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Ich bin Iron Man
Оглавление2008 war ein wichtiges Jahr für die Superhelden und ihren cineastischen Siegeszug. Auch zuvor hatte es immer wieder Wellen von Comic-Adaptionen gegeben, allen voran unterschiedlich gelungene Superman- und Batman-Verfilmungen, die fast 20 Jahre laufende X-Men-Reihe um Film-Ikonen wie Hugh Jackman, Patrick Stewart und später Jennifer Lawrence und die wegweisende Spider-Man-Trilogie mit Tobey Maguire als Peter Parker. Aber 2008 kam es zu zwei wichtigen Weichenstellungen. Zum einen brachte Regisseur Christopher Nolan mit The Dark Knight einen düsteren, vielschichtigen Batman-Film auf die Leinwand, der ein für alle Mal bewies, dass Superheldenstreifen jedem künstlerischen Anspruch genügen konnten. Zum anderen machte sich Marvel mit einem eigens gegründeten Filmstudio an ein waghalsiges Experiment: Ein cineastisches Universum sollte geschaffen werden, in dem verschiedene Superhelden sich begegnen, sich zusammenschließen und bekämpfen konnten, in dem die Ereignisse und Geschichten aufeinander aufbauten, in dem Freundschaften entstehen und zerbrechen und in dem ganze Welten untergehen und gerettet werden konnten. Kurz: Wie in den Comics auch – und ein wenig wie im Maytext – wollten Marvel Studios eine riesige, niemals endende Geschichte erzählen.59
So etwas war noch nie versucht worden. Nicht im Kino und nicht in diesem Ausmaß. Deswegen mussten die jungen Marvel Studios erst einmal klein und vorsichtig anfangen. Oder besser gesagt: Klein fingen sie an, mit relativ geringem Budget und bescheidenen Mitteln, aber besonders vorsichtig oder zurückhaltend waren sie dabei eigentlich nicht. Jedenfalls nicht innerhalb der Geschichte, die sie erzählten. Denn von all den Superhelden, die Marvel zur Verfügung standen60, suchten sie sich ausgerechnet den großmäuligsten, unbescheidensten und egozentrischsten aus: den Erfinder und Milliardär Tony Stark alias Iron Man.
Tony Stark ist als Held der ultimative ‚Self-made-man‘. Superkräfte hat er von Haus aus gar keine – wäre da nicht seine überwältigende Intelligenz und sein noch überwältigenderes Selbstbewusstsein. Seine Heldenidentität sowie seine Kräfte bastelt sich der begnadete Ingenieur eigenhändig: den Iron-Man-Anzug, eine Art hochtechnisierte, computerisierte, fliegende Rüstung. In den Marvel Comics kurvte er damit schon seit 1963 durch die Welt und vollbrachte heroische Taten – mal alleine, mal an der Seite von Captain America, Black Widow und weiteren Superhelden, die sich unter dem Team-Namen ‚Avengers‘ zusammenschlossen. In der Welt des Kinos jedoch war Tony Stark ein unbeschriebenes Blatt. Mit der Ausnahme von Comic-Fans hatte kaum jemand seinen Namen schon einmal gehört, und so eignete er sich hervorragend dafür, ein neues Kapitel in der Geschichte der Superhelden einzuläuten: die Geburtsstunde des Marvel Cinematic Universe. Und zwar mit einem Paukenschlag. Denn genau wie der grünbeturbante, wasserstoffblonde Kara Ben Nemsi hat es auch Tony Stark nicht gerade mit Subtilität.
Der Film Iron Man erzählt zunächst eine klassische ‚Originstory‘ – die Genesis eines Superhelden. Tony Stark ist mehrfacher Milliardär, Genie, Waffenproduzent und ein Playboy. Diesen hedonistischen Grundcharakter behält er auch nach seinem ‚Erweckungsmoment‘ ganz unverfroren bei. Ja, er zieht von da an gegen das Böse ins Feld, weil er für frühere Versäumnisse Abbitte leisten will; aber auch, weil er sich gut fühlt, wenn er Gutes tut – und weil es Spaß macht. Zu Beginn seiner Geschichte sind Tonys Genialität, seine grenzenlose Energie und seine Lebenslust jedoch gründlich fehlgeleitet. Nicht nur feiert er wilde Partys und treibt seine Freunde durch seine Verantwortungslosigkeit zur Verzweiflung, er kümmert sich auch nicht darum, in wessen Händen die hochentwickelten Waffen landen, die seinem brillanten Ingenieursgehirn entspringen. Er glaubt durchaus, mit seinen Waffenerfindungen und -verkäufen an das US-Militär etwas Gutes zu tun, macht sich aber keine sonderliche Mühe, nachzuprüfen, ob dem auch tatsächlich so ist. Tony ist auf eine gleichgültige Art und Weise blauäugig. Im Mayversum wäre er – nun ja, ein echter Yankee eben. Als genau das hatte Stan Lee ihn seinerseits schließlich auch entworfen:
Ich war zu der Zeit ein bisschen übermütig. […] Wir waren mitten im [Kalten] Krieg, und die jungen Leute im ganzen Land hassten den Krieg, sie hassten die Kriegsindustrie, und das zu Recht. Also sagte ich mir: Ich will eine Heldenfigur erschaffen, die all das repräsentiert, was alle hassen, und ich werde dafür sorgen, dass sie es schlucken. […] Also erschuf ich einen Helden, der Waffen herstellte und ein Multimillionär war. […] Und ich erschuf ihn ein kleines bisschen nach meinem eigenen Bilde.61
Tony Stark ist also fast so etwas wie ein Antiheld, der sich selbst zum Helden formt. Und das ist wichtig: Tony wird kein Held, er macht sich zu einem. Er beginnt seine Geschichte als jemand, der gute Anlagen hat, diese aber im wahrsten Sinne des Wortes verplempert. Schauspieler Robert Downey jr. verleiht der Figur zwar von Anfang an eine gewisse Verletzlichkeit und einen Draufgängercharme, dem man vieles verzeiht, doch erst das entscheidende Erweckungserlebnis zeigt sowohl dem Zuschauer als auch Tony selbst, aus welchem Stoff er gemacht ist. Zwecks einer Waffendemonstration für das US-Militär in Afghanistan unterwegs, wird Tony von einer multinationalen Terroristenorganisation gefangengenommen und durch eine seiner eigenen Waffen schwer verwundet. Er überlebt nur, weil ihm ein Mitgefangener, ein afghanischer Arzt, einen Elektromagneten in die Brust einsetzt, der Granatsplitter von seinem Herzen fernhält. Die Wunde wird zur Achillesferse und legt auch die bildliche Schwachstelle des hedonistischen Verstandesmenschen bloß. Es ist allein an Tony, sein schwaches Herz wieder zusammenzuflicken – und zwar mit einem winzigen, selbsterfundenen Reaktor, der saubere, erneuerbare Energie erzeugt. Unverblümter könnte sowohl die persönliche Metapher als auch die erweiterte, politische Symbolik kaum sein, und es deutet sich schon an, dass der Film-Tony auf alle Fälle eines ist: ein Held, dessen Charakter und Problematik wie auf das frühe 21. Jahrhundert zugeschnitten ist.
Wie jeder Mayleser weiß, führen Bösewichte, die Helden gefangen nehmen, oft etwas mit denselben im Schilde, wollen deren Talente oder Wissen für ihre ruchlosen Pläne ausnutzen – und gehen dabei doch alles andere als klug vor. Die Terroristenorganisation ‚Ten Rings‘ verlangt von dem berühmten Waffenschmied Tony Stark, eine Massenvernichtungswaffe zu bauen, und übersieht dabei, dass man ultraklugen Männern nichts in die Hand geben sollte, was sie verwenden können, um sich selbst zu befreien – eine Lektion, die die Feinde Kara Shatterhands oft genug lernen mussten. Den Ten Rings geht es kaum besser als all den May-Bösewichten, die glauben, den Ich-Helden gegen seinen Willen festhalten und auch noch für Gold, Informationen oder für Ruhm und Ehre ausschlachten zu können. Während Kara Shatterhand die so gewonnene Zeit und manchmal auch unvorsichtigerweise zur Verfügung gestellte Utensilien nutzt, um seine Flucht in die Wege zu leiten, schmiedet sich Tony aus den Resten von Raketen und anderem Metallschrott die allererste Iron-Man-Rüstung. Als neugeborener (wenn auch noch ziemlich provisorischer) Superheld entkommt er den Terroristen und lässt dabei auch noch deren zusammengeklautes Waffenarsenal in Flammen aufgehen.
Nach dieser may-esken Selbstbefreiung entwickelt sich Tony Stark vom gleichgültigen Schnösel zum verantwortungsvollen Heros – der zwar immer irgendwie noch ein Schnösel ist, aber regelmäßig die Welt rettet, ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit und das eigene Leben. Aber das ist noch nicht alles. Am Ende des Films, nachdem Tony im upgegradeten Iron-Man-Anzug ein afghanisches Dorf von der Gewaltherrschaft der Ten Rings befreit und seinen ersten richtigen Kampf gegen einen (amerikanischen) Superbösewicht geschlagen hat, wartet eine Pressekonferenz auf ihn. Als Person des öffentlichen Lebens wird er einen schweren Stand haben, seine superheldischen Aktivitäten geheim zu halten. Die internationale Organisation S.H.I.E.L.D., für alles ‚Anormale‘ zuständig, will ihn trotzdem dazu anhalten. Iron Man sei sein Bodyguard, soll er sagen. Tony sieht das ein und stellt sich vor die versammelte Schar der Reporter. Er liest, was auf den Karteikarten steht. Er blickt ins Publikum. „Es ist eine Sache, die offizielle Version anzuzweifeln, aber etwas ganz anderes […], anzudeuten, ich wäre ein Superheld“, sagt er. „Niemand hat gesagt, dass Sie ein Superheld wären“, gibt eine schlagfertige Reporterin zurück. „Nicht? Gut so“, sagt Tony und blickt auf die Karteikarten. „Denn das wäre abwegig und … wundervoll.“ Er zögert. Schaut wieder ins Publikum. Lässt die Karteikarten sinken. „Die Wahrheit ist …“ Tony Stark blickt in die Kamera: „Ich bin Iron Man.“ Der Film endet und das MCU, das Marvel Cinematic Universe, nimmt seinen Anfang.62
Es ist so etwas wie ein Paradigmenwechsel in der Entwicklung der Superheldenstory, wie sie Jahrzehnte lang auf der Leinwand zu sehen war. Die Geheimidentität, so lange Grundstein spannungsgeladener Geschichten, verliert im MCU ihre allumfassende Bedeutung. Die Angst vor Entdeckung und deren Konsequenzen, das ständige Hin-und-Her-Gerissen-Sein zwischen Wahrheitsliebe und Vorsicht, weicht der Lust an der Selbstenthüllung. Tony Stark braucht weniger als einen Tag, um die Maske fallen zu lassen. Danach weiß die ganze Welt, wer sich unter dem goldglänzenden Helm des Iron Man befindet. Tony hat der Gefahr der Entdeckung ihren Stachel genommen und die Problematik der gespaltenen Persönlichkeit im Keim erstickt. Es gibt hier kein ‚Clark Kent oder Superman‘, kein ‚Bruce Wayne oder Batman‘. Tony Stark ist Iron Man. Statt Persönlichkeitsspaltung steht am Ende des Films die absolute Deckungsgleichheit zwischen Mensch und Held.63
Tony Stark zelebriert seine Demaskierung, die im gleichen Moment uneingeschränkte Selbstbehauptung bedeutet: Ich bin ich, verkündet er der Welt. Und zwar bin ich nicht der, den ihr in mir sehen wollt. Ich bin nicht der verantwortungslose Playboy und Waffenproduzent. Aber ich bin auch nicht der brave, maskierte Held, der sich nach getaner Arbeit aus dem Rampenlicht schleicht und sein Mensch-Sein nicht zugibt. Ich bin Iron Man.
Mit diesem Ausspruch ergreift Tony Stark die Deutungsmacht über seine Identität als Mensch und als Held. Er kann mitreden in der öffentlichen Diskussion um Iron Man. Er kann der Welt den Helden präsentieren, den er ihr zeigen will. Niemand verwendet in der entscheidenden Pressekonferenz das Wort „Superheld“, bevor es Tony Stark selbst in den Mund nimmt. Er entscheidet und er definiert, wie die Welt ihn von jetzt an betrachten darf.
Die Frage: Wer ist echt, Tony Stark oder Iron Man, stellt sich nicht. Tony Stark ist Iron Man. Punkt. Genauso eindeutig wie der May’sche Weltläufer Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand immer der Ich-Held ist. Egal, welchen Namen er trägt. Egal, wer ihn erkennt oder nicht. Wenn Kara Shatterhand einen unbedarften Zeitgenossen, der ihn aus Dummheit oder Arroganz unterschätzt, mit der Wahrheit konfrontiert, sei es durch eine Heldentat oder durch einen schalkhaften Streich – dann zelebriert er genau die Lust an der Demaskierung, die sich in dem selbstbewussten Satz „Ich bin Iron Man“ manifestiert. Immer wieder nutzt der Ich-Held seinen Ruf als eine Art geheime Identität, die er an- und ablegen kann, wie es ihm passt. Mal tut er es zum reinen Spaß, mal ist es Teil eines Plans. Es ist ein pures Spiel mit Schein und Sein, das etwa in Die Felsenburg zum Extrem getrieben wird, wenn Old Shatterhand weiß, dass der Bösewicht weiß, dass der abgehalfterte Landstreicher in Wirklichkeit Old Shatterhand ist, der Bösewicht aber nicht weiß, dass Old Shatterhand weiß, dass er ihn durchschaut hat.64 Wieder und wieder demonstriert der Ich-Held denjenigen, die sich anmaßen, zu wissen, wie und wer Old Shatterhand zu sein hat, dass immer nur einer die Deutungsmacht hat: und zwar er selbst.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Geschichte mit dem „Gräbersucher“ aus Old Surehand I. Old Shatterhand hat mit dieser ‚falschen Identität‘ nicht nur die zuvor erwähnten mittelklassigen Westmänner getäuscht, sondern auch einen Kavallerieoffizier, dem er einen arglosen Dummling vorgespielt hat. Später trifft er den Offizier samt Soldaten in der Wüste Llano Estacado wieder und ergötzt sich noch ein wenig an der Maske eines Naivlings, der „Raupen im Kopfe hat, die ihresgleichen suchen“, ehe er dieselbe fallen lässt, um die Kavalleristen über einen Angriffsplan der Komantschen zu informieren:
„Aber, Sir, was sind das für Fantastereien?“[, fragte mich der Kommandant.]
„Meine Fantasie ist hierbei gar nicht tätig; ich spreche von Dingen, die wirklich sind. […] Ich spreche die Sprache der Komantschen.“
„Ihr, der Gräbersucher?“
„Gräbersucher, pshaw! Wollt Ihr denn noch immer nicht einsehen, dass Ihr Euch auch in Beziehung auf mich in einem großen Irrtum befunden habt?“
„Irrtum? Seid Ihr denn nicht der, für den ich Euch gehalten habe, Sir?“
„Nein. Habt Ihr es denn wirklich für möglich gehalten, dass ein Gelehrter, also ein studierter Mann, sich als Dummkopf im Wilden Westen nur zu dem Zweck herumtreibt, um Gräber zu entdecken? Und dass er den Indianern nur immer so im Weg herumkrabbelt, ohne von ihnen entdeckt zu werden?“
„Ich bin erstaunt, Sir!“
„Erstaunt über Euch, aber nicht über mich! Ich habe Euch vorhin die Namen dreier Männer genannt, von denen Ihr wohl oft gehört haben werdet. […] Habt Ihr auch von dem Pferd Old Shatterhands gehört?“
„Ja, auch ein Rapphengst, ‚Blitz‘ genannt.“
„Richtig! Das Apatschenwort dafür ist Hatatitla. Jetzt passt einmal auf mein Pferd dort auf!“
Mein Rappe hatte sich grasend wohl über siebzig Schritte von mir entfernt. Ich drehte mich nach ihm um und rief den Namen Hatatitla; er kam sofort herbei gesprungen und rieb sein Maul liebkosend an meiner Schulter.
„Zounds!“, rief der Kommandant aus. „Sollte…?“
„Ja, sollte…!“, lachte ich. „Ihr seid Kavallerist und habt diesen Hengst schon einmal gesehen. Ihr hieltet ihn für einen Kutschengaul. Betrachtet ihn jetzt genauer! Habt Ihr schon einmal ein so edles Pferd gesehen? Kann ein ‚Gräbersucher‘ ein so unvergleichliches Tier besitzen?“
Er drückte und drückte, um etwas zu sagen, brachte aber vor Verlegenheit lange nichts heraus, bis er endlich rief: „Wo habe ich nur meine Augen gehabt!“ 65
Tony Stark und Kara Shatterhand sind Performer. Und das gilt für viele andere Mayhelden auch. Sie lehren uns wichtige Dinge über Sein und Schein, über die Macht von Namen und die Lust am Spiel mit Identitäten. Dabei lehren sie uns aber auch, dass es wichtig ist, zu sein, wer man ist, egal, was die Welt dazu zu sagen hat – dass man eben die Deutungshoheit über das behält, wofür der Name steht, den man trägt, ganz egal, ob dieser Name nun Old Shatterhand oder Iron Man lautet.
Mit Iron Man alias Tony Stark (alias Robert Downey jr.) katapultierten die Marvel Studios einen Helden ins kulturelle Bewusstsein, wie es ihn so noch nicht auf der Kinoleinwand gegeben hatte. Niemand hatte mit dieser Art von Superheld gerechnet, und doch wirkt er wie der perfekte Avatar für unsere Zeit: lässig, humorvoll, selbstverliebt, aufopferungsvoll, genial, spielerisch, kokett, ein Macher, aber auch ein Individualist und Eigenbrötler, ein Wissenschaftler und eine Pop-Ikone. „Als Kind fandest du Batman, Spider-Man und Superman ganz toll?“, fragt das Comedy-Team der Screen Junkies in ihrem „Ehrlichen Filmtrailer“ für Iron Man. „Dann mach dich jetzt gefasst auf einen Helden, der sie alle wie gigantische Loser aussehen lässt.“66 Tonys an Arroganz grenzende Selbstsicherheit, aber auch die Chuzpe, sein Leben und seine Heldenexistenz in die Hand zu nehmen, machten ihn zu einem coolen Newcomer – der aber Maylesern nicht gerade unvertraut vorkommen dürfte.
Die Transformation zum Helden ändert Tonys Grundcharakter nicht. Sie lenkt seine Energien nur in nutzbringende Bahnen. Noch immer hält er sich für den Nabel des Universums. Er ist überzeugt, dass er die Welt retten kann. „Ich habe den Weltfrieden privatisiert“, verkündet er zuversichtlich in Iron Man 267. Sein Selbstbewusstsein/Hochmut ist keineswegs ganz unberechtigt. Tony ist meistens der Intelligenteste im Raum und weiß das auch. Sein Verstand ist seine größte Waffe. Dazu kommen seine Schlagfertigkeit und sein Humor, der nicht selten auf Kosten anderer, aber genauso gut auf die eigenen gehen kann. Tony Stark liebt das Leben. Er liebt auch Menschen, vor allem solche, die sich aufgrund ihrer Kompetenz seinen Respekt erworben haben. Dazu gehören seine tüchtige Sekretärin Pepper Potts, die er prompt zu seiner Geschäftsführerin macht, Wissenschaftskollege Bruce Banner alias Hulk, den Tony sofort unter seine Fittiche und gegen alle Anfeindungen in Schutz nimmt, und – nach anfänglichen Reibereien – auch Avenger-Boss Captain America, dem Tony in die Schlacht folgt, nachdem er erst einmal Steve Rogers’ Führungsqualitäten erkannt hat.
All das sind gute und teils vielleicht nicht so gute Eigenschaften, die wir auch von Kara Shatterhand her kennen: der brillante Geist, der schelmische Humor, die Lust am Spiel und an Entdeckungen, die unzähmbare Neugier, aber auch die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit. Obgleich er jedem beisteht, der Hilfe nötig hat, stellt Mays Weltläufer hohe Anforderungen an die Menschen, denen er sein Vertrauen schenkt. Er ist ein unerschütterlich loyaler Freund, wenn diese Freundschaft mit Gleichem entgolten wird. Aber wer seinen Respekt erst einmal durch Inkompetenz oder Uneinsichtigkeit eingebüßt hat, der erringt ihn so schnell nicht wieder und ist irgendwann ganz unten durch. Das erklärt der Ich-Held dem alten „König der Cowboys“ Fred Cutter einmal ganz offen – wenn auch nicht ohne Selbstironie:
„Streiten? Das kann bei verständigen Männern gar nicht vorkommen. Wenn Meinungsverschiedenheiten eintreten, so besprechen wir uns, Mr. Cutter.“[, erklärte ich.]
„Well, wir besprechen uns. Und dann?“
„Dann handeln wir nach derjenigen Ansicht, die die richtige ist.“
„Und wenn nun die anderen gerade diese Ansicht nicht für die richtige halten?“
„Dann sind sie dumm und mit dummen Menschen pflege ich nicht zu verkehren.“
„Wie – wa – – waaaaas?“ fragte er. […] „Dumm, also dumm, und mit dummen Menschen verkehrt Ihr nicht! Ihr meint also, dass nur wir es sind, die dumm sein können?“
„Ich meine nur, dass ich mich stets hüten werde, einer guten und richtigen Ansicht entgegenzutreten.“
„Ach so! Und wenn Ihr nun die richtige habt und wir sehen das nicht ein und tun alle nicht, was Ihr wollt?“
„So lasse ich euch stehen oder sitzen und gehe meiner Wege.“ 68
Diese Selbstüberzeugung kann umso enervierender sein, da sie meistenteils berechtigt ist. Tony Stark und Kara Shatterhand sind beides Männer, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die sie einfordern, weil sie wissen, dass sie die Lösung für jedes gegebene Problem höchstwahrscheinlich parat haben. Sie sind meistens die klügsten und fähigsten Menschen in ihrer direkten und auch weiteren Umgebung, mit nur wenigen Ausnahmen wie etwa Winnetou bzw. Captain America oder Pepper Potts. Was Tony Stark noch nicht weiß, kann er sich innerhalb kürzester Zeit anlesen. „Seit wann sind Sie denn Experte für thermonukleare Astrophysik?“, fragt S.H.I.E.L.D-Agentin Maria Hill im Team-Film The Avengers, als Tony vor den versammelten Superhelden mit seinem Wissen glänzt. „Seit gestern“, antwortet er und fragt recht entrüstet: „Bin ich denn der Einzige, der alles gelesen hat?“69 Auf ihn trifft jederzeit zu, was Sam Hawkens über das „Greenhorn“ Old Shatterhand zu sagen hat, als der junge Weltläufer ihm eine Überraschung verdirbt: „Hol Euch der Teufel! Alles habt Ihr gelesen und so ist es kaum möglich, Euch einmal zu überraschen. Da lobe ich mir doch die Leute, die gar nicht lesen können!“70 – Heutzutage nennt man so etwas auch einen ‚Nerd‘. Einst unter so wenig schmeichelhaften Begriffen wie Streber, Fachidiot, Freak oder Sonderling bekannt, sind diese Vielleser und Vielwisser längst selbst zu Helden geworden. Am bekanntesten ist wohl die erfolgreiche Sit-Com The Big Bang Theory über eine Gruppe von Freunden, die allesamt Wissenschaftler, aber auch absolute Comic-Fans sind und die Welt mit der Leidenschaft für ihre Hobbys begeistern. Und auch der Protagonist der beliebten Sherlock-Holmes-Neuinterpretation Sherlock71 mit seinem absoluten Fokus auf „die Wissenschaft der Deduktion“ ist eine Art Supernerd; weiß er doch erstaunliche Schlüsse aus ein paar Rückständen Erde zu ziehen und so ein Verbrechen aufzuklären, findet es aber „langweilig“, dass sich die Erde um die Sonne dreht, weil die Information für den Moment einfach nicht relevant ist. „Smart is the new sexy“, erklärt Femme Fatale Irene Adler diesem Sherlock Holmes der Jetztzeit72 und bringt damit den neuen Status der Nerds auf den Punkt. Längst ist es nicht mehr uncool, viel zu wissen und sich für Dinge zu begeistern. Tony Stark, der mit wissenschaftlichen Formeln und Zitaten aus der Popkultur um sich wirft, und Mays hochgebildeter Ich-Erzähler, der immer schon alles gelesen hat und selbst so obskure Fertigkeiten wie Hutmacherei beherrscht, sind solche Nerds, komplett mit scharfem Verstand und einem gewissen rechthaberischen Gehabe, das aber meist daraus entspringt, dass sie eben Recht haben, die Welt aber nicht damit umzugehen weiß. Doch das macht nichts. Schließlich ist der Nerd, der Gelehrte und Tüftler, der sich dank seiner Fähigkeiten und seiner Intelligenz selbst zum Superhelden machen kann, der Heros des 21. Jahrhunderts.
Iron Man, dessen Superheldenname übrigens einen tollen Westmannsnamen abgegeben hätte, ist ein durch und durch moderner Held. Und doch teilt er viele der Eigenschaften, die ihn so zeitgemäß machen, mit Mays großem Ich. Allerdings ist Tony Stark auch selbstzweiflerisch, zerrissen, und schuldbeladen, ist sich seiner selbst auf fast schmerzhafte Weise bewusst und gleichzeitig oft unglaublich blind, was die Welt um ihn herum angeht. Ganz anders als Kara Shatterhand legt er einen fast inhärenten Hang zum Scheitern an den Tag.
Tony will ein Held sein. Meistens ist er auch ein Held. Aber er muss das Held-Sein immer und immer wieder neu erlernen, sucht den rechten Weg, verirrt sich unterwegs, beharrt stur auf seiner Meinung, sieht seine Fehler ein, opfert sich selbst für das Wohl der Welt und seiner Freunde, ist über alle Maßen großzügig, überschätzt sich unentwegt selbst, fällt immer wieder, nur um aufzustehen und sich aufs Neue in die Lüfte zu erheben. Die Sache mit der Selbst-Erschaffung ist mit einem Mal nicht erledigt. Tony muss immer wieder neu zum Helden werden. Manchmal gelingt ihm das aus eigener Kraft, manchmal braucht er die Hilfe seiner Freunde dazu. Bildlich drückt sich diese stete Held-Werdung aus in den unendlichen Upgrades und Neuentwürfen seines Iron-Man-Anzugs, den Tony immer besser macht, der aber nie ganz fertig und nie ganz perfekt ist.
Auch diese Fehlbarkeit und Unfertigkeit machen Iron Man zu einem Helden des 21. Jahrhunderts. Sie unterscheiden ihn aber fundamental von Mays großem Weltläufer.