Читать книгу Die Ruhe vor dem Sturm - Schweden-Krimi - Helena Brink - Страница 8
4 DONNERSTAG, 17. APRIL
ОглавлениеAm Skogsduvestigen in Malmö, im Stadtteil Söderkulla, befand sich eine Reihe kleinerer Backsteinhäuser mit zugehörigen Gärten. Eines von ihnen wurde von Birger Rösling samt Familie bewohnt.
An diesem Donnerstagabend, der so zu werden versprach wie alle anderen, betrat er nach einem harten Arbeitstag sein Wohnzimmer und machte es sich in einem ochsenblutfarbenen Fernsehsessel bequem. Nachdem er sich seiner Schuhe entledigt und seine tauben Füße auf den Schemel gebettet hatte, stieß er einen wohligen Seufzer aus.
Erst nach diesen Vorbereitungen ließ er die Maske fallen. Das heißt, er schloss die Augen und legte sein Arbeitsgesicht ab. Das freundlich entgegenkommende, das sachkundige und zuverlässige, nicht zuletzt das, welches für eine Vertrauen erweckende Intelligenz bürgte. Mit vollkommen leerer und friedfertiger Miene streckte er sich nach der Fernbedienung und begann sich durch die fünfundzwanzig Fernsehkanäle zu zappen. Er war hungrig, und da seine Frau gerade das Abendessen zubereitete, brauchte er nur zu warten.
In der Küche war Gunnel Rösling vollauf damit beschäftigt, Zwiebeln zu schälen, Hackfleisch zu braten, Tomaten zu schneiden und Teller aus dem Schrank zu holen, während sie den Küchenfernseher, in dem gerade eine Quizshow lief, nicht aus den Augen ließ. Wie üblich wusste sie die Antworten, noch ehe die Kandidaten auf den Knopf drücken konnten. Ihre Auffassungsgabe und Reaktionsschnelligkeit waren außerordentlich. Eine Tatsache, die besonders im Vergleich zu ihrem Ehemann auffiel. Sie wusste meist schon, was er sagen wollte, bevor er den Mund öffnete. Vielleicht tat er es deshalb so selten.
Dann gab es noch ihren achtzehnjährigen Sohn Linus, der gerade in seinem Zimmer vor dem Computer saß. Wie seine Mutter besaß er eine ungewöhnlich rasche Auffassungsgabe, und wie sein Vater war er ziemlich hungrig. Während er auf den erlösenden Ruf aus der Küche wartete, testete er zerstreut eine brandneue Demoversion von Duke Nuk’em.
Strategisch im Zentrum, also im Eingangbereich des Hauses, lag ein in die Jahre gekommener schwerhöriger Labrador, der hin und wieder auf den Namen Sessan hörte. Im Kreuzfeuer der drei lärmenden Geräuschquellen genoss er einen tiefen, ungestörten Schlaf.
Da klingelte es an der Tür.
Weder den Hund noch Birger oder seine Frau schien dies zu kümmern. Alle Erfahrung sprach dafür, dass ein Besuch zu dieser Zeit nur Linus gelten konnte.
»Linus, es klingelt!«, rief sein Vater aus dem Wohnzimmer.
Als nichts geschah, rief seine Mutter aus der Küche, diesmal noch lauter: »Linus! Hörst du nicht? Mach doch die Tür auf!«
Linus ging zur Haustür und öffnete sie.
Nach weniger als einer halben Minute stand er auf der Schwelle zum Wohnzimmer. »Da ist ein alter Mann, der nach dir fragt.«
Birger hob die Augenbrauen. »Ein alter Mann? Hat er gesagt, was er von mir will?«
»Nee.«
Birger erhob sich ächzend aus seinem Sessel und bemühte sich, während er auf Socken die Haustür ansteuerte, um einen angemessenen Gesichtsausdruck: nicht direkt unfreundlich, doch auch nicht zu entgegenkommend.
Draußen stand tatsächlich ein Mann mit Plastiktüte und dümmlichem Lächeln.
»Hallo, Birger! Du erkennst mich vermutlich nicht, es ist ja schon einige Jahre her. Ich bin Max, dein Halbbruder.«
Der erste Gedanke, der dem verdutzten Birger durch den Kopf schoss, war: Lebt der immer noch? Doch natürlich ließ er sich seine Verblüffung nicht anmerken.
»Ach . . .«, sagte er stattdessen.
»Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen – ich dachte mir, es wäre schön, dich nach all den Jahren wiederzusehen. Du siehst gut aus. Man will doch seine . . . relatives sehen nach so langer Zeit.«
Birgers zweiter Gedanke war: Verdammt! Dann hatte er den ersten Schock verdaut, trat zur Seite und bemühte sich um die unverbindliche Freundlichkeit, die zu seinen beruflichen Fertigkeiten gehörte.
»Was für eine Überraschung. Komm doch herein.«
Der plötzlich auferstandene Bruder ging rasch an ihm vorbei in die Diele und schaute sich um. »Ein schönes Haus hast du. War das dein Junge, der mir aufgemacht hat?«
»Ja, er heißt Linus.«
»Tja, wie die Zeit vergeht.«
Birger warf einen Blick auf die Plastiktüte. »Kommst du direkt aus Amerika?«
Max begann sich den Mantel auszuziehen. »Nein, nicht direkt – ich bin seit einer Woche hier. Wollte mich schon früher bei dir melden, aber ich hatte eine Erkältung und musste für ein paar Tage das Bett hüten. Ist ja ganz schön kalt für die Jahreszeit.«
Birger nahm ihm den Mantel ab und bemerkte, dass Max gar nicht so betagt aussah, wie er anfangs hatte glauben wollen. Wie alt mochte er sein? Mindestens siebzig. In diesem Fall war er gut in Schuss. Fast zwei Meter groß und robust gebaut, mit vollem Haar und frischer Gesichtsfarbe. Sorgfältig gekleidet war er auch.
»Ja, für April ist es ziemlich kalt«, sagte er. »Wohnst du hier in Malmö?«
»Ich habe mich in einem kleinen Hotel in der Norra Vallgata eingemietet.«
»Komm rein und setz dich«, sagte Birger. »Du musst nur auf die Hündin Acht geben. Sie ist schon alt und bewegt sich nicht mehr vom Fleck.« Er führte ihn ins Wohnzimmer, stellte den Fernseher aus und ließ seinen Gast auf dem Sofa Platz nehmen.
»Besuchst du also mal wieder deine alte Heimat. Wie lange willst du bleiben?«
»Ich werde nicht zurückfliegen. Ich bleibe hier.«
»Was du nicht sagst«, entgegnete Birger, dachte jedoch im Stillen: Herrgott, was kommt da auf uns zu?
Der andere lächelte schwermütig. »Man wird schließlich nicht jünger – ich dachte mir, es wäre an der Zeit, meine schwedische Rente in Anspruch zu nehmen.«
»Ach so . . .«
»Obwohl ich mich noch nicht entschieden habe, wo ich wohnen will. Werde mich wohl erst mal ein wenig umsehen.«
Birger blieb unschlüssig stehen und dachte wehmütig an den verdorbenen Fernsehabend. Dies war sicherlich keine Stippvisite. Vermutlich würden sie gar gezwungen sein, Max zum Abendessen einzuladen. Eigentlich sollte er voller Neugier sein und den überraschenden Besuch seines Halbbruders aus Amerika als willkommene Abwechslung begrüßen, aber dem war nicht so. Stattdessen verspürte er eine unbestimmte Unruhe. Irgendetwas sagte ihm, dass es Probleme geben würde.
»Das ist sehr lange her . . .«, sagte er zögerlich. »War das nicht irgendwann in den Fünfzigern?«
»’52. An Neujahr. Du warst damals erst acht. Vielleicht erinnerst du dich gar nicht mehr an mich.«
»Doch, doch – obwohl die Erinnerungen an diese Zeit sehr verblasst sind«, entgegnete Birger vorsichtig.
»Ich kann mich jedenfalls daran erinnern, dass du ein netter, bescheidener Junge warst. Ich mochte dich stets lieber als deinen Bruder. Mit Leif war es nicht so einfach.«
»Wir wollten gerade zu Abend essen. Vielleicht möchtest du uns Gesellschaft leisten?«
Max’ Gesicht hellte sich auf. »Das wäre mir eine Freude.«
»Ich muss nur eben . . . meiner Frau Bescheid sagen.« Birger eilte in die Küche.
Dort standen Gunnel und Linus mit fragender Miene.
»Wer ist das?«, sagte Gunnel.
»Mein Halbbruder Max, aus Amerika. Wir sollten ihn zum Essen einladen.«
»Dein Halbbruder?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Ich dachte, der wäre längst tot.«
»Schsch. . . nicht so laut, er kann dich hören. Nein, er wirkt ziemlich lebendig. Er sitzt drüben auf dem Sofa.«
»Ist er reich?«, fragte Linus.
»Keine Ahnung«, antwortete Birger und fügte nachdenklich hinzu:
»Aber ich kann es mir nicht vorstellen, sonst wäre er bestimmt nicht hierher gekommen.«
»Jedenfalls wird er sich mit Spaghetti und Hackfleischsoße begnügen müssen«, sagte Gunnel, während sie mit indignierter Miene einen weiteren Teller auf den Tisch stellte.
Die überrumpelte Familie brauchte ein wenig Zeit, um sich auf den redseligen Gast aus Übersee einzustellen.
Nachdem Max eine Pralinenschachtel aus der Plastiktüte hervorgezaubert hatte, überhäufte er die Gastgeberin mit banalen Komplimenten zu ihrem schönen Heim und ihren vielversprechenden Kochkünsten. Als er in seiner irrigen Annahme, sie sei ausschließlich Hausfrau, korrigiert worden war – tatsächlich rackerte sie sich als Krankenschwester ab –, klopfte er Birger freundschaftlich auf den Rücken.
»Und was machst du so beruflich? Ich habe in der Automobilbranche gearbeitet.«
»Ich verkaufe Fernseher«, antwortete Birger.
»Fernseher? Fährst du etwa in der Gegend rum und klingelst bei den Leuten an der Tür?«
»Er leitet ein Geschäft, das zum Mediaring gehört«, erklärte Gunnel. »Das ist eine der größten Ladenketten in ganz Malmö«, fügte sie hinzu, während sie ihrem Mann einen zurechtweisenden Blick zuwarf. Sie begriff nicht, warum er sein Licht immer unter den Scheffel stellte.
»Na dann weiß ich ja, an wen ich mich wenden muss, wenn ich mir mal einen Fernseher zulegen will«, sagte Max leutselig. Danach wandte er sich an Linus. »Und was macht der Sohn des Hauses? Tritt er in Papas Fußstapfen?«
Der Sohn des Hauses sah angesichts dieser Annahme ziemlich beleidigt aus.
»Linus steht ein Jahr vor dem Abitur«, teilte Gunnel fast ebenso beleidigt mit. »Er fängt im Herbst an zu studieren und will Diplomingenieur werden.«
»Is ja ’n Ding!«, gluckste Max und ließ sich am Esstisch nieder.
Gunnel gab Acht, dass Spaghetti und Soße gerecht verteilt wurden. Da ihr Mann ein hoffnungslos unbeholfener Gesprächspartner war, fiel ihr auch die Aufgabe zu, dem Gast höfliche Fragen hinsichtlich seiner Vergangenheit in Amerika zu stellen, was jedoch angesichts dessen Redseligkeit nicht besonders schwierig war. Während er aß, entwarf er mit leichter Hand das Bild eines redlichen und arbeitsamen Daseins in Chicago.
»Ich habe fast vierzig Jahre lang für dieselbe Firma gearbeitet«, teilte er mit hörbarem Stolz mit. »Herzner and Gouldman Motors in Aurora, außerhalb von Chicago. Eine alteingesessene Firma. Filialen in sieben Staaten. Hab mich vom Laufburschen bis zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Und das waren wirklich keine Schrottkisten, mit denen wir gehandelt haben. Spezialanfertigungen, erstklassiges Handwerk. Unsere Kunden – reiche Leute, versteht sich – wussten, dass sie bei uns nur das Beste kriegen. In den letzten Jahren waren es vor allem europäische Sportwagen. Ich kannte jedes verkaufte Auto aus dem Effeff, und nicht nur das. . .«, er klopfte sich an die Stirn, »hab alles hier drin gehabt, jedes einzelne Detail. Möchte, ehrlich gesagt, nicht in der Haut meines Nachfolgers stecken.«
»Dann bist du also erst vor kurzem in Pension gegangen?«, fragte Gunnel.
»Genau. Obwohl sie mich natürlich behalten wollten. Sie haben mich förmlich angefleht und mir mehr Geld geboten. Aber ich hatte genug. Bin ja schließlich nicht mehr der Jüngste.«
Gunnel blickte verstohlen auf seine linke Hand, die ein schmaler Ehering zierte.
»Und deine Familie. . .«
Der Redefluss des Gastes geriet für einen Augenblick ins Stocken.
»Meine Frau ist letztes Jahr gestorben«, sagte er bedächtig, während er zärtlich über den Ring strich.
»Das tut mir Leid . . .«
»Alice war eine höchst ungewöhnliche Frau«, sagte er mit zitternder Stimme. »Eine großartige Frau, wollte ich sagen. Schwedischer Abstammung, so wie ich. Geboren in Little Falls, Minnesota. Sie hat eine große Lücke hinterlassen.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
»Ich habe nur für zwei Dinge gelebt: für meine Frau und meine Arbeit. Als beides fort war, konnte ich nicht länger dort bleiben. Ich fühlte mich nicht mehr zu Hause, begann mich nach meinem Heimatland und meinen relatives zu sehnen. Habe darauf gehofft, dass sie mich mit offenen Armen empfangen.«
Offensichtlich gerührt von seinen eigenen Worten, ließ er seine feuchten Augen über den verstummten Familienkreis wandern.
Birgers Gedanken waren in der letzten Stunde um das Anliegen gekreist, mit dem sein Bruder vermutlich irgendwann herausrücken würde. Wollte er sich womöglich Geld leihen, und wieweit konnte er sich in solch einem Fall strecken? Oder . . . Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Vielleicht würde er gar bei ihnen wohnen wollen. Er ging rasch sein Repertoire wasserdichter Begründungen durch, mit denen solch ein Begehren im Keim zu ersticken wäre.
»Hast du eigentlich einen Besuch auf Röshult geplant?«, fragte er, um das Terrain zu sondieren.
Max’ Antlitz verdunkelte sich. »Dawar ich schon«, sagte er schroff. »Ich wollte den Hof natürlich gern wiedersehen, aber dort war ich unerwünscht. Wir haben uns sofort in die Haare gekriegt.«
»Du bist also nicht lange geblieben?«
»Ich habe ein bisschen was zu essen bekommen, aber es blieb mir fast im Hals stecken. Leif war unausstehlich, und Gertrud, na ja, die war eben wie immer. Ich bin noch am selben Abend wieder weggefahren.«
Birger fragte sich, ob das gute oder schlechte Nachrichten waren. Vielleicht war es ungerecht, dem Halbbruder schlechte Absichten zu unterstellen. Trotz allem, was man über ihn gehört hatte, konnte er doch ein netter Kerl sein, der nur seine Verwandten besuchen wollte. Doch schon das Wort »Verwandte« hatte für Birger einen unheilvollen Klang. Um wie vieles erträglicher wäre das Leben ohne sie verlaufen? Auf seine schüchterne Weise, so glaubte er, war es ihm gelungen, sie abzuschütteln. Aber das unvermutete Auftauchen eines neuen Familienmitglieds konnte unabsehbare Komplikationen nach sich ziehen, im schlimmsten Fall dazu führen, dass die mühsam erkämpfte Distanz verloren ging.
»Ich stehe auch nicht auf besonders gutem Fuß mit ihnen«, äußerte er vage.
»Ja, so habe ich Gertrud auch verstanden.«
»Kann mir schon denken, was die erzählt hat«, warf Gunnel gereizt ein.
»Nun, sie hat gar nichts Bestimmtes erzählt, aber ich habe verstanden, dass euer Verhältnis eher angespannt ist, was ja nur für euch spricht«, sagte Max und tätschelte Birger freundschaftlich den Arm, bevor er sich an Gunnel wandte. »Gibt’s noch mehr von der leckeren Fleischsoße?«
Erst während des Kaffees im Wohnzimmer – Linus hatte sich inzwischen verabschiedet, und Gunnel war so weit aufgetaut, dass sie ihren Aprikosenlikör hervorgeholt hatte – kam Max auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen.
»Von deinem Erbe hast du noch nicht viel gesehen, nehme ich an«, sagte er unvermittelt.
»Welches Erbe?«, fragte Birger.
»Na, das des Alten.«
Gunnel setzte klirrend die Kaffeetasse ab und sah Max neugierig an.
»Seit Jahren versuche ich ihm das klar zu machen, aber auf dem Ohr ist er taub.«
Max zwinkerte ihr verständnisvoll zu. »Dann wollen wir mal sehen, ob er mir besser zuhört«, sagte er und stieß Birger einen Zeigefinger in die Rippen. »Man darf nicht zu nett sein, verstehst du, sonst zieht man immer den Kürzeren. Dir steht eine ganze Menge zu, genau wie mir.«
»Es liegt Birger leider nicht, von anderen etwas zu fordern«, sagte seine Frau spitz.
»Aber es gibt doch gar kein Geld, das man da rausholen könnte«, verteidigte sich Birger. »Alles ist schließlich an den Hof gebunden.«
Max lächelte nachsichtig, als hätte er eine freudige Überraschung in der Hinterhand. »Sure, aber der Hof ist viel wert, und zumindest ich habe vor, meinen Anteil zu kassieren, solange ich noch am Leben bin.« Er schlug sich nachdrücklich auf die Knie. »Das Erbe wird verdammt noch mal aufgeteilt!«
Birger starrte ihn ungläubig an. Das konnte unmöglich sein Ernst sein.
»Wie soll das gehen?«, fragte er matt. »Die können den Hof doch nicht einfach verkaufen.«
»Warum nicht?« Max lachte grimmig. »Vielleicht werden sie dazu gezwungen sein. Zumindest werden sie nicht umhinkommen, einen Teil zu veräußern. Sonst müssen sie halt eine höhere Hypothek aufnehmen.«
Gunnels Lippen kräuselten sich zu einem zufriedenen Lächeln. »Ganz meine Meinung«, sagte sie.
»Damit werden sie niemals einverstanden sein«, wandte Birger ein.
Seine Frau reagierte auf diesen Einwand mit einem demonstrativen Seufzer.
»Bei dir hört sich das an, als könnte man gegen die beiden beim besten Willen nichts ausrichten«, sagte Max. »Aber auch sie müssen sich wie alle anderen an die Gesetze halten. Wenn ich mit einem Anwalt gesprochen habe und meine Ansprüche stelle, dann wirst du schon sehen, wie schnell sie reagieren.«
Birger erschrak angesichts der brutalen Entschlossenheit dieser Worte und blickte verzagt in seine Kaffeetasse. Sein ungutes Gefühl war also berechtigt gewesen. Es würde Ärger geben.
»Auch wir haben Ansprüche«, betonte Gunnel.
»Natürlich habt ihr das«, gab Max ihr Recht. »Darum bin ich doch schließlich hierher gekommen, damit wir uns beratschlagen können.«
Birger zuckte zusammen. Es schien ihm, als wehte ein kalter Luftzug durch den Raum und kündete von künftigem Unheil. Wie sollte er ihnen erklären, dass ihn das Erbe nicht interessierte. Dass er einfach seine Ruhe haben wollte.
»Sie haben die Möglichkeit verstreichen lassen, sich gütlich mit uns zu einigen«, fuhr Max fort. »Jetzt sollen sie sehen, was es heißt, sich mit Anwälten herumschlagen zu müssen. Wir beide sind ebenso Söhne des Alten wie Leif, also kann er den Hof nicht einfach für sich allein beanspruchen. Ein bisschen profitieren wollen wir schließlich auch – von so einem bösen Vater.«
»Und so einer bösen Mutter«, fügte Gunnel hinzu. »Birger hat als unbezahlter Knecht auf dem Hof gearbeitet, bis er fast dreißig war. Da sollte er doch endlich ein bisschen Lohn für diese Plackerei kassieren.«
»Ja, die haben wirklich lange genug auf unserem Geld gesessen«, stellte Max fest. »Höchste Zeit, dass wir bekommen, was uns zusteht.« Er hob das Likörglas und kippte den süßen Inhalt mit einer Grimasse hinunter.
Ihre Argumentation hatte einen Haken, aber Birger konnte ihn nicht benennen. Alle Einwände, die ihm auf der Zunge lagen, lösten sich in Nichts auf, sobald er sie zu formulieren versuchte. Gunnel hatte endlich einen Verbündeten gefunden, der bereit war, an ihrer Seite den Kampf aufzunehmen. Gemeinsam würden sie ihn bearbeiten, und Gunnel würde rasen vor Zorn, wenn er sich wehrte. Doch er musste sich wehren, denn der Niedergang, den Röshult zwangsläufig erleiden musste, würde sich nicht auf den Hof beschränken. Seine Fantasie ging mit ihm durch, und sofort kam ihm die schlimmste aller möglichen Konsequenzen in den Sinn. Was geschah mit seiner Mutter, wenn Röshult verkauft werden musste? Würde sie verlangen, bei ihnen einzuziehen? Dann würde er sich ins Meer stürzen.
Als hätte seine Frau geahnt, was in ihm vorging, erklärte sie mit hörbarer Verachtung: »Birger hat einen Riesenbammel vor seiner Mutter.«
»Das spricht nur für ihn«, entgegnete Max teilnahmsvoll. »Vor ihr muss man sich wirklich in Acht nehmen.«
Gunnel witterte die Gelegenheit, ihr eigenes Martyrium zu schildern. »Es war weiß Gott kein Vergnügen, sie als Schwiegermutter zu haben«, seufzte sie. »Was habe ich im Lauf der Jahre nicht alles durchgemacht, und Birger hat sich ja nie getraut, ihr die Meinung zu sagen.«
»Sie ist eine richtige Hexe«, stellte Max fest. »Bloß schade, dass sich Leif nie von ihr lösen konnte. Er hat es wohl mal mit einer Ehe versucht, aber ich glaube, sie hat die Sache kaputtgemacht. Was ist eigentlich aus seiner Frau geworden?«
»Stimmt, er war verheiratet«, bestätigte Gunnel. »Aber die Arme hatte nach ein paar Jahren anscheinend genug, nachdem sie begriff, dass sie eigentlich mit Gertrud verheiratet war.«
»Sind sie denn rechtmäßig voneinander geschieden worden?«, fragte Max beunruhigt. »So etwas ist vielleicht wichtig, wenn das Erbe geteilt werden soll.«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Gunnel. »Das ist schon so lange her – bevor ich Birger getroffen habe.« Sie schaute zu ihrem Mann hinüber. »Weißt du, ob sie geschieden wurden?«
»Ich glaube schon«, sagte Birger zerstreut.
Max kicherte zufrieden. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er.
»Wenn wir drei zusammenhalten, werden wir schon mit ihnen fertig.«
Gunnel hatte einen konzentrierten Blick bekommen, als überschlage sie bereits ihr künftiges Vermögen. »Wo, hast du gesagt, wohnst du noch gleich?«, wandte sie sich an ihren frisch erworbenen Schwager.
»In einem kleinen Hotel an der Norra Vallgata.«
»Das ist doch bestimmt kein Vergnügen – und teuer wird das auch mit der Zeit. Du könntest auch bei uns wohnen, bis du was Passendes gefunden hast.«
Max war sichtlich überrascht. Der Ordnung halber wandte er sich an Birger, um dessen Meinung einzuholen, aber Gunnel ließ ihren Mann gar nicht zu Wort kommen.
»Wir haben doch den Hobbyraum«, fügte sie nachdenklich hinzu. »Wenn Birger seinen Krempel ein bisschen wegräumt und wir ein Bett hineinstellen, wird es richtig gemütlich werden. Allerdings musst du den Raum mit seinen Fischen teilen, Birger hat sein Aquarium dort. Ansonsten könntest du schon morgen bei uns einziehen.«
»Wie großzügig von euch«, entgegnete Max mit strahlendem Lächeln. »Also ein solches Angebot kann ich wirklich nicht ablehnen.«
Da die Sache bereits abgemacht war, schwieg Birger. Doch im Stillen jammerte er vor sich hin. Was Gunnel als »seinen Krempel« bezeichnete, waren seine Bücher, seine Stereoanlage und seine Schallplattensammlung. Er sollte also seiner einzigen Zufluchtsstätte beraubt werden, seiner friedvollen Gemeinschaft mit den Fischen und seiner inspirierenden Stunden mit Mahler und Beethoven.
Vielleicht betrachtete sich Max schon als Familienmitglied, denn dieser griff mit größter Selbstverständlichkeit zur Flasche mit dem Aprikosenlikör und füllte großzügig die Gläser.
»Darauf trinken wir!«, sagte er und hob sein Glas. »Auf unsere Verwandtschaft und auf gute Zusammenarbeit.«
»Auf unser Erbe«, kicherte Gunnel.
Birger schwieg weiterhin.
»Du willst dir also einen Anwalt nehmen?«, fragte Gunnel, die trotz des zwischenzeitlichen Themenwechsels das Wesentliche nicht aus dem Blick verlor.
»Exactly«, antwortete Max. »Fragt sich nur, welchen. Hier ist es doch sicher wie in den Staaten – es gibt eben gute und schlechte Anwälte. Kennt ihr nicht vielleicht einen Anwalt, der gut und zuverlässig ist?«
»Nein, wir kennen keine Anwälte«, sagte Gunnel. »Gott sei Dank haben wir nie einen gebraucht. Die sind doch alle so schrecklich teuer. Ich habe von Leuten gehört, die von ihren eigenen Anwälten fast in den Ruin getrieben wurden. Gibt es keine andere Möglichkeit?«
»Wir müssen doch mit jemandem reden, der sich mit Erbrecht auskennt«, sagte Max.
Gunnel betrachtete ihren Mann und sagte nachdenklich: »Birger kennt einen Juristen, der für eine Versicherungsgesellschaft arbeitet. Wie hieß der noch gleich, dieser nette Kerl?«
Birger sah sich zu entschiedenem Protest veranlasst: »Der hat doch nur mit Versicherungen zu tun. Außerdem wird er gar keine Zeit haben.«
»Wenn er Jurist ist, dann wird er auch was vom Erbrecht verstehen«, entschied Gunnel. »Und es kann ja wohl nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen, uns ein paar Informationen zu geben. Ich finde, du solltest ihn anrufen, und zwar jetzt gleich.«
»Jetzt gleich?«
»Ja, warum nicht? Es ist doch erst acht Uhr. Und vergiss nicht, dir einen Termin für uns geben zu lassen.«
Sie schauten ihn auffordernd an; alle eventuellen Einwände erstarben auf seinen Lippen.
Mit einem unterdrückten Seufzer stand er auf und rief Olle Linder an.