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VORWORT

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Wenn ich so zurückblicke nach drei Jahren auf Wanderschaft im Sommer von Freitag bis Sonntag mit Esel, Hund, Eselwagen und Tipi und an den Winterwochenenden in einem Hangar, einem Zugwagon oder einer Holzhütte inmitten der Menschenmenge, die rastlos umherhastet im Flon, Lausannes vollster und wüstester Metrostation …

… was sehe ich dann vor mir?

Das Gesicht von Mario taucht auf. Mario, der mit zwei Freunden – um die 20 wie er und obdachlos wie er – eines Tages meine Hütte im Flon besucht. Der freundlich grinst und sagt: »Na ja, wir haben eigentlich sowieso nix anderes vor, und hier gibt’s Kaffee.« Der immer eilig verschwindet, wenn eine Andacht anfängt, um später bei einer Mahlzeit wieder aufzutauchen. Bis er eines Tages während der Vorbereitung der Andacht von 17 Uhr dableibt. Vorbereiten heißt hier: den ärgsten Kram aufräumen, trotz lauter Proteste keinen neuen Kaffee mehr kochen und eingießen, Liedhefte rausholen, sagen: »So, jetzt fängt der Moment der Begegnung an« und (hoffentlich) einladend lächelnd hinzufügen: »Ihr könnt weggehen, wenn ihr nicht bleiben wollt, es freut mich aber, wenn ihr bleibt.«

Heute sagt Mario: »Ich bleib.«

Seine Freunde gucken ihn sprachlos an, lachen ihn aus. »Was?! Wirst etwa religiös?«

Er zuckt die Schultern. »Ihr könnt mich mal. Ich bleib jetzt hier.«

Anscheinend war die Sache erträglich, denn am nächsten Tag bleiben alle drei. Sie warnen: »Wir haben schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesungen.«

Nun ist es an mir, die Schultern zu zucken: »Egal. Ihr könnt ja zuhören, und ich lass euch die Lieder aussuchen.«

»Aber wir kennen doch nix!«

»Dann sucht ihr eben Lieder, die euch vom Titel gefallen!«

Und so wird’s gemacht. Eine richtige Lied-Entdeckungstour beginnt, auch für mich; denn die drei Jungs wählen Lieder aus, die ich nie vorgeschlagen hätte oder manchmal gar nicht kenne. Bald haben Mario und Vincent ihre Lieblingslieder. Erstaunlich. Marios Hit ist »J’ai soif de ta presence«, ein Erweckungslied, das man zusammenfassen könnte mit: »Ich sehne mich nach dir, Herr Jesus.« Wenn ich ihn frage, was ihm so daran gefällt, sagt er etwas verlegen: »Das berührt mich.«

Vincent »bestellt« immer wieder »Hevenu Shalom Aleichem«: »Da ist Rhythmus drin!«

Kamel ist es egal – Hauptsache, wir singen. Und so singen wir. Christian, ein Mitglied meiner Unterstützungsgruppe, brummt: »Als Chor sind wir noch nicht ganz perfekt.« Es stimmt, die drei singen schief wie Krähen, aber laut und extrem begeistert. Vincent brummt, den Kopf gebogen, in den Tisch hinein; Kamel versucht, meiner Stimme zu folgen, und verliert sich in für ihn schwindelnde Höhen; Mario haftet sich treu an einen einzigen Ton, dann kann auch nichts schiefgehen – mit ab und zu einem Ausschläger nach oben oder nach unten, je nach Text und Laune. Aber für mich klingt es schöner als der schönste Engelchor. Für Gott vielleicht auch.

An was denke ich noch? Vielleicht nicht sehr spirituell, aber ich sehe Speedys treuen Eselkopf vor mir. Lieb, wenn ich es nicht erwarte, stur, wenn es unbedingt nötig wäre, lieb zu sein, weil ich es eilig habe. Ich weiß noch, dass ich zu Anfang dachte: »Keine Eile mehr. Der Weg ist das Ziel, und das Ziel ist der Weg.« Diese weisen Worte stammen von einem Nomaden, einem echten diesmal; nicht von so einer halben, für viele Menschen unechten Wochenend-Nomadin, wie ich sie bin. Er hatte mich auf die Idee des Wanderpfarramtes gebracht. Seine Worte schienen mir auch sehr wahr … und sehr wenig Wirklichkeit bei dem hastigen Umhersausen, das unsere Zeit so auszeichnet. Wie schön, eine Gegen-Botschaft sagen und leben zu können. Sagte ich mir. Ist auch so, aber die Wirklichkeit holt einen dann doch öfter ein, als einem lieb ist. Manchmal habe ich mit Speedy geschimpft, manchmal mir gewünscht, ich hätte ein feuriges Pferd dabei und nicht einen in den Rückwärtsgang geschalteten Esel.

Ein wahrer Nomade kann kommen und gehen, wie und wann er will. Und ankommen, wann er will. Ich als Nomadenpfarrerin bleibe nun mal Wanderpfarrerin und muss dann auch die Konsequenzen daraus ziehen: Man wartet auf mich, man sucht mich – meistens, ohne mich zu finden –, man braucht mich für irgendwas, ich muss irgendwo sein, irgendwo nützlich sein. Das ist das Gegenteil von jeder echten Nomadendynamik! Von Anfang an war ein versteckter Dorn im Fleische meines Wanderpfarramtes: Es wollte da sein, einfach sein, egal wo. Aber viele wollten mich dann doch lieber in die festen Gemeindestrukturen einordnen.

Feste Strukturen vertragen sich nicht immer mit Eseln und Wanderpfarrerinnen. Zum Beispiel, wenn ich noch vier Kilometer zu gehen habe und die Leute mich schon beim Tipi für die Andacht erwarten und sich fragen, wo ich stecke. Aber ich habe mich verirrt, trotz oder vielleicht wegen wirklich ausführlichster Erklärungen eines Dorfbewohners mit der befürchteten Einleitung: »Also, das ist wirklich ganz einfach …«

Immer wenn ein Mann mir sagt: »Also, das ist wirklich ganz einfach«, krampft sich etwas in mir zusammen. Drei Jahre Erfahrung haben mir beigebracht: Dies ist die sicherste Versicherung, dass es schiefgehen wird. Unwiderruflich und ausnahmslos. In diesem Fall auch wieder. Seit Stunden irre ich umher, die »idiotensicheren Erklärungen« (was macht das aus mir …!) à la »bei der großen Eiche links, dann rund ums Feld und dann der erste Pfad rechts« bringen mich zum Verzweifeln. Ist dies hier nun ein Pfad oder nur eine Kaninchenspur? Gilt diese Eiche als groß oder ist sie normal? Wie groß sind Eichen normalerweise?

Was ich auch versuche, ich bin wieder irgendwo, wo ich nicht sein will. Ein ferner Kirchturm lockt. Aber zu welchem Dorf gehört er? Mein Telefon klingelt: »Wo steckst du denn?!« Es ist der Pfarrer des Dorfes, in dem mein Tipi schon steht. Aber ich weiß nicht, wo ich stecke. Ein Kirchturm reicht nicht zu meiner Orientierung. Endlich komme ich zu einer richtigen Straße und halte ein Auto an. »Was ist das für ein Dorf, bitte?«

Mist. Nicht das, was ich brauchte. Also muss ich noch vier weitere Kilometer gehen. Mit einem Esel, der nichts mehr will. Nur fressen. Das will ein Esel immer. Mit seinem ganzen Herzen, seiner Seele, seiner Kraft und seinem Verstand. Aber vor allem mit seiner Kraft, und die ist groß. Ich schleppe, ich schiebe, ich mahne, ich flehe, ich werde böse, ich locke … Speedy ist müde oder hat keine Lust mehr oder will mich ärgern. Und er geht eher rückwärts als vorwärts. Barou, mein Hund, tanzt um den Esel herum, bellt, macht sich wichtig. Ich schwitze, das Telefon klingelt wieder. Bevor die Person am anderen Ende der Leitung etwas sagen kann, schnappe ich schon: »Ja, ich weiß, ich bin zu spät, aber der Esel will nicht mehr. Ich krieg’s einfach nicht hin.«

Verwunderte Stille am anderen Ende. Dann: »Wie bitte? Ist das hier Evangile en chemin? Ich dachte, das sei hier Evangile en chemin …«

Ja, das ist es auch. Aber es ist eben unterwegs, dieses Evangelium, und dann geht nicht alles, wie man es so gerne möchte.

So oft taucht Speedy auf in meiner Erinnerung. Wie er – auch wenn ich dies nicht gesehen und nur von anderen erzählt bekommen habe – um ein Uhr nachts auf einer großen Nationalstraße von Leuten aufgegabelt wird, den Baum, an den ich ihn festgebunden hatte, freudig hinter sich herschleppend.

Oder weg, gestohlen auf dem großen Paléo-Musikfestival in Nyon. Ich rufe die Festivals-Polizei um sechs Uhr morgens an: »Bonjour, hier ist die Pfarrerin vom Esel (morgens um sechs nach einer Nacht mit zwei Stunden Schlaf war noch nie meine beste Zeit) – man hat mir den Esel gestohlen, können Sie mir helfen?«

Ich ahne das Lächeln, das sich hinter den aufmunternden Worten versteckt: »Wissen Sie, gehen Sie jetzt erst mal ruhig schlafen, nicht?«

Aber immer und vor allem sehe ich Menschen vor mir. Gesichter. Entspannte oder sehr verspannte Gesichter. Fröhliche, weinende, wütende, gleichgültige, hungrige Gesichter … Und ich höre Worte. Geschichten. Erlebnisse. Von Leuten, die suchen. Sich suchen. Gott suchen. Ihn verloren haben. Den Sinn ihres Lebens verloren haben. Von Leuten, denen es gut geht. Denen es schlecht geht. Von Leuten, die sagen: »Wir kommen gern in Ihr Zelt, aber über Gott wollen wir nicht reden.« Und die dann, manchmal schon nach einer Minute, doch über Gott reden. Weil sie mich nicht kennen. Weil sie spüren, dass ich sie wirklich frei lasse. Dass sie nicht reden müssen – und deswegen reden können.

Ich sehe auch mich selbst. Aber nichts vonwegen »mutige Frau« (das höre ich manchmal hinter meinem Rücken). Nichts vonwegen »Sie haben aber viel Glauben!«. Wär’s nur so. Ich bete immer für mehr und besseren Glauben. Und er wächst wohl auch, mein Glaube. Aber es wäre ja doch schön, wenn er … anders wäre.

Das sag ich auch manchmal zu Gott: »Es wäre ja doch so schön, wenn ich anders wäre.« Und nur seine göttlichen Ohren hören den Zusatz: »Und das Ganze wäre auch um einiges einfacher, wenn du anders wärst.« Er versteht das. Er weiß, dass ich ihn irgendwo tief im Herzen doch so will, wie er ist. Muss was damit zu tun haben, dass ich irgendwo tief im Herzen weiß, dass er mich doch so will, wie ich bin.

Wenn ich so zurückblicke nach drei Jahren, sehe ich so viele Begegnungen, Überraschungen, Entdeckungen vor mir, dass ich mich richtig darauf freue, einen Teil dieser Erlebnisse mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, zu teilen. Nicht nur die lustigen oder traurigen Geschichten, das, was sich gut erzählen lässt. Das wäre zu einfach und täte den Menschen unrecht. Und Gott auch. Denn er hat die Idee dieses Wanderpfarramtes in mein Herz hineingegeben, und er ist es, der die Fäden in seinen Händen hält. Also will ich – mit Berücksichtigung der Vertraulichkeit und indem ich, wo nötig, Namen, Situationen und Orte ändere – auch erzählen, was die Leute mir gegeben und beigebracht haben. Durch ihre Worte, ihre Haltung, ihre Suche, ihr Finden. Ich möchte Sie mit auf Reisen nehmen – mit Speedy, Barou, dem Tipi und dem Eselwagen. Und Sie auch hineinblicken lassen in den Hangar von Champagne, in den Zugwagon im Bahnhof von Echallens, in die Hütte von Le Flon in Lausanne. In die Hintergründe meines Wanderpfarramtes, in meine eigenen Überlegungen und Kämpfe. Ich möchte Sie mitgenießen und, wenn Sie dazu bereit sind, auch etwas mitleiden lassen.

Aber vor allem würde ich mich freuen, wenn Sie sich ein Stück mit auf den Weg machen – den farbigen, ungewissen, unbequemen, aber total spannenden Weg des Evangeliums. Ein bisschen zusammen mit mir, aber vor allem, durch diese Geschichten hindurch, mit diesem einzigartigen, unbequemen, aber total spannenden Gott.

Die Wanderpfarrerin

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