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Mit Fes, Charme und Kaftan

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Nicht nur die „Groteskfiguren“ Mays bedienen sich der Superheldenstrategie der Kostümierung. Es gibt wohl kaum ein ikonischeres Outfit im gesamten Maytext als das Winnetous. Es hat sich dank Film und Fernsehen sowie unzähligen Aufführungen auf Freilichtbühnen unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis eingegraben – ins deutsche jedenfalls. Aus unserer Perspektive ist es ähnlich wirkungsmächtig wie Supermans blauer Ganzkörperanzug mit dem S auf der Brust. Niemand, der je den Auftritt eines Winnetou-Darstellers auf einer der vielen Karl-May-Bühnen miterlebt hat, kann die Wirkungsmacht dieses ‚Gesamtpakets‘ leugnen: Winnetou ganz in weißes Leder gekleidet, mit Fransen an Ärmeln und Beinen, die Klapperschlangenhaut im langen, schwarzen Haar, thronend auf dem Rücken eines Rappen und die mit Nägeln beschlagene Silberbüchse hocherhoben. Es ist ein absolut ikonisches, wenn nicht sogar mythisches Bild.

„In gewisser Hinsicht sogar elegant“48, nennt Helmut Schmiedt dieses Outfit Winnetous sowie der anderen großen Jäger Old Firehand und Old Shatterhand. „Funktional“49 ist ein weiteres Wort, das er verwendet. Das trifft in vieler Hinsicht auch zu.

Die aus widerstandsfähigem Leder und meist auf indianische Art gefertigte Kleidung ist im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bedingungen der Wildnis zugeschnitten; ‚Westwaffen‘ wie Tomahawk und Lasso leisten dem Ich gerade in Gegenden, wo man sie nicht kennt, ganz hervorragende Dienste; und auf seinen ledernen Gürtel mit den vielen Taschen und Fächern kann der May’sche Weltläufer genauso wenig verzichten wie Batman auf den seinen (der nicht aus Leder ist, aber genauso praktische Utensilien enthält wie Kara Shatterhands „langjähriger Begleiter“50). Funktionalität kann man den ‚Kostümen‘ unserer großen Mayhelden also sicher nicht absprechen. Oft trägt die hervorragende Ausrüstung sogar zu ihrer superheldenähnlichen Überlegenheit bei. Aber dennoch will mich, bei näherer Betrachtung, der Verdacht beschleichen, dass ausgerechnet Winnetou, dem edlen und stoischen Häuptling der Apatschen, ‚Style‘ wenigstens ebenso wichtig ist wie Funktionalität. Wir befinden uns immerhin in einer Welt, in der Indianer nicht auf Schimmeln reiten dürfen, weil die weiße Farbe des Pferds noch aus weiter Ferne sichtbar ist und jedem Übelgesinnten die Anwesenheit eines beschimmelten Helden verraten würde. Und da kommt Winnetou, der Meister im Anschleichen, mit einem blütenweißen Lederkostüm davon? Das erinnert fast an Marvels Verbrechensbekämpfer Moon Knight, der sich absichtlich in pures Weiß hüllt, damit seine Feinde ihn auch ja kommen sehen. Und dann sind da noch die blitzblanken Nägel der Silberbüchse, auf denen sich die Sonne so schön brechen kann wie an den Balken einer Bordelltür, um einen anderen ikonischen Westernhelden, Terence Hills Nobody, zu zitieren51. Dass trotzdem kein Feind je den großen Winnetou kommen sieht, spricht wahrscheinlich für die wahre Meisterschaft des Apatschen in allen Fertigkeiten, die der Wilde Westen seinen Helden abverlangt. Aber er hätte es sich auch ein bisschen einfacher machen können. Es ist fast, als wäre sich Winnetou der mythischen Qualität seiner Erscheinung durchaus bewusst. Schließlich nutzt er sie nicht selten, um anderen Respekt einzuflößen, wie etwa einem unbedarften Sheriff, der Old Shatterhand wegen eines Diebstahls verhaften will, den unser Held natürlich nicht begangen hat:

„Und du wagst es, Old Shatterhand, meinen berühmten Bruder, der lieber alles, was er besitzt, verschenkt, als dass er einen fremden Grashalm nimmt, einen Dieb zu nennen? Pshaw!“

Es lag in diesem „Pshaw!“ der Ausdruck einer so tief herniedersteigenden Herablassung, eines so hoheitsvollen Erbarmens, dass der, an den es gerichtet war, keine Antwort fand und unwillkürlich einige Schritte zurückwich, als ob er mit dieser nun sehr heikel gewordenen Angelegenheit jetzt lieber gar nichts mehr zu tun haben möchte. Einem jeden, der Winnetou nicht gekannt hat, muss dieser Eindruck seiner Persönlichkeit höchst ungewöhnlich vorkommen, aber der berühmte Häuptling der Apatschen war noch weit mehr als bloß ein ungewöhnlicher Mann. Die Häuptlingsstellung war es natürlich nicht, die solche Achtung vor ihm erzwang, sondern es lag ganz allein in seiner Persönlichkeit, in der Gesamtheit seiner Vorzüge, dass sein Erscheinen überall, wohin er kam, Bewunderung und Ehrerbietung erregte.52

Bei Herzensfreund Scharlih funktioniert ein solcher Auftritt auf alle Fälle. Und das ist vermutlich den Extra-Aufwand wert, den es bedeutet, sich im schneeweißen Anzug und mit blitzender Silberbüchse in die gefährlichen Weiten des Westens zu begeben.

Dass May und sogar die Gestalten innerhalb seines Textes um die Wirkung imponierender und ikonischer Bekleidung sehr wohl wissen, beweist der denkwürdige Auftritt von Tante Droll und Hobble-Frank im Ölprinz:

Und wieder kamen zwei Reiter, aber nicht jenseits des Flusses, sondern am diesseitigen Ufer entlang. Sie waren sehr gut beritten. Fast hätte man sie von weitem für Old Shatterhand, den berühmten Präriejäger, und für Winnetou, den ebenso berühmten Häuptling der Apatschen, halten können. Aber sie waren beide zu klein dazu, der eine dick und der andere schmächtig.

Der Schmächtige trug ausgefranste lederne Leggins und ein ebensolches Jagdhemd, dazu lange Stiefel, deren Schäfte er über die Knie emporgezogen hatte. Auf seinem Kopf saß ein breitkrempiger Filzhut. In dem aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte hing ein Lasso und am Hals an einer seidenen Schnur eine indianische Friedenspfeife. Quer über dem Rücken hatte er zwei Gewehre, ein langes und ein kurzes. Genauso pflegte sich Old Shatterhand zu kleiden. […]

Während dieser kleine hagere Mann bemüht zu sein schien, ein Ebenbild von Old Shatterhand zu liefern, war der andere bemüht gewesen, Winnetou nachzuahmen. Er trug ein weiß gegerbtes, mit roter indianischer Stickerei verziertes Jagdhemd. Die Leggins waren an den Nähten mit Haaren besetzt; ob dies aber Skalphaare waren, das ließ sich sehr bezweifeln. Die Füße steckten in perlengestickten Mokassins, die mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren. Am Hals trug er gleichfalls eine Friedenspfeife und dazu ein Ledersäckchen, das einen indianischen Medizinbeutel vorstellen sollte. Um die dicken Hüften schlang sich ein breiter Gürtel, der aus einer Saltillodecke bestand. Aus diesem schauten die Griffe eines Messers und zweier Revolver hervor. Sein Kopf war unbedeckt. Er hatte die Haare lang wachsen lassen und sie in einen hohen Schopf geordnet. Quer über dem Rücken hing ihm ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren – eine Nachahmung der berühmten Silberbüchse des Apatschenhäuptlings Winnetou.

Wer Old Shatterhand und Winnetou kannte und hier diese beiden Männlein sah, der hätte sich sicher eines Lächelns nicht erwehren können. Das glattrasierte, gutmütige und etwas naseweise Gesicht des Hageren im Vergleich zu den mannhaften, gebieterischen Zügen Old Shatterhands und die blühend roten, runden Backen, die treuherzigen Augen und freundlich lächelnden Lippen des Dicken als Ebenbild des ernsten, bronzenen Gesichtes des Apatschen! […] Mit einem Wort: Der Dicke war der als ‚Tante Droll‘ bekannte Westmann und der Hagere sein Freund und Vetter Hobble-Frank.

Ihre Verehrung für Old Shatterhand und Winnetou war so groß, dass sie sich wie diese beiden gekleidet hatten, was ihnen freilich ein ungewöhnliches Aussehen gab. Ihre Anzüge waren neu und hatten jedenfalls teures Geld gekostet und beim Kauf ihrer Pferde waren sie auch nicht sparsamer gewesen.53

Was der schmächtige Hobble-Frank und die dicke Tante Droll hier betreiben, nennt sich heute ‚Cosplay‘: Fantasy-, Science-Fiction-, Comic- und Filmfans schneidern und basteln sich in mühevoller Arbeit mehr oder weniger ausgefeilte Nachbildungen der Kostüme ihrer liebsten Helden, um sich dann auf verschiedenen Fan-Treffen und Conventions (Messen) so richtig in Schale zu werfen und sich stolz im Gewand ihrer Idole zu präsentieren. Angeblich stammt der Brauch aus Japan, doch schon zu Zeiten von Karl May ließen sich Leser gerne als Figuren aus seinen Büchern verkleidet ablichten, um die Fotos dann dem verehrten Schriftsteller zu schicken. Ganz sicher waren sie nicht einmal die ersten Literaturenthusiasten, die eine Vorform des Cosplay betrieben. Aber wahrscheinlich war May der Erste, der diese Praxis der Kostümierung zum Thema der Literatur gemacht hat: Völlig unironisch, als reinen Ausdruck der Begeisterung, werfen sich Hobble-Frank und Tante Droll in die ikonischen Outfits von Old Shatterhand und Winnetou, ohne sich darum zu scheren, dass sie eigentlich zu klein, zu dick, zu dünn, zu hässlich sind, um sich in wahre Heldenkostüme zu zwängen. Sie sind Seelenverwandte der pummeligen Wonder Womans, dickbauchigen Captain Americas oder schmalbrüstigen Supermans von heute. Ja, ich denke mir, dass selbst der große Kara Shatterhand ein Faible für so etwas entwickeln hätte können. Schließlich zeichnet sich Mays Weltläufer durch eine extreme kulturelle Flexibilität aus. Immer, wenn er einen neuen Kulturkreis betritt, ist er schnell bereit, sich landestypisch zu kleiden, und zwar bis ins kleinste Detail. Er passt sich den Gepflogenheiten der Gegenden an, durch die er reitet, weil das erstens vernünftig und zweitens respektvoll ist. Aber er lässt dabei eine gewisse Lust am exotischen ‚Kostüm‘ nicht missen. Besonders deutlich wird dies in der schließenden Trilogie des sechsbändigen Orientzyklus. Hier reitet Kara Ben Nemsi, begleitet von Hadschi Halef Omar, folgendermaßen Durch das Land der Skipetaren: Seinen standesgemäßen Fes trägt er auf wasserstoffblondem Haupthaar, da er es für eine gute Idee hielt, seine Verkleidung als Nachfahre des Propheten (Sherif) inklusive grünem Turban mit blondiertem Haar und Bart zu untermalen; seine blauen Hosen sind aufgrund eines Missgeschicks in einem Fluss und einem darauffolgenden Missgeschick mit einem Bügeleisen auf Hochglanz gebügelt. Das Bild runden ein blütenweißer Kaftan und landesübliche Bewaffnung ab, von dem schwarzen Araberhengst natürlich mal ganz zu schweigen.54 Zum Superheldenkostüm mit dazu passendem Cape ist es da wirklich nicht mehr sehr weit.

Mays großer Reisender fügt sich in die jeweilige Kultur ein, die er besucht, aber er tut es mit Stil und großem Aplomb, wie es sich für ein echtes Cosplay gehört. Und auch als Old Shatterhand weiß unser Ich durchaus mit Kleidung und Kostümierung zu spielen. Dass er sich gerne maskiert und verstellt, lassen wir für den Moment noch beiseite. Schon allein das Spiel mit seinem Land auf, Land ab bekannten Westmannsoutfit – wie oben in der Fan-Variante des Hobble-Frank beschrieben – verrät, dass er sich über die Außenwirkung dieser Gewandung sehr wohl im Klaren ist. Old Shatterhand weiß genau: Was du trägst, macht dich zwar nicht zu dem, was du bist; aber es verleiht dir Kontrolle darüber, wie die Menschen dich wahrnehmen. Und das wiederum gibt dir Macht über sie. Denn so oft, wie man meinen sollte, begegnet Old Shatterhand uns gar nicht in seinem typischen Jägeroutfit. Aus Gründen der Notwendigkeit erfährt er so manche ‚Entkostümierung‘ und wird infolgedessen nicht gleich erkannt. In realita ist das coole Ledergewand natürlich nicht immer griffbereit, wenn das Ich gerade ‚aus dem Osten‘ kommt, um sich ins nächste Abenteuer zu stürzen. Oft ist Old Shatterhand dann noch in peinlicher ‚Zivilisationskleidung‘ unterwegs, die ihn sofort als Greenhorn markiert – als jemanden, der nicht dem Freiheitsraum des Westens angehört. Schließlich ist er dann weder so funktional-elegant gekleidet, wie die edlen Westleute es zu sein haben, noch so individuell-eigenwillig wie die Groteskhelden vom Schlage der Tante Droll. Ab und zu läuft das Ich sogar Seiten über Seiten in seinen unheroischen Zivilisationsklamotten herum, bis sich selbst der entnervte Leser schließlich fragt, wann Old Shatterhand sich endlich in ein standesgemäßes Outfit werfen wird. Ein gutes Beispiel findet sich zu Beginn der Felsenburg:

Mein Anzug, für den ich vor meiner Abreise in San Francisco achtzig Dollar bezahlt hatte, war nach und nach in eine solche Zerfahrenheit geraten, dass verschiedene Gegenden meiner Person viel sichtbarer waren als der Stoff, dem ich ihre Bedeckung anvertraut hatte. […] Und nun gar der Hut! In glücklicheren Zeiten Sombrero, das heißt Schattenspender genannt, hatte er jetzt verräterischerweise auf diesen Ehrennamen restlos Verzicht geleistet. Die erst so breite Krempe war nach und nach immer abwesender geworden, und das, was mir nun als treues Überbleibsel auf dem Kopf saß, hatte die Form eines türkischen Fes und hätte sich vortrefflich zum Tintenseiher geeignet. Nur der lederne Gürtel, mein langjähriger Begleiter, hatte auch diesmal seine unerschütterliche Charakterfestigkeit bewiesen.55

Wenn Old Shatterhand nicht seine typische Kleidung trägt und vielleicht auch noch seine ikonischen Waffen verbirgt, ist er nicht mehr als der Held zu erkennen, der er ist – ganz als hätte ein mittelalterlicher Maler vergessen, Bischof Ulrich seinen obligatorischen Fisch zu verpassen. Wie soll man da noch wissen, mit wem man es zu tun hat? Es ist, als würde Superman immer nur als der kreuzbrave Reporter Clark Kent herumlaufen und sich ein ganzes Abenteuer lang kein einziges Mal sein Hemd aufreißen, um das ikonische S zu enthüllen.

Old Shatterhand, der Schalk, macht sich und den Lesern einen Spaß daraus, nichtsahnende Westmänner und/oder unerfreulichere Zeitgenossen, die ihn für alles Mögliche, nur nicht für ihn selbst halten, an der Nase herumzuführen. Wer nur auf Oberflächlichkeiten schaut und so den Old Shatterhand im Schafspelz verkennt, hat es nicht anders verdient und muss sich schließlich durch eine heroische Tat des Ichs eines Besseren belehren lassen. Schließlich macht nicht das Hemd (oder die Strumpfhose) den Helden. Clark Kent ist unter Sakko, Krawatte und Brille immer noch Superman und Mays Ich ist immer er selbst. So hilfreich und praktisch es auch sein mag – das Gewand macht nicht den Helden, es macht nur seine Legende.

Mays Heroen und die Superhelden lehren uns, unser Anders-Sein, unser So-Sein, zu akzeptieren, es zu zelebrieren, es zu einer Quelle der Kraft und Stärke zu machen. Und manche von ihnen lehren uns sogar, damit zu spielen. Denn mit der Heldenexistenz geht zwar eine große Verantwortung einher, aber das heißt nicht, dass man sie nicht auch in vollen Zügen genießen kann. Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi, der sich mit verschiedenen Namen und Kleidern schmückt, legt eine geradezu diebische Freude an den Tag, wenn es darum geht, Bösewichten das Handwerk zu legen und sie dabei auch noch ordentlich hinters Licht zu führen. Die oben zitierte Behauptung des distanzierten Er-Erzählers des Ölprinz bezüglich Old Shatterhands „gebieterischen Zügen“ will gar nicht so recht zu dem Bild passen, das entsteht, wenn besagter Old Shatterhand uns seine Erlebnisse als Ich-Erzähler selbst schildert. Denn dann bekommen wir ja ungefiltert mit, mit welcher Lust am Spiel er etwa den Aladschy, zwei berüchtigten Banditenbrüdern, im Land der Skipetaren eine Falle stellt, indem er sich als unbeholfener, bebrillter und grünbeturbanter Scherif tarnt. Die ganze Scharade erscheint unnötig kompliziert: Wieso sich das Haar wasserstoffblond färben, um einen Nachkommen des Propheten zu mimen? Wieso einen ängstlichen, einfältigen und etwas pompösen Schwächling mimen, wenn nicht, um die etwaige Enthüllung des wahren Heldentums noch dramatischer zu gestalten? Das Versteckspiel Kara Ben Nemsis hat natürlich einen Zweck – Informationen zu sammeln und Leben zu retten. Aber mit der Ausführung seines Plans treibt er es nun wirklich auf die Spitze, und er scheint es aus reinem Spaß an der Freude zu tun:

Ich schob die Brille auf der Nase zurecht, betrachtete sie mir, wie ein Pädagoge einen ungezogenen Jungen betrachten würde. […] Als ich nun aus dem Sattel war, hinkte ich gravitätisch zu dem Tisch, an dem sie gesessen hatten. […] und sich nun wieder niederließen.

„Nun denn, ich bin Scherif Hadschi Schehab Eddin Abd el Kader Ben Hadschi Gasali al Farabi Ibn Tabit Merwan Abul Achmed Abu Baschar Chatid esch Schonahar.“

Die beiden Wegelagerer hielten sich die Hände vor die Ohren und stießen ein lautes Gelächter aus. […]

„Woher kommst du denn, du mit dem langen Namen, den kein Mensch sich merken kann?“, fragte der eine weiter. Ich warf ihm über die Brille weg einen langen, ernsten, ja vorwurfsvollen Blick zu und antwortete: „Den kein Mensch sich merken kann? Habe ich dir denn nicht soeben meinen Namen gesagt?“ 56

Maskierung und Verstellung, Enthüllung und Offenbarung ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Mays Geschichten. Manchmal verkleidet sich Kara Shatterhand ganz bewusst, manchmal reicht die Abwesenheit der berühmten Westmannskleidung. Oft wird er aber auch schlicht und ergreifend deshalb nicht erkannt, weil er kein titanenhafter Recke ist wie etwa Old Surehand, der junge Hüne, oder Old Firehand, der sogar dem Ich einen Fanboy-Moment beschert:

Winnetou kannte ich genugsam und ließ ihn also unbeachtet. Dagegen drängte es mich mit Gewalt in die Nähe von Old Firehand, dessen Anblick mich an jene alten Recken mahnte, von denen ich als Knabe so oft mit Begeisterung gelesen hatte. Mit gespreizten Beinen stand er aufrecht da und ließ sich von den Soldaten des Forts die Indianer ins Schlachtbeil treiben, das, von einer riesenstarken Faust geführt, bei jedem Schlag zerschmetternd auf die Köpfe der Feinde sank. Die langen, mähnenartigen Haare wehten ihm ums entblößte Haupt und in seinem Gesicht prägte sich eine wilde Siegesgewissheit aus.57

Old Firehand und Old Surehand sind kampferprobte und muskelbepackte Westmänner, und Kara Shatterhand betrachtet sie und andere ansehnliche Exemplare beeindruckender Manneskraft durchaus mit großer ästhetischer Bewunderung. Allerdings fallen weder er selbst noch Winnetou in diese Kategorie, von dem kleinen, drahtigen Hadschi Halef Omar einmal ganz zu schweigen. Trotzdem gewinnen diese drei einen Kampf nach dem anderen, denn bei May toppt Körperbeherrschung am Ende immer Muskelmasse. Und deshalb legt so mancher zarter gebaute May-Held so manchen Herkules aufs Kreuz, ganz ähnlich wie die feingliedrige Black Widow beinah alle Männer des Marvel-Universums zu Boden bringt – ungeachtet irgendwelcher übermenschlichen Fähigkeiten. Sie, die über keine Superkräfte und kaum Spezialwaffen, aber eine rigorose Ausbildung verfügt, ist der Inbegriff der Tödlichkeit. Black Widow, seit 2010 von der gerade mal 1,60 Meter großen Scarlett Johansson dargestellt, ist eine gelernte Spionin, die sich hinter ihrer Weiblichkeit und ihrem grazilen Körper zu verstecken weiß. Kara Shatterhand wiederum ist zwar weder ein Doppelagent noch eine Frau, doch nutzt auch er seinen ‚unheldischen‘ Körper zu notwendigen bis rein amüsanten Täuschungsmanövern. Sein Ruf ist im wahrsten Sinne des Wortes größer als er selbst, und Kara Shatterhand gebraucht das regelmäßig. In Old Surehand I gibt er sich zum Beispiel einer Gruppe mittelmäßiger Westmänner gegenüber als „Gräbersucher“ aus, was ihm dank seines bescheidenen, ‚unkriegerischen‘ Auftretens auch prompt geglaubt wird. Anscheinend wirkt Old Shatterhand so harmlos, dass den Getäuschten nicht einmal der Gedanke kommt, er könnte etwas anderes sein, als er behauptet. Fürsorglich nehmen sie ihn unter ihre Fittiche, tun aber auch ihr Bestes, um dem ‚Greenhorn‘ vor Augen zu führen, dass er nicht für das Leben im Westen gemacht und deswegen auf ihre Unterstützung angewiesen ist. Sie ziehen nicht einmal in Erwägung, dass jemand, der allein über die Prärie reitet, über gewisse Überlebensfähigkeiten verfügen muss. Sogar das Pferd des Gräbersuchers schätzen sie völlig falsch ein und halten den unvergleichlichen Mustangrappen Hatatitla für einen „Kutschgaul“.

Solche und ähnliche Vorkommnisse zeigen, wie blind Voreingenommenheit machen kann. Old Shatterhands ‚unwestmännisches‘ Aussehen und Wesen genügen oft, um andere zu täuschen und sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen zu lassen. Freilich werden solche Zeitgenossen oft, wenn auch nicht immer, als ziemlich borniert dargestellt. Aber das könnte man schließlich auch über Männer sagen, die einer Frau nicht zutrauen, sie von der Matte zu fegen. Je gewaltiger die Legende innerhalb des Mayversums wird, desto weniger gelingt es dessen Bewohnern, den Ruf mit dem Menschen zu vereinbaren, der vor ihnen steht. In diesem Sinne übernimmt diese Legende ein wenig die Funktion einer geheimen Identität.

Es gab eine Zeit, da gehörte die Geheimidentität eines Superhelden genauso zum Mythos dazu wie seine Kräfte und sein Kostüm. Ganz besonders im Film verbargen sich Übermenschen wie Superman, Batman und Spider-Man hinter einer Maske (bzw. in Supermans Fall hinter den Brillengläsern von Clark Kent), um relativ unbehelligt Verbrecher und Superbösewichte jagen zu können. Die geheime Identität schien dafür zwingend erforderlich. Schließlich kann der Milliardär Bruce Wayne, der sich immer im Licht der Öffentlichkeit befindet, schlecht in einer Grauzone zwischen Legalität und Illegalität arbeiten; der maskierte Rächer Batman kann das durchaus. Spider-Man, hinter dessen Ganzgesichtsmaske sich der Teenager Peter Parker verbirgt, muss seine Identität verbergen, um seine Tante und seine Freundin vor der möglichen Rache der besiegten Bösewichte zu bewahren. Und wer wüsste, dass Superman liebende Eltern hat, hielte eine Waffe in den Händen, die wirkungsvoller wäre als jedes Kryptonit58.

Die Geheimidentität dient den Superhelden vor allem zum Schutz. Sie kann aber auch zu allerhand Komplikationen führen, vor allem, wenn die engsten Angehörigen und Freunde ebenfalls nicht eingeweiht sind. Lois Lane liebt berühmterweise Superman, ohne zu ahnen, dass der Held und ihr sie anbetender Kollege Clark Kent ein und dieselbe Person sind. So manche Beziehung geht zu Bruch, weil der Supermensch seine häufige Abwesenheit nicht erklären kann; die Aufdeckung der Geheimidentität durch Superschurken oder die Obrigkeit stellt eine stete Gefahr für den Helden dar. Ein nicht unbedeutender Teil der Spannung der Superheldenexistenz, so könnte man argumentieren, entspringt dem Konzept der Geheimidentität: Wem kann man dieses große Geheimnis anvertrauen und wem nicht? Was passiert, wenn man doch jemandem vertraut? Bringt man sich selbst in Gefahr oder andere? Und wer ist das eigentliche ‚Ich‘? Der tölpelhaft-sympathische Reporter Clark Kent oder der Außerirdische Superman? Ist Clark Kent nur eine Maske für jemanden, der sich verbergen muss, weil er anders ist und helfen will? Oder ist Superman nur das, was der Mann Clark Kent zu tun in der Lage ist und unter seinem echten Namen nicht tun könnte, ein Mittel zum Zweck also?

Unterschiedliche Superheldengeschichten finden unterschiedliche Antworten auf diese Fragen. Doch legte kaum je ein Film-Superheld ungezwungen seine Maske ab. Bis dann im Jahr 2008 die Marvel Studios mit Iron Man die Kinoleinwände eroberten.

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