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Eine seltsame Welt

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ndolf, so stellte sich nun heraus, gehörte zu einer Gemeinschaft, die sich ONO nannte. Kishou erinnerte sich sofort an diese Bezeichnung, die einer der Breenen, die sie auf dem Feld einfingen, mit ihr verbunden hatte. Nun war auch klar, wie er darauf kam.

ONO war ein Kürzel, und stand für ‚Organisation neue Ordnung’. Und wie sie nun erfuhr, war diese Gemeinschaft eine Untergrundorganisation, dessen Ziel die Beseitigung der bestehenden Ordnung war. Undolf meinte, das die Ordnung der Breenen möglicherweise auf einer einzigen großen Lüge basierte, und das Drom auf einen Abgrund zusteuern würde. So erfuhr sie, dass auch das Vierte Drom Gegenden kannte, die langsam versteppten und immer mehr austrockneten. Auch der Regen hatte erheblich nachgelassen. Die Gaunen gaben als Grund Schwankungen im Wetter an, die ganz normal wären, und sich wieder stabilisieren würden. Kishou wusste nichts mit ‚Gaunen’ anzufangen, unterbrach den Breenen aber nicht in seinen Erklärungen.

Die ONO verfüge nun allerdings über große Archive verbotener alter Bücher und Schriften, erklärte er, die eine ganz andere Erklärung bot, als die offiziell verbreitete. Sie erforderte ein Umdenken und Neugestalten der Ordnung, wenn man die Austrocknung des Droms aufhalten wollte. Es würde ihrem Drom ansonsten das selbe Schicksal ereilen, wie das der Sterbenden Welt. Aber das gemeine Volk der Breenen kannte nur die Verlautbarungen der Obrigkeit. Die oberen Kasten, so meinte der Breene, wussten vielleicht mehr – zumindest manche von ihnen – aber die waren an ihren Privilegien interessiert und den OHIB treu ergeben.

So erfuhr Kishou nach und nach etwas über die Hierarchie eines Herrschaftssystems, von dem sie garnicht wusste, dass es so etwas überhaupt geben konnte. Sie kannte bislang nur die Chemuren als Beherrscher der Drome. Hier war alles anders.

Zu oberst war die Kaste der ‚OHIB’ – 12 an der Zahl. Sie waren die Gesetzgeber und in ihren Urteilen unantastbar. Dann waren da die ‚Steigerinnen’. Sie waren die Obersten der Städte und Gemeinden, aus deren Reihen die OHIB erwählt wurden, wenn von ihnen einer starb. Die OHIB waren ausschließlich Braanen und herrschten vom Tal des Droms heraus – wie auch die ihnen in der Hierarchie folgenden ,Steigerinnen’, und den darauf folgenden ‚Wählbaren’. Diese wiederum gehörten zur obersten Schicht der Kaste der ‚Gaunen’, während der Gaun selbst im allgemeinen ein Breene war. Die ,Steigerinnen' rekrutierten sich wie die ‚Wählbaren’ natürlich auch aus den braanischen Gaunen, aus deren Reihen in einer allgemeinen Wahl von dem Volk der Breenen die ‚Steigerin’ bestimmt wurde.

Kishou fand das alles nur verwirrend und in seiner Fremdartigkeit zunächst vollkommen undurchsichtig. „Was ist mit Suäl Graal?“, interessierte sie viel mehr. Der Breene hatte sie bisher mit keinem Wort erwähnt.

„Die gehört zur Sippe der Chemuren, wenn ich mich recht erinnere. Sie soll die Oberste unter ihnen sein. Ist es nicht so?“

„Ja, natürlich!“, wunderte sich Kishou über die Antwort. „Aber was ist mit ihr? Du hast noch nichts von ihr erzählt. Sie ist schließlich die Herrscherin dieses Droms – also genaugenommen des Vierten Tals der Vierten Ebene des Vierten Droms – und wegen ihr versiegen doch schließlich die ganzen Wasser!?“

Undolf schüttelte unverständig den Kopf. „Nein, die gibt es hier nicht!“, stellte er mit Bestimmtheit fest. „Sie gehört zu den Legenden alter Zeiten – wie alle von der Sippe der Chemuren. Das heißt …“, er zögerte. „Zumindest ging ich bis jetzt davon aus – wie die Meisten von uns. Und ehrlich gesagt …“ Wieder zögerte er ... „Auch wenn du etwas anderes behauptest: wirklich überzeugt sein werde ich erst, wenn ich sie mit eigenen Augen gesehen habe!“

Was der Breene da von sich gab, erschien Kishou so verrückt, dass sie einen Moment ernsthaft in Erwägung zog, das alles nur zu träumen. „Du sagst, ihr kennt Suäl Graal nicht? Also die Breenen, die nicht eure Bücher lesen, dürften ja dann nicht mal was von ihr gehört haben?“, schloss sie ungläubig.

„Ja natürlich nicht!“, reagierte ihr Gegenüber mit Verwunderung, dass dies überhaupt eine Frage sein konnte.

Nun begriff Kishou garnichts mehr. Dieses Drom war anders als alle anderen, das war sehr schnell klar – und die Stadt hatte geradezu etwas unwirkliches – aber was sie nun akzeptieren sollte, überstieg gänzlich ihr Vorstellungsvermögen. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und atmete tief aus. Sie verstand das alles nicht … Es ergab alles überhaupt keinen Sinn.

„Wenn ich der ONO darüber berichte, was ich gerade erlebe, wird man vermuten, ich wäre verwirrt und bar jeder Ordnung!“, meinte Undolf in die entstehende Stille hinein. „Und jetzt hör mir zu! Ich sehe dich mit eigenen Augen, du bist fremdartig, wenn man dich genau betrachtet – und ich treffe auf dich, gerade als die lang angekündigten Wesen aus der Sterbenden Welt gesichtet worden sein sollen. Du kennst dich offenbar in den alten Krypten aus, und du führst den Bogen in einer Weise, wie es dort beschrieben steht – und wie es eigentlich doch nur die freie und wieder jeder Ordnung erdachte Phantasie erdenken kann. Nur aus all diesen Gründen höre ich dir zu. Aber es bedeutet nicht, dass ich dir auch glaube!“, schloss er.

„Aber … aber ich denke … du hast doch eben gesagt, ihr kennt die Geschichte des Großen Belfellands und seinen anderen Dromen – den Sterbenden Welten!? Und jetzt sagst du, dass du mir nicht glaubst – als gäb’s das alles nicht!?“

„Was spielt es für eine Rolle, ob das, was in den Büchern berichtet wird, wahr ist?“, meinte der Breene. „Man findet in ihnen eine andere Möglichkeit von Wahrheit – nur das zählt! Sie widerspricht der Wahrheit der Breenen und Braanen und stört damit ihre Ordnung. Die Ordnung bietet keine absolute Sicherheit mehr, wenn man eine Alternative ihrer Wahrheit nicht mehr ausschließen kann!

„Wie meinst du das?“. Es schien ihr langsam, als würde diesem Drom jede Vernunft verloren gegangen zu sein.

„Da gibt es nichts zu meinen!?", schien sich der Breene fast über die Frage zu wundern. Es ist das erste Gesetz der Ordnung! Wie kann eine Wahrheit bestand haben, wenn neben ihr auch nur eine einzige andere existieren könnte – und man von ihr erfährt? Allein deine Frage ist schon ein Indiz für die Richtigkeit der offizielle Wahrheit. Ihr kennt offensichtlich keine Ordnung!"

„Häh ...", kam es nur im vollen Unverständnis aus Kishou heraus ...

„Alle offiziellen Lehrbücher sagen, dass es neben dem Belfelland noch eine andere Welt gibt – jenseits seiner Grenzen, die unzugänglich sind. Sie werden bewohnt von Barbaren ohne jeden Verstand und ohne jede Regel. Es heißt dort, dass sie ihr Wasser verschwendet und verbraucht haben, und früher oder später versuchen werden, das fruchtbare Belfelland zu überfallen um sich darin auszubreiten!“

„Und die Breenen glauben das?“

„Ja natürlich!“, reagierte der Befragte. „Man kann es überall lesen, und immer wieder wird in den Nachrichtenblättern davon berichtet. Wie könnte es nicht die Wahrheit sein? Es existiert keine andere. Niemand würde auch freiwillig an diesen Wahrheiten zweifeln, weil das die Ordnung und die Sicherheit gefährden würde!“ Er machte eine verzweifelte Geste, als fürchtete er, dass man ihm gerade seines eigenen Glaubens berauben würde. „Aber es fanden sich vor langer Zeit schon alte Bücher, die genau diese einzige Wahrheit in Zweifel ziehen – die eben etwas ganz anderes sagen …!“, erzählte er missmutig weiter. „… und eben genau diese Wahrheit in Frage stellen! Sie berichten von weiteren Dromen eines ‚Großen Belfellands’, und wie sie eines nach dem anderen sterben, weil diese Suäl Graal dem Großen Belfelland das nötige Wasser verwehrt – wegen irgendwelcher Streitereien mit den anderen Chemuren!“ Er winkte ab, als wollte er darauf nicht weiter eingehen. „Es sollten eigentlich nur dumme, alte Geschichten sein. Aber es war eben eine Alternative zur offiziellen Verlautbarung … Es fanden sich gar ausreichend Indizien der hiesigen Entwicklung, die mit den Beschreibungen dieser Schriften übereinstimmten. Damit war nun eine andere Möglichkeit der Entwicklung unseres Landes in den Köpfen der Breenen – eine alternative Ursache für die Steppenbildung – unabhängig davon, ob diese Geschichten in den alten Büchern nun stimmen oder nicht!“

„Aber das ist doch gut so!“, verstand Kishou die Aufregung ihres Gegenübers nicht.

„Was kann daran gut sein?“, wurde sie sogleich abgewehrt. „Das Volk war beunruhigt, und begann Fragen zu stellen und genauere Untersuchungen der Steppenentstehung zu fordern. Sie zweifelten mehr und mehr an den Erklärungen der herrschenden Kasten, ignorierten die Aushänge und Nachrichten der Gaunen und suchten nach neuen Wahrheiten! Wie dem auch ist …!, Es wurde dann die Verordnung VOBN487a-g erlassen, danach durften Bücher und Nachrichten mit nicht ordnungsgemäßen Inhalten bei schwerster Bestrafung nicht mehr vertrieben und gelesen werden, und wurden vernichtet. Wer sie dennoch verbreitete oder darüber berichtete, wurde sofort von der Ordnung freigestellt!“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber der unselige Gedanke wider der Ordnung war nun in der Welt!“, setzte er fort. „Zudem konnten viele Bücher vor ihrer Vernichtung unerkannt vervielfältigt oder versteckt werden. Auf ihrer Grundlage bildete sich später die ONO heraus. ... mit dem Ziel, eine neue Ordnung zu schaffen, die von der Ordnung abweichende Fragen und ihre Untersuchung zulässt. Es geht ihr darum, eine mögliche Zerstörung des Belfellands zu verhindern! Aber das ist alles schon lange her!“, schloss er. „Das Volk der Breenen hat die Fragen längst vergessen, so, wie es die Ordnung erfordert, wenn sie bedroht ist. Doch dies galt nicht für alle. Und so wuchs die ONO im Untergrund langsam aber stetig weiter, und ist heute überall präsent und hat beste Verbindungen zu fast allen Kasten – vor allem den Gaunen. Aber wir müssen äußerst vorsichtig sein.

„Wissen die … also ich meine, die hier Herrschenden, dass es euch gibt?“, wollte Kishou wissen. Die jeweiligen Namen hatte sie schon wieder vergessen.

„Selbstverständlich!“, war die klare Antwort. „Die Gleim machen kurzen Prozess, wenn sie einen von uns entdecken. Wir werden ohne jede formale Feststellung der Abfälligkeit von der Ordnung, sofort in einem Zuge freigestellt und liquidiert. Die Gaunen haben einen ‚Bund der Unsichtbaren’ eingesetzt, um unsere Mitglieder ausfindig zu machen. Sie arbeiten im geheimen, und niemand weiß wer sie sind. Die Gaunen versuchen immer wieder, Unsichtbare in unsere Organisation einzuschleusen – bislang ohne Erfolg. Deshalb musste ich mir auch sicher sein, mir mit dir nicht so einen Vogel eingefangen zu haben. … ich hoffe noch immer, mich in dir nicht getäuscht zu haben!“

Kishou atmete hörbar durch. „Das geht ja alles gut an hier!“, seufzte sie. Was bedeutet das mit dem ‚Abfallen’? – Du hast mich ja vorhin auch gefragt, ob ich sowas bin!“

„Für ‚Abgefallen’ gilt nach GrVO-3 Abs.1, wer den Fundamenten der Ordnung widerspricht und sie damit in Gefahr bringt. Er oder sie ist damit nach dem Gesetz von der Ordnung freigestellt, und wird sofort aus ihr entfernt – also liquidiert. Die Mitglieder der ONO sind nach dem Gesetz zum Beispiel alles Abgefallene – wenngleich natürlich noch nicht also solche erkannt!“

„Ach du Schreck!“, reagierte Kishou. Sie erinnerte sich an die Portraitzeichnung, die sie auf eines der Blätter gesehen hatte, als sie auf der Bank etwas Ruhe suchte. „Ich glaub’, ich hab so ein Bild von einem gesehen, wo ‚Freigestellt’ darüber stand. War das einer von euch?“

„Ich weiß – vermutlich. Ich kenne ihn nicht!“, hob der Breene seine Schultern. „Es kommt immer wieder einmal vor, dass einer von uns enttarnt wird. Aber es könnte auch jemand anderes sein, der aus irgendeinem Grund aus der Ordnung ausgeschert ist. Die Ordnung befindet sich im immerwährenden Kampf gegen solche chaotischen Erscheinungen!“

„Aber man hat ihn ja glücklicherweise offenbar nicht erwischt, sonst würde man ja nicht nach ihm suchen!“, hoffte eine nachdenkliche Kishou.

„Er hat keine Chance. Er ist draußen. Niemand kann für sich allein außerhalb einer Ordnung lange überleben!“, stellte der Breene erstaunlich kühl fest. „Sein Bildnis und sein Name hängt in allen Amtstuben, und man wird ihn auch so überall schnell in seiner Haltlosigkeit bemerken. Wer ihn erkennt ist verpflichtet, ihn sofort zu liquidieren – oder wenn dazu keine Möglichkeit besteht, ihn umgehend zu melden. Für ihn ist es vorbei!“

„Das ist doch irre!“, platzte es aus Kishou heraus.

„Eine stabile Ordnung kann sich keine Fehler in ihrer Struktur leisten!“, wunderte sich der Breene ehrlich über Kishous Reaktion – sowenig wie sich die Ordnung der ONO einen Unsichtbaren in ihren Reihen leisten kann. Das ist doch wohl nachvollziehbar, und das genaue Gegenteil von dem Zustand, den du als ‚irre’ bezeichnest!“

Kishou sah den Breenen an wie einen Geist, und schüttelte nur hilflos mit dem Kopf. Sie konnte dem nichts entgegnen – es war ja irgendwie tatsächlich stimmig, was der Breene da sagte. Aber irgendwo war da dennoch ein Fehler. Es war nicht wirklich stimmig – oder durfte zumindest nicht stimmig sein, wie ihr Bäuchlein unzweideutig signalisierte. Sie war aber in diesem Moment nicht in der Lage, diesen Widerspruch in sich aufzuklären – und es war ja nun auch tatsächlich nicht gerade die Zeit, sich mit solcherlei Fragen aufzuhalten. So erklärte sie nun ihrerseits Undolf ihre Lage – ihr Problem mit ihren Freunden, die im Wald vor Trital versteckt auf ihre Rückkehr warteten – und von dem Umstand, das die Gleim möglicherweise auf sie treffen würden, wenn sie in Richtung des Ortes marschieren würden, wo sie erstmalig von den Breenen gesehen wurden. Eine zeitnahe Lösung für dieses Problem konnte es den Umständen entsprechend nicht geben.

Es war über die vielen zu beantwortenden Fragen später Abend geworden, und eine sofortige Rückkehr zu ihren Begleitern schon von daher beim besten Willen nicht mehr möglich. Undolf meinte, das er versuchen würde, etwas für den nächsten Tag zu organisieren, und das sie diesen Ort auf keinen Fall verlassen dürfte, bis er zurückkam. Er bot ihr an, das Bett im Schlafraum zu nutzen, damit sie sich ausruhen konnte. Er selbst würde in seiner richtigen Wohnstatt schlafen, und zudem bis zum Mittag in einem kleinen Geschäft arbeiten müssen.

Die Nacht war nicht mehr sehr lang, und so brach er auf. Tausend Fragen in Kishous Kopf mussten noch unbeantwortet bleiben.

Kishou IV

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