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Saarbrücken, Gutenbergstraße 11 –
Christian Fries

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„Es ist Herbst. Der Ahorn wird kahl und die Flugblätter fallen.“

Weisenborn, Die Illegalen38

Die kleinen Arbeiterhäuser in den ländlichen Bergwerksgemeinden ducken sich an die sanften Hügel. Irgendwo am Horizont strecken sich die stählernen Hochofen-Kolosse der Hüttenwerke in den Himmel, die heute manchmal Weltkulturerbe sind. Im Stadtzentrum Saarbrückens herrscht hingegen oft beinahe südliches Flair, Frankreich grüßt kulturell von Westen her mit Restaurants und Weinstuben. Das Saarland war immer schon eine lebendige Zwischenwelt – zwischen dem „Reich“ und Frankreich, zwischen dichtem Wald und den unwirtlichen Abraumhalden der Bergwerke, zwischen dem Katholizismus der Bergleute oder Stahlarbeiter und dem Protestantismus der Bergwerkseigner. Kein Wunder, dass hier oft politische Unruhe herrschte.

Das westliche Grenzgebiet Deutschlands gehörte wesentlich zur Topografie des Leuschner-Netzes und seiner Vorgeschichte. Einige seiner zentralen Akteure stammten sogar von der elsässischen Seite der Grenze. Die umkämpfte Linie im Westen sollte später für die Illegalen eine Fluchtlinie sein – eine räumliche Barriere, die nicht immer erfolgreich überschritten werden konnte.


Christian Fries in den 1940er-Jahren

Zunächst jedoch führte die politische Sozialisation einige der maßgeblichen Akteure des Widerstandsnetzes von der westlichen Peripherie Deutschlands in Richtung Osten, ins Zentrum des Deutschen Reiches. Schließlich reichten – spätestens in der Illegalität – die persönlichen und politischen Wege oftmals wieder zurück nach Westen. Alte Freundschaften und persönliche Bindungen aus Jugendjahren erwiesen sich hier häufig als prägend. Auch das kennzeichnet das Netzwerk, wie die Geschichte von Christian Fries zeigt, während der Vorbereitung des Attentats vom 20. Juli 1944 der Kopf des Leuschner-Netzes in Frankfurt am Main.

Zimperlich ging Fries mit den Medien nicht um. Ein Vierteljahrhundert bevor er nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler in Frankfurt am Main den örtlichen Rundfunksender besetzen sollte, um die Berliner Botschaften Stauffenbergs, Goerdelers und Leuschners zu verbreiten, suchte er die Kontrolle über die Redaktion der Saarbrücker Zeitung in der Gutenbergstraße 11 in Saarbrücken zu erlangen. Es war die Zeit der Novemberrevolution 1918, als sich Arbeiter- und Soldatenräte bildeten, um nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg anstelle der feudalen eine neue, demokratische Ordnung zu errichten. Der am 18. August 1895 ganz in der Nähe der saarländischen Hauptstadt, in der Bergbaugemeinde Landsweiler-Reden, geborene Fries beteiligte sich als Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates der Stadt Saarbrücken an den revolutionären Aktionen.39 Diese zielten 1918 auch auf die Kontrolle der örtlichen Presse, insbesondere der Saarbrücker Zeitung, die für Verlautbarungen des revolutionären Gremiums genutzt werden sollte.40

Richard Hofer, der Besitzer des Blatts, erwies sich als geschickter Verhandlungspartner der aufständischen Arbeiter und Soldaten. Er erreichte, dass der revolutionäre Rat um Valentin Schäfer und Christian Fries auf die Forderung nach Unternehmensbeteiligung und Einsetzung eigener Redakteure verzichtete. Immerhin erschien die Zeitung fortan zensiert und mit dem Untertitel „Amtliches Veröffentlichungsblatt des Arbeiter- und Soldatenrates Saarbrücken“.

Allerdings konnten Fries und seine Mitstreiter diese neue Medienmacht im Rat nicht lange genießen. Am 22. November 1918 besetzten französische Truppen das Saarland. Die Arbeiter- und Soldatenräte wurden aufgelöst. Die Medienkontrolle ging nun auf die französische Militärverwaltung über. Christian Fries jedoch hatte Feuer gefangen. Er verließ Saarbrücken, um andernorts am Aufbau einer neuen Republik mitzuwirken. Fünf Monate lang engagierte er sich in weiteren Räten, in Thale im Harz, in Berlin-Weißensee, Zerbst und Dessau: „Die erwähnte Tätigkeit war für mich eine politische Schulung, die in mir die positive Einstellung zur Demokratie erzeugte“, schrieb er knapp zwei Jahrzehnte später.41 Auch wenn er kein „eingeschriebenes Mitglied der SPD“ war, sei sein politisches Denken und Handeln „auf diese Partei abgestimmt“ gewesen.

Zu diesem Zeitpunkt hätte der Kontrast zwischen Fries und Claus Schenk Graf von Stauffenberg größer nicht sein können. Auch der spätere Hitler-Attentäter erlebte die Novemberrevolution sehr bewusst, allerdings aus ganz anderer Perspektive. Stauffenberg empfand seinen zwölften Geburtstag am 15. November 1919 als besonders traurig.42 Mit der Abdankung des vierten und letzten württembergischen Königs Wilhelm II. am 30. November 1918 hatte seine Familie im Vorjahr ihre angestammte Rolle im gehobenen Verwaltungsdienst der kleinen, vergleichsweise aufgeklärten Monarchie im Südwesten verloren. Eine Stuttgarter Dienstwohnung musste geräumt werden, die rebellischen Arbeiter und Soldaten waren in der Adelsfamilie entsprechend unbeliebt. Ein Vierteljahrhundert später würde Stauffenberg Leute wie Christian Fries für seine eigene Umsturzplanung brauchen.

Dass der Saarländer Fries nach seinen vorläufig letzten revolutionären Aktivitäten im Osten Deutschlands schließlich in der Zeit der Weimarer Republik nach Frankfurt am Main kam, hatte wohl mit der politischen und persönlichen Freundschaft zu Adolf Weidmann zu tun. Fries beschreibt den in Wiesbaden lebenden Weidmann als SPD-Funktionär und Gewerkschafter, der 1930 in einer Besprechung in Berlin durchsetzte, dass der Saarländer wegen seiner „betont demokratischen Einstellung“ zur Kriminalpolizei nach Frankfurt am Main berufen wurde. Weidmann selbst war in der Endphase der Weimarer Republik Kriminalbeamter in Hessen. Nach dem Ende der Ausbildung bei der Frankfurter Kriminalpolizei wurde Christian Fries der politischen Polizei der Stadt zugeteilt. Zur gleichen Zeit trat er der „Eisernen Front“ bei, einer insbesondere von den Gewerkschaften und der SPD getragenen Organisation zur Verteidigung der Demokratie. Die drei Pfeile im Emblem der „Eisernen Front“ standen für die „drei Feinde“ der Weimarer Republik: Kommunisten, Monarchisten und Nationalsozialisten.

Knapp zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Fries abermals persönlich in den Kampf um ein Massenmedium verwickelt. Diesmal ging es nicht um eine Zeitung wie 1918 in Saarbrücken, sondern um das Kino, konkret um den Antikriegsfilm Im Westen nichts Neues nach dem gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque. Die Nationalsozialisten hatten sich 1931 vorgenommen zu verhindern, dass der US-Spielfilm in deutschen Kinos gezeigt wurde. In Frankfurt am Main griffen sie zu diesem Zweck sogar zu einer Handgranate, die sie während einer Vorführung des Films in das mehr als tausend Zuschauer fassende „Roxy“-Kino in der Großen Friedbergerstraße 26–28 warfen. Fries wusste, wo er den Anführer der Kino-„Bombenwerfer“, den SAFührer und arbeitslosen Architekten Walter Hoffmann, verhaften konnte. Und an Mut mangelte es Fries sein Leben lang nicht. Er ging „ohne besonderen Auftrag“ und „trotz Bedrohung durch die anwesenden SA-Leute“ in die „SA-Standarte in der Niedenau“, nahm Hoffmann fest und brachte ihn aufs Präsidium.

Dass Fries wegen dieser Aktion nach 1933 politische Probleme bekommen würde, war klar. Er blieb zwar Kripobeamter, doch die Nationalsozialisten hatten ihn im Visier. Im Sommer 1933 wurde er vor einen „Nazi-Ausschuss“ zitiert, weil er unter anderem dem ehemaligen sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Ludwig Steinberg „noch am 21.12.1932 die Goldene Ehrennadel des Polizeisportvereins überreicht und seine Verdienste in einer Ansprache gewürdigt“ habe.43 Fries berichtet später von mehreren Vernehmungen. Beruflich überwintert er zunächst im Frankfurter Polizeipräsidium, bis er kurz vor Weihnachten 1937 zur Gestapo abkommandiert werden soll: „Um nicht bei einer Stapostelle Dienst tun zu müssen, meldete ich mich krank und wehrte mich mit allen Mitteln gegen diese Abkommandierung. Unterstützt wurde ich damals von dem Leiter der Kriminalpolizei, Regierungs- und Kriminalrat Evert. Es gelang uns, die Abkommandierung zu sabotieren.“44

Seit 1937 trifft Fries sich regelmäßig im Frankfurter Bahnhofsviertel konspirativ mit Polizeibeamten, Gewerkschaftern und Sozialdemokraten, die Widerstandsaktionen gegen die Nationalsozialisten planen. Daraus entsteht die Frankfurter Zelle des Leuschner-Netzes.

Ab 1940 konnte Christian Fries für rund anderthalb Jahre nicht mehr an den Treffen der Regimegegner in Frankfurt am Main teilnehmen, denn er war zu diesem Zeitpunkt in die Nähe seiner saarländischen Heimat versetzt worden. Er sollte im lothringischen Thionville (Diedenhofen) im besetzten Frankreich Polizeiaufgaben übernehmen. Fries erhielt einen sogenannten „Angleichungsdienstgrad“ der SS:

„Meinem damaligen Beamtendienstgrad entsprechend erhielt ich für die Zeit meiner Abordnung den charakterisierten Dienstgrad eines Untersturmführers. Die Uniform wurde von mir nach zwei Monaten Anwesenheit in Thionville nur noch vereinzelt getragen, weil es nach dieser Zeit gestattet war, den Dienst in zivil zu versehen. Aufgrund eines Erlasses wurde ich im April oder Mai 1941 zum Hauptscharführer degradiert, weil ich der SS nicht angehörte.“45

Nach einem Jahr Dienst in Thionville meldete Fries sich krank und versuchte, wieder nach Frankfurt am Main zurückzukommen. Ende September 1941 hatte er Erfolg und durfte an seinen Wohnort zurückkehren: „Alle Uniformstücke musste ich bei der Dienststelle in Thionville zurücklassen, auch der mir seinerzeit bei der Einkleidung aufoktroyierte Dienstgrad ‚Untersturmführer‘ war mit der Uniform gleichfalls abgelegt.“46 Zum zweiten Mal nach der Novemberrevolution 1918 verließ Fries aus politischen Gründen die deutschfranzösische Grenzregion, in der er aufgewachsen war. „Nach Wiederaufnahme meines Dienstes in Frankfurt am Main verkehrte ich wieder regelmäßig im Hotel-Restaurant Zimmermann in der Kronprinzenstraße, wo ich an politischen Besprechungen von Antifaschisten teilnahm“, erinnert er sich später.47

Das Saarland, verschiedene ostdeutsche Orte, Frankfurt am Main, dann Lothringen und schließlich wieder Frankfurt am Main – das sind die zentralen Schauplätze, die Fries’ politische Biografie prägten. In der Topografie des Leuschner-Widerstandsnetzes war aber letzten Endes nicht seine Mobilität entscheidend. Er war kein Kurier der Illegalen, der ständig unterwegs sein musste. Fries war ein sogenannter „Stützpunktleiter“ oder „politischer Vertrauensmann“ des „Geheimapparates einer politischen Verschwörung“.48 Er sorgte im Netz der Illegalen seit 1937 für Kontinuität. Sein Posten war Frankfurt am Main, seine Aufgabe die Machtübernahme in der örtlichen Polizei und in den Medien nach einem gelungenen Attentat. Der Hauptbahnhof, der für die Verschwörer so wichtige große Verkehrsknotenpunkt, war immer in Reichweite.

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