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II Verlobung und Heirat
ОглавлениеDie Komtessen – »In die Welt gehen« – Ein strikter »Rite de Passage« – Die ersten Bälle – Der Kotillon – Der erste Hofball – Die Suche nach einem Ehemann – Heiraten »nach unten« und Heiraten »hinauf« – »Liebe ist etwas für Stubenmädeln« – Die Majoratsherren – Die Mütter hoffen auf einen »Épouseur« – Der grausame Heiratsmarkt – Eine Frage des Geldes – Kapital Schönheit – Die Jagd nach der besten Partie – Erste Annäherung und Verlobung – Feilschen um die Mitgift – Eheverträge – Komtessen ohne Bewerber – Die Hochzeit – Überraschungen in der Hochzeitsnacht – Das Heiratsverhalten ändert sich um die Jahrhundertwende
Die Zeitspanne, die für das weitere Leben einer jungen Aristokratin am wichtigsten war, begann mit dem Abschluss ihrer Erziehung und endete mit ihrer Heirat. Sie war äußerst kurz – in der Regel niemals mehr als zwei Jahre, oftmals sogar nur ein Jahr. Während dieser Zeitspanne durften sich die jungen Frauen den gesellschaftlichen Vergnügungen hingeben, freilich, mit dem wichtigen Ziel vor Augen, einen geeigneten Heiratskandidaten zu finden.
Die »Komtessen«, so die Bezeichnung dieser jungen, unverheirateten Aristokratinnen, durften nun die kurze Zeit ihrer unverheirateten Jugend ausgiebig genießen und am gesellschaftlichen Leben der Erwachsenen teilnehmen, sie durften nun »in die Welt gehen«, wie man sagte. Diese Welt war freilich sehr klein. Sie umfasste die gesellschaftlichen Veranstaltungen und Bälle während der Faschingszeit, den Besuch einiger Soireen in der Fastenzeit und endete traditionell mit der Derbywoche Anfang Mai in Wien.
Für den Eintritt in die Gesellschaft gab es einen strikten »Rite de Passage«: Die Komtessen besuchten zuerst einen oder zwei große Privatbälle der Aristokratie, dann die beiden Hofbälle, einige Konzerte und die großen Wohltätigkeitsveranstaltungen und Soireen in den Wiener Palais. Sie gewöhnten sich nun langsam an ihre neue Situation. Sie lernten damit umzugehen, dass sie hinsichtlich ihres Auftretens genau beobachtet und taxiert wurden, und sie lernten, sich in Gesellschaft ungezwungen und natürlich zu geben. Feierlichkeiten an öffentlichen Orten waren für Komtessen tabu, gerade die Oper durften sie gemeinsam mit den Eltern besuchen, ebenso das Burgtheater – freilich nur, wenn Stücke gegeben wurden, die als passend für Unverheiratete empfunden wurden.
Komtess Clotylda Mensdorff mit einer Freundin, um 1885.
Die jungen Frauen wurden von ihren Müttern perfekt auf ihr Erscheinen in der Gesellschaft vorbereitet. Sie hatten gelernt, anregend zu »parlieren«, sie wurden nach der neuesten Mode ausgestattet, kurz, es wurde alles getan, um die Vorzüge der Töchter herauszustreichen. Nun durften sie für kurze Zeit ungezwungen genießen, was die aristokratische Gesellschaft zu bieten hatte: prachtvolle Feste, glänzende Bälle und das Bewusstsein, zur Crème de la Crème der Monarchie zu gehören. All das Engagement und die Erlaubnis, sich zu amüsieren, hatte nur den einen Grund: mit Ende der Saison eine möglichst glänzende Verlobung zu erreichen.
Der jährliche Eintritt der neuesten Gruppe »frischer« Komtessen in die Gesellschaft wurde stets genau beobachtet und kommentiert.22 Denn mit dem jährlichen Schwall an heiratsfähigen, jungen Damen von Stand wurden auch die – spärlichen – Karten in Sachen aristokratischer Heiratspolitik neu gemischt. Und die Gesellschaft, vor allem die Mütter, beobachtete genau, welche Familien jetzt gute Partien zu bieten hatten beziehungsweise welche und wie viel Konkurrenz nun den eigenen Töchtern drohte. Für die jungen Frauen brachte der Eintritt in die gesellschaftliche Welt eine kurze Zeit der Freiheit und der reinen Lebensfreude. Sie durften feiern, einen Ball nach dem anderen besuchen, sich bewundern lassen. Die meisten genossen diese Zeit in vollen Zügen.
Der erste Ball, der besucht werden durfte, symbolisierte zugleich den feierlichen Eintritt in die Gesellschaft. Die Aufregung vorher war natürlich riesengroß. Welches Kleid sollte man tragen, wie sich präsentieren? Welche Herren würden sich um einen Tanz anstellen? Früher, als die Komtessen noch Mädchen waren, hatte niemand auf kostbare Kleidung und exquisite Ausstattung Wert gelegt; was sie trugen, musste praktisch, einfach und alltagstauglich sein. Nun aber, mit Beginn ihres Eintritts in die Gesellschaft, wurden sie mit kostbaren Ballkleidern, Abendkleidern und eleganter Tagesgarderobe ausgestattet. Als oberste Prämisse galt wieder: möglichst dezente Eleganz. Die Kleider, Maßanfertigungen der bekannten Wiener Salons, waren zwar enorm teuer, durften aber auf gar keinen Fall protzig oder auffällig wirken. Sie sollten zudem Mädchenhaftigkeit und Unschuld der Komtessen betonen. Die Kleidung durfte somit die körperlichen Vorzüge weder zu deutlich akzentuieren, noch durfte sie grell und auffallend sein – was schnell als ordinär galt. Auch den oft prächtigen Familienschmuck durften die Komtessen noch nicht tragen: Diamanten galten für Unverheiratete als unschicklich. Einziges Zugeständnis in Sachen Schmuck waren zarte Goldkettchen.
Nunmehr schön ausgestattet, begleitete die junge Frau ihre Familie zum ersten Mal auf einen Ball. Im Schlepptau der stolzen Mutter wurde sie zuerst den anwesenden verheirateten Damen vorgestellt, vor denen artig geknickst werden musste. Dann kam der Vortänzer – ein Aristokrat, der ein guter Tänzer sein musste. Er leitete für diesen Abend das Tanzzeremoniell und stellte der neuen Komtess einige der jungen Herren vor; hier wurde die junge Frau nun zum ersten Mal nach ihrem Aussehen taxiert. Gefiel es, hatte sie sogleich Bewerber für die nächsten Tänze. Freilich gab es bei den Komtessen auch immer die Angst, keinen Tänzer zu finden, und diese Angst war in manchen Fällen gar nicht unbegründet.23
Für unattraktive Mädchen konnten schon die ersten Bälle mitunter bitter sein. Denn wenn ein Mädchen kaum zum Tanz aufgefordert wurde, konnte jeder sehen, dass ihre Chancen, einen ernsthaften Bewerber für ihre Hand zu finden, auf wackligen Beinen standen. Auch für Mütter war es oft schmerzhaft zu beobachten, wie ihre Töchter links liegengelassen wurden. Eine rührende Geschichte erzählte in diesem Zusammenhang Fürstin Fugger: Bei den Bällen in ihrer Jugend ergossen sich während des Kotillons, dem Höhepunkt des Balls, über die begehrtesten Komtessen wahre Blumenregen seitens der jungen Herren. Anschließend wurden die reichen Blumengaben in Körben aus dem Saal getragen. Am Ende des Balles gab man die Blumen ihren rechtmäßigen Besitzerinnen wieder, die die Körbe stolz mit nach Hause nahmen – denn volle Körbe signalisierten der Umgebung, dass man sehr begehrt war. Eines Tages aber häuften sich die Beschwerden, dass die Körbe mit weniger Inhalt hereingebracht wurden. Einige Ballbesucher hatten das Aufsichtspersonal in Verdacht, Blumen zu entwenden, und beschlossen der Sache nachzugehen. Man versteckte sich hinter den Vorhängen der Garderobe, um zu beobachten, wer denn stets Blumen stahl. Die Überraschung war ebenso groß wie berührend: Es war kein Diener, der die Blumen entwendete, sondern die Mutter einer wenig begehrten Komtess, die die leeren Körbe ihrer Tochter mit Blumen aus übervollen Körben etwas ausfüllte.24
Für die Komtessen war es von großer Bedeutung, sich einen Tänzer für den Kotillon zu sichern. Nichts war peinlicher für ein junges Mädchen, als wenn sie keinen Tanzpartner für den wichtigsten Tanz des ganzen Balls hatte. Dementsprechend mussten sich die Mütter bemühen, rechtzeitig mit ihren Töchtern beim Ball zu erscheinen – denn die Tanzpaare waren gleich zu Beginn des Abends ausgemacht. Wer zu spät kam, fand keinen Tänzer. Denn auch die jungen Herren wollten sich schnell die hübschesten Tänzerinnen sichern, und nicht mit einem Mauerblümchen fürliebnehmen. Einer Mutter, die mit ihrer heiratsfähigen Tochter zu spät zu einem Ball in der französischen Botschaft erschien, schleuderte ein besorgter Bekannter entgegen: »Wieder so spät! Ja wollen Sie denn, dass sie mit dem Nuntius den Kotillon tanzt? Alle Herren sind ja schon engagiert!«25
Hochoffiziell wurde der Eintritt in die Welt der Erwachsenen aber erst mit dem ersten Hofball, den die Komtessen besuchten. Denn die blutjungen Komtessen wurden auf diesem Ball der Kaiserin vorgestellt – jetzt erst galten sie auch offiziell, und von Seiten des Hofes, als erwachsen. Die Obersthofmeisterin übernahm es, der Monarchin, die jungen und meist äußerst aufgeregten Frauen mit deren vollem Namen vorzustellen. Die Kaiserin sprach einige wenige Worte mit den neuen Komtessen und nach einem kurzen Kopfnicken waren sie entlassen.
Komtess »Maitz« Kinsky, eine der berühmt hübschen Kinsky-Komtessen. Die Frauen der Familie Kinsky galten als die hübschesten des Adels, um 1888.
Hatten sie die ersten Bälle sowie den ersten Hofball gut absolviert, tauten die jungen Frauen in der Regel auf und stürzten sich ins Vergnügen. Endlich durften sie an den gesellschaftlichen Vergnügungen teilhaben. Die strenge und oft karge Kinderstube lag hinter ihnen. Eine große Freiheit vor ihnen. Nicht wenige dachten, dass bald nach der Komtessenzeit und der ersehnten Verlobung ein neues, unabhängiges und weniger striktes Leben als Ehefrau begann – womit sich freilich die meisten täuschen sollten. Doch einstweilen bestand ihr Leben aus Tanz, Vergnügen und wildem Flirten. Die jungen Frauen mussten sich in dem Taumel aus Tanzwut, Lebenslust und notwendiger Sicherung von Tanzpartnern erst einmal zurecht finden.
Zwei Komtessen im Ballkleid, um 1860.
Bei den ersten Ballbesuchen konnte es auch hübschen Mädchen passieren, dass sie nicht flink genug zugriffen bei einer Aufforderung oder noch nicht wussten, dass es besser war, einen semi-respektierlichen Tänzer zu nehmen, als auf etwas Besseres zu warten. Dann standen sie plötzlich ohne Tanzpartner da, und die zuvor abgewiesenen Herren reagierten hämisch. Eine Erinnerung Alois Auerspergs an einen Jugendball: »Einer von mir später hoch verehrten Dame, damals eine sehr junge rotblonde Schönheit, passierte es, dass sie eine solche Tanzaufforderung mit einer Ausrede ablehnte. Sie blieb aber sitzen und als der Abgewiesene schwungvoll an ihr vorbeitanzte, rief er siegestrunken: »Sixt es, Rotschopfete, da hast es!«26
Freilich galt es bei all dieser Lebensfreunde, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: einen Ehemann zu finden. Und wenn eine Komtesse dieses Ziel kurzfristig vergaß, war sogleich die Mutter zur Stelle, um die Tochter daran zu erinnern. Eine möglichst gute Heirat war der Schlüssel zu einem standesgemäßen Leben – um nichts anderes ging es bei der aristokratischen Heiratspolitik. Emotionale Erwartungen oder gar Liebesheiraten ohne Rücksicht auf den Stand des Auserwählten wurden nicht zugelassen, und entsprechende Ideen den jungen Frauen schnell ausgetrieben. Denn nichts sicherte das Leben einer Tochter besser ab, als eine »gute Heirat«.
Eine »gute Heirat« war eine Heirat innerhalb des eigenen Standes, mit einem Mann gleicher Herkunft; was eine Fortführung der Lebensweise garantierte, an die man in der Familie gewöhnt war. Das wichtigste Erbe der Aristokratie, ihr soziales Kapital – dieses Gemisch aus der Wahrung althergebrachter Regeln, einer Lebensweise nach den standesspezifischen Ansprüchen und Gewohnheiten sowie der Weitergabe dieses Habitus an die nächste Generation – wurde, so glaubte man, nur gewahrt, wenn man auch beim Heiraten unter sich blieb. Neuzugänge von außerhalb gefährdeten diese in sich geschlossene Gemeinschaft. Denn wer nicht selbstverständlich von klein auf in diese starren Formen geboren wurde, konnte Verhaltensweisen hinterfragen oder gar ändern wollen – beides war weder erwünscht noch erstrebt.
Das weitere Leben hing also davon ab, welchen Mann eine Komtess erwählte oder, exakter formuliert, welchen Mann sie für sich gewinnen konnte. Es galt jedenfalls, einen Mann zu wählen, der zumindest auf gleicher Ebene der Adelshierarchie stand (im besten Fall noch darüber), weil sich der Rang der Frau ausschließlich nach dem Ehegatten richtete. Eine Heirat »nach unten« bedeutete, dass auch die Ehefrau nun rangmäßig tiefer stand, als ihr vielleicht von Geburt an zukam. Männer hatten es hier wesentlich einfacher, weil sie eine rangmäßig tiefer stehende Frau ehelichen konnten, ohne selbst in der Rangordnung Schaden zu nehmen. Freilich versuchten die Männer auch, ihre zukünftigen Ehefrauen eher nach dem gleichen Rang auszuwählen. Für eine Prinzessin – wie die Töchter aus Fürstenhäusern betitelt wurden – kamen also ausschließlich Fürsten (diesen Titel hatte immer der Erstgeborene und Erbe der Hauses) oder Prinzen (die Brüder oder Söhne des Fürsten) in Frage. Mädchen aus gräflichen Familien waren angehalten, zumindest einen Grafen für sich zu gewinnen. Töchter aus freiherrlichen Familien (die rangniedrigste Stufe, die noch zum hohen Adel gerechnet wurde) durften keinesfalls in die nächste Kategorie des Adels, in den »Briefadel« einheiraten, dem ehemals Bürgerliche angehörten, die für ihre Verdienste für den Staat oder für eine jahrzehntelange Beamtenkarriere vom Kaiser geadelt worden waren.
Zwei Komtessen in duftigen Ballkleidern und mit Kotillonblumen, um 1895.
Die Aristokratie war nicht nur unbarmherzig, was »Heiraten nach unten« betraf. Auch Ehen »hinauf«, also ins Kaiserhaus, lehnte man ab – wenn auch aus völlig anderen Gründen. Der Großteil des Adels betrachtete die wenigen Fälle, in denen Frauen aus den eigenen Reihen in das Kaiserhaus heirateten, als stete Quelle zukünftiger Konflikte. Denn einerseits wurde damit die Rangordnung innerhalb des Adels völlig durcheinander gebracht. Man betrachtete diese Frauen ja weiterhin als »seinsgleichen«, sprich so manche adelige Dame fand es schwer, vor einer Erzherzogin den Hofknicks zu machen, der sie vor nicht allzu langer Zeit noch ebenbürtig gegenüberstand. Andererseits erwartete gerade der Adel, dass das Kaiserhaus seiner strengen Heiratspolitik treu blieb, was hieß, dass Mitglieder des Erzhauses nur Frauen von königlichem Geblüt heiraten durften. Weniger wegen der Vorbildwirkung, vielmehr, weil man nicht wollte, dass einige Adelsfamilien durch Heiraten zu mehr Einfluss kamen.
Äußerst spitz wurden manche Heiraten im Kaiserhaus kommentiert. Besonders schwer hatte es Erzherzogin Isabella, die Gemahlin Erzherzog Friedrichs, die selbst als geborene Prinzessin Croy laut Habsburgischem Hausgesetz keine standesgemäße Heiratskandidatin war. Die beiden hatten acht Töchter, die es um 1900 ordentlich zu verheiraten galt. Die Zahl der hierfür infrage kommenden, ebenbürtigen, katholischen Partner war aber extrem klein. Mutter Isabella versuchte natürlich, mit einer Charmeoffensive jeden potentiellen Kandidaten für ihre Familie zu gewinnen – was vom Adel stets beißend kommentiert wurde, meist gleich mit einem Hinweis auf ihre eigene Abstammung: »Erzherzogin Isabelle (sic) ist beim Diner neben Heinrich von Bayern gesessen. Sie war bezaubernd mit ihm! Er würde gut für eine ihrer Töchter passen. So eine Mestizen-Heirath mit beiderseitig gemischtem Blut!«27 Die Ressentiments gerade gegen die Heiratspolitik von Erzherzogin Isabella, die ihre Töchter nicht nur in Königshäuser, sondern auch in die Hocharistokratie verheiratete, waren unter anderem im engen Heiratsmarkt begründet. Sobald auch noch steinreiche Erzherzoginnen beim Heiratskarussell mitmischten (Erzherzog Friedrich war durch sein Teschener-Erbe einer der reichsten Männer der Monarchie), verringerten sich die Chancen für die Komtessen.