Читать книгу Moderne Helden - Katharina Maier - Страница 10

Das Zeitalter der Helden

Оглавление

Es waren einmal zwei Geschichtenerzähler, die erfanden einen Helden in einem hautengen Latexkostüm mit einem roten Cape und einem roten S auf der Brust. Das S stand für Super. Später würde es für andere Dinge wie Hoffnung und Gerechtigkeit stehen, aber so fing im Juni 1938 alles an. Der muskelbepackte, dunkelhaarige Herkules mit den blauen Strumpfhosen, den Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster auf das Titelblatt der Action Comics brachten, sollte zum Inbegriff des Superhelden werden: ein strahlender Heros, der immer das Richtige tut, den Guten und den Hilflosen zur Seite steht und den Bösen das Handwerk legt. Siegel und Shuster nannten ihre Schöpfung „Superman“ – und veränderten irgendwie ein ganz kleines bisschen die Welt.

Den Kräften Supermans, dem Außerirdischen vom Planeten Krypton, der sich hinter den Brillengläsern des etwas tollpatschigen Reporters Clark Kent verbarg, schienen keine Grenzen gesetzt und er wirkte schier unkaputtbar. Stahl konnte er mit bloßen Händen biegen, dank Röntgenblick und Supergehör entging ihm nichts, bald konnte er auch fliegen und war mit einem Laserblick ausgestattet, er war schneller als eine Gewehrkugel und jede gewöhnliche Waffe prallte an ihm ab. Das Faszinierende an diesem neuen Helden war aber nicht nur, was er alles konnte; Siegel und Shuster, Söhne jüdischer Einwanderer, waren Idealisten und ihr Heros war ein Weltenretter – und das nicht nur im wortwörtlichen Sinn. Der frühe Superman kämpfte gegen Außerirdische und Superbösewichte, aber auch gegen soziale Ungerechtigkeit. Das traf im Amerika der 1930er – neun Jahre nach dem Börsencrash und ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs – auf offene Ohren und offene Herzen. Der britische Comicbuch-Autor Grant Morrison schwärmt von dieser Geburtsstunde der Superhelden:

Der ursprüngliche Superman war eine kühn-humanistische Antwort auf die Ängste, die die Ära der Weltwirtschaftskrise mit ihrem seelenlosen Industrialismus mit sich brachte. […] Superman [hatte] die Kraft von 50 Männern und war außerdem unverwundbar. Wenn die dystopischen Visionen dieser Zeit eine entmenschlichte und mechanisierte Welt prophezeiten, so stand Superman für eine Alternative: nämlich für eine von Menschen geprägte Zukunft, in der das Individuum über die Mächte der industriellen Unterdrückung siegen würde. Er war […] bescheiden und genauso stets auf Seiten der Armen.13

In einer Welt, in der die Menschen sich oft ohnmächtig fühlten, fiel die Idee von einem Helden, der übermächtig und übergut war, auf fruchtbaren Boden. Und die Strahlkraft dieses neuen „Sonnengottes“ (Morrison) wirkt auch 80 Jahre später noch nach. „Es gibt da draußen diese wirklich wundervolle Idee: Dass da jemand ist, der über so große Macht verfügt, wie man es sich nur vorstellen kann, und der damit machen könnte, was auch immer er möchte, und er entscheidet sich dazu, nach einem sehr strengen moralischen Kodex zu leben,“ erklärt eine junge Frau mit dem Online-Namen Alachia Queen,14 eine besonders rührige Denkerin auf der Internet-Plattform YouTube, wo man sich nicht nur Katzenvideos ansehen, sondern auch angeregte Diskussionen über neue und alte Helden führen kann. „Er ist jemand, der Gutes tut, um Gutes zu tun“, ergänzt Hector Navarro in den Superhero News.15 Kommt uns Maylesern das nicht sehr bekannt vor?

Der Auftritt Supermans auf der Bühne der Welt läutete ein Goldenes Zeitalter für Superhelden-Comics ein. Schnell folgte dem strahlenden Apoll sein ‚dunkler Zwilling‘, der ihn an Ruhm noch übertreffen sollte: Batman, der vielleicht bekannteste und beliebteste Superheld überhaupt16. Wo dem außerirdischen Superman unsere gelbe Sonne seine übermenschlichen Kräfte verlieh, war Batman ein gewöhnlicher (wenn auch stinkreicher) Erdling, der sich auf seinen Verstand, sein Training und seine Ausrüstung verlassen musste. Kämpfte Superman im hellen Licht des Tages, legte Batman den Bösewichten der Welt lieber aus den Schatten heraus das Handwerk. Stand das farbenfrohe rote Cape bald für Hoffnung, war das dunkle Fledermauskostüm eine Warnung, nicht vom rechten Weg abzukommen. Die beiden ersten großen Superhelden – Mensch und Übermensch, Lichtgestalt und dunkler Ritter – ergänzten sich gegenseitig, und beide Konzepte waren auf ihre Art und Weise reizvoll und wirkungsmächtig.

Doch so unterschiedlich die zwei Helden waren, glichen sie sich doch in entscheidenden Punkten: Sie waren prinzipientreu, kämpften für das Gute und taten stets das Richtige. Wo immer sie konnten, beschützten sie die Machtlosen. Aber sie schonten auch das Leben ihrer Gegner, selbst der bösesten Bösewichte – Superman, weil er es als höchst unmoralisch ansah, mit seiner überlegenen Kraft ein Menschenleben auszulöschen, Batman, weil er wusste, dass ihn zuweilen nur sein Respekt für das Leben von seinen manischen, maskierten Gegnern unterschied.

Dem ‚Mann aus Stahl‘ und der ‚Fledermaus aus Gotham‘ folgten zahllose weitere Superhelden. Sie alle waren mal edle, mal abgefahrene, mal verzerrte Inkarnationen ein und desselben Prinzips: dass jemand, der von der Natur, dem Zufall, durch Wissenschaft oder Magie außergewöhnliche bis übermenschliche Kräfte verliehen bekommen hat, sie für ‚das Gute‘ einsetzt. Was Letzteres sein mag, ist natürlich nicht immer glasklar. Nicht alle Helden sind so erhaben und ethisch unangreifbar wie Superman – das wäre ja auch langweilig. Doch selbst ein in moralischen Grauzonen beheimateter Zeitgenosse wie der mit Augenklappe und Ledermantel bewehrte Superspion Nick Fury, in dessen Augen der Zweck sehr oft die Mittel heiligt, wacht über die Helden seines Universums wie eine etwas dubiose, aber im Großen und Ganzen auf das Allgemeinwohl bedachte gute Fee. Vielleicht weiß gerade er, der oft zweifelhafte Entscheidungen trifft, damit andere unbescholten bleiben, worauf es beim Superheldendasein ankommt. Im Gespräch mit zweien seiner fähigsten und integersten Agenten über das Credo seiner sprechend benannten Geheimorganisation S.H.I.E.L.D.17 bringt die neueste Inkarnation von Nick Fury, meisterhaft verkörpert durch Samuel L. Jackson, die Essenz der Heldenexistenz auf den Punkt:

Nick Fury: Das Prinzip, auf dem S.H.I.E.L.D. gegründet wurde, war ein ehrenhaftes.

Melinda May: Zu beschützen.

Nick Fury: Zu beschützen. Manchmal einen einzigen Menschen vor sich selbst, manchmal den ganzen Planeten vor einer Alien-Invasion aus einer anderen Dimension. Es ist ein breit gefächertes Berufsbild.

Phil Coulson: Das brauchen Sie mir nicht zu sagen.

Nick Fury: Aber die Überzeugung, die uns alle antreibt, ist dieselbe, egal, ob es sich um einen Einzelnen oder um die ganze Menschheit handelt.

Phil Coulson: Dass sie es wert sind, gerettet zu werden.18

Dieser zentrale Dialog stammt aus der Fernsehserie Agents of S.H.I.E.L.D. von 2013/14. Die Grundidee des Superhelden, wie sie Siegel und Shuster mit dem kostümierten Clark Kent aufgebracht haben, hält sich seit nun schon 80 Jahren und hat sich über alle Medien ausgebreitet. Sie ist hartnäckig und unausrottbar, ja, sie erlebt gerade eine neue Blütezeit. „Es gibt offensichtlich ein unstillbares Verlangen nach diesen überlebensgroßen Heldenfiguren“, erklärt Stan Lee, Schöpfer von Nick Fury und so berühmter Figuren wie Spider-Man und dem Hulk. Es ist seine Antwort auf die Frage eines Interviewers, warum denn ausgerechnet die Superhelden die Kinos des 21. Jahrhunderts erobert hätten19. Stan Lee weiß wahrscheinlich, wovon er redet. Anfang der 1960er legte der Comic-Schreiber, der damals schon 20 Jahre im Geschäft war – allerdings ‚nur‘ mit Geschichten über Monster, Liebe und Verbrechen – zusammen mit den Zeichnern Jack Kirby und Steve Ditko den Grundstein für Marvel, eines der beiden großen Comic-Imperien, die den Markt bis heute dominieren. Bis dahin war DC, die Geburtsstätte von Batman und Superman, allein tonangebend gewesen, doch seitdem leisten sich die beiden Rivalen einen steten Konkurrenzkampf, der längst nicht mehr nur auf den Comicseiten, sondern auf Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden ausgetragen wird. Die Sieger sind in der Regel die Fans. Immer neue Kapriolen, immer fantastischere Geschichten, immer heroischere und immer zeitgemäßere Gestalten lassen sich die Künstler in beiden Lagern einfallen20. Um sich gegenseitig zu übertrumpfen, aber auch um Geschichten zu erzählen, die das Potenzial haben, moderne Mythen zu werden – inklusive der dazugehörigen Heroen, bestrumpfhoste Kult-Ikonen für das 20. und 21. Jahrhundert.

Ja, wir leben im Zeitalter der Helden. Jedenfalls im Kino. Gaben einst Western, Romantische Komödien oder Actionfilme den Ton an, teilen heutzutage Fantasy-, Science-Fiction- und Superhelden-Streifen die großen Blockbuster untereinander auf. Filmexperte Bob Chipman, auf YouTube unterwegs unter dem Namen „Moviebob“, sagt dazu: „Der Superheld aus dem Comic, der einstmals ein Idol für Kinder und/oder für ein bestimmtes erwachsenes Nischenpublikum war, ist nun zum weltweiten Inbegriff des Heldenhaften geworden – ganz besonders im Kino.“21 Irgendwie haben die Superhelden in ihren Kostümen und mit ihrem überproportionalen Helfersyndrom die Welt erobert. Alle paar Wochen, so scheint es, kommt ein neuer ‚Super-Film‘ heraus, und nicht mehr nur die allerbekanntesten Namen wie Batman und Superman ziehen das Publikum an, sondern auch und ganz besonders obskure Gestalten wie „Deadpool“ oder „Starlord“. Und wenn auch der ein oder andere Cineast schon von ‚Superheldenmüdigkeit‘ spricht, scheint das Gros des Publikums diese noch nicht zu verspüren. Im Gegenteil existiert offenbar ein schier unersättliches Bedürfnis nach spannend erzählten Geschichten mit schrillen und heldenhaften Figuren, die (fast) immer Gutes tun und (fast) immer triumphieren. Jeder Fan von Karl May, der als Kind Seiten über Seiten der Abenteuer von Kara Shatterhand verschlungen hat und vielleicht auch heute noch verschlingt, wird gut verstehen, warum das so ist.

Moderne Helden

Подняться наверх