Читать книгу Kishou IV - Michael Kornas-Danisch - Страница 9

Undolf

Оглавление

E

s war nicht das erste Mal, dass sie ganz auf sich gestellt war, aber irgendwie erschien es ihr gerade, als wäre es genau so. Vielleicht, weil das Drom in seiner blühenden Natur so friedlich schien, und sie doch gleichzeitig wusste, dass dieser Schein mehr als nur ein trügerischer war. Dennoch sollte sie sich frei bewegen können, solange niemand unter ihre Kapuze blickte. Aber sich allein und unerkannt unter den noch vollkommen fremdartigen Bewohnern dieses Droms zu bewegen, war schon verrückt genug.

Als sie bald schon auf einen Weg traf, dessen Verlauf sich kaum von ihrem eigenen Kurs unterschied, wich sie ihm nicht aus, sondern nutzte ihn. Nur die Kapuze zog sie vorsichtshalber noch etwas mehr über ihr Gesicht. Es war wohl mehr ein Reflex, denn es war ja weit und breit niemand zu sehen. Ein längerer Marsch zu Fuß durch den Wald wäre noch beschwerlicher gewesen als mit den Bieseln.

Ein Schwarm dieser ‚Teller’ zog summend dicht über den Baumkronen – und über sie hinweg, was ihr nun doch einen kleinen ersten Schweißausbruch bescherte. Aber die kümmerten sich nicht um sie. Es dauerte auch nicht lange, bis ihr ein Wagen mit einigen Breenen entgegenkam. Sie ging auf die Seite des Weges um ihm Platz zu machen, und er zog an ihr vorbei.

Ein Zweiter, dieses Mal von hinten kommend, ließ nicht lange auf sich warten, und Kishou stockte nun doch der Atem, als der, nachdem er sie überholt hatte, plötzlich anhielt. Es saß nur ein einzelner Breene auf dem Kutschbock, der sich nun nach ihr umdrehte. „Spring auf!“, rief er ihr zu.

Ihre Gedanken überschlugen sich. War es so etwas wie ein Befehl oder ein Angebot? Es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Sie warf ihren eingewickelten Bogen auf die Pritsche und kletterte nach. Sie überlegte, ob sie etwas sagen sollte, entschied sich dann aber doch besser zu schweigen.

„Ich fahr ins Zentrum rein!“, sagte der Breene, ohne sich umzudrehen. „Sag Bescheid, wann du runter willst!“

„Alles klar – Danke!“, reagierte Kishou nicht wenig erleichtert. Er hatte sie also tatsächlich einfach nur aufgesammelt.

Der Kutscher blickte nach oben, als einige dieser Teller über ihnen ihren Weg kreuzten. „Ach ja – beinahe vergessen. Das Formular findest Du links hinten in der Ecke – ganz zu oberst, bei den anderen!“

„Das Formular?“, fragte Kishou, und schaute zu besagtem Ort auf der Pritsche. Ein Stapel Papiere lag dort in einer flachen Kiste.

„Hast Du das noch nicht mitbekommen?“, fragte der Breene

„Was meinst du?“, fragte Kishou und überlegte fieberhaft, wie sie reagieren konnte, ohne auffällig zu werden. Sie hatte keine Ahnung, was der Breene von ihr wollte.

„Warst wohl draußen, die letzten Tage!“, vermutete der Breene.

„Ja!“, schoss es sofort aus ihr heraus. „Es war viel zu tun. Und das Wetter …!“

„Ja, kam ganz schön was runter vorgestern Abend. Uns hat es auch kalt erwischt!“, übernahm er sofort. „Eine neue Verordnung kam vorgestern raus!“, sprach er weiter. „Jeder muss bei Fahrten über Land ein neues Formular ausfüllen, woher er kommt und wohin er geht – ich noch dazu, dass ich dich mitgenommen habe von hier nach Trital. Dafür brauch ich nachher deinen Namen … Gleich oben auf das erste Formular!“

Nun kam Kishou doch wieder ins Schwitzen. Sie fand das Papier an besagter Stelle – aber was sollte sie dort hinein schreiben? Sie hatte ja überhaupt keine Ahnung wo sie war und wo sie absteigen würde … Sie nahm den Stift, der auf den Papieren lag und überlegte Fieberhaft, was sie dort eintragen könnte, ohne sich zu verraten. Es fiel ihr beim besten Willen nichts ein. Sie sah nach oben in den Himmel. Eine Menge Vögel zogen dort ihre Bahnen. Ob Lui unter ihnen war, konnte sie auf die Entfernung nicht erkennen, aber er war in diesem Augenblick ja auch keine Hilfe.

Es gab nur eine Möglichkeit. Mit etwas Glück … Mit einer kurzen Bewegung warf sie den Stift hinter sich seitlich in das Unterholz. „Alles klar!“, meinte sie nun. „Hast du mal eben einen Stift?“

„Liegt oben auf!“, kam die prompte Antwort.

„In der Kiste, bei den Formularen?“, fragte sie scheinheilig.

„Ja!“

„Nein, da ist keiner!“, reagierte sie, und kramte geschäftig in der hölzernen Lade.

Das erste Mal drehte sich nun der Breene zu ihr um, während er seine Kapuze vom Kopf zog, um besser sehen zu können. Er hatte nur noch wenig Haare und einen angegrauten kurzen Bart unter seinem Kinn. „Der muss doch da liegen!“, wunderte er sich.

„Tut mir leid – vielleicht ist er ja an die Seite … aber da find' ich auch nichts!“, meinte Kishou und kramte geschäftig weiter.

Der Breene warf die Zügel über die Lehne seines Sitzes und kam nach hinten. Nachdem auch er kurz in der Kiste gewühlt hatte, gab er auf. „Das gibt Ärger – das gibt Ärger! ... muss irgendwie rausgefallen sein“, knirschte er, und begab sich wieder auf seinem Platz zurück. „Das muss unter uns bleiben. Du bist mit keinen Wagen in die Stadt gekommen, und ich habe niemanden mitgenommen!“

„Alles klar!“, bestätigte Kishou, und hoffte, das ihre tiefe Erleichterung in den Worten nicht zu hören war.

„Dann weißt du womöglich nicht einmal, warum die neue Verordnung erlassen ist!“, sagte der Breene, nachdem er die Zügel wieder an sich genommen hatte.

„Äh – nein!“, konnte sie hier ohne Verstellung reagieren. Sie wusste ja bislang nicht einmal, was ein Formular ist – geschweige denn, wozu so etwas gut sein sollte.

„Es soll tatsächlich passiert sein!“, verkündete der Kutscher. „Die Fremden aus der sterbenden Welt sollen ins Drom gekommen sein!“

„Wirklich?“, spielte Kishou erstaunt. Immerhin erfuhr sie nun schon, das sich ihre Ankunft im Drom bereits herumgesprochen hatte. …

„Na ja – eigentlich bislang noch eher ein Gerücht. Weiter draußen – irgendwo am Kornbaat wollen einige sie gesehen haben!“

„Echt?“, tat Kishou erstaunt. „Deshalb wohl auch die vielen Teller da oben!“, setzte sie, wie vertraut in solcherlei Dingen, hinzu.

„Ja!“, nickte er. „Aber es klingt doch alles etwas übertrieben. Es sollen riesige Kreaturen sein – bis an die Zähne bewaffnet und vollkommen ohne jede Regel. Einen Teller, der als Aufklärer da war, sollen sie einfach direkt vom Himmel geholt haben!“

„Ach du Schreck!“, spielte Kishou erschrocken.

„Aber viele können es noch nicht gewesen sein, nach den Berichten – wohl eine Vorhut. Die Gleim werden sich darum kümmern. Die Eilanträge sind seit gestern schon in der zweiten Lesung durch. Sie werden wohl spätestens Morgen aufbrechen!“

„Morgen schon!“, fiel es ehrlich erschrocken aus Kishou heraus.

„Ja! Ungewöhnlich!“, bestätigte der Breene. „Ohne weitere Prüfung! Die Anweisung kam wohl direkt von ganz oben – womöglich von den OHIB selbst. … muss also schon was dran sein, an der Geschichte!“

Kishou hörte kaum noch was er sagte. Diese Nachricht war mehr als beunruhigend. Wie sollte sie noch rechtzeitig zurück sein, um die anderen zu warnen – und wie dann noch rechtzeitig genug, um gemeinsam unerkannt zu entkommen?

Erst jetzt bemerkte sie, dass sich der Weg verbreitert hatte. Fuhrwerke und Wagen kamen ihnen entgegen und erste Häuser tauchten zu beiden Seiten auf. „Weiß man schon genau, wo sie sind?“, fragte sie.

„Na ja – irgendwo in der Gegend um das Kornbaat herum wird es wohl sein. Bei ihren Erscheinungen werden sie nicht groß herumspazieren können, ohne entdeckt zu werden – zumindest, wenn die Gerüchte nicht ganz falsch sind. Sie müssen sich also versteckt haben. Es gibt noch keine Nachrichten, dass man sie gefunden hat!“

Kishou atmete tief durch. Wenigstens suchten sie noch an einem falschen Ort. Sie waren ja inzwischen ein gutes Stück weiter gekommen. Der richtige lag aber nichts desto Trotz auf dem Weg dorthin …

„Na ja – den Ärger werden auf jeden Fall erstmal wir hier haben“, meinte nun der Breene. „Die Saison ist ja zu Ende. Du wirst sicherlich die nächsten Tage zurückkehren! – Wo kommst Du denn her?“

„Kishou erschrak. Genau solche Fragen durften nicht kommen. „Wie?“, reagierte sie, als hätte sie die Frage nicht verstanden, während ihr Kopf verzweifelt nach einer geeigneten Antwort suchte.

„Wo kommst du her?“, fragte der noch einmal. „Aus Machnok?“

„Ja – ja!“, nahm Kishou den Vorschlag sofort dankbar auf. „Zumindest aus der näheren Umgebung da!“, setzte sie noch schnell hinzu, um es nicht zu einfach klingen zu lassen.

„Hab ich mir gedacht!“, nickte der Breene. „Hier in der Gegend sind die meisten Saathelferinnen von da!“

„Ja – ist angenehmer wenn man sich kennt, und zum selben Ort fährt!“, meinte Kishou, und wunderte sich über sich selbst – was ihr spontan so alles in den Sinn kam.

Die Häuser waren zahlreicher und höher geworden, und die Straßen belebten sich immer mehr mit allerlei Fuhrwerken und Bewohnern dieses Ortes. Sie fuhren offensichtlich gerade in die Stadt ein. Sie hatte noch niemals so etwas gesehen, und wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte.

„Schon klar. Wann geht's denn zurück?“. Der Breene wurde offenbar langsam richtig gesprächig.

„Eigentlich übermorgen. … war heute mein letzter Arbeitstag. Aber unter den gegebenen Umständen lieber schon morgen!“, erklärte sie mit einer Vertrautheit, das sie fast selbst daran glauben könnte, während ihre Augen mit Faszination über die Fassaden der Häuser irrte.

Der Breene lachte vorn auf seinem Sitz. „Hast du dich schon abgemeldet?“

„Äh Nein!“ … Keine Ahnung, was er damit meinte.

„Wir kommen ja gleich direkt an der Meldestelle vorbei. Wenn Du willst, kann du da abspringen!“ Er zog etwas aus der Tasche, das an einer Kette befestigt war, warf einen kurzen Blick darauf, und verstaute es samt Kette wieder. „Es ist noch rechtzeitig – da bekommst du auch gleich die neuen Formulare!“

„Ja – gut. Mach ich!“, antwortete Kishou, ohne die geringste Ahnung, wovon er sprach. Aber die Redseligkeit des Breenen wurde langsam gefährlich, und was auch immer er meinte, es war zumindest eine gute Gelegenheit zu verschwinden.

Der Wagen bog in eine breite Straße ein, und hielt plötzlich. „Die letzten Schritte machst du besser zu Fuß. Wenn die Gaunen zufällig aus dem Fenster schauen, müssen die ja nicht unbedingt sehen, das du gerade von meinem Wagen steigst!“

„Alles klar!“, reagierte Kishou erleichtert, ergriff ihr langes Päckchen und sprang schon von der Pritsche.

„Und wie gesagt, wir sind uns nie begegnet. Du bist zu Fuß in die Stadt gekommen!“

„Schon klar! Und danke nochmal!“, verabschiedete sie sich.

Das Pferd zog an, und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung.

Da stand sie nun.

Wo immer sie bisher gewesen war, so konnte sie doch auf einiges in ihrer Erinnerung zurückgreifen – hier war nichts, was sie an irgend etwas erinnerte. Hohe Häuser säumten zu beiden Seiten die breite Wegesflucht – mit drei Fensterreihen übereinander. Selbst einen solchen Weg hatte sie noch nicht gesehen. Er war unterteilt. Ein sehr breiter in der Mitte, wo die Wagen und Fuhrwerke fuhren oder an seinem Rand standen, und einem schmaleren zu beiden Seiten des breiten Weges, die von den Breenen zu Fuß genutzt wurden. Und es waren viele Breenen und wohl auch Braanen. Sie strömten an ihr vorbei und um sie herum wie das Wasser in einem Flussbeet. Eiserne Stäbe konnte sie in regelmäßigen Abständen im Verlauf des steinernen Weges erkennen, mit jeweils einer weißen Kugel darauf. Es mochten wohl irgendwelche Besonderen Apparate sein, spekulierte sie.

Sie fürchtete plötzlich aufzufallen, wie sie da, gleich einem Stein im fließenden Bach, den Strom behinderte. Sie zog ihre Kapuze tief über ihr Gesicht, und lief einfach, sich dem Fluss anpassend, los. Es schien ihr in diesem Gewimmel kaum denkbar, dass nicht doch irgend jemand ihr Gesicht entdeckte – und was dann geschehen würde, wollte sie sich nicht ausmalen. Nicht das sie bei ihrer Entdeckung direkt um ihr Leben fürchten musste – selbst die ärgsten Feinde zerschmolzen bei ihrem Anblick auf wundersame Weise, wie sie es immer erlebt, wenn auch nie verstanden hatte. Aber zu befürchten war, das es einen großen Auflauf geben würde, und sie damit verraten wäre. Die Horden der Gleichen waren Geschöpfe Suäl Graals, die sich dann wohl kaum von ihr beeindrucken lassen würden ...

Überall kam sie an große Fensterläden vorbei, wo vieles Unbekannte zu sehen war – aber auch immer wieder Früchte und Backwerk. Wenigstens dazu fand sie nun doch Vergleichbares in ihrer Erinnerung. Es erinnerte sie an die Oase Hebela in der Dritten Ebene des Dritten Tals des Dritten Droms. Dort gab es kleine, verwinkelte Orte mit Geschäften, wo man vor allem Gedanken tauschte … Hier tauschte man neben allerlei seltsamen Dingen offenbar sogar das Essen, staunte sie – allein das es hier augenscheinlich Unmengen davon gab, war schon unwirklich genug.

Aber unwirklich erschien ihr alles an diesem Ort. Die Straßenschluchten mit den hohen, zumeist gleichförmigen Fassaden der Häuser, der nicht enden wollende Strom von Fuhrwerken und Bewohnern, das in allen erdenklichen Tönen alles beherrschende Grau – und der strahlend blaue Himmel darüber, als wollte er der Farblosigkeit der Stadt mit aller Heftigkeit widersprechen. Daneben die scheinbare Gleichförmigkeit aller Bewegungen – und ein ohrenbetäubender, heller Lärm, der in diesem Moment gerade losbrach, und ihr einen gehörigen Schrecken versetzte.

Eine große Glocke begann ihr lärmendes Werk. Sie blickte zur anderen Seite der Straße hinüber. Ein großes Haus, ein stückweit vor ihr, dessen Fassade aus massigen, dunklen Steinquadern bestand, reihte sich dort in die ansonsten mehr oder weniger eintönige Häuserfront ein. Ein viereckiger Turm mit vielen Schlitzen in seinen Wänden, überstieg sein Dach, und war offenbar die Quelle des Spektakels. Ein großes Eingangsportal zierte die Fassade des Gebäudes, zu dem eine sehr breite Treppe hinaufführte – und darüber war eine riesige weiße Scheibe mit zwei unterschiedlich langen Stäben in das Mauerwerk eingelassen, die sie an die großen Speere erinnerte, wie sie die Asimielen im Dritten Drom für ihre Katapulte nutzten. Zahlen waren um den Rand der Scheibe angeordnet. Ohne Frage musste es ein wichtiges Haus sein – vielleicht gar jenes, dass sie aufsuchen sollte, um sich ‚abzumelden’.

Links und rechts des Portals standen zwei seltsame Gestalten. Sie fielen ihr sofort auf, weil ihre Kleidung nicht denen der Breenen entsprach. Sie trugen weite, dunkelrote Hosen und einen gleichfarbigen, mit gelben Bändern verschnürte kurzen Kittel. Sie standen da bewegungslos, und hielten einen langen und geraden schwarzen Stab neben sich aufgepflanzt. Einen Moment lang dachte sie sofort an die Gleim – aber verwarf den Gedanken gleich wieder, denn diese Gestalten waren ja bereits auf den ersten Blick von allen anderen zu unterscheiden.

Kishou fühlte sich mehr und mehr überfordert. Sie kam nicht zum Nachdenken, weil der Eindrücke zu viele waren. So ruhte ihr Blick fest auf eine Ansammlung von hölzernen Sitzbänken, die dort auf der anderen Seite der Straße, gleich neben dem besonderen Haus auf einen kleinen Platz standen. Sie waren um eine große, steinerne Schale mit Wasser herum angeordnet, und nur auf wenigen von ihnen saßen vereinzelt Breenen.

Kurzerhand wechselte sie bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit, wo der Strom der Fuhrwerke ihr eine ausreichende Lücke bot, die Straßenseite, und setzte sich auf eine der freien Bänke, um erst einmal zur Ruhe zu kommen.

Eine Weile betrachtete sie das geschäftige Treiben der Stadt. Es hatte etwas bedrohliches, wenngleich eigentlich nichts auf eine tatsächliche Bedrohung hinwies. Alles war sehr aufgeräumt. Alles schien seinen festen Platz zu haben. Nichts schien zufällig. Die Breenen, die vereinzelt oder zu mehreren auf anderen Bänken saßen, taten nichts, oder betrachteten große, beschriftete, mehrseitig gefaltete Papierblätter. ‚Blatt’, konnte sie in großen Lettern auf der ihr zugewandten Seite auf einem dieser Papiere lesen. Die erstaunlich lebensechte Zeichnung des Gesichts eines Breenen war darauf zu sehen. ‚Freigegeben’ stand in großen Lettern darüber. Sie entdeckte auch zwei Braanen unter den hier Verweilenden.

Sie fragte sich, was sie nun tun sollte. Es gab kein Ziel und niemanden hier, den sie ansprechen könnte – zumindest hatte sie noch keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte, ohne sich zu verraten. Nach der Begegnung mit den Breenen auf dem Feld schien es allemal ratsam, nicht als Fremde erkannt zu werden – geschweige denn, als Kishou. Aber wie sollte sie nun etwas erfahren über dieses Drom? Sie bedauerte es fast, den Wagen verlassen zu haben, der sie hierher brachte. Immerhin hatte sie da schon einen Gesprächspartner. Sie dachte an Boorh und die anderen, und die Unmöglichkeit, sie rechtzeitig zu warnen – und sie versuchte sich damit zu beruhigen, dass es immerhin Chemuren waren, die sich wehren konnten. Aber wo würden sie dann sein, wenn sie zu ihnen zurückkehrte?

Sie nahm den kleinen, blauen Kristall aus der Tasche und betrachtet das helle, punktförmige Licht an seiner Seite. Sie drehte langsam das Kleinod, aber der Lichtpunkt verharrte immer in derselben Lage. Sie blickte in die Richtung die er ihr wies – sie musste ihren Kopf kaum bewegen, um ihm zu folgen. Der kleine, blaue Kristall war irgendwie eine tröstliche Verbindung zwischen ihr und den Gefährten – und noch mehr das Gefühl, dass Lui irgendwo in ihrer Nähe sein musste, wenngleich ihre Augen ihn noch immer nicht ausmachen konnten. Ihr Blick wandte sich wieder ihrer Umgebung zu.

Warum war dieses Drom so vollkommen anders als alle bisherigen, fragte sie sich. Zumindest schien es ihr so. Alles war fremd, was sie hier sah – und dabei nicht weniger vielgestaltig wie die lebendige Natur – in der allerdings entgegen der Vielfältigkeit dieses Umgebung hier nichts wirklich vorhersehbar war. Die Natur dieses Ortes schien ebenso abwechslungsreich – aber es war kein Leben darin. Zumindest kam ihr dieser Gedanke in den Sinn. Alles war aufgeräumt – vorhersehbar, wenn man die Dinge zueinander betrachtete. Alles schien eine Ordnung zu haben – in Ordnung zu sein. Nichts außer dem unverschämt strahlenden Blau des Himmels konnte diese Ordnung stören.

Bisher kannte sie nur die häufig vermisste Ruhe in der Unordnung und den Unvorhersehbarkeiten ihrer durchwanderten Landschaften. Hier meinte sie nun zum ersten mal auch die Bedrohlichkeit einer vorhersehbaren Ordnung zu spüren. … sie atmete unwillkürlich erleichtert tief ein, während sie zum Himmel aufsah. Wann immer der leuchtende und blaue Himmel nicht von dunklen, grauen Wolken verdeckt war, konnte nicht wirklich alles in Ordnung sein an diesem Ort.

Sie erhob sich. Irgendwo hier musste sich eine Gelegenheit bieten, etwas zu erfahren von dem, was in diesem Drom auf sie wartete. Auf ihrer Seite der Straße liefen die Breenen alle in die Richtung, aus der sie gekommen war, also entschied sie sich, wieder auf die andere Seite zu wechseln, um nicht beschwerlich gegen den Strom schwimmen zu müssen …

„He du!“, hörte sie in diesem Moment eine Stimme hinter sich.

Kishou drehte sich um. Die Stimme gehörte zu einem hageren Breenen, der auf der Bank saß, die neben der ihren stand.

„Du hast dich nicht erklärt!“, meinte der Breene, und wies mit einer Hand wie beiläufig auf einen nach vorn offenen Kasten, der, wie Kishou nun bemerkte, neben jeder Bank zu finden war. Sie überlegte fieberhaft, was der Breene wohl meinen könnte. In den Kästen lagen Blätter, wie sie bemerkte. Es mussten irgendwelche Formulare sein, erriet sie in Erinnerung an ihr Erlebnis auf dem Wagen.

„Ach … ach ja, richtig!“, stotterte sie hervor, und lief zurück zu dem Kasten an ihrer Bank. „Ich war so in Gedanken … hab’ ich ganz vergessen!“, meinte sie gequält entschuldigend – bemüht, ihr Gesicht nicht sehen zu lassen.

Das oberste Blatt war auf ein dünnes Brett geklemmt – ein Stift baumelte an einer Kette daran. Es war tatsächlich ein Formular. Es wies mehrere Spalten auf, über die zu lesen war: Identität, Grund des Aufenthalts, Dauer des Aufenthalts (von: bis:), Gedankengänge (Stichwortartig) usw. Ungläubig betrachtete Kishou das Papier. Einige Blätter waren bereits von Bankbenutzern vor ihr ausgefüllt worden. Sie hatte das untrügliche Gefühl von dem Breenen beobachtet zu werden, der sie angesprochen hatte, so nahm sie den Stift zur Hand und tat, als würde sie etwas aufschreiben, krakelte aber nur in die entsprechenden Spalten hinein. Was sollte sie auch sonst tun …

Sie legte das Brettchen mit dem Formular zurück in seinen Kasten und wandte sich um. Sie musste warten. Wagen, Kutschen und einiges mehr auf Rädern und Hufe hinderten sie noch daran, auf die andere Seite zu gelangen.

Was sie in ihrem Lauern auf eine Gelegenheit hinüber zu kommen nicht bemerkte, war, das der hagere Breene hinter ihr das von Kishou bearbeitete Formular aus der Box genommen hatte, und nun aufmerksam betrachtete. Er schob es zurück in den Kasten und verließ eilig den Platz.

Kishou wurde ungeduldig, der Strom der Fuhrwerke wollte kein Ende nehmen – als plötzlich ein schwarzer langer Stab sich wie eine Schranke vor ihren Körper legte. Sie schaute irritiert zum Anfang des Stabes, und dann in die Augen seines Trägers. Sie hatte in diesem Moment gar vergessen, dass sie dem Gegenüber damit geradewegs Einblick in ihre Kapuze gewährte. Es war einer dieser seltsamen Gestalten in der roten Kleidung, den sie vor dem Portal des besonderen Hauses gesehen hatte – oder zumindest einer, der ihnen gleich war.

„Es liegt ein Verstoß gegen die Verordnung VOPb 28-13/3715-7 vor! Name?“

Kishou stockte das Herz. Zeit zum Überlegen war nicht … „Olmar … Olmar Sharie!“, fiel aus ihr heraus. Der Name der Alten aus dem Trachtenhaus im Dritten Tal der Dritten Ebene des Dritten Droms war wohl der unpassendste für sie, der nur irgend denkbar war, aber es war wenigstens überhaupt einer, der ihr in diesem Moment einfiel.

Der rotberockte Breene fixierte sie Aufmerksam mit seinen Augen. „Ungewöhnlicher Name – ungewöhnliches Gesicht!“, sagte er dann. „Herkunft?“

Kishous Gedanken überschlugen sich. Ihr wurde plötzlich klar, dass er ihr Gesicht betrachtete – aber seine Reaktion stimmte nicht im entferntesten mit ihren Erfahrungen überein … „Äh … Machnok!“ Immerhin – diese Stadt, an deren Namen sie sich glücklicherweise erinnerte, gab es ja wirklich in diesem Drom. „Also nicht direkt aus Machnok!“, versuchte sie auch hier einen möglichst vertraulichen Plauderton. „aus der nahen Umgebung von Machnok, aber …“

„Existenznachweis!“, wurde sie unterbrochen. Der seltsam gekleidete Breene streckte fordernd, und scheinbar tatsächlich vollkommen unbeeindruckt von ihr, seine Hand aus.

Hier war es zu Ende. Der Breene reagierte nicht auf ihren Anblick, und Kishou hatte nicht die geringste Ahnung, was er von ihr forderte – und was immer es war, sie konnte auch nichts dergleichen besitzen.

„Existenznachweis?“, fragte sie in offener Hilflosigkeit, während ihre Gedanken heillos in ihrem Kopf umherirrten.

Der Breene antwortete nicht. Seine weiterhin fordernde Hand war für ihn wohl Antwort genug.

Kishou kramte Zeit schindend in ihren Taschen herum … „Ich hatte das doch … vorhin noch!“, log sie schlecht. „Vielleicht hab’ ich es versehentlich …!“

„Folge mir zur Identitätsprüfung!“, war die unmissverständliche Reaktion des Roten. Sein Stab schob sich in ihren Rücken und drängte sie vor sich hin in die Richtung des Portals des großen Hauses mit dem Glockenturm. Sie ließ es willenlos geschehen während sie fiebrig nach einer Rettung suchte. Es gab keine. Erst jetzt wurde ihr auch wirklich klar, dass der Breene ihr Gesicht intensiv gemustert hatte – und nicht auch nur ansatzweise in der Art reagierte, wie sie es immer gewohnt war!? ‚Ungewöhnliches Gesicht’ was alles, was er sagte …

Ihre kreisenden Gedanken begriffen den tatsächlichen Ernst der Lage wohl erst, als sie vor dem Rotberockten – es war tatsächlich einer der beiden, die sie gesehen hatte – die breite Treppe zum Einlass des Hauses emporstieg. Blitzartig bückte sie sich unter dem drängenden Stab in ihrem Rücken hinweg und sprang die Treppe hinunter. Sie vernahm einen schrillen, scharfen Pfiff, während sie ohne Rücksicht auf Breenen und Fuhrwerke auf die Straße und zwischen die Wagen sprang. Sie sah nicht die Köpfe, die sich unter den vielen Breenen schlagartig in die Richtung des Pfiffs umwandten, während sie sich unter dem Leib eines Zugtieres hindurchrollte und endlich die andere Seite erreichte. Sie hetzte durch die Menge, als diese plötzlich seitlich zu den Hauswänden hin auswich – bis auf einige, die hinter und vor ihr direkt auf sie zukamen. Sie zogen etwas aus ihren Taschen. Einer von ihnen, der ihr bereits nahe genug war, dass sie genauer sehen konnte, was er dort aus der Tasche zog, ließ sie erahnen, worum es sich dabei handelte. Der Besondere Apparat, der sich da auf sie richtete, hatte eine Öffnung, wie sie sie unlängst schon einmal gesehen hatte, und von Habadam erklärt bekam – es war eine kleine, quadratische Öffnung.

Spätestens von diesem Augenblick an war kein Gedanke mehr in ihr. Ein mächtiger Satz, der zwei vor einem Geschäft stehende Breenen von den Füßen riss, beförderte sie durch dessen geöffnete Tür. Die darin befindlichen Breenen wichen erschrocken aus, als sie durch den Raum stürmte. Eine Glastür an seinem hinteren Ende wurde eilig zugestoßen – ein Schlüssel drehte sich in seinem Schloss. Kishou sprang ungebremst in vollem Lauf durch ihren gläsernen Rahmen, noch bevor der Schlüssel abgezogen war. Ein kurzer Flur führte in einen weiteren Raum. Sie riss ein Fenster darin auf und sprang hinaus. Sie landete in einem Hof. Eine kleine Tür im gegenüberliegenden Gebäude öffnete sich in diesem Moment, und ein Breene trat heraus – er erhob gerade seine Hand mit diesen Besonderen Apparat …

Mit einem kurzen Ruck ihrer Hand entwickelte sich der Bogen aus seinem Tuch, während ihre rechte aus dem Mantel den Pfeil aus dem Halfter zog. Der Gleim hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit sein Ziel aufzunehmen. Von der Wucht des Pfeils in der Stirn getroffen, fiel er hinten über, zurück in den Zugang, aus dem er gekommen war. Sie setzte über ihn hinweg und rannte durch den Flur zu dessen Ausgang. Sie fand sich in einer engen, leeren Gasse wieder, und hetzte durch sie hindurch – als plötzlich irgend etwas ihr jäh Einhalt gebot … Jemand riss sie im vollem Lauf zur Seite weg. Sie fiel einige Stufen einer Treppe hinunter, und hörte noch, wie eine Tür hart in ihr Futter schlug – dann spürte sie die Spitze eines kalten Eisens an ihrem Hals und das Keuchen seines Besitzers …

Von draußen war das Getrappel von eiligen Schritten zu hören. Schatten huschten immer wieder an den zwei kleinen, von Schmutz blinden, knapp unter der Decke befindlichen Fensterschlitzen vorbei.

Die Schritte wurden leiser und bald war es still.

„Deine Hände! Zeig mir deine Hände!“. Es war nur ein dämmriges Licht in dem Raum, wo sie sich nun befand, und es roch etwas modrig. „Deine Hände!“, hörte sie noch einmal hinter sich die befehlende Stimme.

Kishou ließ die Bogensehne über ihre Handfessel fallen, um ihn nicht preiszugeben und öffnete ihre Hände.

„Die andere Seite!“

Sie drehte ihre Hände um.

„Gut! Es heißt, es gibt einige Änderungen!“

„Was?“ Kishou meinte nicht richtig verstanden zu haben.

„Ich sagte, es heißt, es gibt einige Änderungen!“

Kishou überlegte einen Moment, konnte aber nichts mit den Worten anfangen. „Ich versteh nicht, was du meinst!“

Jetzt schien die Stimme zu überlegen, denn es war einen Moment still. „Wer bist Du, das sie dich jagen?“, hörte sie als Nächstes, und die kalte Spitze drückte sich noch etwas mehr in ihren Hals.

„Olmar Sharie!“, log Kishou wieder.

„Nirgendwo gelesen – bist du eine Abgefallene?“ Eine Hand begann in ihrer linken Tasche zu wühlen.

„Nein!“, antwortete Kishou auf’s Geradewohl hinaus.

Der Breene zog eine Teigtasche aus ihrem Mantel hervor, und ließ sie fallen. „Wo ist dein Existenznachweis?“

„Hast du ihn nicht gerade aus der Tasche genommen?“, reagierte sie scheinheilig.

Die Hand fuhr erneut in ihren Mantel, wühlte eine Weile darin herum, zog zwei kleine Früchte daraus hervor, und ließ sie fallen. „Da ist er nicht. Zeig ihn mir – aber ganz langsam!“

„Er muss da sein!“, log Kishou. „Oder ich hab’ ihn gerade verloren.

„Wo kommst du her?“, fragte die Stimme weiter. Sein Atem wurde ruhiger.

„Aus Machnok!“, log sie erneut.

„Saathelferin?“

„Ja!“

„Und wieso jagen sie dich?“

„Ich hab’ eine Weile auf einer Bank gesessen und vergessen, das Formular auszufüllen!“, erklärte sie wahrheitsgemäß.

„Du lügst!“, war die schroffe Reaktion, begleitet von einer bedrohlichen Bewegung des spitzen Gegenstandes an ihrer Kehle. Das ist eine VOPb 28-13/3715-7! Dafür wird man nicht liquidiert!

„Er wollte mich mitnehmen – da bin ich weggelaufen!“, versuchte Kishou mehr oder weniger geschickt, zu erklären.

Es folgte wieder einen Moment der Stille … „Wieso läufst du wegen so einer Sache weg?“

Immerhin schien der Umstand der Flucht schwerwiegender zu sein, und sie damit etwas zu entlasten. „Ich weiß auch nicht …“, suchte sie nach einer weiteren Erklärung. „Es war irgendwie ganz spontan …“

„Spontan?“. Fragte die Stimme ungläubig und hörbar verdutzt.

„Ja!, ich bin einfach weggerannt!“

Wieder trat ein Moment der Stille ein. Der Spitze Gegenstand löste sich plötzlich von ihrem Hals, und seine Hände drehten sie herum. Sie sah im dämmrigen Licht in das kantige Gesicht eines Breenen, der sie lange musterte. Er war nicht alt aber auch nicht jung. Hinter einer hohen Stirn waren die schwarzen Haare mit einigen erkennbaren grauen Strähnen streng zurückgekämmt. Seine zusammengekniffenen Augen wirkten Kühl in ihrem hellen Grau. „Mit dir stimmt irgend etwas nicht!“, meinte er plötzlich. „Ich weiß noch nicht, was es ist, aber irgend etwas ist nicht in Ordnung mit dir!“

„Wieso?“, wunderte sich Kishou ehrlich.

„In deinem Gesicht ist etwas, das hier nicht hergehört!“, meinte der. „Aber du bist auch nicht freigegeben – das wüsste ich!“, setzte er, in ihrem Gesicht forschend, hinzu.

„Was meinst du damit?“, fragte Kishou ehrlich verwundert. Spätestens jetzt war wohl endlich unzweifelhaft, das die Breenen auf ihren Anblick keineswegs so reagierten, wie sie es gewohnt war – und zum ersten Mal bedauerte sie es wohl.

„Und der Bogen …!“, kannst du damit umgehen?“ Kishou meinte in diesem Moment doch so etwas wie aufkommende Unsicherheit bei dem Breenen zu spüren. Allerdings nicht wegen ihr, sondern offenbar wegen des Bogens.

„Ein bisschen!“, log sie.

„Was ist das für ein Symbol da drauf?“ Er wies auf das Zeichen des Dao Khan auf seinem Holz. „Es kommt mir irgendwie bekannt vor!“ Er machte anstalten, den Bogen an sich zu nehmen, aber Kishou zog ihn sofort zurück.

„Der Bogen gehört mir!“, reagierte sie ungewöhnlich scharf. „Woher kennst du das Zeichen?“

Für einen Moment schien der Breene irritiert, ob der scharfen Reaktion Kishous, und hob drohend das spitze Eisen, das sich nun als ein Messer offenbarte. „Ich weiß nicht … – das geht dich nichts an!“, wehrte er aggressiv ab.

Langsam fand Kishou ihre Gedanken wieder. Der Breene war auf keinen Fall ein Gleim, und auch sonst kein normaler Breene. Und die Umstände ihrer Gefangennahme und dieses Ortes sprachen auch nicht gerade für das, was sie bisher von den Breenen erfahren hatte. „Und wer bist Du?“, fragte sie, ermutigt durch solcherlei Gedanken, gerade heraus.

„Das geht dich nichts an!“, war dessen sofortige Reaktion. „Absolut nichts!“, setzte er noch einmal bekräftigend nach.

„Es sieht so aus, als ob du mich gerettet hättest!“, stellte Kishou nun fest. „Wieso hast du das gemacht?“

„Vielleicht habe ich dich ja garnicht gerettet, sondern dich nur gefangen, um dich auszuliefern – vielleicht bin ich ja ein Gleim!“.

„Dann würdest du nicht so komische Fragen stellen!“, konterte Kishou. „Du musst selber aufpassen, das sie dich nicht kriegen!“, wendete sie ahnend das Blatt.

Wieder folgte ein Moment der Stille, in der sie von scharfen Augen gemustert wurde. „Ich weiß jetzt, wo ich das Zeichen gesehen habe!“, sagte er plötzlich.

„Echt?“, horchte Kishou auf. „Wo!?“

„In einem alten Krypt!“, antwortete er zögernd.

„In einem Krypt!“, fiel es aus Kishou heraus und ihre Augen öffneten sich weit.

„Ja …!“, zögerte der Breene noch immer, als würde er versehentlich ein Geheimnis preisgegeben haben. „So nannte man vor langer Zeit kleine Bücher, in denen man in der sterbenden Welt Aufzeichnungen machte. Ich habe es in einem Buch gesehen, das sich mit den alten Krypten beschäftigt – dieses Symbol war da irgendwo abgebildet!“ Offenbar meinte er Kishou erklären zu müssen, was ein Krypt ist.

„Es ist das Zeichen des Dao Khan!“, sagte Kishou.

„Stimmt! … ich erinnere mich an den Namen!“, staunte der Breene. „Der stand da auch in dem Buch – in mehreren sogar …!“ Nun bekam er große Augen, und er schaute ungläubig auf Kishou. „Woher weißt du davon? Kennst du die Bücher?“

Kishou empfand fast so etwas wie Triumph in sich aufsteigen. Wer immer der Breene war – ein Feind konnte es nicht sein. „Der Bogen hier …“ Sie erhob ihn und schaute den Breenen geradewegs in die Augen. „Das ist der Bogen des Dao Khan!“

Der Breene schaute auf den Bogen und dann auf Kishou, als wollte er gerade seinen Verstand verlieren … „Wer bist du!“, fragte er endlich. „Wer bist du wirklich?“

„Ich bin Kishou und ein Dompteur wie Dao Khan einer war!“, erklärte sie sich nun unumwunden. Ich komme von da, was ihr die Sterbende Welt nennt. Dao Khan, der mir half, die sterbenden Welten zu überwinden, gab mir seinen Bogen!“

Diese Worte hatten wohl die Wirkung eines schweren Faustschlages mitten ins Gesicht. Der Breene erhob sich, das Messer fiel achtlos zu Boden, er wankte einige Male hin und her, und fuhr sich mit den Händen immer wieder über das Gesicht, bis er sich endlich wieder Kishou zuwandte.

„Das ist nicht möglich! Das ist unmöglich …!“, stammelte er endlich. „Aber du weißt zu viel von dem, was in den verbotenen Büchern steht, als dass … Aber die Nachrichten …“, schüttelte er hilflos mit dem Kopf. „Die Nachrichten warnen schon seit langem vor möglichen Eindringlingen aus der sterbenden Welt … Es heißt, es soll seit einigen Tagen geschehen sein. Es sollen einige von ihnen gesichtet worden sein. Es sollen Riesen sein, ohne jede Regel und zerstörerische Barbaren …!“, wieder schaute er ungläubig auf Kishou.

Die lachte Erleichtert über die sich nun entwickelnde neue Situation laut auf. „Die meinen Boorh, Mo und Habadam! Aber so groß sind die nun wieder auch nich’ – so etwa das doppelte von mir – na gut, noch’n bisschen mehr. Aber das Untere Squatsch ist noch kleiner als ich, und Madame KA nicht mal das doppelte von mir!“

Dem Breenen erschien es wohl alles wie ein Traum, aus dem er nicht erwachen konnte, und schüttelte immer nur wieder seinen Kopf. „Ich kenne all diese Namen. Es sollen die Herrscher der sterbenden Welt sein – aber niemand weiß, wie sie aussehen … Du behauptest, das du sie kennst? Und sie sollen hier sein?“

„Ja klar!“, meinte Kishou.

„Als Vorhut? So ist es doch wahr, dass ihr unser Land …“

„Quatsch!“, fiel ihm Kishou sofort ins Wort. Sie erinnerte sich an die geäußerten Vermutungen des Breenen, den Boorh auf dem Feld gefangen hatte. „Wir sind da, weil wir versuchen wollen, dass Große Belfelland zu retten … bevor es nirgendwo mehr Wasser gibt!“, klärte sie ohne Umschweife auf. „Ich bin erstmal allein nach Trital gekommen, weil meine Freunde … also die Chemuren zu auffällig sind …!“ Sie stockte. „Aber jetzt mal der Reihe nach – wie heißt du eigentlich? Wieso bist du so anders als die anderen? Und was ist hier eigentlich los? – ich meine, ich bin ja vollkommen fremd hier. Hier ist alles so komisch – also ich meine, ich kann nichts von dem verstehen, was ich hier sehe. Wo wir herkommen, ist alles ganz anders!“ Sie wusste garnicht, wo sie Anfangen sollte, mit dem Fragen.

„Ich bin Undolf!“, antwortete der Breene fast tonlos, und ließ sich auf den Boden sinken, um dann wortlos vor sich her zu starren.

„Alles in Ordnung?“, fragte Kishou nach einer Weile etwas besorgt.

Der, dessen Name Undolf war, schüttelte abwesend den Kopf. „Nein. Nichts mehr ist in Ordnung! – Alles, was du sagst, widerspricht ihr. Du sprichst, als wärst du geradewegs den alten Büchern entstiegen. Wie soll ich das glauben?“ – Sein Blick fiel auf den Bogen. „Die Dompteure sollen unfehlbare Bogenschützen gewesen sein. Du hast aber gesagt, dass du nur ein bisschen mit ihm umgehen kannst …!“

„Das hab ich nur gesagt, um mich nicht zu verraten. Ich wusste ja noch nicht, wer du bist!“, meinte Kishou.

„Zeig mir, dass du es kannst!“

„Hier?“, fragte sie ungläubig.

Der Breene überlegte einen Moment. Er stand plötzlich auf und stieg die wenigen Stufen zur Tür hinauf. „Warte!“, sagte er und öffnete sie vorsichtig. Einen Moment später erschien sein Kopf wieder im Türspalt. „Komm!“, sagte er.

Kishou trat zu ihm in die leere Gasse hinaus.

„Schnell – siehst du da hinten den zweiten FAB von hier?“

„FAB?“, fragte Kishou.

„Ja, den ‚Formular Aufbewahrungsbehälter’!“

„Ach so, die Ständer da meinst du!“ In weiten und regelmäßigen Abständen fanden sich hölzerne Pfosten an den Fassaden mit einem Kasten daran, wie Kishou sie bereits von den Banken her kannte, wo sie sich ausgeruht hatte. Auf einem kleinen Weißen Schild war am oberen Ende jedes Pfostens eine Zahl angebracht.

„Kannst du den Behälter von hier aus treffen?“, fragte Undolf zweifelnd. Das Ziel mochte vielleicht 50 Schritte entfernt gewesen sein.

Kishou zog ein Pfeil aus ihrem Mantel und legte ihn in den Bogen. Kennst Du die Nummer des Dritten hinter dem, den du gerade genannt hast?“, fragte sie zurück.

„Natürlich! 72! Warum fragst du?“

„Damit du ihn auch findest, ohne sein Schild!“, antwortete Kishou. Die Sehne des Bogens spannte sich mit ihren Worten weit, und im nächsten Moment verließ ihn der Pfeil. Kurz darauf war ein leises Klirren aus der Ferne zu vernehmen und das gelegentliches Aufblitzen eines metallenen Gegenstandes, der über die groben Steine der Gasse rollte. Der Pfeil hatte sich seitlich unter die Markierung ins Holz getrieben und sie von ihrem Pfahl abgesprengt.

Der Breene starrte mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen auf das Geschehen. „... Ovg/MöGer/FAB-18/79!“, murmelte er vor sich hin.

„Was?“ Kishou meinte ihn nicht richtig verstanden zu haben.

„’Ordnungsvergehen Manipulation öffentlicher Gerätschaft’!, wiederholte er abwesend“ Plötzlich wandte er sich erschrocken nach allen Seiten um. „Komm, komm!“, raunte er und verschwand eilig in der Tür.

Er entzündete eine kleine Öllampe, und führte Kishou über unterirdische Flure in einen Raum, der zwar recht karg eingerichtet, doch durchaus wohnliche Züge trug. Eine weitere Tür führte in einen 'Toleban', wie er ihn nannte, und eine andere in einen Schlafraum. Sie war einmal mehr überrascht von dem, was sich in diesem Drom alles fand – nicht zuletzt von dem Raum, den der Breene als ‚Toleban’ bezeichnete. Es handelte sich dabei um einen Nassraum mit fließendem Wasser, das aus einem kleinen Rohr in der Wand heraustrat, und mittels eines Stopfens verschlossen wurde. In der Bezeichnung des Raumes fand sich das alte Wort für Ort – ‚Tol’, und das für Reinigung oder reinigen – ,bana’ beziehungsweise ,banä’, wie Kishou sofort bemerkte, als sie seine Funktion erkannte. Er bezeichnete also offenbar einen ,Ort der Reinigung’. Sie lächelte bei dem Gedanken, dass hier wohl niemand außer ihr zu erklären vermochte, warum dieser Raum Toleban genannt wurde. Zum ersten Mal schienen die Lebensumstände eines Volkes nicht unähnlich zu dem zu sein, wie sie es eigentlich benötigte. Es war nicht sonderlich gemütlich – vor allem wegen des fehlenden Tageslichts und der unzureichenden Belüftung. Aber es war ja auch offensichtlich ein geheimer Ort. Hier nun folgte ein nicht enden wollendes Gespräch.

Kishou IV

Подняться наверх