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Weibliche Lebenswelten

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So entfaltet sich vor meinen Augen auf einer kleinen attischen Vase mit einer lesenden Frau ein Kosmos weiblicher Lebenswelten.

Malerinnen und Maler schufen Bilder weiblicher Lebensräume: arbeitende, rezitierende, musizierende und eben auch lesende Frauen. Dass Frauen ein Handwerk ausübten, dass sie beispielsweise Vasenbilder schufen, zeigt die Darstellung auf einer rotfigurigen Hydria ( um 460 v. Chr.) aus einem Frauengrab in Ruvo ( Apulien): Eine mit einem Chiton und Mantel bekleidete und durch ihre Haartracht als Freie gekennzeichnete Frau ist dabei, die Volute eines Kraters zu bemalen. Und immerhin ist durch die Signatur auf zwei attischen Vasen der Name einer Malerin namens Timagora überliefert. Timagora und andere in Töpferwerkstätten arbeitende, namentlich nicht genannte Frauen lassen erahnen, dass »weibliche« und »männliche« Arbeitswelten auf vielfältige Weise einander berührten. Wie viele Arbeiten von Frauen möglicherweise mit der Signatur des Vaters, des Bruders oder des Ehemannes versehen in die Geschichte eingegangen sind, wird ein Geheimnis dieser Geschichte bleiben.

Diejenigen Menschen, die die kostbaren Gefäße schließlich in Gebrauch nahmen – Amphoren für das Aufbewahren von Ölen und Weinen, Alabastren und Lekythen als Behältnisse für Parfums, Hydrien für das Wasserholen am Brunnen, Lutrophoren für Hochzeits- und Begräbnisrituale –, hielten eine reiche Bilderwelt in ihren Händen. Sie werden ihre Freude daran gehabt und die Bilder und Botschaften als Teil ihres Lebensumfeldes wahrgenommen haben. Diese für den täglichen Gebrauch wie für den Ritus geschaffenen Gefäße mit ihren Bildschöpfungen waren so begehrt, dass sie sich über Athen und Griechenland hinaus im gesamten Mittelmeerraum verbreiteten.

Die Frage, inwiefern die Vasenbilder lesender oder musizierender Frauen der Lebenswirklichkeit attischer Frauen entsprachen oder eher Wunschbilder einer idealen Frauenwelt verkörperten, mag im Raum stehen bleiben. Ich lese die Vasenbilder indes als Wertschätzung weiblicher Lebenswelten. Ein Bild wie das der Lesenden auf der Lekythos spiegelt in meinen Augen eine große Bildungsoffenheit gegenüber Frauen und Mädchen und ihre Teilhabe am kulturellen Leben im Athen der klassischen Zeit. An diese weibliche Tradition mögen nachfolgende Generationen von Frauen angeknüpft haben. Das Bild einer in ihre Lektüre vertieften Frau auf einer attischen Vase mag die Helleninnen ermutigt und inspiriert haben, die erweiterten Bildungsmöglichkeiten durch staatliche Schulen und öffentliche Bibliotheken selbstbewusst zu nutzen und damit den Faden einer weiblichen Bildungsgeschichte weiterzuspinnen. Mich hat die Lesende inspiriert, den Anfang dieses Fadens zu suchen.

Eine Spur von Glück

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