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Aus großer Macht folgt große Verantwortung
ОглавлениеSuperhelden sind eigentlich nichts anderes als mal hehre, mal ziemlich ausgeflippte Manifestationen des amerikanischen Traums vom Individuum, das zu jedweder Meisterleistung fähig ist. Mit diesen ‚Meisterleistungen‘ sind zum einen die ungeheuren Kräfte und Fertigkeiten der Über-Heroen gemeint, zum anderen aber auch die Fähigkeit des Menschen zu reiner Güte und Lauterkeit. Der Einzelne – so die Botschaft, die hinter den Superhelden steht – kann alles schaffen und alles erreichen, wenn er nur will. Gleichzeitig geht damit aber auch immer die Idee von kompromisslosem Nächstendienst einher. Der Superheld kann alles, und weil er alles kann, muss er Gutes tun. Oder, um es mit den berühmt gewordenen Worten von Stan Lees Spider-Man zu sagen: „Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“
Ganz so direkt formulieren es die Mayhelden eigentlich nie. Auch wird die kausale Verbindung zwischen Kraft und edlen Taten nicht so betont. Kara Shatterhand tut nicht Gutes, weil er physisch stark ist. Er tut Gutes, weil er gut ist und weil jede andere Handlungsweise außer Frage steht. In der Großen Reiseerzählung wird jeder Mensch zu allererst an seiner humanen Einstellung gemessen. Wer diese nicht hat, kann noch so stark sein und wird es doch zu nichts bringen in der Heldenhierarchie des Maytextes, jener ungeschriebenen Rangliste an Edelmenschentum, die Winnetou, Old Shatterhand und die kurdische Königin Marah Durimeh anführen.22 Und wer sie hat, kann selbst ohne große Stärke ein Edelmensch werden – wenn auch fehlende Körperkraft die Handlungsmöglichkeiten guter Menschen in den ‚Abenteuerräumen‘ des Mayversums deutlich einschränkt. In den wilden Weiten des amerikanischen Westens sowie den zerfallenden Zivilisationen und rechtlosen Gebieten des Orients gilt das Gesetz des Stärkeren. Das betont Mays Ich-Erzähler häufig genug. Doch nur, wenn dieser Stärkere auch ein so lauterer Mensch ist wie Kara Shatterhand, kann die Geschichte gut ausgehen. Insofern trifft Spider-Mans Motto also sehr wohl auf die echten Mayhelden zu. Nur dass in sich gefestigte, moralisch absolut integere Menschen wie Winnetou und sein Blutsbruder sich die Frage gar nicht erst stellen, was denn sonst mit großer Kraft anzustellen sei, als eben Verantwortung zu übernehmen. Die weniger prätentiösen Worte, in die die neueste Inkarnation von Peter Parker alias Spider-Man seinen berühmten Leitspruch kleidet, trifft das Ganze vielleicht ein wenig besser: „Wenn du tun kannst, was ich tun kann, und du tust es nicht, und wenn dann schlimme Dinge passieren, dann geschehen sie deinetwegen.“23
Die Idee vom Superhelden stellt die Forderung an das starke, fähige Individuum, seine Anlagen wohlbringend einzusetzen, geht aber auch davon aus, dass es jedem Menschen gegeben ist, ethisch richtig bzw. gut zu handeln.24 Das ist nicht so weit von Mays Ideal des Edelmenschen entfernt: Das Wichtige ist, sich für das rechte Handeln zu entscheiden. Manchmal ist das ein lebenslanger Versuch, so wie im Falle des kleinen, tapferen, großspurigen Hadschi Halef Omar, der auf seinem Weg zum wahren Menschsein immer wieder strauchelt, aber niemals aufgibt. Und manchmal ist es eine unerschütterliche innere Sicherheit, wie sie dem Ich oder Winnetou gottgegeben ist. In dieser Hinsicht sind Kara Shatterhand und sein Blutsbruder nicht anders als Superman, der von seinen außerirdischen Eltern die Macht und von seinen menschlichen Zieheltern einen unbeirrbaren moralischen Kompass mitbekommen hat. Die beiden großen Mayheroen würden also gut in das Wertesystem einer archetypischen Superhelden-Geschichte hineinpassen, auch wenn sie keine Superkräfte haben. … Haben sie doch nicht, oder?
Weder Old Shatterhand noch Winnetou waren je kosmischer Strahlung oder dem Biss eines radioaktiven Insekts ausgesetzt, sie sind weder kugelsicher noch haben sie einen Röntgenblick noch können sie einen ganzen Panzer in die Luft heben. Aber die Art und Weise, wie uns der Maytext seine Überhelden präsentiert, lässt uns das leicht vergessen. Wenn Winnetou beim Verfolgen einer Fährte auf der Prärie auch noch der kleinste geknickte Grashalm auffällt, und das mitten in der Nacht; wenn Old Shatterhand trotz seiner nicht übermäßigen Körpergröße und -masse einen ausgewachsenen Mann mit nur einem Fausthieb bewusstlos schlägt oder ein Pferd mit seinem Schenkeldruck in die Knie zwingt; und wenn die Blutsbrüder mit nur einem Blickwechsel ganze Bände sprechen – ja, dann könnten sie genauso gut über erweiterte Sinne, Megastärke oder Ansätze von Telepathie verfügen. Den Beobachtern innerhalb der Erzählung kommt es jedenfalls oft so vor. „Dieser Weiße ist der größte Zauberer, den es gibt“, sagt Osagen-Häuptling Schahko Matto entrüstet über Old Shatterhand, „und wenn er und der Apatsche beieinander sind, so besitzen hundert Osagen nicht Macht genug, sie anzugreifen oder gar sie festzunehmen.“25
Der Häuptling steht mit dieser Ansicht keinesfalls alleine da. Kara Ben Nemsi wird im Orient wahlweise unterstellt, mit dem Sheïtan im Bunde zu stehen oder den ‚Bösen Blick‘ zu haben, der ihm alle Geheimnisse enthüllt. Im Wilden Westen eilt ihm und Winnetou ein Ruf voraus, der in gewisser Weise selbst eine Art Superkraft ist. Die beiden Überhelden stehen bei Freund wie Feind in so großem Ansehen, dass sie manchen Konflikt lösen können, ohne dass ein Schuss fällt. „Winnetou und Old Shatterhand werden für unüberwindlich gehalten“, erklärt der edle Komantsche Apanatschka, der die Blutsbrüder aufgrund seiner Stammeszugehörigkeit als Gegner betrachten muss. „Aber sie beide sind Männer, die mir für unantastbar gelten; sie sind die Freunde aller roten und aller weißen Krieger und leben allen Bewohnern des Wilden Westens als Vorbilder, die ich nicht verletzen darf.“26 Genau wie bei klassischen Superhelden auch entsteht dieser Leumund aus einer Mischung aus humanem Handeln, tatsächlichen hervorragenden Fertigkeiten und einem Ruf der Unbesiegbarkeit. Winnetou und Old Shatterhand erhalten so eine Aura des Mehr-als-Menschlichen.
Natürlich ist ihr Autor sehr darauf bedacht, den Leser in die bodenständigen Grundlagen der fantastisch wirkenden Leistungen seiner Helden einzuweihen: Es steckt hartes Training und eine geschärfte Beobachtungsgabe dahinter, ein Wissensvorteil oder überlegene Ausrüstung und dergleichen mehr. Und weil es der Ich-Erzähler des Maytextes ist, der uns diese Erklärungen gibt, und wir gelernt haben, ihm bedingungslos zu vertrauen – schließlich ist er Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, der so viel weiß und fast immer Recht hat und außerdem niemals lügt – weil eben dieser vertrauenswürdige Ich-Erzähler uns diese Erklärungen serviert, glauben wir auch, dass er und Winnetou eben doch nur Menschen sind. Wenn auch mal gerade so. Denn in der Realität verwurzelte Begründung oder nicht: Winnetou und Kara Shatterhand verrichten genug Taten, die die Grenzen des Menschenmöglichen wenn schon nicht überschreiten, so doch gehörig strapazieren. Gerne erteilt vor allem das Ich dabei dem ein oder anderen Möchtegernhelden auch noch eine lehrreiche Lektion:
Er fasste mich bald rechts, bald links, bald oben, bald unten, bald hüben und drüben oder hinten und vorn zu gleicher Zeit und brachte mich doch nicht um einen Zentimeter von der Stelle, denn ich hatte die Beine ausgespreizt und die Knie ein wenig gebogen und schob jedem Druck von ihm den Schwerpunkt meines Körpers entgegen. Wer diesen Kniff gut eingeübt hat, den bringt selbst ein ungewöhnlich starker Mann nicht von der Stelle. Die Hauptsache ist, dass man nicht den Bruchteil einer Sekunde zögert, sich auf die Absichten des anderen umzustellen und seinen Schwerpunkt sofort dem Druck des Gegners entgegenzuschieben. Man muss diesen Druck, ich möchte sagen, vorherahnen, man darf nicht warten, bis man ihn fühlt. Versäumt man nur einen Augenblick, so ist es zu spät und man hat das Gleichgewicht verloren.
[…] Endlich ließ er ab, holte tief Atem und schrie erbost:
„Dieser Kerl hat entweder den Teufel oder er ist an die Diele festgenagelt! So etwas hat man noch nie erlebt.“
„Ich will Euch gleich etwas zeigen, was Ihr wohl auch noch nicht erlebt habt“, lachte ich. „Ihr wolltet mich auf die Straße werfen, ich will es feiner mit Euch machen; Ihr müsst zwar auch hinaus, aber ich werde Euch nicht werfen, sondern tragen. Passt auf!“
Um seine Arme und Hände für mich unschädlich zu machen, drehte ich ihn, bevor er es vermutete, schnell um, fasste ihn oben am Rock- und Westenkragen, unten am Gesäß, hob ihn mit einem Ruck in die Höhe, schüttelte ihn einige Male derb auf und nieder, was ihm für den Augenblick die Widerstandskraft nahm, ging zur halb offenen Tür, schob sie vollends auf und trug ihn durch den Flur hinaus auf die Straße. Alles, was sich im Zimmer befand, kam unter hellem Gelächter hinterhergelaufen.27
Und wie schreibt der Ich-Erzähler selbst über den großen Häuptling der Apatschen? „Man denke, mein Gegner war Winnetou, der bisher noch nie besiegt worden war und später auch nie wieder besiegt worden ist, mit seiner schlangenartigen Geschmeidigkeit, den eisernen Muskeln und stählernen Flechsen!“28 Nicht nur die Konstitution Winnetous, sondern auch die Art, wie sie beschrieben wird, erinnern sehr an den ‚Mann aus Stahl‘ alias Clark Kent alias Superman. Nur dass Karl May seine Beschreibung eben ein bisschen metaphorischer meint als die Comicbuch-Autoren. Man darf sich die Frage stellen, ob er sich die Mühe gemacht hätte, hätte er einige Jahrzehnte später geschrieben. Und ist die Vielsprachigkeit seines Ich-Helden, dessen extreme physische Ausdauer und seine enorme Geschicklichkeit in allen Belangen des Lebens wirklich so viel weniger fantastisch als die Vorstellung, dass Gammastrahlung einem Menschen grenzenlose Kräfte verleiht, wenn er nur wütend genug wird (und grün)?
Natürlich sind die trotz allem noch menschlichen Kräfte der Blutsbrüder nicht wirklich mit denen eines Superwesens wie dem Hulk gleichzusetzen. Das riesige, muskelbepackte und grüne Alter Ego des zurückhaltenden Wissenschaftlers Bruce Banner ist die Manifestation blanker Wut, aber auch grenzenloser Stärke. Es gibt nichts, was der Hulk kräftemäßig nicht kann – außer sich zu beherrschen vielleicht. Und in den Augen Supermans, der sogar Kohle zu Diamant pressen kann, wäre selbst die beachtlichste Shatterhand’sche Demonstration an Köperkraft gar nicht der Rede wert. Aber es gibt auch Superhelden, die nicht so gigantisch stark sind wie der Sohn von Krypton, das ‚Wutmonster‘ Hulk oder auch der vermeintlich schmächtige Spider-Man. Sie verdanken ihre überlegenen Fähigkeiten Training, Genie und/oder der Wissenschaft und sind nur ein kleines bisschen Mehr-als-Mensch. Solche Helden eignen sich als Vergleichsobjekte für unsere Blutsbrüder ganz hervorragend.
Batman beispielsweise ist kein Überwesen. Im Alltag trägt er den Namen Bruce Wayne und ist zwar ein Milliardär, aber sonst ein ganz normaler Mensch. Nun ja, außer dass er der wahrscheinlich klügste Kopf im DC-Universum ist. Doch all die Fähigkeiten, die ihn auszeichnen, hat er sich durch hartes Training angeeignet. Superbösewichten legt er allein durch seinen detektivischen Spürsinn, durch Kampfkunst und durch hochtechnische Ausrüstung das Handwerk. Das kommt uns Maylesern natürlich bekannt vor. Kara Shatterhand sichert sich seine Überlegenheit ebenfalls durch eine Kombination aus allen drei Faktoren. Sein Scharfsinn ist legendär, sein Körper ist dank Winnetous Schule gestählt, und mit dem fünfundzwanzigschüssigen Henrystutzen und dem riesigen Bärentöter lehrt er so manchem Feind das Fürchten, ohne sie todbringend einsetzen zu müssen. Die beiden ‚Zaubergewehre‘ sind von seiner Person nicht wegzudenken. Ganz ähnlich sind viele Superhelden mit ikonischen Waffen ausgestattet, die irgendwie zu ihrem Namen, ihrer Superkraft oder ihrem Outfit passen. Batmans zahlreiche Utensilien sind alle mehr oder weniger im Fledermausdesign gehalten, ein maskierter Rächer namens Green Arrow29 schießt passenderweise mit Multifunktionspfeilen und die S.H.I.E.L.D.-Agentin und Superspionin Black Widow setzt neben ihrem agilen Körper auch die Elektroschocker ‚Widow’s Bite‘ ein.30 Thor, Sohn des Odin, schwingt natürlich seinen blitzeschleudernden Hammer Mjölnir und die Amazone Wonder Woman das ‚Lasso der Wahrheit‘.31
Im Großen und Ganzen sind die archetypischen Superhelden mit Waffen ausgestattet, die zwar durchaus Schaden anrichten, zugleich aber auch Gegner ausschalten können, ohne sie zu töten. Das sprechendste Beispiel dafür ist wohl der rot-weiß-blaue Schild von Marvels Supersoldat Captain America, die defensive Waffe schlechthin. Der Schild verkörpert den Kern der selbstgesetzten Mission von ‚Cap‘: anderen Schutz und Schirm zu sein. Als Veteran des Zweiten Weltkriegs ist Steve Rogers nicht darüber erhaben, ein Menschenleben zu nehmen. Aber vorzugsweise schlägt er seine Widersacher mit dem Schild k.o., vor allem im Duell mit bloßen Befehlsempfängern. Außerdem benutzt er den runden Schild als eine Art Bumerang, um seine Gegner zu entwaffnen, von den Beinen zu fegen oder sonst wie unschädlich zu machen. Er erlangt eine solche Meisterschaft mit dem unkonventionellen Wurfgeschoss, dass der junge Spider-Man 2016 endlich ausspricht, was sich sowieso alle denken: „Dieses Ding hält sich überhaupt nicht an die Gesetze der Physik, oder?“32
Dass ausgerechnet dem Supersoldaten kein Supergewehr in die Hand gegeben wird, sondern eben ein Schild, ist natürlich Absicht. Die Wahl dieser Verteidigungswaffe wirkt zunächst absurd, vielleicht gerade weil sie anders als ein magisches Wahrheitslasso oder ein mythischer Hammer noch in der Realität verwurzelt ist. Aber beim näheren Betrachten macht es Sinn: Captain America ist vor allem dazu da, Leben zu erhalten und nicht auszulöschen. Und auch die Waffen vieler anderer Superhelden, egal, wie cool oder abgefahren oder unwahrscheinlich sie auch sein mögen, dienen in erster Linie dazu, zu verteidigen. Diese Denkweise und Bildsprache passt ganz wunderbar zu unserem Mayhelden Kara Shatterhand. Dieser ist durchaus mit Schusswaffen ausgerüstet, trägt er doch berühmterweise nicht nur den Henrystutzen, sondern auch den schweren Bärentöter und einen Revolver. Aber er setzt sein Arsenal fast ausschließlich präventiv ein; das heißt, er demonstriert häufig und ausgiebig die große Reichweite und Durchschlagskraft des Bärentöters und die Schusskapazität des Henrystutzen, um seinen Gegnern Respekt/Angst einzuflößen. Kommt es doch zum Ernstfall, schießt er auf Extremitäten und keineswegs mit Tötungsabsicht. Genau deshalb übergibt ihm der Waffenschmied Mr. Henry ja seinen potenziell unheilvollen Stutzen: weil er weiß, dass der junge Old Shatterhand ihn nie missbrauchen wird:
Er öffnete seinen Gewehrschrank, nahm – den ersten fertigen Henrystutzen heraus, erklärte mir den Bau und den Gebrauch der Waffe und führte mich dann zu seinem Schießstand, wo ich das unübertreffliche Gewehr erproben und beurteilen sollte. Ich war geradezu entzückt von dem Stutzen, machte jedoch den Alten nochmals darauf aufmerksam, dass die Verbreitung dieser Schnellfeuerwaffe für die Tier- und auch für die Menschenwelt des Westens die nachteiligsten Folgen haben müsse.
„Weiß es, weiß es“, nickte Henry. „Habt es mir ja schon erklärt. Werde also nur einige Stück anfertigen. Das erste, dieses hier, schenke ich Euch. Habt meinen alten Bärentöter berühmt gemacht, sollt ihn nun für immer behalten und den Stutzen dazu.“ 33
Mr. Henry hat seine „helle Freude“ an den Heldentaten Old Shatterhands, „denn ich bin es ja gewesen, der Euch diesen Weg zeigte“34. Sein Interesse an dem jungen Deutschen scheint ähnlich motiviert zu sein wie das des Wissenschaftlers Abraham Erskine an dem jungen, noch ganz und gar nicht übermenschlichen Steve Rogers im Captain-America-Film von 2011. Der aus Nazi-Deutschland geflohene Jude wählt den schmächtigen Burschen aus Brooklyn für die experimentelle Behandlung aus, die aus dem kleinen Kerlchen einen Supersoldaten machen soll. Erskine trifft diese unwahrscheinliche Wahl, weil Steve auf die Frage „So, Sie wollen also Nazis töten?“ antwortet: „Ich will gar niemanden töten. Ich mag’s nur nicht, wenn jemand drangsaliert wird.“35 Die Botschaft ist klar: Nur Menschen, die nicht töten wollen, kann man die gefährlichsten aller Waffen in die Hand geben bzw. sie selbst zu einer solchen Waffe machen.
Doch nicht der Henrystutzen kommt der Funktion und Bildkraft von Caps Schild am nächsten, sondern der legendäre Jagdhieb Old Shatterhands. Mit einem bloßen Faustschlag gegen die Schläfe streckt Mays Ich-Held den stärksten Mann nieder und erringt sich damit im Westen seinen Kriegsnamen Old Shatterhand. Wäre er stattdessen im Marvel-Universum unterwegs, hätte ihn wahrscheinlich jemand ‚Iron Fist‘36 getauft; es käme so ziemlich auf dasselbe hinaus. Der Jagdhieb ist das typische Erkennungsmerkmal des May’schen Weltläufers, mehr noch als Bärentöter und Henrystutzen. Der Kampfkniff erlaubt es ihm, seine Gegner auf eine ganz eigene Art und Weise auszuschalten. Genau wie nicht jeder mit Caps Schild den Naturgesetzen die Stirn bieten kann, kann auch nicht jeder – oder besser gesagt: niemand – Old Shatterhands Schläfenhieb so einsetzen, dass die Gegner tatsächlich bewusstlos zu Boden gehen. Westmann Old Surehand und Komantsche Apanatschka müssen das schmerzhaft lernen, als sie sich in einem Zweikampf gegenüberstehen und nur noch die Fäuste zur Verfügung haben:
Wieder standen sie eine Weile still; dann versetzte der Komantsche seinem Gegner einen Hieb auf den Kopf, dass es zu krachen schien, und erhielt fast im selben Augenblick einen ebensolchen Schlag; keiner von beiden wankte.
„Uff!“, sagte Winnetou mit gedämpfter Stimme. „Keiner von ihnen ist Old Shatterhand!“
Beide sahen ein, dass mit solchen Faustschlägen nichts zu erreichen war, und hatten sich schnell bei den Kehlen.37
Dank dieses Jagdhiebs behält Kara Shatterhand in unzähligen Kämpfen die Überhand, ohne dass seine Kontrahenten größeren Schaden davontragen als einen Brummschädel. Wo die Gewehre zumindest potenziell töten können (und manchmal müssen), ist der Zweck des Schläfenhiebs ein anderer. Es geht darum, einen Kampf so schnell und so unblutig wie möglich zu beenden; es geht um effektiven Selbstschutz und um den Schutz anderer, sowohl der Angegriffenen als auch der Angreifer. Die Art der Attacke lässt von vornherein gar keinen anderen Schluss zu, ganz genauso, wie man einen Schild zuallererst mit Verteidigung assoziiert. Es ist kein Wunder, dass ausgerechnet dieser Jagdhieb Old Shatterhand zu seinem Heldennamen verhilft: Er bringt die Essenz seiner heroischen Existenz auf den Punkt.