Читать книгу Eine Spur von Glück - Monika Hinterberger - Страница 6

1. Eine lesende Frau Eine Athenerin

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Eine Lesende. Dargestellt auf einer attischen Vase des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Das Haar zu einem Knoten hochgebunden. Bekleidet mit einem Chiton aus feiner Baumwolle oder feinem Leinen und einem darüber liegenden Tuchmantel, dem Himation. Ihre Haartracht und die Kleidung deuten auf eine vornehme Herkunft hin. Mit beiden Händen hält sie eine geöffnete Buchrolle vor sich. Sie ist in die Lektüre eines Textes vertieft. Vor ihr am Boden befindet sich eine Büchertruhe, der sie die Schriftrolle entnommen haben mag. Das Möbel und die Tänie, eine festliche Kopfbinde, lassen erkennen, dass sie sich im Innern eines Hauses aufhält. Allein. In einem Moment innerer Ruhe, so scheint es.

Sie ist kein junges Mädchen. Sonst trüge sie ihr Haar offen auf Schultern und Rücken herabfallend, vielleicht mit einer Binde geschmückt oder zu einem Zopf gebunden, und sie wäre eher mit einem für unverheiratete junge Frauen typischen gegürteten Peplos bekleidet.

Auch eine Muse ist sie nicht. Die der mythisch-imaginären Welt angehörenden Musen finden sich im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. mehrfach auf attischen Vasenbildern in der Gemeinschaft mit musizierenden jungen Frauen dargestellt. Als mythische Vorbilder sind sie den Musikerinnen zugesellt und heben gleichsam – ihrem Musensitz entstiegen – das scheinbar alltägliche Tun in eine göttliche Sphäre. Als Beschützerinnen der Dichtkunst und der Musik stellen sie so die Frauen unter ihre Gunst. Nichts in dieser Darstellung deutet jedoch auf eine solche Berührung der beiden Welten hin, der mythischen Sphäre der Musen und der menschlich-realen Welt sterblicher Frauen.

Da jegliche Hinweise fehlen, die auf einen kultischen Zusammenhang schließen ließen, kann mit der Lesenden auch keine Priesterin gemeint sein. Und nichts spricht dafür, in ihr eine gebildete Sklavin in einem athenischen Haushalt zu sehen. Ihr gegenüber der Herrin des Hauses unfreier Status wäre etwa durch ihr kurz geschnittenes Haar ins Bild gesetzt worden.

Wer aber ist sie dann?

Wen hatte der attische Künstler vor Augen, als er diese Lekythos bemalte? Gefäße dieser Art enthielten Parfums und duftende Öle. Sie gehörten zur Toilette der Frauen oder waren für den Gebrauch bei Begräbniszeremonien bestimmt. Heute kann das kleine, mehr als zweitausend Jahre alte Salbgefäß mit der Darstellung einer lesenden Frau in der Antikensammlung des Pariser Louvre in Augenschein genommen werden. Es misst gerade einmal zweiundzwanzig Zentimeter Höhe. Für wen wurde dieses Gefäß geschaffen? Wer hatte es in Gebrauch? Die auf die Zeit um 440-430 v. Chr. datierte Lekythos wird dem sogenannten Klügmann-Maler zugeschrieben, von dem überliefert ist, dass er mit Vorliebe Szenen aus dem Frauenleben malte und dabei Frauen stets allein darstellte. Etliche Vasenbilder des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zeigen lesende Frauen zumeist in der Gesellschaft anderer Frauen. Hier jedoch ist die in ihre Lektüre vertiefte Frau ohne Begleitung abgebildet. Eine des Lesens und wohl auch des Schreibens kundige Frau? Eine gebildete Athenerin?

Eine Spur von Glück

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