Читать книгу Die Ruhe vor dem Sturm - Schweden-Krimi - Helena Brink - Страница 7
3 SAMSTAG, 12. APRIL
ОглавлениеMit einem Ruck fuhr er aus dem Schlaf und blickte sich in dem unbekannten, halbdunklen Raum um. Er brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren. Zum wievielten Mal er an die Oberfläche seines Bewusstseins gelangt war, wusste er nicht. Jedenfalls lag er immer noch in dem verdammten Bett.
Im Lauf des Tages hatte er mehrere Versuche unternommen, das Bett zu verlassen, am Ende jedoch einsehen müssen, dass er sehr krank war. Es war ihm ein paar Mal gelungen, sich auf die Toilette zu schleppen. Außerdem hatte er Besuch gehabt. Zuerst von einer Frau, die ihm eine Kanne Tee und belegte Brote brachte. Er hatte die Teekanne geleert, doch die Brote lagen immer noch ungegessen auf dem Nachttisch. Später war sie mit einer weiteren Kanne Tee gekommen, diesmal in Begleitung eines Mannes. Vom Fußende des Bettes aus hatten sie ihn besorgt und ungeduldig angestarrt.
Der Mann hatte vorgeschlagen, einen Arzt zu rufen, was er sich verbeten hatte. Alles, was er brauchte, war Ruhe. Doch gegen eine weitere Decke und ein paar Schmerztabletten hatte er nichts einzuwenden gehabt. Er konnte sich nur nicht daran erinnern, ob er sie auch eingenommen hatte. Nachdem das Paar unschlüssig den Raum verlassen hatte, war ihm klar geworden, dass sie ihm eine Frist bis zum nächsten Tag setzten. Sollte es ihm bis dahin nicht besser gehen, würden sie ihm zumindest einen Arzt aufdrängen, ob er nun wollte oder nicht. Er verstand sie. Als Hotelgast hielt er sich nicht an die Regeln. Schon letzte Nacht, als er sich das Zimmer genommen hatte, waren sie zögerlich gewesen. Starb er jetzt in ihrem Bett, würde sie das in eine unangenehme Lage bringen. Die Situation war erniedrigend.
Erneut hatte er von dem Jungen im Boot geträumt – obwohl er eigentlich nicht richtig geschlafen hatte, also war es genau genommen auch kein Traum gewesen. Eher eine stets wiederkehrende Fantasie, ein furchtbarer und bedrohlicher Fieberwahn, den er loswerden wollte. Doch so einfach entkam er ihm nicht, so viel war gewiss. Irgendetwas sollte ans Licht. Eine Erinnerung, die sich aufdrängte.
Der Blick, den Gertrud ihm gestern zugeworfen hatte. Der hatte alles in Gang gesetzt. Jetzt wusste er, warum sich eine kalte Hand um sein Herz geschlossen hatte. Es waren die Augen seines Vaters gewesen. Kalt, pragmatisch und entschlossen. So löste man Probleme auf Röshult. Eigentlich hatte sich nichts verändert.
Vor einer Weile hatte er eine andere Fantasie gehabt: Er fiel durch eine Falltür. Eine Falltür in seinem eigenen dröhnenden Kopf.
Unerklärliche Schmerzen wanderten durch seinen Körper. Das Laken klebte von seinem Schweiß. Er wollte sich aufrichten, um nachzusehen, ob noch ein paar Schmerztabletten auf dem Nachttisch lagen, aber dazu hätte er das Licht anknipsen müssen, und im Moment scheute er jede Bewegung. Zunächst wollte er sich noch ein wenig ausruhen.
Hinter seinen Lidern begannen wieder die Bilder zu flimmern, drängten sich ihm auf, als hätten sie lange auf seine ungeteilte Aufmerksamkeit gewartet. Er war ihnen schutzlos ausgeliefert. So schutzlos wie ein Kind. Und er betrachtete sie mit den ungeschützten Augen eines Kindes. Nun war er wieder dort, an diesem heißen Tag im Schilf. Grelle Lichtreflexe auf dem dunklen Wasser. Das schwankende Boot. Er versuchte sich zu wehren, doch das Kind konnte einfach nicht genug bekommen. Es wollte endlich sehen, was es zu sehen gab.
Der Junge saß ihm in dem alten Kahn gegenüber. Es herrschte eine Gluthitze. Die Sonne brannte auf Schultern und Rücken. Bis auf die weichen, weißen Sommerhüte, deren Bänder sie unter dem Kinn verknotet hatten, waren sie beide nackt. Die Haare, die unter der Hutkrempe des Jungen hervorlugten, waren lang und fast so weiß wie der Hut selbst.
Nun erkannte er plötzlich das Gesicht. Es war Johan! Diese Erkenntnis blendete ihn wie ein schmerzhafter Blitz, bestürzt riss er die Augen auf und blickte sich wieder in dem dunklen Raum um. Wie hatte er Johan nur vergessen können? Wie hatte er ein langes Leben führen können, ohne sich daran zu erinnern, dass er einst einen kleinen Bruder hatte, der . . .?
Die Straßenlaterne vor dem Fenster warf einen gespenstischen Lichtschein über die Bettdecke. Er hörte Autos und menschliche Stimmen. Das beruhigte ihn. Die Wirklichkeit ging dort draußen ihren Gang, als sei nichts geschehen, und an sie wollte er sich halten. Doch was auch immer es war, das sich hinter der sonnigen Szene verbarg, es hatte ihn gepackt. Widerstand war zwecklos.
Erschöpft schloss er die Augen, sofort kehrten die Bilder zu ihm zurück.
Der Kahn schwankt gemächlich, die Luft ist von herben Gerüchen erfüllt, vermoderte Pflanzen, nasser Sand, altes, feuchtes Holz, Kaffee und Tabakrauch. Auf dem Boden ihres Bootes steht bräunliches Wasser, das sie mit ihren nackten Füßen aufwühlen. Um ihre weißen Knöchel schwappt und kentert eine ganze Flotte von Booten aus Baumrinde.
Johan jauchzt vor Vergnügen. Aus dem schlaffen Mund kommen undeutliche, gurgelnde Laute. Der Kopf ist bereits zu groß und schwer für den schmächtigen Körper und wackelt auf dem dünnen Hals hin und her. Das Boot liegt sicher verankert im Schilf, das es wie ein grünes Gitter umschließt. Es ist mit einer Leine am Steg befestigt.
Am Strand, nur wenige Meter entfernt, befinden sich die Eltern und die Mutter des Vaters. Ihre Stimmen erreichen ihn wie ein wohlig schützendes Hintergrundgeräusch. Dennoch hat er ein wachsames Auge auf seinen Vater. Nichts deutet auf einen herannahenden Sturm hin. Die Stimmung am Strand ist ungezwungen. Doch Johan muss auf der Hut sein, die Launen des Vaters kann er nicht vorhersehen.
Max genießt seine eigene Großherzigkeit. Die Mutter ist ihm dankbar, wenn er mit seinem kranken Bruder spielt, und an ihrer Dankbarkeit liegt im viel. Doch so ist es nicht immer gewesen. Früher hat er diese groteske, hilflose Kreatur gehasst, die allein durch ihre Behinderung einen Platz im Herzen der Mutter beanspruchte.
Von seinem Vater hat er gehört, sein Bruder sei ein Idiot. Dass dies etwas Verachtenswertes ist, hat er am Tonfall erkannt.
Erst als er begriff, dass seine Mutter das Missfallen seines Vaters erregte, indem sie an diesem Kind festhielt, hatte er sich auf ihre Seite geschlagen und wollte versuchen, seinen Bruder zu lieben. Es war schwer gewesen und hatte viele Rückschläge mit sich gebracht. Doch der Gedanke, Empfindungen zu hegen, die denen seines Vaters glichen, war ihm zutiefst zuwider. In Johans Nähe bemühte er sich stets, nett und geduldig zu sein . . .
Jetzt hat er keine Lust mehr auf das eingeschlossene Meer in ihrem Boot und wirft die Baumrinden über den Bootsrand. Johan hilft ihm unbeholfen. Da ruft die Mutter vom Strand herüber: »Max! Ich kaufe mit Oma was zu trinken ein. Papa bleibt hier. Pass auf Johan auf!« Er nickt, lässt jedoch die Baumrindenflotte, die sich auf dem offenen Wasser viel besser macht, nicht aus den Augen. Mit Hilfe abgebrochener Schilfhalme hält er sie in Reichweite.
Als er das nächste Mal zum Strand hinüberschaut, sieht er seinen Vater allein hinter einer Zeitung sitzen. Johan will auch einen Halm, und Max zerrt an dem zähen Schilf. Da gibt Johan einen jammernden Laut von sich. Eines der Rindenboote ist aus der Linie ausgeschert und treibt ab. Max versucht es mit seinem Halm zu erreichen, treibt es jedoch nur noch weiter von ihnen fort. Johan beginnt zu schluchzen. Große Tränen kullern ihm über die Wangen. Max kommt auf die Idee, den Kahn in eine günstigere Position zu manövrieren, um das abgetriebene Rindenboot einzufangen. Ein rascher Blick auf das Seil sagt ihm, dass sie ein wenig Spielraum haben. Er greift nach den schweren Rudern, die im Boot liegen, schafft es jedoch kaum, sie zu bewegen. Nachdem er eine Weile mit ihnen gekämpft hat, gelingt es ihm, das eine ins Wasser zu tauchen, worauf er sich sofort dem zweiten zuwendet. Währenddessen steht Johan auf und streckt seine Arme nach dem nächsten Rindenboot aus, das abzutreiben droht. Als das zweite Ruder ins Wasser plumpst, krängt der Kahn, und Johann fällt mit dem Kopf voran über den Bootsrand.
Er geht sofort unter, worauf Max einen anhaltenden Schrei ausstößt, der den Vater aufschreckt. In wenigen Sekunden ist er auf dem Steg und wirft sich ins Schilf. Das Wasser reicht ihm bis zur Brust. Als er das Boot erreicht, kommt Johan an die Oberfläche, zappelnd und schnaubend. Aber der Vater tut nicht das, was Max von ihm erwartet. Er zieht Johan nicht aus dem Wasser. Stattdessen zerrt er Max aus dem Boot und trägt ihn zum Steg. Erst danach kehrt er ins Schilf zurück . . .
Das Kind auf dem Steg sieht den gekrümmten Rücken seines Vaters und dessen rudernde Arme im Wasser. Einmal glaubt er einen Schrei Johans gehört zu haben, doch später ist er sich nicht mehr sicher. Unendlich lange steht er auf dem Steg, von einem namenlosen Schrecken gelähmt. Er friert fürchterlich in der sengenden Sonne, und ein monotones, gepresstes Jammern entfährt seiner Kehle.
Als sein Vater sich endlich aufrichtet und durchs Wasser watet, hängt Johan schlaff über seinen Armen.
Für einen kurzen Moment sehen sich Max und sein Vater in die Augen, dann wenden beide den Blick ab. Der Vater bleibt vor ihm im Wasser stehen und sagt in einem Ton, als erteile er einen seiner üblichen Befehle: »Ich kam zu spät. Das hast du selbst gesehen. Als ich ihn aus dem Wasser zog, war er schon tot. Hast du verstanden?«
Max versteht und nickt.
Mit aller Kraft riss er sich vom Steg los und kehrte keuchend in sein Hotelzimmer zurück. Nun machte ihm die Dunkelheit Angst. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Er setzte sich mühsam auf, tastete nach der Lampe und knipste sie an. Das Licht brannte in seinen Augen.
Von quälendem Durst getrieben, griff er nach der Teekanne und trank direkt aus der Tülle. Dann fiel sein Blick auf die Tabletten, er stopfte sie sich in den Mund und spülte sie mit noch mehr Tee hinunter. Er nahm seine Armbanduhr zur Hand. Es war erst neun Uhr abends.
Erschöpft sank er auf das Kissen zurück. Sein Herzschlag dröhnte in seinem Kopf. Um dem zu entkommen, lauschte er begierig den gedämpften Verkehrsgeräuschen von draußen. Nun war er fest entschlossen, auf dem Zimmer zu bleiben. Stück für Stück nahm er die Einrichtungsgegenstände in Augenschein. Den Stuhl mit seinen Kleidern. Die Aktenmappe auf der Kommode. Das Foto seiner Frau auf dem Tisch. Die Gardinen, durch die nur wenig Licht fiel.
Die hervorbrechende Erinnerung an Johans Tod hatte eine Lücke in seinen Schutzwall geschlagen. Ein chaotisches Gewirr von Bildern stürzte auf ihn ein. Es half nicht mehr, die Augen offen zu halten. Grelle Bilder blitzten aus den dunklen Ecken: Anna, blass vor Wut, mit dem großen Tranchiermesser in der Hand. Gertrud, ins Federbett gepresst, die Messerspitze gegen ihren Bauch gedrückt. Dann Annas Profil am Giebelfenster des Dachbodens. Sie lachte so merkwürdig, als hätte sie gerade ein Geheimnis entdeckt. Gertrud in Annas Bett mit dem Neugeborenen im Arm – Leif. Annas Verfolger, die aus dem Dickicht des Waldes kamen und über die lehmigen Felder liefen. Gertruds erhitztes Gesicht, ihre aus dem Dunkel der Blätter leuchtenden blaugrünen Augen. Der Vater wie festgenagelt unter der Fichte. Mit wutverzerrtem Gesicht, als sei man ihm am Ende doch auf die Schliche gekommen. Der frisch gefallene weiße Schnee, der sich unter ihm langsam rot färbte. Dann verschwammen die Bilder, um schließlich ganz zu verschwinden. Die Tabletten begannen zu wirken. Er sehnte sich nach einer Atempause, doch wagte er kaum, sich zu bewegen, aus Angst, die Bilder erneut zum Leben zu erwecken.
Die Erinnerung an Johan war sicher nur der Anfang. Vielleicht kamen noch schlimmere Dinge auf ihn zu. Die Unklarheit, was seine Mutter betraf . . . Er schauderte bei dem Gedanken.
Bis auf weiteres war er ans Bett gefesselt. Vielleicht wäre es am klügsten, dem, was ihn verfolgte, ins Gesicht zu sehen. Früher oder später musste er sich dem stellen. Und er wollte nicht noch einmal überrumpelt werden.
Vorsichtig begannen seine Gedanken um seine Mutter zu kreisen. In fragmentarischen Bildern gab sie sich sogleich zu erkennen. Eine schöne, rätselhafte Gestalt, stets von heftigen Empfindungen umgetrieben. Das verwirrte ihn. Er versuchte vergeblich, an dem Bild festzuhalten, das ihn durch die Jahre begleitet hatte. Dem Bild einer strengen, verschlossenen, vorzeitig gealterten Frau, die ihn von einem unscharfen Foto aus anstarrte. Doch die Anna, die sich an jenem Tag auf dem Steg befunden hatte, war anders. Damals war sie eine junge, verzweifelte Frau gewesen. Die langen, verfilzten Haare nass von Tränen und vom Seewasser.
Ihre Trauer war furchtbar gewesen. Als sie ihr totes Kind am Strand liegen sah, riss sie es an sich und schrie wie ein verwundetes Tier. Vater und Großmutter hatten sie mit Gewalt festhalten müssen, sonst wäre sie mit dem toten Kind an ihrer Brust sicher ins Wasser gesprungen.
Danach war sie lange im Bett geblieben, versteinert und unnahbar. Max hatte sich nicht blicken lassen, die anderen auch nicht. Um seinen toten Bruder hatte er nicht trauern können, doch er trauerte um sie, weil er sie für alle Zeiten verloren gab.
Nur sein Vater und er hatten Johans Begräbnis beigewohnt. Das einzige Gefühl, an das er sich erinnern konnte, als er am Rand des Grabes stand, war flüchtiger Neid gewesen. Er galt dem Miniatursarg, in dem sein Bruder bestattet wurde. Solch einen hätte er gern zum Spielen gehabt. Seiner Meinung nach war es eine empörende Verschwendung, solch einen wunderbaren Gegenstand einzugraben.
Johan musste drei Jahre alt gewesen sein, als sein Vater ihn ertränkt hatte wie ein Katzenjunges. Also war er selbst fünf gewesen. Und Anna? Sie war erst achtundzwanzig.
Hin und wieder kehrte sie zu ihm zurück, nachdem sie die größte Trauer überwunden hatte. Sie war wieder bereit für Liebkosungen und spielte mit ihm. Augenblicke der Vertrautheit und des Glücks, wenn auch allzu kurze. Es war noch etwas anderes, das sie quälte. Eine erschreckende Finsternis legte sich zuweilen über sie. Hüllte sie ein und machte sie unerreichbar.
Nach und nach wurde ihm klar, wie andere sie betrachteten. Wenn die Leute über seine Mutter sprachen, geschah dies in einem besonderen Ton. Das verletzte ihn. Sie sagten, sie sei »eigen«. Manchmal lachten sie höhnisch. Nannten sie wunderlich, verrückt, übergeschnappt, aber nur hinter ihrem Rücken. Niemand hätte sich getraut, ihr das ins Gesicht zu sagen. Sie nötigte ihnen Respekt ab, ob verrückt oder nicht.
Manchmal ging sie fort. Nahm einfach Reißaus. Vielleicht hatte sie das schon vor Johans Tod getan. Daran konnte er sich nicht erinnern. Wenn die Dunkelheit über sie kam, machte sie sich in aller Stille davon. Der Vater spannte die Nachbarn mit ein, um sie zu suchen. Wenn sie gefunden wurde, war sie ausgehungert und verwirrt. Aber sie erholte sich rasch. Nach ein paar Tagen im Bett stand sie wieder auf und wandte sich unverzüglich ihren Verpflichtungen zu, als sei sie nur ein wenig unpässlich gewesen. Sie war fleißig und geschickt mit den Händen. Tüchtig am Webstuhl. Sie webte Teppiche für die Leute aus der Umgebung.
Aber dass sie so hübsch gewesen war – das hatte er vergessen. Es war Gertrud gewesen, die dazwischengetreten war und ihm den Blick verstellt hatte. Sie hatte ihm die Erinnerung an Anna gestohlen. So wie alles andere.
Und was war schließlich mit Anna geschehen? Warum war sie plötzlich für immer verschwunden gewesen? Auch daran konnte er sich nicht erinnern. Und er war sich auch nicht sicher, ob er es wollte. Zumindest jetzt nicht. Vielleicht später.
Vaters Furcht einflößende Gestalt tauchte wieder auf. Für ihn hatte er nie innige Gefühle gehegt. Furcht hatte er empfunden und einen wachsenden Hass. Nun begriff er, dass sein Vater seine Nachkommen unter demselben Aspekt betrachtete wie das Vieh. Ein missgebildetes Kalb wurde sofort getötet. Warum nicht auch ein missgebildetes Kind?
Es war ein Geheimnis, das sie teilten. Auch wenn sich der Vater nicht sicher war, worin das Geheimnis bestand. Sein Blick ruhte oft schwer auf Max. Vielleicht versuchte er zu ergründen, was der Sohn an jenem Tag auf dem Steg eigentlich gesehen und verstanden hatte. Er musste sich nicht beunruhigen. Die Erinnerung war rasch vertrieben worden. Dennoch war es zu dieser Zeit, dass Max begann, seinen Vater beim Vornamen zu nennen. Wenn er ihn ansprach, sagte er stets Henning zu ihm. Er wusste selbst nicht, warum, doch das Wort Vater kam ihm nicht mehr über die Lippen. Zu dieser Zeit galt es als respektlos, seinem Vater die ihm zustehende Anrede zu verweigern. Wenn er sah, wie der Vater bei der ungewohnten Anrede zusammenzuckte, überkam ihn jedes Mal die Angst. Und die Bestrafung ließ auch nie lange auf sich warten. Wenn der wütende Henning ihn zufällig in die Hände bekam, setzte es immer eine extra Ohrfeige für seine Unverschämtheit.
Bis zu jenem Tag mehrere Jahre später, an dem er die überraschende Entdeckung machte, dass er nicht nur einen Kopf größer, sondern auch stärker war als sein Peiniger. Da zahlte er es ihm heim, und es hätte böse ausgehen können, denn er begriff nicht, wie stark er war, und heimzuzahlen hatte er eine Menge. Die Machtverhältnisse hatten sich geringfügig verschoben. Es war nicht mehr er allein, der dem anderen aus dem Weg ging. Sie achteten beide darauf, einander nicht zu nahe zu kommen. Zwei wütende Hunde, die es vorzogen, sich aus sicherem Abstand anzuknurren. Doch der Vater knurrte am lautesten. Er konnte seinem Sohn immer noch Angst einjagen. Diese Übermacht behielt er bis zu seinem Tod. Der Teufel wusste, ob er sie nicht immer noch besaß.
Fünfundvierzig abenteuerliche Jahre in den Staaten waren offenbar nicht genug gewesen. Er hatte es dort drüben mit ein paar richtig gefährlichen Leuten zu tun gehabt, aber das half ihm jetzt nicht weiter. Das Wiedersehen mit Leif und Gertrud hatte ihm Angst gemacht. Der Schatten des Vaters lastete immer noch schwer auf Röshult.
Um mit den beiden fertig zu werden, brauchte er einen Verbündeten. Vielleicht würde er ihn in Birger finden, seinem anderen Halbbruder. An ihn erinnerte er sich nur schwach. Ein kleines, schmächtiges, gedemütigtes Kerlchen – ängstlicher, als er jemals gewesen war. Aber vielleicht hatte er sich ja gemausert. Zumindest war es einen Versuch wert. Wenn er wieder auf den Beinen war, wollte er ihn ausfindig machen.
Max zog sich fröstelnd die Decke über die Schultern. War es wirklich erst zwei Tage her, dass er von den beiden schweigenden Männern zum Kennedy Airport eskortiert worden war? Zwei Tage, seit er es sich in seinem Flugsessel bequem gemacht und diese neue Empfindung verspürt hatte, als die Maschine über die Startbahn rollte? Er war von einem merkwürdigen Freiheitsgefühl ergriffen worden, das selbst jenes von vor fünfundvierzig Jahren in den Schatten stellte, als er mit leeren Händen an der Reling des amerikanisches Schiffes stand, das ihn aus Schweden fortbrachte. Damals war ihm das große Land jenseits des Atlantiks als einzig möglicher Zufluchtsort für einen jungen Mann erschienen, der vor abscheulichen Umständen hatte fliehen müssen. Nun, fast ein halbes Jahrhundert später, schien ihm sein altes Heimatland als einzig verlockendes Refugium für einen müden, gealterten Mann, der sich immer noch auf der Flucht befand. Aber es war anders gekommen, als er es sich vorgestellt hatte. Würde er jemals irgendwo Ruhe finden?