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Kapitel 2
ОглавлениеRache sagt: ... warum nur habe ich nichts?
Manuela Maer 2017
Schmalbach, 8. Oktober 2016 ... Samstagnacht!
Es war so weit.
Sein Entschluss stand fest.
Jetzt, heute Nacht, musste er es finden.
Seit Wochen schon hatte er den kleinen Ort Schmalbach beobachtet. Die wenigen alten Häuser standen in dem schmalen Tal aneinandergereiht wie Perlen auf einer Kette. Es wohnten nicht mehr viele junge Leute hier unten. Überwiegend ältere Menschen, die hier ihr zufriedenes Tagwerk verrichteten, ihre kleinen Gärten bestellten und die Enkel beaufsichtigten, die hin und wieder zu Besuch gebracht wurden. Ausgeglichene, glückliche Menschen, die sich ihrer Abgeschiedenheit bewusst waren und dies Tag ein und Tag aus genossen.
Dass ausgerechnet hier, in dieser Abgeschiedenheit, ein dunkles Geheimnis gehütet wurde, ahnte niemand.
In den Aufzeichnungen, die er während seiner Dienste für Algäsius Akabott verrichtete, war er immer wieder auf Hinweise gestoßen, die den Ort, an dem er sich im Augenblick befand, als äußerst außergewöhnlich darstellten. Ihm war es, nach all seinen Beobachtungen. ein Rätsel, was an dem Dorf besonders sein sollte. Seine intensiven Nachforschungen über diesen Ort hier im Tal hatten ergeben, dass sich das, was er suchte, hier befinden musste. Mehrmals also hatte er in den vergangenen Wochen, mit Rucksack, Fotoapparat und Landkarte bestückt, kleine Wanderungen unternommen, die ihn wie zufällig durch Schmalbach führten. So konnte er unbehelligt seine Beobachtungen durchführen, Bilder machen und zu guter Letzt sogar das ein oder andere Gespräch mit einigen gutgläubigen Dorfbewohnern führen.
Dadurch hatte er in Erfahrung bringen können, dass in Oberbeuern, nicht weit entfernt, ein großes Oktoberfest geplant war, zu dem fast alle Einwohner Schmalbachs erschienen. Gerade einmal zwei ältere Damen, etwas über achtzig Jahre alt, blieben zu Hause, was ihn jedoch nicht weiter störte. Die eine, wie er inzwischen wusste, lag schon kurz nach Sonnenuntergang im Bett und die andere war beinahe taub. Sie saß allenfals lang, bis tief in die Nacht hinein, vor ihrem Fernseher. Dabei hatte sie diesen so laut gestellt, dass sie noch nicht einmal mitbekommen würde, wenn draußen die Welt untergehen wollte.
Beste Voraussetzungen also, um sich jetzt im Dunkeln ins Dorf zu schleichen und nach dem Stein zu suchen. Er hing der festen Überzeugung nach, dass er ihn schon erkennen würde.
Nervös überprüfte er seine eng am Körper anliegende große Umhängetasche. Sein Herz klopfte und sein Atem ging stoßweise. Solcherlei Anstrengungen war er trotz alle dem nicht gewohnt. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Eigentlich auf dem ganzen Gesicht. Fahrig schob er ständig die Brille den Nasenrücken hinauf. Die Luft war kühl, aber nicht unangenehm kalt.
Umsichtig leuchtete er mit der Taschenlampe den halb verwitterten Treppenweg aus, damit er langsam, Stufe um Stufe, den schmalen Weg von der Straße hinunter nach Schmalbach steigen konnte. Brombeerbüsche säumten den Rand des schmalen Abstieges, den er in den letzten Wochen, während seiner Wanderungen, mehrfach freigeschnitten hatte. Schließlich sollte ihm dies nicht zum Verhängnis werden, wenn er im Dunkeln diesen Weg benutzte. Hohe Bäume, Tannen und allerlei Buschwerk verhinderten, dass ihn jemand im Vorbeifahren sehen oder vom Dorf aus einen Blick auf ihn erhaschen konnte. Absichtlich nahm er nicht den offiziellen Straßenweg, der von der anderen Seite her hinunter ins Tal führte. Unbeschadet kam er unten an.
Es waren genau vierundsiebzig Steinstufen die, mehr oder weniger gleichmäßig, von der Straße hinunter zum Dorf führten. Er hatte sie das letzte Mal gezählt.
Prompt stieg er die Stufen wieder hinauf. Zählte dann allerdings bis zur neunundzwanzigsten Stufe und blieb dort stehen.
Er hatte bei Tag den Hinweis schon nicht erkennen können, wie zum Geier sollte er es in der Nacht sehen?
Flugs holte er eine schmale Campingleuchte hervor, deren Licht deutlich heller wirkte wie das seiner Taschenlampe. Angestrengt, mit halb zusammengekniffenen Augen, durchkämmte er jeden Zentimeter im Umkreis der neunundzwanzigsten Stufe.
Nichts!
Enttäuschung wollte sich in ihm breitmachen.
War die Mühe etwa umsonst gewesen? Dieses wochenlange Ausspähen des Ortes? Die Blasen an den Füßen wegen der vielen Wanderungen, die er ungewohnter Weise so oft unternommen hatte?
Nach einer Dreiviertelstunde ließ er sich auf den Stufen nieder. Müde, ernüchtert und all seiner Illusionen beraubt.
Sein Mund fühlte sich trocken an.
Da saß er also, kopfschüttelnd, die Campingleuchte anstarrend, bis ihr grelles Licht in seinen Augen schmerzte.
Er schaltete sie ab. Dunkelheit machte sich breit.
Nach einer Weile hatten sich seine Augen daran gewöhnt.
Stille umhüllte ihn, Stille, die nur durch seinen lauten Atem unterbrochen wurde. Fast schon wütend warf er die Lampe neben sich ins Gebüsch. Er begann zu zweifeln: ob er nicht womöglich einem Hirngespinst nachgejagt war.
Nach weiteren unzähligen Minuten erhob er sich schwerfällig, drehte sich herum und starrte im Dunkeln die Stufe an, in deren Umkreis er glaubte, den Hinweis auf den Erddämon zu finden.
Nichts!
Wie er aber so dastand und die steinernen Platten fixierte, fiel ihm ein Schimmern auf, welches sich wie ein zarter Windhauch, über die neunundzwanzigste Stufe hinweg zog. Ungläubig rieb er sich die Augen, blinzelte. Nein, es war keine Einbildung. Es schimmerte wirklich. Überrascht von diesem Anblick schaute er hinauf in den Himmel. Kleine Wolkenfetzen zogen vorüber und dahinter drängte sich das Licht des zunehmenden Mondes herunter und tauchte die Umgebung in ein unheimliches Schattenspiel.
Wieder richtete er seinen Blick auf die Stufe, auf der sich mit jedem Mondstrahl weitere hauchfeine Linien abzeichneten.
Der Hinweis!
Rasch kniete er nieder.
Behutsam strich er mit der Hand über die Oberfläche um den staubigen Dreck zur Seite zu schieben, und immer deutlicher traten die schimmernden Umrisse zum Vorschein.
Da war es endlich, das Zeichen, das ihm bei der Suche nach dem Erddämon helfen sollte. Er hatte es gefunden.
Ähnlich einer Burg war es eingelassen in die Oberfläche der Treppenstufe, offensichtlich nur sichtbar bei Mondlicht.
... suche im Himmelslicht. Die neunundzwanzigste Stufe wird dir das Geheimnis preisgeben ...
So war es in den alten Aufzeichnungen geschrieben. Jetzt hatte er es verstanden.
Aber was nun?
Angeblich sollte er hier nicht nur den Hinweis darauf finden, wo der Erddämon verborgen war, sondern auch, wie man ihn in die Verbannung schickte. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass er mit diesen Informationen die Möglichkeit besaß, den Dämon von seinem Bann zu befreien.
Genau darauf hatte er es nämlich abgesehen. Schnell zückte er eine kleine Digitalkamera und fotografierte das leuchtende Phänomen. Selbst auf dem winzigen Display erkannte er die glitzernden Umrisse gut.
Die burgähnliche Kontur verschwand.
Gleichzeitig wurde es dunkler um ihn herum.
Eine Wolke hatte sich vor den Mond geschoben.
Mit seiner Taschenlampe suchte er die Campingleuchte, die er zuvor unbedacht ins Gebüsch geworfen hatte. Auf Anhieb fand er sie. Sein Herz schlug jetzt rasend.
Nach kurzem Überlegen senkte er sich in die Hocke, umfasste die Steinstufe mit beiden Händen und ruckelte fest daran.
Da gab nichts nach.
Ratlos starrte er auf die Stelle. Eine Motte umschwirrte die Campingleuchte, sodass ihr Schatten ein unruhiges Bild zeichnete. Mit einem Mal fiel ihm auf, dass der senkrechte Zwischenstein, der als Abstand zur darüber liegenden Stufe diente, eine andere Farbe zu haben schien wie die anderen Steine der Treppe.
Jetzt leuchtete er zusätzlich mit der Taschenlampe, um den Unterschied besser erkennen zu können. Ohne Zweifel, es stimmte. Alle anderen, zumindest die in seiner Reichweite, waren aus rötlichem Sandstein. Dieser hier war dunkelgrau.
Im Nu drückte er seine Finger an der Seite des grauen Steines in das Moos, welches die Stufe an der Stelle umwucherte. Eine kleine Spinne rannte ihm über die Hand. Drängend fühlte er mit den Fingern und siehe da, er spürte eine Kerbe. Rasch begann er, die weiche Erde, das Moos und das Laub zur Seite zu schieben.
Da war tatsächlich eine Stelle in die er hineingreifen konnte. Deutlich sah er im Lichtkegel die Silhouette.
Erst zögerlich, dann etwas mutiger, legte er seine Hand in diese Kerbe hinein. Schließlich zog er daran. Natürlich bewegte sich zunächst nichts, aber als er mehr und mehr Kraft einsetzte, gab der Stein endlich nach. Millimeter für Millimeter konnte er ihn hervorrutschen, bis ihn ein schwarzes Loch angaffte. Gerade so groß, dass er bequem mit seiner Hand hineinfassen konnte.
Jetzt schlug sein Puls so sehr, dass an seinen Schläfen die Haut das Pulsieren nicht mehr verbergen konnte.
Eine kleine Aushöhlung.
Wie schon so oft schob er seine Brille auf dem Nasenrücken nach oben. Der Schweiß perlte ihm nicht nur auf der Stirn, er lief in kleinen Rinnsalen an ihm hinunter. Sein Gesicht war gerötet, nicht nur von der Anstrengung. Die Aufregung sorgte dafür, dass sogar seine Hände zitterten.
Tief atmete er ein, hielt die Luft an und ohne weiteres Zögern steckte er die linke Hand ins dunkle Maul.
Es war tief, und erst als er mit dem Arm beinahe bis zum Ellenbogen darin steckte, konnte er etwas ertasten. Es fühlte sich an wie Leder. Mit ein wenig Mühe bekam er es zu fassen.
In seiner Brust wurde es eng, da er vergaß zu atmen.
Mühselig zog er das Bündel bis an die Öffnung. Dann richtete er sich erst einmal gerade und atmete tief durch. Sein Rücken schmerzte.
Mit bebenden Händen ruckelte er so lang an dem Fund herum, bis er ihn durch die Öffnung zerren konnte.
Da lag es vor ihm, im Licht der Campingleuchte.
Ein Bündel von mehreren Schichten aus Lederstücken, mit einem groben Seil umwickelt.
Er wischte sich mit dem Ärmel seiner Jacke den Schweiß von der Stirn. In Windeseile zog er ein Messer aus seiner Umhängetasche und schnitt damit kurzerhand das verwitterte Seil durch, sodass er den Inhalt ohne Widerstand aus dem Bündel wickeln konnte.
Ein Buch kam zum Vorschein.
Ein uraltes, in grobes Leder gebundenes Buch.
Ehrfürchtig drehte er es so, dass er den Schriftzug auf dem Einband entziffern konnte.
Gänsehaut legte sich über seinen Körper und seine Nackenhaare sträubten sich. Es fröstelte ihn, als er die Worte las -
Cruel Déblai!
Er hatte gefunden, was er suchte.