Читать книгу Big Ideas. Das Wirtschafts-Buch - John Farndon - Страница 12
ОглавлениеWAS IST EIN GERECHTER PREIS?
MÄRKTE UND MORAL
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Gesellschaft und Wirtschaft
VORDENKER
Thomas von Aquin (1225–1274)
FRÜHER
Um 350 v. Chr. Aristoteles schreibt in Die Politik, dass der Wert der Güter am Bedarf gemessen werden solle.
529–534 n. Chr. Römische Gerichte sorgen dafür, dass Grundeigentümer für ihr Land den »gerechten Preis« erhalten.
SPÄTER
1544 Der Spanier Luis Saravia de la Calle meint, Preise sollten durch »allgemeine Schätzung« von Menge und Qualität festgelegt werden.
1890 Alfred Marshall schlägt vor, Preise sollten sich durch Angebot und Nachfrage bilden.
1920 Ludwig von Mises hält den Sozialismus für nicht funktionsfähig, weil der Bedarf nur durch den Preis feststellbar sei.
Viele Menschen wissen, was es bedeutet, »über den Tisch gezogen« oder »abgezockt« zu werden, beispielsweise in bekannten Touristenorten. Trotzdem gibt es der vorherrschenden Wirtschaftstheorie zufolge keine Abzocke. Alle Preise sind Marktpreise – eben das, was die Menschen zu zahlen bereit sind. Für Marktwirtschaftler haben Preise keine moralische Dimension: Sie betrachten die Preisbildung als das automatische Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Kaufleute, die dem Anschein nach zu viel verlangen, gehen nur bis an die äußerste Grenze. Treiben sie den Preis zu hoch, kaufen die Kunden die Ware nicht mehr und der Preis muss wieder gesenkt werden. Für Marktwirtschaftler ist der freie Markt das einzige Mittel zur Preisgestaltung, weil nichts – nicht einmal Gold – an sich einen Wert hat.
Im Mittelalter reagierte man empfindlich auf irreguläre Preisgestaltung: 1321 wurde William le Bole aus London durch die Straßen geschleift, weil er zu leichtes Brot verkauft hatte.
Aus freien Stücken
Eine völlig andere Auffassung vertritt der sizilianische Gelehrte Thomas von Aquin in seiner Summa Theologica, einer der ersten Marktstudien. Für den gelehrten Mönch waren Preise eine zutiefst moralische Angelegenheit. Er betrachtete Habgier als Todsünde. Gleichzeitig war ihm klar, dass ein Händler aufhört Handel zu treiben, wenn er den Profit als Anreiz verliert. Dann erhielte die Gemeinschaft nicht die Güter, die sie braucht.
Thomas schloss daraus, dass Händler berechtigt seien, einen »gerechten Preis« zu fordern – mit einem anständigen Profit, aber ohne sündhaften Wucher. Dieser gerechte Preis sei der Preis, den der Käufer aufgrund ehrlicher Information freiwillig zu zahlen bereit sei. Auf künftige Ereignisse, die den Preis verringern könnten, müsse der Käufer jedoch nicht aufmerksam gemacht werden.
Die Frage einer moralischen Preisgestaltung spielt auch heute noch eine große Rolle. Ökonomen und Öffentlichkeit diskutieren »den gerechten Preis«, den Banker für ihre Arbeit verlangen dürfen, oder auch das Problem eines Mindestlohns. Verfechter einer freien Marktwirtschaft, die Einmischungen in den Markt ablehnen, und Befürworter von Eingriffen der Regierung diskutieren unablässig über das Für und Wider einer Preisregulierung.
»Also darf keiner dem andern ein Ding teurer verkaufen, als es wert ist.«
Thomas von Aquin
Thomas von Aquin
Der heilige Thomas von Aquin war einer der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters. Er wurde 1225 in Aquino (Sizilien) als Sohn einer Adelsfamilie geboren und begann früh mit dem Lernen. Mit 17 beschloss er, weltlichen Besitztümern zu entsagen, und schloss sich einem Orden armer Dominikanermönche an. Seine Familie war so schockiert, dass sie ihn entführen ließ und zwei Jahre gefangen hielt. Sein Entschluss stand jedoch fest. Schließlich gab die Familie nach und ließ ihn nach Paris ziehen, wo er bei dem Gelehrten und Mönch Albertus Magnus (1206–1280) in die Lehre ging. Thomas lernte und lehrte in Frankreich und Italien. 1272 begründete er ein studium generale (eine Art Universität) in Neapel (Italien). Seine philosophischen Werke gelten als Wegbereiter der Moderne.
Hauptwerke
1256–1259 Über die Wahrheit
1261–1263 Summa contra gentiles
1265–1273 Summa Theologica