Читать книгу Von geilen, aber nicht allzu aufdringlichen Vampiren, Ehemännern mit Sixpack und Schokolade, die nicht dick macht - Leon Skip - Страница 3
Letztzeit
ОглавлениеLeon Skip
Von geilen, aber nicht allzu aufdringlichen Vampiren, Ehemännern mit Sixpack und Schokolade, die nicht dick macht
Autobiographie / Essays
Ich überlege gerade, was da jetzt für ein Titel vorne drauf soll. Der muss doch den Zeitgeist treffen, will man was damit verdienen, und vor dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, da muss man schon in die Knie gehen wie jene marktorientierten Gesellen, die jetzt locker in tropischem Gefilde vor ihrem Laptop sitzen, ab und zu mal ein paar Zeilen für das siebzehnte Buch ihrer erfolgreichen Krimi/Softerotik/Vampir-Serie in die von Piña Colada verklebte Tastatur hämmern und sich denken: Meine Güte, was für Idioten, haben glatt meinen Schund gekauft all die Jahre. Die wollen Schund - na bitte, da können sie mehr davon haben!
Also: Scharf nachgedacht, was die Verpackung dieses Druckwerks anlangt. Es gilt zu recherchieren, was ankommt beim Kunden. Was liegt denn da auf den Büchertischen, vor denen Silke steht und überlegt, was sie Petra schenken soll, weil die grad mit blau angelaufenem Gesicht in der plastischen Chirurgie liegt wegen ihrer Nasenkorrektur und aufbauende Lektüre braucht? Man sieht schon, dass ich am richtigen Weg bin mit meinen Überlegungen - so hat man doch schließlich als erfolgsorientierter Mensch der Neuzeit zu denken. Oder sagt man da jetzt schon Letztzeit?
Aber zurück zu Silke: Die hat die Auswahl, das muss man schon sagen und die stünde da auch nicht so lange rum, wenn sie schon vorher wüsste, was sie kaufen will. Aber sie hat ihre Vorlieben. Das macht die Sache leichter und sie schlendert rüber zum Büchertisch mit den historischen Romanen.
Die Prinzessin von Vermont. Da ist ein abgewracktes Schloss vorne drauf und es ranken sich auf verwunschene Art und Weise Kletterrosen über die Fassade. Der erste Hinweis darauf, dass es sich um eine Geschichte der guten alten Zeit handelt, als Prinzessinnen - oder besser, ihre Väter - noch bedenkenlos ihre Steuereintreiber zum einfachen Volk raus schicken und den armen Leuten unter Androhung der Knute das Vieh oder die Tochter oder die Ernte oder das Vieh, die Tochter und die Ernte wegnehmen konnten, ohne dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen abfälligen Artikel über die Maßnahme veröffentlichte. Aber das Schloss auf dem Cover ist nicht neu, was ja eigentlich verwundern sollte, denn damals waren die Drecksdinger doch neu. Aber soweit denkt Silke nicht - das wäre unromantisch - und da blättert sie ja auch schon im Buch; den Köder hat sie schon geschluckt.
Nicht schlecht, denkt sie, als da der romantische Held die Prinzessin nach altem Brauch aufs Gaul hievt, den Feind im Rücken und die Not der armen ländlichen Bevölkerung im Sinn. Da steckt doch edles Streben nach Gerechtigkeit und Lechzen nach blaublütigen Titten drin. Keine schlechte Mischung. Und historisch ist´s auch, da kann man was lernen.
Aber man kauft nicht das erste Buch, das man zur Hand nimmt. So einfach gestrickt und manipulierbar will doch keiner sein. Da könnte man ja gleich mit der Hand vor den Augen in die Buchhandlung rein, mit den Fingern auf ein Werk tippen und sagen: »Das und kein anderes soll´s sein.« Was eigentlich lustig wäre, denn die Wahrscheinlichkeit, ein außerordentlich lustiges, spannendes und/oder informatives Buch auf den Büchertischen zu finden, hält sich ohnehin in Grenzen und Silke hätte nachher auch mehr Zeit für den Kaffee mit Harald, wenn sie den Aufenthalt in der Buchhandlung auf diese gewitzte Art verkürzen würde.
Doch Silke gehört nicht zu den gewitzten Zeitgenossen. Das weiß sie aber nicht und deshalb kommt sie im Leben alles in allem gut zurecht mit Studium und Harald und ihrer mistigen Romantik. Das schafft Selbstbewusstsein, wenn man nicht viel denkt und auch nicht aus der Reihe tanzt. Aber auch das weiß sie nicht; sie denkt: Ich bin eine Frau, die weiß, was sie will und manipulierbar bin ich nicht und das erste Buch, das will ich nicht kaufen. Ich geh mal rüber zur Fantasy.
Der Herr der Dinge. Da bleibt Silke mit verträumtem Blick stehen und besinnt sich der schönen Momente, als sie mit Harald und Sonntagsfrühstück im Bett gelegen hat und mit Croissantkrümeln in den Mundwinkeln an den Abenteuern der lieben blonden kleinen pausbackigen arglosen Zwerge Anteil nahm, die gegen die ungerecht große Übermacht von dunkelhäutigen Scheusalen mit verfilzten Haaren und Akne und verkrumpelten Füßen ins Feld ziehen mussten. Mensch, schade, dass ich das schon kenne, das würd´ ich so GERNE nochmal lesen; ich meine, OHNE es schon zu kennen, träumt sie da und denkt weiter: Ob das Petra schon gelesen hat?
»Na klar, jeder hat´s schon gelesen, dumme Kuh!«, würde der für Fantasy zuständige Kundenberater jetzt antworten, hätte sie den gefragt. Hat sie aber nicht und sie entscheidet selbstständig, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, von Petra ein gutgemeintes, aber verkniffenes Danke zu bekommen, weil die das klarer Weise schon in ihrem Beistelltisch neben dem Krankenbett liegen hat.
Nein, da muss schon was Gewagtes, Neues her, um die Rekonvaleszente zu erfreuen. Man will ja den Puls der Zeit spüren als Beschenkte, man will sich ja abheben vom lesenden Fußvolk. Jetzt wird sie vom größten Büchertisch angezogen. Den nimmt sie sich extra zum Schluss vor.
Wie würde das denn aussehen, wenn man sich wie ein dummes Schaf gleich als erstes dahin durchdrängelt, wo Hausfrau, Sekretärin und romantisch veranlagte Studentin Schulter an Schulter stehen, um sich das neueste, das Must-Have reinzuziehen, ohne dessen Kenntnis man einfach total out sein Leben fristet?
Vampire!
Glück für Silke, dass Twilight Phone und Biss mit aller Macht in hohen Stapeln aufliegen und die Anwesenden sich nicht darum streiten müssen. Biss mit aller Macht! Oh-mein-Gott, davon hab ich doch letztens gehört. Der Knaller, denkt sie und weiß schon, selbstbewusst wie sie ist: Petra wird sich was freuen, die hat doch letztens Vampire forever gelesen und sowas von geschwärmt davon. Die Katze im Sack kauft sie aber nicht. Da will schon der Klappentext gelesen werden:
Der junge, gutaussehende, hochgewachsene Harvard-Student Noé begegnet während einer Studienpause im Starbucks einer Servierkraft, die sich nicht in der verchromten Untertasse seines Caffè Latte spiegelt und ihn mit ihrem ersten Blick aus dem geregelten Gang seines Lebens hinauskatapultiert. Ist´s Traum, ist´s Wirklichkeit? Schon bald verliert sich Noé in den Tiefen der Schattenwelt, der Welt der Unsterblichen und dem Verlangen, dieses Mädchen zu besitzen. Doch Morgold, der Fürst der Dämmerung, will nicht zulassen, dass Noé sie in seine Welt rettet und setzt seine Schergen, die Varuns, auf ihn an. Also entscheidet sich Noé, als Vampir des Lichts in ihrer Welt zu bleiben und damit das größte Opfer zu bringen, zu dem ein Mann fähig ist...
Da denkt Silke: Mensch, das will ich selbst lesen, greift sich den Schmöker und flitzt zurück zu den historischen Romanen, um für Petra die Prinzessin von Vermont zu holen.
Man merkt deutlich, worauf ich hinauswill. Sie können mich nicht sehen - ich sitze grad mit den Händen auf meinem Kopf und raufe mir die Haare. Wie stell ich´s nur an? Eine Fledermaus muss aufs Cover. Klar, das auf jeden Fall, aber der Titel, der Titel? Ich muss ruhig bleiben, das Ganze logisch angehen! Jung muss er sein, der Held. Heldin kommt nicht so gut, denn soll die denn einen Typ auf ihr Pferd heben? Also Held und jung, ist doch schon ein Anfang. Ah, schön hat er zu sein, das muss man jetzt nicht extra erwähnen. Abgehakt. Dann muss da noch Sex rein, hätte ich fast vergessen. Und Eckzähne muss der haben. Aber sind die immer da oder fahren die nur aus, wenn´s Nacht wird? Das kann ich aber offenlassen, ein bisschen was zusammenreimen können die Leser sich schon selbst. Aber wie herausheben aus der inflationären Flut von Vampirromanen? Klar, es muss der letzte Vampir sein, danach darf nichts mehr kommen. So hol ich da doch den ultimativen Kick raus. Lass noch mal denken:
Der endgültig allerletzte, bildschöne, junge, verfickte Vampir. Nein, kommt nicht gut, aber ich bin nah dran. Da wird mir doch was einfallen, einfach intuitiv:
Vampire in Harvard? Nein, zu intellektuell. Außerdem gibt´s schon Vampire in Brooklyn.
Twilight Night; olala, könnte rechtliche Probleme geben.
The last mighty bite. Na bitte! Jung und schön und sexy fehlt zwar, aber da kann man doch getrost auf die Phantasie der Leser setzen, dass die sich nicht vorstellen, ein alter tattriger Typ, der keinen mehr hochkriegt, würde es mit den Übermächten der Schattenwelt aufnehmen wollen.
Abgewracktes Schloss vorne drauf - ich nehme aber statt den Kletterrosen Glyzinien - und da fliegt eine Fledermaus raus. Ich meine, aus dem Schloss. Soweit alles klar, aber soll ich das Pferd ins Spiel bringen und muss das ein Vampirpferd sein? Nein, die sollen mal schön was zu Fuß gehen.
Oder doch nicht? Denken wir das alles noch mal von vorne durch: 4,2 Prozent der Männer lesen noch, die sind als Kunden zu vergessen. Bei den Frauen greifen noch 8 von 100 zu Büchern, also muss mein Buch Frauen ansprechen. Nächster logischer Gedankengang: Was möchten Frauen? Am liebsten werden Vampirromane gekauft, das haben wir schon geklärt und das ist ja auch keine Erfindung von mir, sondern reine Statistik, also sollte was mit Vampiren im Titel vorkommen. Aber das dürfen keine alten Stink-Vampire sein, jung ist wichtig, oder, noch besser: Geil!
Das wäre mal geklärt. Am besten zur Erotik-Verstärkung noch was hinzugefügt: Wie wäre es mit Waschbrettbauch, nein Sixpack. Sixpack, so weit, so gut. Aber aller guten Dinge sind drei. Wovon träumen Frauen sonst noch? Familie? Naja, die, die Vampirromane kaufen, haben schon Familie und die haben den Traum auch schon ausgeträumt – vom Sixpack beim Alten keine Spur und die Kids, die überfallen schon Tankstellen, Familie lockt keine erwachsene Frau hinterm Ofen vor. Aber was ist ein wirklicher Magnet für Frauen? Schokolade! Schokolade, wieso bin ich da nicht früher draufgekommen?
Von geilen, aber nicht allzu aufdringlichen Vampiren, Ehemännern mit Sixpacks und Schokolade, die nicht dick macht! Brittanic Bold macht sich gut als Schrifttyp. Das kann schon was, das Word.