battle of Black and Dogs« übersetzt, http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2016/04/france-debates-word-neg-re-negro-rossignol-160403054604312.html (Zugriff am 3. März 2021).
19Sie verwiesen darauf, dass »das Freie Schauspielensemble in Frankfurt/Main dieselbe Inszenierung durch den Begriff Schwarze ersetzt hat«. Siehe auch Zöllner, Abini: »Don‘t call me Neger«, in: Berliner Zeitung, 12. Dezember 2003.
20Ebd.
21Ebd.
22Siehe auch Otoo, Sharon Dodua: »(Ab)using Fadoul and Elisio: Unmasking Representations of Whiteness in German Theatre«, in: Textures, 14. Mai 2014, http://www.textures-platform.com/?p=3216 (Zugriff am 3. März 2021).
23Kalu, Joy Kristin: »On the Myth of Authentic Representation: Blackface as Reenactment«, in: Textures, 29. Oktober 2012, http://www.textures-platform.com/?p=2616 (Zugriff am 3. März 2021).
24Mbembe: Critique of Black Reason, S. 11.
25Das DT Berlin hat an dem Abend mit einem spontan organisierten Publikumsgespräch reagiert. Dies führte teilweise zu einer Veränderung bzw. einem »white face« für die beiden Figuren. Allerdings wurde dies nach wenigen Vorstellungen auch wieder verworfen.
26Recke: »Uh Baby«, S. 55.
27Vgl. Recke: »Uh Baby«, S. 56 und El-Tayeb, Fatima: European Other. Queering Ethnicity in Postnational Europe, University of Minnesota Press 2011, S. 4 – 5.
28Recke: »Uh Baby«, S. 55.
29Recke: »Uh Baby«, S. 54.
30Hier sei noch mal auf die Rezension von Eva-Elisabeth Fischer aus der Süddeutschen Zeitung verwiesen.
31Recke: »Uh Baby«, S. 56.
32Der Blick des Westens auf den afrikanischen Kontinent und seine Bewohner:innen, der über Jahrhunderte durch das koloniale Projekt geprägt war, führt zur Verkürzung und Simplifizierung. Oft wird von Afrika als Singular und manchmal als Land und nicht als Kontinent gesprochen. So verweist auch die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichi in ihrem vielzitierten TED talk »The Danger of a Single Story« auf die immer noch fortwährende Festschreibung einzelner Narrative über den afrikanischen Kontinent. Siehe auch Ngozi Adichi, Chimamanda: »The Danger of a single story«, TED talk, Juli 2009, https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story?language=de Zugriff am 3. März 2021).
33Mbembe: Critique of Black Reason, S. 38.
34Vgl. Moten, Fred/Harney, Stefano: The Undercommons. Fugitive Plannning & Black Study, New York 2013.
35Halbertsam, Jack: »The Wild Beyond. With and for the Undercommons«, in: Moten, Fred/Harney, Stefano: The Undercommons. Fugitive Plannning & Black Study, New York 2013, S. 2 – 12, S. 6.