Читать книгу Die Ruhe vor dem Sturm - Schweden-Krimi - Helena Brink - Страница 15
11 MONTAG, 9. JUNI
ОглавлениеPetrus’ grüner Range Rover erreichte gerade den Wendeplatz, als Kajsa ihrem Mann über den Küchentisch hinweg einen verstohlenen Blick zuwarf. Auch er hatte den Wagen gesehen, und wie nicht anders zu erwarten, verfinsterte sich sein Blick.
»Was will der hier?«, fragte er mürrisch.
Sie erinnerte ihn daran, dass Petrus ihnen heute einen Teil des Bauholzes liefern wollte, das unter der Woche gebraucht wurde.
Olle löffelte den Haferbrei mit gehetzter Miene in sich hinein, und sie glaubte nur allzu gut zu wissen, was hinter seinen hochgezogenen Augenbrauen vor sich ging.
In der Euphorie des Augenblicks, unmittelbar nachdem der Hof ihrer geworden war, hatten sie mit Petrus eine Abmachung getroffen, die praktische Hilfe ebenso umfasste wie preisgünstige Materiallieferungen aus seinem Baumarkt. Doch später hatten sich ein paar Hintergedanken in Olles Kopf geschlichen. Die Freundschaftspreise, die er ihnen gewährte, kamen zwar ihrer angespannten Finanzlage, nicht jedoch seinem angeknacksten Ego zugute. Was immer er sie auch glauben machen wollte – er war tief gekränkt.
Nicht allein, dass Petrus sich gegenüber seiner Frau sexuelle Freiheiten herausgenommen hatte, er war auch sehr viel wohlhabender als Olle – ein Umstand, über den sich nicht mehr so leicht hinwegsehen ließ wie früher. Außerdem war er praktischer veranlagt, was Olle ebenfalls nicht gefiel. Wenn es darum ging, einen alten Hof zu renovieren, würde seine Hilfe unerlässlich sein. Und da Olle, zumindest dem Anschein nach, großmütig genug war, über den bedauerlichen Zwischenfall auf Petrus’ Flokati hinwegzusehen – und unbedingt sein Gesicht wahren wollte –, konnte er die Vereinbarung auch nicht einfach rückgängig machen und Petrus zum Teufel jagen. Er löste das Dilemma auf seine eigene Weise, nahm die uneigennützige Hilfe mit kaum verhüllter Herablassung in Anspruch und glaubte damit das Verhältnis auf den Kopf gestellt zu haben: Petrus’ Bedürfnis zu helfen wurde gnädig toleriert.
Joakim, den die atmosphärischen Spannungen kalt ließen, lief hinaus, um Petrus zu begrüßen. Und Kajsa tat das, was sie lieber hätte bleiben lassen sollen: Sie beschwor ihren Mann, sich anständig aufzuführen, wofür sie einen bösen Blick erntete.
»Soll ich etwa so tun, als seien wir ein Herz und eine Seele?«
»Nein, aber du könntest ein bisschen weniger gehässig auftreten.«
Er schob den Stuhl zurück. »Ich fahr mit rauf und helf ihm beim Ausladen«, brummte er, worauf er sich an Joakims Fersen heftete.
Sie schaute dem davonrollenden Wagen nach und befürchtete das Schlimmste.
Der Hof gehörte ihnen nun seit vier Wochen, und noch immer hatte sich kein Beziehungswunder ereignet. Aber wann hatten sie auch Zeit, um solch einem Wunder auf die Sprünge zu helfen? Alles drehte sich immerzu um den Umzug und Einkauf von Waren, um Bankkredite und Kalkulationen. Und Petrus’ Rolle als Freund der Familie war inzwischen untragbar geworden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Olle etwas Unüberlegtes tun, sie zum Beispiel auffordern würde, sich zu entscheiden.
In einer anderen und besseren Welt, falls solch eine überhaupt vorstellbar war, hätte sie sich für beide entschieden. Sie ergänzten einander so gut. Im Grunde ihres Herzens besaß sie eine große Schwäche für Petrus’ praktische Veranlagung. Ein Mann, der den Erfordernissen des Alltags so selbstverständlich gewachsen war, hatte etwas sehr Sympathisches an sich. Olle war unsteter, so wie sie. Unsicher und launisch, aber ein guter Begleiter bei mentalen Höhenflügen. Ihn wollte sie keinesfalls verlieren. Wenn in diesem Dreiecksdrama jemand geopfert werden musste, dann war es Petrus. Doch auch das war eigentlich unmöglich. Die Wurzeln ihrer Freundschaft reichten bis weit in die Vergangenheit zurück, in eine krisengeschüttelte Zeit, aus der sie dank Petrus mit heiler Haut herausgekommen war.
Genau gesagt, war es vor siebzehn Jahren gewesen. Sie stand damals ein Jahr vor dem Abitur und machte eine schwierige Entwicklung durch. Schließlich beschloss sie, die Flügel auszubreiten und im Einklang mit ihrer inneren Verwirrung zu leben. Das fiel ihr leichter, als sie geglaubt hatte. Sie gab sich mit Gleichgesinnten ausgiebigen Alkoholexzessen hin, blieb in den Nächten fort, wusste manchmal nicht einmal, wo. Den Sozialbetreuer ihrer Schule und den bestellten psychologischen Gutachter sah sie häufiger als ihre Lehrer. Und ihre Mutter trieb sie in den Zusammenbruch. Schließlich krönte sie ihr Werk mit einem lächerlich inszenierten Selbstmordversuch. Nicht dass sie in unmittelbarer Lebensgefahr geschwebt hätte – die Tabletten, die sie ihrer Mutter stibitzt hatte, hätten allenfalls einer Katze den Garaus machen können –, doch sie hatte ein Zeichen gesetzt, und nachdem ihr vorschriftsmäßig der Magen ausgepumpt worden war, stellte sie ihre Bedingungen. Sie wollte von zu Hause ausziehen.
Es wurde eine passende Familie gesucht, und so landete sie bei Petrus und Linnéa Levin, die zwei Söhne im jüngeren Teenageralter hatten. Bei ihnen lernte sie etwas kennen, das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen war: ein intaktes Familienleben. Sie wohnte zwei Jahre bei ihnen und machte eine erstaunliche Entwicklung durch.
Linnéa war alles, was Kajsas Mutter nicht war: lebensbejahend und empathisch, mit genau der richtigen Prise schwarzem Humor – und vor allem konnte sie zuhören. Eine revolutionäre Erfahrung für Kajsa, die bis dahin geglaubt hatte, man müsse sich am Rande der Hysterie bewegen, um Gehör zu finden. Petrus tat seinerseits nichts Besonderes, war einfach da, sicher und kompetent und wie geschaffen dafür, dass man zu ihm aufblickte.
Die Levins waren kluge Leute, die leidenschaftlich gern lasen, um anschließend unprätentiös und spielerisch über ihre Lektüre zu diskutieren. Auch das war etwas Neues für Kajsa. Nicht das Verschlingen von Büchern – das tat sie, seit sie lesen konnte –, aber das Gespräch darüber und die gegenseitige Inspiration.
Auch Humor und Toleranz standen hoch im Kurs und wurden besonders gepflegt. Erst Jahre später hatte sie gedacht: vielleicht auf Kosten der Aufrichtigkeit. Hingegen wurde es nicht geschätzt, wenn man unglücklich war, auch nicht für kurze Zeit. Zudem nahm sie unterschwellige Spannungen wahr: Zwischen den Eheleuten Levin schien eine latente Verbitterung zu herrschen. In dieser stummen Auseinandersetzung ergriff sie im Stillen Partei für Petrus. Auf ihn durfte kein Schatten fallen. Für ihn hegte sie eine unkritische Bewunderung.
Seine Gefühle für sie waren natürlich wohlwollend gewesen und äußerten sich auf die etwas zerstreute Weise, die zu dieser Zeit so typisch für ihn war. Schon damals war er ein Mann gewesen, der tausend Eisen im Feuer hatte. Doch sie, deren Vater nicht nur geistig, sondern auch körperlich durch Abwesenheit glänzte, hatte sich nach einer substanzielleren Wertschätzung gesehnt.
Es war wichtig für sie, dass ausgerechnet er sich für ihr Seelenleben interessierte; dass ausgerechnet er von ihren bestechenden Gedanken erfuhr, deren Brillanz ihn blenden sollte. Und obwohl sie ihn nicht allein durch ihren Geist erobern konnte, sondern ihn auch physisch beeindrucken wollte, musste sie doch schließlich den Tatsachen ins Auge sehen.
Das hatte Linnéa längst getan, und zwar mit großer Gelassenheit. Ihr Mann bemerkte nämlich gar nicht, dass er Gegenstand einer heftigen Teenagerverliebtheit geworden war. Nur Kajsa blieb nicht gelassen. Es war außerordentlich unangenehm, sich in einen Mann zu verlieben, den man als eine Art Vater ansah. In ihrem knapp zwanzigjährigen Herzen war sie zutiefst unglücklich. Und da man in der Familie Levin alles, nur nicht unglücklich sein durfte, fand sie es an der Zeit, auszuziehen und ihr Glück in Lund zu versuchen. Dort studierte sie vier Semester Literaturgeschichte und nordische Sprachen und hatte im Nu ein paar kurze Affären mit Gleichaltrigen hinter sich gebracht, die keine tieferen Spuren hinterließen. Dann erschien Olle auf der Bildfläche, und alles kam so, wie es kommen sollte. Oder auch nicht . . .
Als sie Petrus das nächste Mal begegnete, geschah dies unter vollkommen veränderten Umständen. Acht Jahre waren seit dem letzten Mal vergangen, und jetzt war sie selbst verheiratet und hatte einen Sohn. Er hingegen war geschieden. Linnéa war wieder verheiratet und wohnte irgendwo auf dem Land. Die Söhne waren erwachsen und gingen ihrer eigenen Wege.
Ihre Teenagerverliebtheit betrachtete sie in jener Zeit in mildem Licht. Denn sie hatte sich ihre Dankbarkeit bewahrt, und die Sympathie für Petrus war ungebrochen. Da war es doch eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihm jetzt die Tür zu ihrem Heim öffnete, so wie er es damals für sie getan hatte. Er kam öfter zu Besuch, und so entwickelte sich ihre Freundschaft.
Petrus unternahm ein paar tapfere Versuche, eine neue Frau kennen zu lernen, aber die Beziehungen hielten nie lange. Stattdessen widmete er sich mit größter Energie seinem Unternehmen und seiner politischen Karriere – Seiten an ihm, die sie kaum kannte und über die sie auch nur selten sprachen. Über andere Themen diskutierten sie umso mehr, zum Beispiel über die Bücher, die sie gelesen, und Filme, die sie gesehen hatten. Und natürlich vertieften sie sich immer wieder in das Thema, das ihnen besonders am Herzen lag, nämlich ihr Leben.
Seiner wachsenden Verliebtheit hatte sie anfänglich mit Humor begegnen können. Und natürlich hatte sie sich geschmeichelt gefühlt. Der einst Unerreichbare war zu ihr hinabgestiegen. Schließlich hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen, nach der sie sich als Teenager so sehr gesehnt hatte. Doch mit dieser war es wie mit den meisten Dingen im Leben: Wenn man endlich bekommt, was man will, wünscht man sich bereits etwas anderes.
Bis zu jenem unglückseligen Abend vor ein paar Monaten war alles wunderbar gewesen. Jenem Abend, an dem sie so aufgewühlt gewesen war und erkannt hatte, dass es in ihrem Verhältnis zu Petrus noch unerfüllte Wünsche gab . . .
Sie hörte, wie der Wagen zurückkam, und stellte sich in die Tür. Petrus war allein. Sie brauchte ihn nur kurz anzusehen, als er auf das Haus zuging, um zu wissen, dass etwas passiert war.
»Wo sind Olle und Joakim geblieben?«, fragte sie.
Er antwortete erst, als er die Treppe erreicht hatte. »Olle hat mir gerade gesagt, ich soll mich zum Teufel scheren.«
Ihre bösen Ahnungen hatten sich also bewahrheitet. Dennoch fragte sie: »Meint er das im Ernst?«
»Es schien ihm sehr ernst zu sein.«
»Hat Joakim zugehört?«
»Nein, er war nicht in der Nähe.«
»Gott sei Dank«, sagte sie und ließ sich kraftlos auf die Stufen sinken. »Ich hatte schon so was erwartet. Vermutlich war das Handy der Auslöser.«
Das ohnehin empfindliche Gleichgewicht war gestört worden, als Petrus ihr vor kurzem ein Handy geschenkt hatte. Das exakte Gegenstück zu seinem eigenen. Das neueste und teuerste, das auf dem Markt zu haben war. Vielleicht nicht das taktvollste Geschenk der Welt, doch sie hatte sich darüber gefreut und konnte es wirklich gut gebrauchen. Olle hingegen witterte geheime Absichten, nämlich die schnurlose Kommunikation zwischen seiner Frau und ihrem verhinderten Liebhaber.
Petrus setzte sich neben sie auf die Treppe. Er schien am Boden zerstört zu sein.
»Er hat unsere Vereinbarung aufgekündigt und will die Waren künftig woanders einkaufen. Außerdem will er mich hier nicht mehr sehen.«
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Olles Verhalten war so schrecklich unreif und kurzsichtig. Natürlich gab es vieles, das ihm zurzeit auf die Nerven ging. Zum Beispiel all die Verwandten, die sich hier einfanden, ihnen den finanziellen Ruin prophezeiten und den Hof als völlig baufällig bezeichneten.
»Ich hoffe, er weiß, was er tut«, sagte Petrus.
Genau das weiß er sicherlich nicht, dachte sie.
Petrus nahm ihre Hand. »Du weißt ja, dass ich euch jederzeit helfe, wenn ihr in der Klemme seid. Auch wenn ich es hinter seinem Rücken tun muss.«
Sie schauderte bei dem Gedanken und fühlte sich in Olles Namen brüskiert. »So hilflos ist er auch wieder nicht«, sagte sie bedächtig. »Wir kommen schon zurecht.«
»Können wir uns trotzdem ab und zu treffen?«
»Vielleicht sollten wir damit etwas warten . . . Er braucht wohl noch etwas Zeit.«
»Ich rede nicht von ihm. Dich will ich treffen.«
»Ich glaube, im Moment ist das keine gute Idee.«
»Musstest du ihm denn unbedingt davon erzählen?«
Die Frage ließ sie innerlich zusammenzucken. Er glaubte sicher, seine Beharrlichkeit würde irgendwann Früchte tragen. Aber es war unter ihrer Würde, sich zur Liebe überreden zu lassen. Ihre Nüchternheit wuchs im Takt mit seinen Vorstößen.
»Ich tue nichts ohne sein Wissen«, sagte sie und zog die Hand zurück. »Das musst du doch verstehen.«
Doch sein Verständnis war äußerst zweifelhaft. Als er aufstand und zu seinem Wagen ging, zeugten seine Stimme und seine Körperhaltung von tief verletzten Gefühlen.
»Du weißt ja, wo du mich finden kannst«, sagte er noch, dann fuhr er davon.
Da sie zu extremen Stimmungsschwankungen neigte, verfiel sie schlagartig in eine abgrundtiefe Verzweiflung. Olle hatte seinen Willen bekommen. Er hatte sie gezwungen zu wählen, und jetzt hatte sie einen Freund weniger. Petrus würde ihr fehlen. Sie spürte bereits den Verlust seiner Fürsorglichkeit, die in all den Jahren so selbstverständlich gewesen war.
Erst kürzlich hatte Olle in düsterem Ton darauf hingewiesen, dass es ihnen noch Leid tun könnte, alle Brücken hinter sich abgebrochen zu haben, doch sie hatte seine Bedenken in den Wind geschlagen. Allerdings hatte ihre Sorglosigkeit auf dem Wissen basiert, dass Petrus seine schützende Hand über sie hielt. Fortan würde ihnen der Wind ins Gesicht wehen. Sie hatten allenfalls drei Monate Zeit, um den Hof in eine bewohnbare Behausung zu verwandeln, ehe die Herbstkälte einsetzte. Wie sie das schaffen sollten, war ihr im Grunde ein Rätsel.