Читать книгу Macay-Saga 1-3 - Manfred Rehor - Страница 14
ОглавлениеDer Schlüssel
Am folgenden Morgen suchten sie noch einmal das große Haus im Zentrum auf, aber die Tür war verschlossen. Auf Klopfen und laute Rufe reagierte niemand. Abrah war nicht bereit, noch einmal mit ihnen zu reden.
„Dann machen wir uns auf die Suche nach dem Schlüssel“, sagte Macay enttäuscht.
Die Häuser im Norden der Ruinenstadt entsprachen in ihrer Bauweise denen, die sie schon kannten, aber sie hatten einen kleineren Durchmesser.
„Wir durchsuchen Haus für Haus“, schlug Rall vor. „Dieser Schlüssel wird irgendein besonderer Gegenstand sein, der uns sicherlich auffällt, wenn wir ihn sehen.“
So begannen sie, jedes Gebäude vom Erdgeschoss bis unters Dach zu durchsuchen, was sich einfach gestaltete, weil die Häuser leer waren. Alle - bis auf eines.
Bei diesem Haus war der Boden im Erdgeschoss mit einem Mosaik ausgelegt, das seltsame Muster zeigte. Die Muster führten auf die zentrale Säule zu. Und die war wesentlich dicker als alle, die sie bisher in der Ruinenstadt gesehen hatten. Es gab in diesem Haus keine Treppe in die oberen Stockwerke.
Macay ging noch einmal hinaus und sah nach oben: Nur im Erdgeschoss waren Fenster. Was auch immer sich darüber befinden mochte, es war nicht zugänglich. Ein Ruf von Rall ließ Macay wieder hineingehen.
„Die Säule hat eine Tür“, sagte Rall. „Sieh dir diese feinen Linien an.“
Macay untersuchte die Stelle und musste Rall recht geben. „Aber es ist kein Schloss vorhanden. Und der Spalt ist so winzig, dass man nicht einmal mit einer Messerklinge ansetzen könnte, um die Tür aufzubrechen. Aber die Kurven im Mosaik laufen auf die rechte Seite dieser Tür zu. Wenn man sich seitlich hinstellt, hat man den Eindruck, es seien Pfeile.“
Er fuhr mit der Hand an dem feinen Spalt an der rechten Seite der Tür entlang. Genau in der Höhe, in der man einen Türgriff erwarten würde, vibrierte etwas. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür mit einem klickenden Geräusch. Macay sprang zurück und zog seine Waffe. Aber niemand kam heraus.
Die Säule war nichts als ein dünnwandiger Zylinder, der Platz für eine Person bot. Es gab weder Leitersprossen, die nach oben führten, noch sonst etwas darin.
„Wo eine Tür ist, soll man eintreten“, sagte Rall. „Ich versuche es. Ihr bleibt draußen.“
Da Bogen und Schwert in der engen Röhre nur hinderlich gewesen wären, übergab er sie Zzorg. Nur mit einem Dolch in der Hand ging Rall in die Säule hinein. Nichts geschah.
„Schließt die Tür“, verlangte er.
Macay hatte ein ungutes Gefühl, aber er gehorchte. Sobald die Tür zu war, begannen die Mosaiksteine auf dem Boden des Raumes zu leuchten. Nach wenigen Augenblicken ließ das Leuchten nach und die Tür der Säule öffnete sich wieder.
Rall taumelte heraus. Zzorg fing ihn auf und untersuchte ihn auf Verletzungen, aber Rall wehrte ab: „Alles in Ordnung. Ich habe nur die Orientierung verloren. Es geschieht nicht oft, dass einem Katzmenschen schwindelig wird, aber diesmal ist es passiert.“
„Was war los?“, wollte Macay wissen.
„Etwas hat versucht, mit mir zu sprechen, aber ich habe nichts verstanden. Dann fühlte ich eine große Enttäuschung. Mir war, als würde ich aus großer Höhe fallen, und schon war die Tür wieder auf.“
„Ich würde es ebenfalls versuchen“, sagte Zzorg, „aber die Säule ist für mich zu eng.“
„Aber ich passe hinein“, sagte Macay. Bevor Zzorg und Rall etwas erwidern konnte, war er in die Säule gesprungen. Die Tür fiel hinter ihm zu.
Rall und Zzorg sahen das Bodenmosaik aufleuchten, aber diesmal wurde es immer heller, begann zu pulsieren, und dann liefen ganze Bänder von Lichtern über den Fußboden auf die Säule zu.
Als Macay in die Säule trat, spürte er ein leichtes Vibrieren und dann das von Rall geschilderte Gefühl, dass jemand mit ihm zu reden versuchte.
Ein Mann und eine Frau stritten sich. Undeutlich zunächst, aber dann immer verständlicher: „... nicht vorgesehen ...“
„... aber die lange Zeit ...“
„... trotzdem: Wir haben genaue Regeln, an die wir uns halten müssen.“
„Dickkopf. Seit Jahrhunderten ist keiner mehr gekommen ...“
„Halt! Er hört uns.“ Die männliche Stimme räusperte sich, bevor sie streng fortfuhr: „Willkommen in der Prüfeinheit Nummer drei. Wir sind bemüht, Ihre Zugangsberechtigung zu ermitteln und Ihnen die entsprechende Codierung anzuvertrauen. Bitte haben Sie Verständnis für eventuell auftretende Probleme. Die Serviceintervalle für unsere Einheit werden seit längerem nicht mehr eingehalten.“
„Weil niemand mehr lebt, der Reparaturen durchführen könnte“, fuhr die weibliche Stimme ungeduldig dazwischen. „Bitte nennen Sie uns Ihren Namen, Ihre Funktion und welche Bereiche Sie betreten wollen. Vielen Dank.“
Macay hatte angespannt gelauscht. Nun zögerte er einen Moment, bevor er antwortete: „Man nennt mich Macay. Wie heißt ihr und wer seid ihr?“
„Macay. Tut mir Leid, dieser Name ist nicht verzeichnet. Bitte weitere Identifikation: Herkunft, Alter, Geschlecht, Ausbildung“, forderte der Mann.
„Ich stamme aus Mersellen auf dem Kaiserlichen Kontinent, bin fünfzehn Jahre alt und ein Mann. Ausbildung habe ich keine. Aber ich habe ein paar Tage einem Drucker bei seiner Arbeit geholfen und ich glaube, das kann ich ganz gut“, antwortete Macay brav.
„Hoppla, ein Eindringling“, sagte der Mann düster. „Der zweite heute. Wirf ihn raus.“
„Nein.“ Die Frauenstimme drängte sich in den Vordergrund. „Er ist der erste seit Jahrhunderten, der wenigstens einige Eignungskriterien erfüllt. Wenn wir ihn nicht akzeptieren, kann es sein, dass wir funktionsunfähig sind, bis der nächste kommt. Macay, bitte erzähle uns ausführlich, wer du bist und wie du hierher gekommen bist.“
„Erst will ich wissen, wer ihr seid.“
„Wir sind eine Pförtnereinheit, die den Zugang zu den inneren Anlagen schützt. Wir sollen jeden, der nach Innen will, prüfen und ihm die passende Zugangsberechtigung erteilen. Und wir müssen natürlich das Eindringen von Unbefugten verhindern.“
„Lebt ihr in diesem Haus? Oben in den abgeschlossenen Stockwerken?“
Die Frau lachte: „Wir sind Maschinen, Macay. Sprechende Maschinen. Und, ja, ein Teil von uns residiert in dem Gebäude, in dem du dich zurzeit aufhältst. Aber nun erzähle von dir.“
Macay fühlte sich wohl bei den beiden, auch wenn es offenbar keine Menschen waren. Er begann, ausführlich aus seinem Leben zu berichten: von seiner Familie in Mersellen, dem Verschwinden seiner Eltern und dem harten Leben, das dann folgte. Auch über die Gefangennahme und das unüblich harte Urteil, die Zeit im Lager und die Reise mit Zzorg und Rall berichtete er. Dabei hatte Macay das Gefühl, viel mehr zu sagen, als er wollte, und er versuchte, Einzelheiten wie den Aufenthalt bei den Zwirgen und das Gespräch mit Abrah geheim zu halten. Aber gegen seinen Willen sprudelte alles einfach aus ihm heraus. Als er erschöpft innehielt, weil ihm nichts mehr einfiel, schwiegen auch die beiden Stimmen.
„Hallo!“, rief Macay schließlich. Er wurde sich erst jetzt wieder bewusst, dass er in dem engen Raum in der Mittelsäule stand und nicht einmal genug Platz hatte, um die Arme auszustrecken. Er ging in die Hocke und lehnte sich gegen die Wand, um seine Beine ein wenig zu entlasten. „He, seid ihr noch da?“
„Kapazität ausgelastet“, meldete die Männerstimme. „Bitte warten.“
Das Warten dauerte nach Macays Eindruck stundenlang. Dann sagte die Frauenstimme ganz sanft: „Erzähle uns bitte mehr von den Adeligen und dem Kaiser, Macay. Wir haben vorher noch nie von diesen Leuten gehört.“
„Viel weiß ich auch nicht“, gab er zu, berichtete dann aber einiges, was auf dem Kaiserlichen Kontinent an Gerüchten und Geschichten in Umlauf war.
„Interessant“, sagten der Mann. „Die Entwicklung ist ganz und gar anders verlaufen, als wir es uns gedacht hatten. Wir werden eingreifen müssen.“
„Richtig. Macay, erzähle uns nun noch mehr über deine Familie. Woher stammen deine Vorfahren, welche Geschichten erzählt man sich über ihre Herkunft?“
Da konnte Macay nur wenig berichten. Angeblich waren seine Voreltern angesehene Handwerker gewesen, aber von Generation zu Generation waren sie auf der sozialen Leiter abgesunken, wie so viele andere Familien auf dem Kontinent des Kaisers.
„Gibt es irgendein Gerücht in deiner Familie, dass ein Vorfahr von dir vom Nebelkontinent stammt?“
„Nein. Das hat nie jemand behauptet.“
„Gut. Du hast uns wichtige Informationen gegeben, Macay. Nun werden wir ein paar Tests durchführen, um festzustellen, ob du unsere Anforderungen auch in biologischer Hinsicht erfüllst. Keine Angst, es tut nicht weh.“
Macay fühlte ein Kribbeln. Ein Schlag ging durch seinen Körper, der unangenehm, aber nicht schmerzhaft war. Etwas piekste ihn am Oberarm, aber als er hinfasste, war nichts da.
Wieder dauerte es eine ganze Weile, bis sich die Stimmen erneut meldeten.
„Erstaunlich“, sagte der Mann. „Trotz der vielen Generationen keine wesentlichen Veränderungen festzustellen. Ein Glücksfall.“
„Das ist nicht nur uns aufgefallen, wie die Erzählung des Jungen beweist“, sagte die Frau mahnend. „Wir müssen handeln, und zwar schnell.“
„Ich habe die Information bereits weitergeleitet. Aber du weißt ja, wie labil das ganze System geworden ist.“ Der Mann wandte sich wieder an Macay, was der daran bemerkte, dass dessen Stimme lauter wurde. „Du willst also zum sogenannten Herzen des Nebelkontinents reisen und suchst den Schlüssel dafür. Nun, wir werden ihn dir geben. Aber sei nicht enttäuscht, du kannst den Schlüssel nicht sehen. Du selbst bist der Schlüssel - schon seit deiner Geburt. Du kannst alle Räume in und unter dieser Stadt betreten.“
„Du benötigst auch nicht die Nähe deiner Gefährten. Die Natur des Nebelkontinents akzeptiert dich als ihresgleichen. Auf Wiedersehen, Macay, nun entlassen wir dich aus unserer Obhut.“
Der Mann sprach nun wieder: „Geh zu dem Haus, in dem Abrah lebt. Die Maschine, die im Erdgeschoss arbeitet, wird dir den weiteren Weg weisen.“
„Abrah lässt uns nicht mehr in sein Haus“, warf Macay ein.
„Du bist der Schlüssel. Keine Tür kann dich aufhalten. Und nun geh, es eilt. Geh zum Herzen des Nebelkontinents.“
„Viel Glück“, hörte er die weibliche Stimme noch sagen. Dann gab die Wand, gegen die er sich gelehnt hatte, nach, und er stolperte heraus aus der Säule. Geblendet von dem Licht fiel er auf den Fußboden.
„Du warst zwei Stunden da drin“, sagte Rall, während er dem benommenen Macay aufhalf. Er merkte, dass der Junge völlig nass geschwitzt war. „Wir konnten die Tür nicht aufbekommen. Was ist passiert?“
Macay fühlte sich zu erschöpft, um zu antworten. Zzorg nahm ihn auf und trug ihn ins Freie, wo ein leichter, kühler Regen niederging, der den überhitzten Macay schnell erfrischte.
„Es geht mir gut“, stammelte Macay. „Alles in Ordnung. Wir müssen zurück zu Abrahs Haus.“
„Erst erzählst du uns, was dort drinnen geschehen ist.“ Rall reichte ihm etwas zu trinken. „Ich vermute, du konntest die Stimmen verstehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir ihnen glauben dürfen.“
„Wir müssen zu Abrah. Unterwegs erzähle ich euch, was ich gehört habe.“
Zzorg nahm das Gepäck von allen dreien auf und Rall stützte Macay, der zu berichten begann. Der Katzer und der Echser hörten zu, ohne ihn durch Fragen zu unterbrechen. Auch als sie Abrahs Haus im Zentrum der Ruinenstadt erreichten, sprach Macay weiter. Die drei setzten sich vor dem Haus auf den Boden, der dort wegen des übergroßen Runddaches trocken geblieben war.
„Vieles von dem, was du sagst, deckt sich mit Sagen und Erzählungen, die uns im Laufe der Jahre zu Ohren gekommen sind“, sagte Rall schließlich. „Anderes ist uns neu. Wir können die Glaubwürdigkeit der beiden Stimmen am ehesten prüfen, indem wir ihren Anweisungen folgen. Fühlst du dich stark genug?“
Macay bejahte. Sie standen auf und gingen zur Tür. Zunächst klopften sie an und riefen seinen Namen. Abrah reagierte nicht. Daraufhin versuchte Macay, die Tür aufzudrücken, doch auch das gelang nicht.
„Vielleicht hat auch die Tür eine Stimme, mit der man reden kann“, vermutete Rall halb spöttisch. „Versuch es.“
„Geh auf!“, befahl Macay. Erfolglos. Er dachte nach und legte dann seine Hand auf die Türfläche, wie er es in dem Haus der Stimmen getan hatte. Nach ein paar Sekunden schwang die Tür auf.
Vorsichtig traten die drei ein. Sie gingen zu der riesigen Maschine, die den Raum im Erdgeschoss fast völlig einnahm. Was war nun zu tun?
Macay überlegte, ob er auch hier an irgendeiner Stelle die Hand auflegen sollte, um sich der Maschine zu erkennen zu geben.
Während sie noch ratlos herumstanden, kam Abrah die Treppe herunter. „Verdammte Eindringlinge, ich werde euch rösten in eurem eigenen Fett, eure Haut abziehen und sie gerben, um mir daraus ...“ Er stutzte. „Ach, ihr seid es. Wie seid ihr hier hereingekommen?“
„Ich bin ein Schlüssel“, sagte Macay schlicht.
„Oha! Das ist allerdings eine Überraschung. Trotzdem ist es nicht nett, einfach einzudringen. Was wollt ihr?“
„Die Maschine soll der Zugang zum Tunnelsystem sein.“
„Wer sagt das?“
„Die Stimmen in dem Haus mit dem Mosaikfußboden.“
„Erstaunlich.“ Beeindruckt schwieg Abrah eine Weile, bevor er fortfuhr: „Das ändert natürlich einiges. Wenn du die Stimmen hören kannst, dann hast du die Gene der Alten Menschen in deinem Erbgut bewahrt. Das ist selten. Sehr selten. Und hier soll der Zugang sein? Ich lebe seit langem hier und habe nie etwas davon bemerkt. Aber die Stimmen, wie du sie nennst, können sich nicht irren. Also überlegen wir einmal, wo der Zugang sein könnte. Du bist der Schlüssel, aber wo ist das Schloss?“
Eigentlich war es ganz einfach. Es gab ein Bedienpult, das Abrah schon tausend Mal benutzt hatte, ohne sich Gedanken über eine leere Fläche zwischen all den Knöpfen zu machen. Nun legte Macay seine Hand auf diese leere Fläche, die von der Größe her gerade dafür gemacht schien, und die Maschine veränderte ihren Arbeitsrhythmus. Etwas pumpte, etwas knirschte und bewegte sich, und schon entstand zwischen all den Rohren eine Lücke, die zu einer Falltür führte.
„Bemerkenswert“, gab Abrah zu. Er schien auf Macays neue Fähigkeit nicht wenig neidisch zu sein.
Rall spähte in das dunkle Loch. „Fackeln wären ganz hilfreich“, meinte er. „Es ist stockfinster da unten.“
„Nicht unbedingt“, widersprach Abrah, der ebenfalls neugierig nach unten sah. „Dort diese kleinen Wülste entlang den Wänden: So etwas habe ich schon einmal gesehen. Das sind Lichtquellen. Macay, versuche, in das Loch hinunterzuklettern. Deine Freunde sollen dich festhalten.“
Macay ließ sich mit Zzorgs Hilfe langsam hinuntergleiten, wobei er sich mit dem Rücken und den Knien an den glatten Wänden des Schachts abstützte. Kaum war er so tief gelangt, dass er mit dem Kopf unter dem Fußboden des Hauses war und nicht mehr sehen konnte, was oben vor sich ging, flammten die fingerdicken Wülste entlang der Schachtwand auf. Es gab zwei davon, die nach unten führten. Ihr Licht war nicht sehr hell, aber weiß und beständig.
Etwas unterhalb seiner Position entdeckte Macay eine erste Sprosse, die sich im breiter werdenden Schacht befand. Vorsichtig rutschte er weiter, bis er sie mit dem Fuß erreichte. Oben hielt ihn Zzorg am ausgestreckten Arm, unten stand er auf der Sprosse und belastete sie langsam mit seinem Gewicht, um zu testen, ob sie ihm standhielt. Sie knackte laut und Macay schrie überrascht auf. Doch sie brach nicht, wie er im ersten Moment befürchtet hatte, sondern schob sich weiter aus der Wand heraus. Unter ihr wuchsen weitere metallene Sprossen aus der Schachtwand. Offenbar war diese erste ein Schalter, der die anderen hervorbrachte, sobald er betätigt wurde.
„Es ist sicher“, rief er nach oben. Zzorg ließ seinen Arm los, und Macay kletterte weiter nach unten.
„Abrah, hol ein langes Seil, an dem du unsere Vorräte herunterlassen kannst, sobald wir den Boden erreicht haben. Der Schacht ist so schmal, dass wir mit Gepäck nicht klettern könnten“, sagte Rall. Dann folgten er und Zzorg Macay in die Tiefe.
Es dauerte lange, bis sie den Boden des Schachtes erreichten, von wo ein Tunnel waagerecht weiterführte. Macay sah nach oben, um Abrah zuzurufen, er solle das Gepäck herablassen - aber er sah nur noch, wie sich der Eingang zu dem Schacht schloss. Gleichzeitig hörten sie ein lautes Lachen.
„Verdammt, er hat uns betrogen!“, rief Macay.
So schnell sie konnten, kletterten sie nach oben, Macay vorneweg, weil er hoffte, den Schachtdeckel öffnen zu können. Aber es gelang nicht. Als Macay die Hand von unten auf den Deckel legte, hörte er, wie oben die Maschinerie arbeitete, aber der Deckel öffnete sich nicht.
„Er hat die Falltür blockiert“, sagte Macay. „Wir kommen auf diesem Weg nicht mehr heraus. Warum hat Abrah uns zunächst geholfen und uns dann den Rückweg versperrt?“
„Wenn er es war“, sagte Rall düster. „Meine Ohren sind besser als eure, und ich hatte den Eindruck, als wäre es nicht Abrah, der da gelacht hat.“
Sie kehrten nach unten zurück.
„Bestandsaufnahme“, forderte Rall. „Was haben wir?“
Außer ihrer Kleidung verfügten sie nur noch über Kleinigkeiten, die sie in den Taschen trugen, sowie über je einen Dolch.
„Wenig genug. Wir müssen einen Weg finden, um schnellstmöglich wieder nach oben zu kommen.“
„Und wenn wir keinen finden?“, wollte Macay wissen.
„Dann sollten unsere ersten Sorgen Wasser und Nahrung sein.“
„Sehen wir nach, wohin der Tunnel führt“, schlug Macay vor. „Etwas anderes bleibt uns doch nicht übrig.“
„Wahr gesprochen“, sagte Zzorg und ging voran. Sobald er den Tunnel betrat, leuchteten auch hier an der Decke zwei fingerdicke Wülste auf, die ohne Unterbrechung daran entlang führten.
„Das erinnert mich ganz unangenehm an die Gänge eines Morrows“, sagte Rall. „Nur noch größer.“
„Vielleicht hat jemand einen Morrow-Gang umgebaut“, vermutete Macay. „Dort vorne ist eine Abzweigung.“
Die beiden Gänge, die sie vor sich sahen, glichen sich völlig.
Rall überlegte kurz, bevor er sagte: „Wenn mich mein Orientierungssinn nicht im Stich gelassen hat, führt der linke Gang nach Süden, der rechte nach Westen. Beide scheinen, soweit ich sehen kann, gerade zu verlaufen. Das bedeutet, keiner von beiden führt zurück zur Ruinenstadt. Welchem sollen wir folgen?“
Zzorg ging, ohne etwas zu sagen, erst ein paar Schritte in den einen Gang, dann in den anderen. Dann zeigte er nach Süden und sagte: „Dort ist die Luft frischer. Der Gang nach Westen riecht muffig.“
„Gutes Argument. Also: Wir gehen nach Süden. Einverstanden, Macay?“
„Natürlich.“
Sie folgten dem Gang gut zwanzig Minuten lang. Als sich Macay einmal umdrehte, sah er weiter hinten, wie das Licht ausging. „Die Beleuchtung schaltet sich nur in unserer Umgebung an“, sagte er.
„Das ist nicht gut“, antwortete Rall. „Wenn uns jemand erwartet oder hier unten lebt, dann erkennt er anhand des Lichts, dass wir kommen.“
„Wir können es nicht ändern“, sagte Zzorg und marschierte weiter.
Der Gang begann sich langsam zu senken. Nach gut einer Stunde blieben die drei stehen, um sich auszuruhen. Während sie schweigend über ihre Lage nachgrübelten, hörten sie ein Geräusch, das bei ihnen allen eine Gänsehaut verursachte: Vor ihnen ertönte der Ruf eines Morrows. Noch war er weit entfernt. Starr warteten sie, ob sich der Ton wiederholen würde. Er tat es. Und zwar deutlich näher.
„Weg hier“, sagte Macay.
„Moment“, widersprach Rall. „Es könnte sich auch um jemanden handeln, der den Ton nur nachahmt, um uns zu verscheuchen. So, wie es Saika in Heimstadt getan hat.“
„Willst du es wirklich riskieren, das herauszufinden?“
„Nein. Ich glaube nicht.“
Sie rannten den ganzen Weg zurück bis zu der Gabelung. Noch zwei Mal hörten sie den Ruf des Morrows, zum Glück weiter entfernt. Er schien ihnen nicht zu folgen.
Sie gingen den anderen Gang entlang, der nach Westen führte. Der änderte bald seine Beschaffenheit und wurde zu einem grob in den Fels gehauenen Stollen, der tiefer nach unten führte.
„Hier sieht es aus wie in den Bergwerken der Menschen nahe Heimstadt“, sagte Rall. „Der einzige Unterschied sind die Leuchtbänder an der Decke.“
Allmählich wurden sie durstig. Sie waren nun schon viele Stunden unterwegs. Die Wände des Stollens waren trocken, nirgends sickerte auch nur die geringste Menge Flüssigkeit herein. So blieb ihnen nur, den Durst so weit wie möglich zu ignorieren und langsam, aber stetig, weiter zu gehen.
Der Stollen verbreiterte sich und mündete in eine lange Halle, von der viele Türen abgingen. Manche von ihnen waren geschlossen, manche offen, wieder andere hingen nur noch schief in den Angeln oder lagen zerbrochen auf dem Boden.
Rall atmete auf: „Eine unterirdische Siedlung. Wo Menschen leben, gibt es Wasser. Lasst uns zu allererst danach suchen.“
Systematisch gingen sie von Tür zu Tür, wobei Zzorg jeweils als erster vorsichtig den dahinter liegenden Raum betrat und Rall bereitstand, falls Gefahr drohte. Macay blieb in einigem Abstand von ihnen und beobachtete die anderen Türen und den Stollen, damit sie nicht hinterrücks überrascht werden konnten.
Zunächst fanden sie nur Gerümpel: kaputte Möbelstücke, Fetzen von Kleidung, zerbrochene Werkzeuge von Bergarbeitern. In der fünften Kammer stießen sie auf einen Toten. Es war ein Mensch, dessen Leiche mumifiziert war. Die Kleidung, die er trug, war zerfallen bis auf ein paar Lederreste, die bewiesen, dass es sich um einen Krieger handelte. Rall drehte die Leiche mit einem Stock herum und entdeckte einen abgebrochenen Pfeil in ihrem Rücken.
„Er ist während eines Kampfes verletzt worden und hier herein gekrochen, um zu sterben“, sagte Rall.
„Aber wer hat gegen wen gekämpft? Und vor allem, wann?“, wollte Macay wissen.
„Es muss sehr lange her sein. Jahrhunderte, wahrscheinlich. Suchen wir weiter.“
Eine der letzten Türen in dieser Halle erwies sich schließlich als die Richtige. Sie war verschlossen, aber es gab genügend Werkzeugreste, um sie damit aufzubrechen. Dahinter befand sich eine großflächige Wohnung mit mehreren Zimmern, in denen alles noch recht gut erhalten war.
„Vielleicht die Unterkunft eines Vorarbeiters“, sagte Rall. „Sehen wir uns um.“
Die Möbel waren mürbe und zerfielen bei der Berührung, ebenso wie die wertvollen Stoffe, die die Wände bedeckten. Die Lichtbänder, die den Stollen draußen erleuchteten, liefen auch hier herein und bildeten an der Decke Schleifen, wodurch die Räume sehr gut ausgeleuchtet wurden. Auf einem Tisch stand Geschirr. Es zerbrach, als Zzorg den Tisch berührte und dieser umkippte. Aber selbst die Scherben bewiesen noch, wie fein und wertvoll das Material war.
„Ich habe nie Ähnliches gesehen“, gab Rall zu. „Hier muss jemand sehr Bedeutendes gelebt haben.“ Zur Verwunderung seiner beiden Freunde begann er, die Wände des Zimmers abzuklopfen.
Bevor Macay fragen konnte, was das sollte, wandte sich Rall um und gab Zzorg einen Wink. „Hier klingt es hohl“, sagte er.
Zzorg verstand. Er ballte die Rechte zur Faust und schlug mit aller Kraft gegen die Wand. Es wäre gar nicht nötig gewesen, sich so anzustrengen. Die Tarnung des Verstecks war nicht sehr stabil.
„Reiche Leute haben oft eine Schatztruhe oder Ähnliches versteckt“, erklärte Rall. Und wirklich, in der kleinen Kammer, deren Zugang Zzorg nun erweiterte, stand eine schwere Holztruhe, verstärkt mit Eisenbändern. Das Eisen hielt zwar, als Zzorg mit dem Fuß dagegen trat, aber das Holz zerfiel.
„Vielleicht haben sie hier unten Insekten, die das Holz nach und nach -“ Rall brach ab. Durch die Reste der Kiste blinkte golden ein Häufchen Münzen. „Gold und Edelsteine! Wenn wir uns hier unten etwas dafür kaufen könnten, wären wir einige unserer Sorgen los“, sagte er. Er nahm eine der Münzen auf, untersuchte sie und gab sie an Macay weiter. „Es ist ein Wappen darauf geprägt, das ich nicht kenne. Und solche Schriftzeichen habe ich auch noch nie gesehen.“
Zzorg steckte sich die Edelsteine und einen Teil des Goldes ein. „Das hilft uns weiter, sobald wir wieder bewohntes Gebiet erreichen“, sagte er.
Außerdem fanden sie noch einen kleinen, mit Juwelen besetzten Dolch, den Macay sich einsteckte. „Ein Andenken für meine Schwester, damit sie mir glaubt, wenn ich ihr die Geschichte meiner Reise erzähle“, erklärte er.
Sie suchten weiter und fanden ganz hinten in der Wohnung eine Art Wanne. Macay untersuchte sie. „Die Zuleitung kommt von rechts durch die Wand. Es fließt kein Wasser mehr, aber vielleicht gibt es dort, wo es einst her kam, noch etwas.“
Mit herumliegenden Gegenständen, die sie als Werkzeuge benutzen konnten, begannen sie, die Wand aufzubrechen. Schnell gelangten sie an eine Stelle, wo die Wasserleitung, die etwa den Durchmesser eines Geldstücks hatte, durch eine Verschiebung im Felsen abgequetscht worden war. Als Zzorg mit einem mächtigen Hieb diese Stelle freiräumte, spritzte Wasser unter hohem Druck aus dem Stumpf der Leitung. Zunächst war es schmutzig und stank, aber nach ein paar Minuten wurde es klar und kühl. Rall probierte und befand es für trinkbar.
„Jetzt fehlt nur noch etwas zu essen“, sagte Macay. „Gold, Edelsteine und Wasser haben wir schon.“
„Leider können Nahrungsmittel nicht die Jahrhunderte überdauern“, sagte Rall. „Deshalb dürfen wir hier nicht zu lange rasten. Und wir haben keine Gefäße, um das Wasser zu transportieren. Wir durchsuchen die restlichen Kammern und marschieren dann weiter. Aber nur so weit, dass wir wieder hierher zum Wasser zurückkehren können.“
„Wir könnten dem Wasser folgen“, meinte Macay. „Die Leitung muss ja irgendwohin führen. Wenn wir wieder auf eine Gabelung des Stollens stoßen, gehen wir nach links, weil das Wasserrohr von uns aus gesehen in der linken Wand ist.“
„Gut gedacht, so machen wir es.“
Sie fanden in einer der Kammern, die sie noch aufbrachen, einen weiteren Toten, der neben seinem Schwert lag. Das Schwert war aus schlechtem Stahl, deshalb war es stumpf und rostig geworden.
Dann folgten sie dem Stollen aus dieser kleinen, unterirdischen Siedlung hinaus. Der Weg war uneben und führte sie weiter in die Tiefe. Als sie an eine Abzweigung kamen, folgten sie dem linken Gang. Nicht nur, weil Macay das vorgeschlagen hatte, sondern auch, weil der rechte teilweise eingestürzt war.
Bald mehrten sich die Hinweise auf große Kämpfe, die einst hier unten stattgefunden hatten. Gerippe und mumifizierte Leichen lagen auf dem Boden, Pfeilspitzen und abgebrochene Schwerter steckten in ihnen. Die ersten Toten untersuchte Rall noch gründlich, doch bald ließ er es bleiben.
„Sie haben sich gegenseitig umgebracht“, sagte Macay nach einer Weile. „Aber man kann die gegnerischen Gruppen nicht unterscheiden.“
„Oder wir haben es nur mit den Verlierern zu tun“, gab Rall zu bedenken. „Die Sieger könnten ihre Toten weggebracht und beerdigt haben.“
Sie erreichten eine weitere große Halle, in der ebenfalls in die Seitenwände die Zugänge zu Wohnräumen eingelassen waren. Auch hier war alles zerstört. Immerhin fanden sie wieder eine große Wohnung mit Wasseranschluss.
Weiter ging es. Alle halbe Stunde erreichten sie eine Abzweigung. Jedes Mal war der linke Weg der einzig gangbare.
„Wir scheinen uns in einem großen Kreis zu bewegen“, sagte Rall.
„Aber wir gehen dabei ständig nach unten. Der Stollen läuft in einer Spirale auf ein Zentrum zu“, sagte Macay. „Wie ein umgekehrtes Schneckenhaus.“
„Gut beobachtet. Und die Abzweigungen nach rechts führen wie Strahlen waagerecht nach außen.“
Macay, dem schon ziemlich flau im Magen war, fragte: „Hilft uns diese Erkenntnis, irgendwo etwas Genießbares aufzutreiben?“
Zzorg zögerte, bevor er antwortete: „Es scheint eine riesige Anlage zu sein. Vielleicht sind wir noch Tage unterwegs. Du hast recht, wir müssen etwas zu Essen finden.“
„Im Hauptstollen ist nichts“, sagte Rall. „Also müssen wir uns in einen der eingestürzten Nebenschächte hineinwagen. Oder habt ihr einen anderen Vorschlag?“
„In diesen Schächten ist das Licht ausgefallen“, gab Macay zu bedenken. „Wir haben keine Öllampen oder Fackeln. Wie sollen wir dort sehen?“
Rall wies auf Zzorg: „Wir haben einen Feuermagier unter uns. Und falls Zzorgs Energien irgendwann nicht mehr ausreichen sollten: Ich sehe bei Nacht fast so gut wie am Tage.“
Der Echsenmann machte eine unscheinbare Geste mit den Händen. Licht strömte aus der schieren Luft um ihn herum und hüllte ihn ein wie eine Blase, die langsam größer wurde, bis sie auch Rall und Macay einschloss.
„Eine Stunde kann ich das Leuchten aufrechterhalten“, sagte Zzorg, „länger nicht. Und mir fehlt dann die Energie, um meine Fähigkeiten in einem Kampf einzusetzen. Je schneller wir also wieder heraus sind, desto besser.“
Er kletterte über das Geröll im Eingang des nächstliegenden Quergangs und erweiterte mit den Händen eine Öffnung, die der Einsturz freigelassen hatte. Rall und Macay folgten ihm. Macay zögerte einen Moment, weil er glaubte, aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Aber die Blase aus Licht, die Zzorg umgab, verschwand mit ihm im Quergang, und so schrieb er es einer Täuschung der Augen durch das magische Leuchten zu.
Auf den Knien kamen sie langsam voran, bis sie die Einsturzstelle überwunden hatten. Dann weitete sich der Stollen wieder. Auch hier fanden sie Krieger, die seit Jahrhunderten tot waren, und auch hier erreichten sie schließlich eine Halle, von der die Eingänge von Behausungen abgingen.
Macay bückte sich und hob etwas auf.
„Was ist das?“, fragte Rall.
„Ein halbverfaulter Pilz.“
„Wirf das Ding weg. Wir müssen weiter.“
„Nein. Wo ein Pilz ist, sind vielleicht noch mehr. Pilze kann man essen. Außerdem - sieh selbst!“
Er hielt Rall das stinkende, im Licht schillernde Stück Matsch unter die Nase.
„Pfui!“, rief der, aber dann sah er genauer hin und erkannte, was Macay gemeint hatte: Man konnte noch deutlich erkennen, dass der Stil des Pilzes glatt abgeschnitten worden war.
„Seit wann mag dieser Pilz hier liegen?“, fragte Macay.
„Schwer zu sagen bei den Bedingungen hier unten. Einen Tag, vielleicht zwei.“
„Wir sind also nicht alleine.“
Macay, Rall und Zzorg zogen ihren Dolche, die einzigen Waffen, die sie besaßen.