Читать книгу Leben des Galilei von Bertolt Brecht: Reclam Lektüreschlüssel XL - Maximilian Nutz - Страница 4

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Autor Bertolt Brecht (1898–1956), bedeutender deutscher Schriftsteller des 20. Jh.s, schuf ein umfangreiches lyrisches und dramatisches Werk, das teilweise in der Zeit im Exil zwischen 1933 und 1947 entstand.
Gattung Schauspiel
Entstehung, Veröffentlichung, Uraufführung Drei Fassungen: 1. dänische Fassung: entstanden 1938/39; Uraufführung 1943 in Zürich; Erstdruck als Bühnenmanuskript 1948 2. amerikanische Fassung: entstanden 1944–47; Uraufführung 1947 in Beverly Hills; hektographiertes Bühnenmanuskript 1948 3. Berliner Fassung: entstanden 1947–56; Uraufführung 1955 in Köln; Erstdruck 1955 in Versuche 19, Heft 14; diese Fassung ist die Grundlage von Einzel- und Werkausgaben
Ort und Zeit der Handlung Dargestellt werden in der 3. Fassung 14 Szenen aus dem Leben des italienischen Physikers Galileo Galilei (1564–1642), die teilweise den historischen Fakten entsprechen, teilweise frei erfunden sind. Durch astronomische Beobachtungen kann Galilei die Richtigkeit des kopernikanischen Systems beweisen, gerät dadurch in einen Konflikt mit der Kirche, der zum Widerruf vor der Inquisition führt und mit einem Hausarrest bis zu seinem Tod endet. Die Szenen spielen in der Zeit von 1609 bis 1642 an verschiedenen Orten: in Padua, Venedig, Florenz, Rom und in Galileis Landhaus in Arcetri.

Leben des Galilei gehört neben Mutter Courage und ihre Kinder und Der gute Mensch von Sezuan zu den bekanntesten und am meisten gespielten Dramen Brechts und wurde vor allem wegen der Thematik seit den 1960er Jahren zu einem Klassiker in der Schullektüre. Brecht hat sich mit dem Stoff und der Gestaltung der Hauptfigur von der Mitte der 1930er Jahre bis zu den Theaterproben in Berlin kurz vor seinem Tod 1956 auseinandergesetzt: Es entstanden drei Drei Fassungen Fassungen, in denen er vor allem seine Sichtweise der Figur entscheidend geändert hat. Die 1. Fassung schrieb Brecht im dänischen Exil 1938/39 in der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten von Intellektuellen und Schriftstellern, Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten; die 2. Fassung entstand zwischen 1944 und 1947 im amerikanischen Exil unter dem Eindruck des Abwurfs der Atombomben in Japan 1945 und der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft; in der 3. Fassung, die nach seiner Rückkehr aus dem Exil in der Zeit des Kalten Krieges in Ost-Berlin entstand, verschärfte er die Verurteilung Galileis, den er bereits in der amerikanischen Fassung als einen »Verräter« an der Aufgabe der Wissenschaft dargestellt hatte.

Brecht greift in seinem Drama den historischen Fall des italienischen Physikers Galileo Galilei (1564–1642) auf, der durch astronomische Beobachtungen die Auffassung des Kopernikus bestätigen konnte, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, aber seine Erkenntnisse vor einem Gericht der Inquisition widerrief. Brecht schrieb aber kein Kein Geschichtsdrama Geschichtsdrama, in dem es um die historische Wahrheit dieses Falls geht, sondern er nahm den Konflikt des Physikers mit der Kirche als Modell, um aktuelle Fragen nach dem Verhalten von Intellektuellen und Wissenschaftlern unter dem Druck politisch-gesellschaftlicher Machtverhältnisse darzustellen.

In der Bühnenrezeption und bei der Behandlung im Unterricht spielte nur die 3. Fassung eine Rolle, die in Werkausgaben gedruckt vorlag und die Brecht als für ihn gültige Sichtweise des Themas und der Figur ansah. Mit der Selbstverurteilung Galileis Galileis Selbstverurteilung legte Brecht der Figur selbst in den Mund, wie der Leser oder Zuschauer den Widerruf beurteilen sollte: als Verrat an der sozialen Verantwortung des Wissenschaftlers, dessen Erkenntnisinteresse sich einzig darauf richten muss, »die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern« (S. 125).1 Galilei wirft sich in der 14. Szene vor, dass er das revolutionäre Potential seiner Forschungen nicht genutzt habe, das den Unterdrückten die Augen über die ungerechte gesellschaftliche Ordnung hätte öffnen können, sondern aus Angst vor der Folter die Wahrheit preisgegeben habe. Sein Widerruf ist keine Taktik, um heimlich an seinen Forschungen weiterarbeiten zu können, er betreibt diese nur noch als ein »Laster«, von dem er so abhängig ist wie von seiner Esslust.

Brecht hat in »Anmerkungen« zu seinem Stück und zu einzelnen Szenen die Verstehens- und Deutungsweise wesentlich mitgeprägt und dabei vor allem auch den Unterschied zwischen der 1. und 2. Fassung betont: In der 1. Fassung habe sein Widerruf Galilei »die Möglichkeit verschafft, ein entscheidendes Werk zu schaffen. Er war weise gewesen«.2 In der amerikanischen Fassung beweise Galilei seinem ehemaligen Schüler, »daß der Widerruf ein Verbrechen war und durch das Werk, so wichtig es sein mochte, nicht aufgewogen« werden könne.3 Brecht hat in seinen Selbstäußerungen als entscheidende Ursache der Veränderung seiner Sichtweise die traumatische Erfahrung des US-amerikanischen Abwurfs von Abwurf der Atombombe Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im August 1945 betont, die zu einer neuen Sichtweise der Entwicklung der Naturwissenschaften von der frühen Neuzeit bis zur Situation am Ende des Zweiten Weltkriegs geführt habe. Statt sich für die Aufklärung und damit den politisch-gesellschaftlichen Fortschritt einzusetzen, seien die Wissenschaftler zu einem »Geschlecht erfinderischer Zwerge« geworden, »die für alles gemietet werden können« (S. 126).

Unter dem Eindruck der Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe in der Zeit des Kalten Krieges in den 1950er und 1960er Jahren hat man das Stück vor allem als Beitrag zur Diskussion über die Verantwortung der Wissenschaft Verantwortung der Wissenschaft gesehen. Bei der Behandlung im Unterricht wurde es deshalb häufig im Kontext anderer Stücke gelesen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen: Friedrich Literarische Kontexte Dürrenmatts »Komödie« Die Physiker (1962) und Heinar Kipphardts dokumentarisches Drama In der Sache J. Robert Oppenheimer (1964). Angesichts der aktuellen Probleme, von der Genforschung über Künstliche Intelligenz bis zur Umweltzerstörung, bleiben dieser Konflikt und damit auch Brechts Stück nach wie vor aktuell, auch wenn sich das Problem der Verantwortung in den komplexen Zusammenhängen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik von dem einzelnen Wissenschaftler auf Institutionen und Entscheidungsgremien verschoben hat.

Brecht war sich bewusst, dass das Stück in der Komposition und den Gestaltungsmitteln nicht mehr seiner Theorie eines »epischen Episches Theater Theaters« entsprach, die er seit Ende der 1920er Jahre in der Auseinandersetzung mit der Entwicklung des »bürgerlichen« Theaters vom 18. Jahrhundert bis zur Zeit der Weimarer Republik entwickelt hatte. Statt einer »Einfühlung« des Zuschauers in die Figuren, die diese einlulle und kritiklos gegenüber den dargestellten Verhaltensweisen mache, zielte sein Theater auf eine distanzierte und reflektierte Haltung, die durch »eingreifendes Denken« die Bereitschaft fördert, ungerechte politische und gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Diese Haltung wollte er durch Techniken der Verfremdung wie Songs, Spruchbänder, Kommentare u. a. sowie durch eine Spielweise der Figuren erreichen, wodurch das Dargestellte als veränderbar wahrgenommen werden sollte. Jetzt aber sah Brecht bereits in der zentralen Rolle der Hauptfigur im Stück die Gefahr einer Identifikation des Lesers und Zuschauers mit dem zunächst positiv gezeichneten Erkenntnisdrang Galileis. Eine Kritische Distanz statt »Einfühlung«kritische Auseinandersetzung mit dessen Entwicklung zum »sozialen Verbrecher« wurde dadurch möglicherweise verhindert. Umso wichtiger war es Brecht, dass durch die Spielweise gerade die negativen Seiten der Figur, ihre egozentrische Forschungslust und der Mangel an sozialer Verantwortung, betont wurden.

Brechts Sichtweise von Galileis Verrat und dessen Bedeutung für die Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft hängt mit seiner Auffassung von Geschichte und Gesellschaft zusammen, die er seit Ende der 1920er Jahre durch das Studium des Marxismus entwickelt hatte. Er übernahm von der marxistischen Theorie die Vorstellung, dass die Strukturen der Marxistische Sicht Gesellschaft durch Widersprüche zwischen gesellschaftlichen Klassen bestimmt sind und »Klassenkämpfe« den Fortschritt der Geschichte bestimmen (Dialektik bzw. dialektischer Materialismus). Der »soziale« Verrat Galileis besteht für ihn darin, dass er weder die zu seiner Zeit fortschrittliche Klasse des handel- und gewerbetreibenden Bürgertums unterstützt noch die Bereitschaft des Volkes zur Veränderung der Unterdrückung als Chance wahrnimmt, sondern auf den Schutz durch einen Fürsten und die Toleranz eines neuen Papstes hofft.

In der Dialektik sah Brecht jedoch nicht nur das Bewegungsgesetz von Geschichte und Gesellschaft, sondern auch ein ästhetisches Prinzip: die Weiterentwicklung vom epischen zu einem Dialektisches Theater dialektischen Theater. Das Prinzip der Dialektik zeigt sich im Galilei in allen drei Fassungen, von der Komposition der Szenenverknüpfung bis zur Figurencharakterisierung. Indem der Zuschauer Gegensätze und Widersprüche erkennt, wird er in einen Reflexionsprozess verwickelt, in dessen Verlauf er vor allem die Verhaltensweisen des Protagonisten hinterfragt und Handlungsalternativen durchspielt. Mit Brechts Dialektische Methode Methode können sich Leser und Zuschauer mit der Selbstverurteilung Galileis und mit Brechts Forderung nach einem »hippokratischen Eid« (S. 126) kritisch auseinandersetzen.

Trotz seiner zunehmend skeptisch-resignierten Haltung gegenüber der Entwicklung des DDR-Systems unter der Führung einer autoritären Partei, die auch die künstlerische Entwicklung der Doktrin eines Sozialistischen Realismus unterwarf, hielt Brecht bis zuletzt an der Überzeugung fest, dass der Sozialismus als einzige Alternative zum Kapitalismus der richtige Weg sei, um Ausbeutung, Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit zu überwinden. In der Zeit des Kalten Krieges hat diese Haltung die Veränderung der Rezeptionsweisen Rezeption des Schriftstellers in der Bundesrepublik beeinflusst. Einer strikten Ablehnung seines Werks wich man oft dadurch aus, dass man zwischen dem künstlerischen Werk und dem ›kommunistischen‹ Autor unterschied und z. B. den Galilei auf die Thematik der Verantwortung der Wissenschaft reduzierte, ohne sich mit der zugrundeliegenden marxistischen Geschichtsauffassung auseinanderzusetzen. Die Bühnenrezeption seit den 1990er Jahren kümmert sich kaum um den marxistischen Hintergrund des Stücks, sondern versucht das Interesse an der Figur durch publikumswirksame Gestaltungsweisen am Leben zu halten.

Leben des Galilei von Bertolt Brecht: Reclam Lektüreschlüssel XL

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