Читать книгу Kishou IV - Michael Kornas-Danisch - Страница 3
ОглавлениеDas Drom der Breenen
Das Geheimnis der Allmächtigen
Eine grüne Überraschung
K
ishou starrte mit großen Augen in die neue Welt. Was für ein Anblick. Sie stand inmitten von saftigem Grün, soweit das Auge reichte. Es musste eine gewaltige Oase sein, die direkt am Dritten Tal der Dritten Ebene des Dritten Droms angrenzte.
Ihr Kopf fuhr herum. Die Zollstelle gab es nicht mehr, und sie hatte es auch nicht anders erwartet. Das Große Belfelland kannte keinen Weg, der in das vorherige Drom zurück führte, wie sie nicht nur einmal vom Unteren Squatsch aufgeklärt wurde. Es war wohl die Zeit selbst, die es nicht zuließ, wie sie inzwischen zu verstehen meinte. Hier nun, wo sie das letztliche Ziel ihres Weges erreicht hatten, wollte es auch nicht einmal den Anschein erwecken. Es war nicht mehr nur eine weitere Etappe zum Ziel, sondern das Ende des Weges. Nichts konnte nun mehr sein, wie es war – sie ahnte es, je mehr sie mit staunenden Augen um sich sah ...
„Es ist keine Oase entschieden an diesem Ort!“ Meinte Mo plötzlich, als hätte sie Kishous Gedanken erraten.
„Nicht?“, schrak Kishou aus ihre Gedanken auf.
„Nein!“, krächzte Lui von Habadams Schulter herunter, während sein Kopf offenbar aufgeregt in alle Richtungen zuckte, dass man meinen könnte, er hätte keine Halswirbel.
„Boorh entscheidet: In der Vierten Ebene des Vierten Tals des Vierten Droms fließen noch die Wasser, wie einst überall im ganzen Großen Belfelland!“
„Erstaunlich! Höchst erstaunlich!“, meinte nun auch Habadam. „Es sieht so aus, als würde es sich tatsächlich so verhalten! ... als hätte Suäl Graal dieses Drom von der Trockenheit verschont – was aber eigentlich nicht sehr wahrscheinlich ist, denn …!“
„Sie wird es vergessen haben … vergessen haben. Wahrscheinlich weil der große Zauberer nicht bei ihr war, … nicht da war, um sie daran zu erinnern!“, provozierte das Untere Squatsch.
„Meinst Du auch, das es nicht nur eine große Oase ist?“, wandte sich Kishou an Madame KA, während sie sich von ihrem ungeliebten Breenenrock befreite, den sie sicherheitshalber bei ihrem Übertritt in das neue Drom tragen musste. Es hatte seine Arbeit getan.
„Wir werden es erfahren!“, antwortete sie, während ihre Augen ungewöhnlich aufmerksam die Umgegend und auch den Himmel musterten. ‚Aufmerksam’ trifft es eigentlich nicht richtig, wie ihre Augen so umherwanderten. Es war eher so etwas wie der Blick eines Reisenden, der an seinem Ziel angekommen war. „Alles war der Weg. Hier nun ist Belfelland!“, meinte sie dann auch tatsächlich – wenn auch mehr zu sich selbst. Sie gab in diesem Moment ihrem Biesel eine Richtung vor, und trabte im gemächlichen Schritt los. Die anderen folgten.
So unerwartet erfreulich der erste Eindruck dieses Droms auch war, so bot es nicht gerade einen guten Komfort, was das Vorankommen anging. Die pralle Natur erwies sich schnell als im höchsten Maße unbändig, und erzwang immer wieder die Suche nach einem begehbaren Weiterkommen. Es war eine Mischung aus Wald und dichtem Buschwerk mit vielen grünen Lichtungen, die gern im tiefen Morast endeten. Kleine und größere Teiche, Bäche und umgestürzte Bäume nötigten sie immer wieder zu Umwegen. Und nach den vielfältigen, verschiedensten Lauten um sie herum zu urteilen, war es auch sehr lebendig hier. Ein Teppich von Gezwitscher, Singsang, Krächzen und Zirpen lag überall in der Luft. Ihre Verursacher waren nur selten auszumachen. Das Blattwerk war zu dicht, und Kishou hatte nicht die Zeit, nach ihnen zu forschen. Nur hin und wieder sah sie ein kurzes Aufflattern irgendwelcher unbekannter Vögel. Größere Kreaturen tauchten zunächst nicht auf, obgleich manch ein Geräusch solche vermuten lassen durfte.
„Hast du ein bestimmtes Ziel?“, fragte Kishou Madame KA, als sie für einen Moment auf ihre Höhe kam.
Die Bewegung hat immer ein Ziel!“, lächelte Madame KA hintergründig. „Unsere zielt auf die Stadt ‚Trital’, die sich einst als nächst größerer Ort zur Grenze des Dritten Droms verhielt!“
„Und wie weit?“, wollte Kishou wissen.
„80 Mal wird die Sonne bis dahin das Allsein verdrängen! Sehr ‚wahrscheinlich'!’“ meckerte das Untere Squatsch, der wohl mitgehört hatte und nicht sehr glücklich über die Beschwernisse war. „Verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung des Allseins!“, maulte er dann aber doch noch, sich entschuldigend.
„Es ist nicht abzuschätzen!“, meinte nun Madame KA. Ursprünglich verhielt sich Trital einen halben Tagesmarsch auf den Bieseln zur Grenze des Dritten Droms. Aber die Verhältnismäßigkeiten haben sich geändert – es führten dereinst gute Wege dorthin.
Bereits mit den ersten Anzeichen der Dämmerung hielten sie Ausschau nach einem geeigneten Rastplatz. Würde die Dunkelheit erst einmal hereingebrochen sein, hätten sie keine Gelegenheit mehr dazu.
Sie entschieden sich für die aus dem Boden gerissenen Wurzeln eines umgestürzten riesigen Baumes. Ihr mächtiges Gehölz bildete eine geräumige Überdachung, die allen genügend Platz bot. Der bizarre Raum erinnerte an eine alte Tropfsteinhöhle. Farne und knöchrige Wurzelstränge hingen überall von oben herab.
Kishou machte es sich in Boorhs Schoß bequem. Vorsichtshalber. Sie hatte am Boden einige kleine krabbelnde unbekannte Kreaturen bemerkt, die ihr nicht geheuer waren. „Erzählt mir von den Breenen!“, meinte sie nun, während ihre Hände in ihrem Beutel fischten. „Immerhin ist ja Trautel Melanchful eigentlich die Regentin hier. … hat sie mir erzählt. Die Bewohner hier werden ganz schön gucken, wenn sie erfahren, dass ich von ihr komme!“
„Boorh entscheidet: Im Volk der Breenen trennt sich ein Volk der Furcht vom Allsein!“, tönte es mit Nachdruck über ihr.
„Ein Volk der Furcht?“, wunderte sich Kishou. „Was fürchten die denn?“
„Das ihnen der Himmel auf den Kopf fällt! ... der Himmel auf den Kopf fällt zum Beispiel!“, quäkte das Untere Squatsch.
„Das ihnen der Himmel auf den Kopf fällt?“, verstand Kishou nicht.
„Nun ...", lenkte Habadam ein. „Das Untere Squatsch will wohl damit sagen, das sie alles und nichts fürchten. Alles, das sich zu ihnen verhält, könnte auch eine Gefahr bedeuten. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür ist ja auch tatsächlich niemals auszuschließen!“
„Na dann ist doch alles ganz normal!“, meinte Kishou zu verstehen.
„Etwas anstrengend ... anstrengend – wenn ihr meine Wenigkeit fragt!“, bemerkte das Untere Squatsch. „Immer und überall eine Gefahr vom Allsein zu verdrängen … ziemlich anstrengend!“
„Und wie kommen die Breenen ohne Trautel Melanchful klar?, fragte Kishou. „Immerhin ist sie doch sowas wie eine Königin hier – hat sie mir erzählt. Was machen die Breenen ohne Trautel Melanchful?“
„Schwer zu sagen, wie sich dieser Umstand zu den Breenen verhält!“, meinte Habadam sinnend. Doch vergesst nicht, dass auch das Zweite Drom ohne die Anwesenheit von Boorh und Mo über all die Zeiten zurechtkommen musste. ..."
„Der Weißbart vergisst in euch vom Allsein zu trennen, ... vergisst er natürlich, dass immerhin meine Wenigkeit ... meine Wenigkeit als der legitime Herrscher der zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms dort durchaus in all den Zeiten das Allsein verdrängte! Durchaus!", widersprach das Untere Squatsch.
„Vielleicht verhält es sich aber auch so ...", überhörte Habadam den Einwand, „... das Suäl Graal nun auch die Ebene des Droms … Eine gewisse Wahrscheinlichkeit …“
„Suäl Graal ist Eins mit Trautel Melanchful", wurde er von Madame KA unterbrochen. „Doch der Ort ihrer Herrschaft liegt im Vierten Tal der Vierten Ebene des Vierten Droms!“, widersprach sie dem Gedankengang Habadams. „Sie kann Trautel Melanchful nicht ersetzen – sowenig, wie ich Dich vertreten könnte!", lächelte sie in Richtung Habadam.
„Du meinst aber, sie gehört irgendwie mit Suäl Graal zusammen? – So wie Du und Habadam oder Mo mit Boorh?“, meinte Kishou aus dem ersten Teil des von Madame KA Gesagten verstanden zu haben – was aber doch unmöglich gemeint sein konnte ...
„So ist es entschieden!“, bestätigte Mo nun allerdings.
„Da komm’ ich nu’ überhaupt nicht mehr mit!“, grübelte Kishou und schüttelte abwehrend den Kopf. „… Dann müsste doch Trautel Melanchful genauso mächtig sein wie Suäl Graal …!? Ich meine … dann wäre sie doch …“ Sie brach ab, weil ihr der Gedanke, der ihr gerade kam, zu abwegig erschien.
„Die Macht Trautel Melanchfuls verhält sich zu der Suäl Graals ebenbürtig!“, bestätigte Madame KA zu ihrer Überraschung. „Wie sonst hättet ihr bei Trautel Melanchful Obhut finden können, bis ihr bereit ward, eure Aufgabe zu erfüllen? Suäl Graal konnte sie nicht daran hindern. Niemand hätte sie daran hindern können, euch zu schützen!“
„Ich glaub’, diese Zusammenhänge werd’ ich wohl nie begreifen!“, resignierte Kishou Kopfschüttelnd. „Ich hab's mir bisher immer so erklärt, das ihr so zusammengehört wie ... na ja – wie ,oben' und ,unten' eben – oder eigentlich besser noch, wie so eine Kraft, und was dann dabei rauskommt, wenn sie was gemacht hat. ... oder so ... ist mir so bei euch zumindest mal durch den Kopf gegangen!", meinte sie mit entschuldigendem Blick zu Mo und Boorh. „Weißt du, was ich meine?"
„So ist es entschieden!", reagierte Mo nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.
„Ist nicht alles, was ihr findet im Großen Belfelland, nur der Schein dessen, was sich in im entfaltet?", fragte Madame KA hintergründig, während sie ihre große Tasche zu sich heranzog.
„Ja schon ... ", kam es zögerlich von Kishou. „Aber bei Trautel Melanchful und Suäl Graal ... ist es ja eben nicht so!", widersprach sie nun doch energisch. „Also stimmt's dann irgendwie doch nicht!"
Madame KA lächelte. Ihre Hand verschwand für einen Moment in der Tasche, und zog einen großen Keks hervor. „Ich habe noch einige davon aufgehoben!“ Sie reichte ihn zu Kishou hinüber. „Ihr solltet wissen, dass ihr nur verstehen könnt, was hinter euch liegt!“
„Wie meinst du das?“, fragte Kishou auf dem Keks herumkauend.
„Nun ja …!“, schaltete sich das Untere Squatsch ein, dass offenbar an diesem Abend ungewöhnlich redselig war. „Madame KA meint, das man nur … also das man immer nur das bemessen kann … bemessen kann, was bereits vom Allsein verdrängt ist – wenn ihr es wohl bemesst. Solange etwas noch nicht verdrängt ist vom Allsein, …“
„Es gibt immer viele Möglichkeiten für das, was sich in der Zukunft verhalten wird!“, übernahm nun Habadam. „Wenn denn eine der Möglichkeiten eingetreten ist, so zeugen seine Verhältnismäßigkeiten davon, warum sich gerade diese Möglichkeit vom Allsein trennte, und nicht eine der vielen anderen. Aber bis zu diesem Moment gibt es nichts zu verstehen – nur Spekulation. Bedenkt – Ihr könnt nur verstehen, was sich zueinander verhält. Und was ihr dann versteht, ist eben die 'Ursache' dieses Verhaltens – und eine Ursache liegt immer vor der befragten Verhältnismäßigkeit, wie ihr ohne Zweifel versteht!“
„Genau das habe ich vom Allsein verdrängt – habe ich! Genau das! Aber die schlanke Flachsandale muss natürlich wieder … Verzeiht meine kleine …!“ winkte das Untere Squatsch nicht ganz rechtzeitig entschuldigend ab.
„Ich hab schon verstanden, was ihr sagen wollt!“, versuchte Kishou ausgiebig gähnend zu vermitteln. „Aber es ist halt manchmal ziemlich blöd, das man nur erst im Nachhinein schlau sein kann!“ Sprach's, gähnte noch einmal ausgiebig, und kuschelte sich in Boorhs Schoss zurecht.
Die vielfältigen Stimmen der abendlichen Natur und der sichernde Schoß Boorhs ließen sie bald in einen angenehmen Schlaf fallen.
~