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Was macht die professionelle sozialpädagogische Haltung aus? – Eine Standortbestimmung
ОглавлениеGrundsätzlich geht es um eine gleichberechtigte, respektvolle und würdigende Zuwendung gegenüber jedem Menschen im Kontext der Familienhilfe. Die Familien, die Leistungen der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Anspruch nehmen, sind zwar häufig zunächst fremde Menschen, die teilweise unter völlig anderen Lebensverhältnissen leben als die Fachkräfte. Sie sind jedoch nicht anders, im Sinne des Menschseins und der Bewertung von Lebenslagen. Denn grundsätzlich gilt: Alle Menschen können in schwierige Lebenssituationen geraten. Deshalb haben alle Menschen in Deutschland einen Anspruch auf Hilfe. Gerade für Sozialarbeiter*innen erscheint es wichtig, sich dies immer wieder zu vergegenwärtigen, um den Gefahren der Machtausübung über andere Menschen in der vorhandenen strukturellen Asymmetrie entgegenzuwirken. Der bereits in der Einleitung erwähnte Erziehungswissenschaftler Hans Thiersch formulierte dazu in einem Vortrag:
»Also: Wir sitzen alle im selben Boot – das ist das erste. Das zweite ist – und das erinnernd zu betonen scheint mir ebenso wichtig, weil es immer auch irritierend ist – wir sitzen alle im gleichen Boot der Erfahrung von Schrecklichkeiten, Abartigkeiten, Missverständlichkeiten, von scheußlichen, abwegigen, für andere schädlichen und oft schwer nachvollziehbaren Erfahrungen und Handlungen« (Thiersch 2014b, S. 7).
Diese Erkenntnis beinhaltet die Kernaussage, dass es in sozialarbeiterischen Tätigkeiten zunächst um die Begegnung von Mensch zu Mensch geht. Sie kann jedoch auch im öffentlichen Diskurs als Argument für die Solidarität und die Entstigmatisierung von betroffenen Familien eine Wirkung entfalten.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt für eine professionelle sozialpädagogische Haltung ist aus unserer Sicht der Respekt vor den lebens- und familiengeschichtlichen Erlebnissen und Erfahrungen sowie dem daraus entstandenen Eigensinn der Familie. Eine grundsätzliche Offenheit für Lösungsstrategien der Familie, die behutsame Begleitung und Weiterentwicklung dieser sowie das Bewusstsein darüber, dass ein Unterstützungsangebot auch eine Zumutung sein kann, ist dabei hilfreich. Der Methodenkoffer der Familienhelfer*innen kann prall gefüllt und doch unnütz sein, wenn Zuhören und Nachfragen nicht als ernst gemeint von der Familie verstanden und angenommen werden. Als ständige ›Lehrmeister‹ begreifen wir Familien, die autonom, eigensinnig und oft entgegen des zu Erwartenden agieren, die Grenzen aufzeigen, Sozialarbeiter*innen bspw. wegschicken und sie (hoffentlich) wieder einlassen, die uns also vor Herausforderungen stellen. Hier erleben wir häufig Momente, die nicht zwangsläufig gut für das ›professionelle Ego‹ (z. B. verschlossene Haustüren), aber letztlich unerlässlich als Erfahrungsschatz sind. In der Reflexion darüber, um das jeweilige Handeln der Familie zu verstehen (bspw. »… wir lassen generell niemanden rein … und die vom Amt schon mal gleich gar nicht …«), ergründet sich die innere Logik der Familie, die wiederum Ansätze für das professionelle Handeln eröffnet. Zu diesem Prozess gehören die Offenheit und die Fähigkeit, zu beobachten, zuzuhören, nachzufragen, im dialogischen Austausch wechselseitig zu verstehen, Handlungsstrategien zu entwickeln, diese umzusetzen, aber auch ggf. alles noch einmal anders zu betrachten und neu anzugehen.
Zur professionellen sozialpädagogischen Haltung gehört auch, zwischen den eigenen Wahrnehmungen sowie denen der Familie zu unterscheiden und sich bewusst zu machen, in welcher Rolle und Situation die Familie durch die ›Stimme‹ der Fachkraft vertreten wird. Oft bilden Fachkräfte ab, wie es der Familie gerade geht. Sie projizieren Bilder, Situationen, Meinungen, Auseinandersetzungen (vgl. Richter 2013). Sie nehmen dies alles mit: in Supervisionen, Teamsitzungen, in Fachgespräche unter Expert*innen der Sozialen Arbeit und anderer Professionen. Dort wird sich mit anderen Kolleg*innen ausgetauscht und verhandelt mit dem Anliegen, die Einschätzung und das professionelle Handeln möglichst hilfreich für die Familie einzubringen. Die Ergebnisse müssen jedoch immer wieder im Dialog mit der Familie überprüft und weitergedacht werden. Sonst bleiben sie häufig unbrauchbar.
Einer professionellen sozialpädagogischen Haltung bedarf es auch im Umgang mit dem so genannten Arbeitsauftrag ( Kap. 2), der im Hilfeplan unter Federführung des Jugendamts an die Familienhilfe vergeben wird. Obwohl der Auftrag der Familie ebenso wie der des Jugendamts darin enthalten sein soll, zeigen sich im Hilfeprozess häufig andere Prioritäten. Dies kann Familienhelfer*innen in eine Spannungsposition zwischen Jugendamt und Familie bringen. Um diese aufzulösen bedarf es eines Rollenbewusstseins, mit einer eigenen fachlichen Einschätzung sowie mit den Vorstellungen der Familie in die Vermittlung und Aushandlung zu gehen und dabei auch die Perspektive des Jugendamtes nachzuvollziehen. In der Hilfekonferenz sollen die Beteiligten gleichberechtigt über den weiteren Hilfeprozess entscheiden. Dabei bedarf es der grundsätzlichen Wertschätzung aller Beteiligten, Kommunikation und Verhandlungskompetenz – trotz struktureller Abhängigkeiten ( Kap. 8; Kap. 9). Es geht darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner als Motor für die weitere gemeinsame Entwicklung im Hilfeprozess zu finden. Auch dieses anspruchsvolle Vorgehen bedarf eines hohen Maßes an Reflexion. Es ist eine Chance der Überprüfung des eigenen professionellen Denkens und Handelns im Austausch mit anderen. Sinnvoll erscheint es uns, jede Situation zu nutzen, um sich dessen im beruflichen Alltag immer wieder erneut bewusst zu werden.