Читать книгу Kishou IV - Michael Kornas-Danisch - Страница 6

Eine ungewollte Entscheidung

Оглавление

S

ie verließen den Ort des Feldes im Galopp, um möglichst schnell wieder in den schützenden Wald zu gelangen, der hier glücklicherweise sehr dicht war. Sie mussten auch tatsächlich nicht lange warten, bis sich über ihnen weitere ‚Teller’, wie der Breene sie nannte, durch einen hellen Summton verrieten.

Die Gruppe machte halt und verhielt sich ruhig, während ihre Blicke auf die Baumkronen gerichtet waren. Zu sehen war nichts, weil das dichte Blattwerk keine Gelegenheit bot, mehr als nur kleine Flecken des Himmels zu beobachten. Dasselbe sollte aber immerhin auch in der anderen Richtung gelten. Es mussten sehr viele sein, die dort oben nach ihnen suchten. Es klang wie ein monströser Bienenschwarm. Ab und an klatschte auch mal etwas durch das Blattwerk hindurch. Es waren wohl vereinzelte Blindschüsse, die zum Glück nicht annähernd ihren tatsächlichen Aufenthaltsort bedrohten.

„Sie müssen von den ersten Breenen, die wir getroffen haben, von uns erfahren haben!“, sinnierte Kishou. „Was für ein Empfang!“

„Suäl Graal selbst verdrängt das Allsein in diesem Drom. Sie selbst!“, ließ sich das Untere Squatsch vernehmen. „Ihr verdrängt das Allsein nun gewissermaßen in ihrer Wohnstatt – bei ihr zuhause. … Verzeiht die kleine unbemessene Verdrängung vom Allsein – aber was erwartet ihr für einen Empfang?“

„Stimmt wohl!", seufzte sie hörbar, als sich plötzlich ihre Augen erschrocken weiteten ... „Dann müssen sie's ja garnicht von den Breenen erfahren haben!", fiel ihr plötzlich ein. „Wir sind im Vierten Drom ...! Suäl Graal weiß doch immer, wo ich bin - also weiß sie's jetzt auch!" Ihr Blick richtete sich fragend zu den dichten Baumkronen hinauf ... „Dann stellt sich doch eigentlich eher die Frage, warum die Dinger da oben überhaupt nach uns suchen!? sie müssten doch wissen, wo wir sind!"

„Boorh entscheidet: Suäl Graal kann den Ort nicht bemessen, an dem Kishou in dieser Zeit das Allsein verdrängt!"

„So ist es entschieden!", bemerkte Mo nur kurz.

„Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht tatsächlich dafür!", schaltete sich Habadam ein. „Immerhin suchen sie ja tatsächlich nach uns. Das Verhalten des Suchens schließt jedoch nach den Gesetzen der Logik die Kenntnis aus – zumindest ...!"

„Is' ja schön, dass ihr euch einig seid!", schüttelte Kishou zweifelnd den Kopf. „Aber wieso sollte sie ausgerechnet hier, in ihrem eigenen Drom, nicht mehr wissen, was sie immer wusste? Das macht überhaupt keinen Sinn!"

„Sagte euch Trautel Melanchful nicht, dass ihr eure Aufgabe nur gemeinsam mit den Kräften ihrer Sippe lösen könnt?", fragte Madame KA.

„Ja – klar!", wunderte sich Kishou über die Frage. „Aber was hat das mit ..."

„Gehört Trautel Melanchful nicht auch zu uns?", fragte Madame KA weiter.

„Natürlich ...", wurde Kishou etwas unsicher. Madame KA stellte solche Fragen nicht, ohne ein bestimmtes Ziel.

„Was ist ihre Aufgabe in unseren Reihen?", fragte Madame KA weiter.

„Na ja ...", grübelte Kishou nun doch in sich hinein ... „Also sie hat mich immer beschützt - und sie hat gesagt, dass sie immer da ist, auch wenn ich sie nicht ... Du meinst, sie hat was damit zu tun?", wollte plötzlich eine Ahnung in ihr aufsteigen.

„Die Macht Trautel Melanchfuls ist der Suäl Graals ebenbürtig!", lächelte Madame KA nur hintergründig.

„Und das Verhalten der Teller fände hier eine Ursache!", bekräftigte Habadam.

„Aber sie ist so weit weg!", wollte es Kishou nicht glauben. Was könnte sie damit zu tun haben?"

„Ihr werdet es erfahren, wenn die Zeit dafür ist!", schloss Madame KA.

Kishou seufzte hörbar. „Auf jeden Fall wissen die Teller ja offensichtlich tatsächlich nicht, wo wir sind, und das ist allemal besser als andersrum!", stellte sie bei aller Unzufriedenheit über die für sie noch unbekannte Ursache mit Erleichterung fest. „Aber was machen wir jetzt? Wir können uns trotzdem nicht bewegen, und wissen nicht, wann und ob die Besonderen Apparate da oben irgendwann mal aufgeben. Und überhaupt scheint hier alles gegen uns zu sein!“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Und immerhin wissen zumindest die Breenen irgendwie von uns. … und betrachten uns offenbar auch noch als ihre Feinde! Und wie’s aussieht, scheint das für alle Bewohner des Droms zu gelten!? ... Und dann noch die Horden der Gleichen! Das ist doch alles vollkommen verrückt! – Unter den Umständen müssten wir uns unsichtbar machen, um hier weiter zu kommen.

„Nun – immerhin …!“, meinte Madame KA, und ein verschmitztes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Zumindest in eurer Erscheinung verhält es sich so!“

„Wie?!“, reagierte Kishou irritiert. „Was meinst du damit?“

„Ihr seid unsichtbar!“

Kishou brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Madame KA meinte. In gewissem Sinne hatte sie ja recht. Man hielt sie für einen Brennen. Sie hatte in etwa die richtige Größe, im Gegensatz zu den Chemuren. Sie würde wahrscheinlich nicht auffallen unter ihnen, solange sie ihr Gesicht unter der Kapuze verbarg … „Aber … aber ich kann doch nicht allein …!“, ahnte sie Böses.

„Boorh entscheidet: Boorh und Kishou werden …!“

„Ich glaub es nicht. Ich glaub es nicht!“, wurde er vom Unteren Squatsch augenblicklich unterbrochen, seine kurzen Ärmchen hilfesuchend in den Himmel streckend. „Dieser Breenenfänger meint tatsächlich … meint tatsächlich … Was glaubt der Großfuß, wie lange Kishou neben ihm im Stadtzentrum wohl unerkannt ... unerkannt das Allsein verdrängen würde? … verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung vom Allsein, aber …“

„Danke Boorh!“, versuchte Kishou die unangenehme Situation für ihn aufzufangen. „Ich weiß, das mir nichts passieren könnte, wenn du bei mir wärst, aber es darf in diesem Falle ausnahmsweise auf keinen Fall schon jetzt gleich zu Anfang zu irgendwelchen Kämpfen kommen! – Es sind zuviel verschiedene und unbekannte Gegner auf einmal – verstehst du was ich meine?! Wir müssen zunächst erstmal rauskriegen, was hier überhaupt läuft!“ Sie bemerkte erst jetzt, dass sie mit ihrem Beschwichtigungsversuch ungewollt bereits eine Entscheidung als gegeben annahm, der sie eigentlich unbedingt ausweichen wollte.

Boorh warf einen unwilligen Blick auf das Untere Squatsch, hatte nun aber offensichtlich ein Einsehen.

„Wie seid ihr entschieden?“, fragte Mo.

Kishou erschrak fast bei diesen Worten … „Eigentlich garnicht!“, gab sie unumwunden zu. „Es ist aber wohl tatsächlich so, dass ich wohl die Einzige von uns bin, die sich hier bewegen könnte, ohne gleich erkannt zu werden ...! Puh ...!“ Einmal mehr ließ sie einen tiefen Seufzer vernehmen. „Ich müsste also irgendwie allein in die Stadt kommen, und so viel wie möglich versuchen, rauskriegen, was hier los ist – das mit der Grenze, und ihrer Angst vor uns, und so!“

„Wir werden euch im Schutze des Waldes begleiten bis kurz vor Trital!“, nickte Madame KA. „… Sobald die Verhältnismäßigkeiten es zulassen, und es etwas ruhiger wird da oben!“, fügte sie mit einem Blick in die Baumkronen hinzu. „Wir wissen nicht, ob sich der Wald auf diesem Wege überall so uneinsehbar verhält wie an diesem Ort!“

Es wollte aber nicht ruhiger werden. Nur ab und an ließ das Summen etwas nach, um bald wieder zurückzukehren.

Die Zeit wurde genutzt, um Kishou auf die Horden der Gleichen einzuschwören. Sie erinnerte sich, dass Boorh diese Kreaturen vor langer Zeit einmal erwähnte. Sie waren Geschöpfe Suäl Graals, aber von den Breenen nur sehr schwer zu unterscheiden – eigentlich garnicht. Meistens war es zu spät, wenn man einen von ihnen erkannte – und sie wurden um so mehr, je mehr man von ihnen vernichtete. Doch nicht einmal ihre Gefährten wussten zu sagen, wie dies möglich war. Eigentlich war ihre wundersame Vermehrung auch immer nur eine reine Vermutung geblieben, weil nichts dergleichen je direkt beobachtet wurde. Sie waren seinerzeit noch neue und unbekannte Schöpfungen Suäl Graals. Allein der Umstand, das ihre Zahl in den Kämpfen in vermeintlich doppelten Maße anstieg, wie man sie überwunden zu haben meinte, ließ keine andere Mutmaßung zu. Sie verschossen aus Besonderen Apparaten kleine, scharfkantige und würfelförmige Geschosse, die selbst die eisernen Körper der Korks durchschlugen. Ihre Gefährten konnten ihr alle nur die augenblickliche Flucht ans Herz legen, sobald sie meinte, einen solchen ‚Gleim’ zu begegnen. Selbst Boorh schloss sich diesem Rat an – da er ja nun nicht bei ihr sein konnte. …

Erst als die Dämmerung einsetzte, ließ das Schwärmen über ihren Köpfen langsam nach. Kishou bot an, den Schutz der Nacht zu nutzen. Sie könnte mit ihrem Besonderen Apparat – dem ‚Stein, der Das Licht vom Allsein trennt’, die Gruppe durch das Dickicht führen. Madame KA warf aber ein, das Kishou ihre Zeit im kleinen Allsein benötigte, um ausgeruht und mit genügend Kraft in die Stadt zu gelangen. So blieben sie gerade da, wo sie waren.

Kishou rollte sich so gut es noch ging in den Schoss Boorhs, und versuchte mit den Gedanken an eine solche Aufgabe, wie sie nun am kommenden Tag auf sie zu kam, einzuschlafen. Gäbe es im Schlaf noch ein Bewusstsein, so wäre sie wohl darüber erstaunt gewesen, wie schnell es ihr gelang.

Kishou IV

Подняться наверх