Читать книгу Dann mal ab nach Paris - Hubert Becker - Страница 10
ОглавлениеPanik
Außer der Leiche, die einmal Gabi war, nichts von alldem. Sie hat einen Morgenmantel an, liegt auf dem Gesicht und aus ihrem Hinterkopf dringt ein dünnes Rinnsal: Blut.
Ich mache einen riesen Fehler: Ich renne in Panik davon, knalle die Tür hinter mir zu, die Treppe hinunter über die Straße in den nahe gelegenen Karl-Schweitzer-Park. Gegenüber ist das Polizeirevier. Plötzlich rennen einige Polizisten heraus, springen in zwei Streifenwagen und rasen mit Blaulicht und Martinshorn davon. Wissen die das mit Gabi etwa schon?
Quatsch, ihre Wohnung liegt ja gerade mal hundert Meter weg, da braucht’s keine Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene. Das muss wohl was anderes sein.
Ich sitze auf einer Bank im Park, gerade mal ein paar Meter weg vom Tatort, die Polizeiwache noch immer im Visier. Mann, ich bin gerade vom Schauplatz eines Verbrechens (?) abgehauen. Hier kann ich nicht bleiben. Dass ich wohl bald zum Verdächtigen Nummer eins gehören werde, liegt auf der Hand. Ein Nachbar, der mich sicher erkannt hat, hat mich gesehen, als ich das Haus betrat. Eine große Wasserrohrzange, rot, auf der sicher Blutspuren waren und darauf meine Fingerabdrücke, genau wie an der Wohnungstür ... Noch dazu hat mich ein anderer Nachbar gesehen, als ich wie ein Irrer davongerannt bin.
Keine gute Ausgangsposition für dich, Mannilein!
Mannilein, jetzt benenne ich mich schon selbst mit dieser Verniedlichungsform, die ich überhaupt nicht leiden kann. Dabei fällt mir Hildegard ein. Die Vorwürfe, die mich sicher erwarten, wenn ich ihr gestehe, dass ich zu Gabi rübergeschlichen bin, sind wohl mein geringstes Problem. Dass ich sie umgebracht habe, glaubt sie natürlich nie im Leben, aber der Polizei kann sie erklären, was sie will. Sie ist meine Frau und hält zu ihrem Mann. Zur Entlastungszeugin taugt sie also nicht. Und dann begehe ich meinen zweiten großen Fehler: Statt zur Polizei zu gehen und die Sache aufzuklären, beschließe ich abzuhauen, was mich natürlich noch verdächtiger macht. Ich bin völlig kopflos und zu ruhiger Überlegung nicht mehr fähig. Abhauen, nur noch abhauen, mein ganzes Denken verengt sich auf dieses Wort! Erst mal fort von hier vom Dunstkreis der Polizei!
Lang genug nachgedacht, es ist bereits halb eins.
Weg, nur möglichst weit weg!
Mir gehen die alten Geschichten von Männern durch den Kopf, die nur zum Zigarettenholen gingen und spurlos verschwanden. Olle Kamellen, tausendmal erzählt in den verschiedensten Varianten. Aber, zum Teufel, so einer bin ich doch nicht! Ich hab eine Frau, die ich liebe, die lasse ich doch nicht einfach so im Stich. Ich will das nicht und doch tu ich’s! Knast, nur ein einziger Tag und ich verrecke! Ich leide an einer Klaustrophobie, ein Zimmer, von außen abgeschlossen, selbst in der eigenen Wohnung und ich krieg Schnappatmung. Ich ersticke und wundere mich, dass ich noch lebe, wenn die Tür wieder auf ist.
Hildegard ist bei ihrer Freundin und das kann dauern. Vorsichtig, mich immer wieder umschauend, schleiche ich mich nach Hause. Aus einer Schublade im Flur nehme ich meine Brieftasche mit Geld, Kredit- und Scheckkarte. Hastig schreibe ich einen Zettel und lege ihn auf den Wohnzimmertisch:
„Liebe Hildegard,
wir lieben uns und Du weißt, dass ich nichts getan habe. Bitte halte zu mir. Ich kann es nicht ertragen, eingesperrt zu werden, was bestimmt passieren würde, weil alles auf mich schließen lässt. Ich vermisse Dich schon jetzt, aber ich muss weg. Es tut weh, aber es geht nicht anders. Versuche nicht, mich anzurufen, ich lasse mein Handy ausgeschaltet, damit man mich nicht orten kann. Vertraue mir, ich melde mich, irgendwie!
In Liebe, Dein Manni.“
Hose, zwei Hemden, Unterwäsche, T-Shirt und Zahnputzzeug.
Das muss fürs Erste reichen! Ich packe alles in meinen feuerro-ten Rucksack und schleiche mich aus dem Haus. Feuerrot, der Rucksack, auffälliger geht’s wohl nicht. Aber was anderes finde ich auf die Schnelle nicht. Meine braune Jacke, die an der Garderobe im Flur hängt, werfe ich darüber, um das Rot etwas zu bedecken. Wer kam wohl auf die Schnapsidee, für mich einen roten Rucksack zu kaufen? Ja, ich weiß, ich war’s ... Rot ist halt meine Lieblingsfarbe. Vielleicht kommt das daher, dass ich als Jungspund eine Vorliebe fürs Rotlichtmilieu hatte, rein informatorisch, wohlgemerkt!