Читать книгу Eine Spur von Glück - Monika Hinterberger - Страница 8
Lesen und Schreiben
ОглавлениеAufrecht steht sie da.
Die empfindliche Schriftrolle aus Papyrus mit beiden Händen haltend.
In der Zeit, als die Lekythos entstand, gehörten literarische wie wissenschaftliche Texte vielfach zum Alltag des griechischen Menschen, insbesondere zur Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger Athens, des kulturellen und politischen Zentrums der griechischen Welt. In Athen, aber auch in anderen Regionen, konnten die Menschen seit dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. mehrheitlich lesen und schreiben. Lesen zu können, wurde zunehmend bedeutungsvoll, für jeden Einzelnen wie für das Leben innerhalb einer demokratischen Gesellschaft. Denn für wen, wenn nicht die Bürgerschaft, wurden Gesetzestexte – in Stein gehauen – auf der Agora oder vor Heiligtümern öffentlich gemacht? Die Volksbeschlüsse sollten möglichst von vielen Menschen gelesen und verstanden werden. Und seit Langem schon waren Tonscherben in Gebrauch, die für kleine Mitteilungen, Bescheinigungen oder auch Schulübungen verwendet wurden.
So rückte der lesende Mensch seit dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. mehr und mehr ins Zentrum des Interesses und fand sich auf attischen Vasen dargestellt. In Schulszenen etwa, im Umgang mit Schriftrollen, mit Schreibtäfelchen und Stylos. Auch Frauen und Mädchen, in Schriftrollen lesend, musizierend, mit Literatur befasst. Denn sie waren von jeher Teil eines Kultur- und Geisteslebens, das sie mitgestalteten. Als Dichtung nicht mehr nur mündlich tradiert wurde, als griechische Dichter wie Hesiod ( um 700 v. Chr.) begannen, ihre Werke selbst niederzuschreiben, und eine schriftliche Überlieferungskultur begründet wurde, war diese Entwicklung auch von Frauen getragen. Von Frauen wie der Lyrikerin Sappho ( um 600 v. Chr.), die nicht nur ihrer Dichtungen wegen, sondern auch als Erzieherin für Mädchen in ihrer Schule auf der Insel Lesbos gerühmt und verehrt wurde. Mädchen und Frauen blieb sie über ihre Zeit und die griechische Welt hinaus ein großes Vorbild. Ebenso Kleobouline aus Lindos auf der Insel Rhodos. Viele Jahrhunderte wurde sie als »Dichterin von Rätselversen in Hexametern«, wie der spätantike Diogenes Laertios ( wohl 3. Jh. n. Chr.) sie nannte, erinnert. Weisheit und Seelengröße sowie politischer Sachverstand wurden ihr zugeschrieben. Aristoteles ( 384-322 v. Chr.) kannte ihre Verse. Und noch Plutarch ( 46-120 n. Chr.) erzählt, wie sie an dem von ihm beschriebenen Gastmahl der Sieben Weisen teilgenommen habe.
Frauen wie Sappho oder Kleobouline waren keineswegs Ausnahmen.
Der Schule des Pythagoras aus Samos ( um 570-510 v. Chr.) haben zahlreiche Philosophinnen angehört, etwa die vielgerühmte Theano aus Kroton oder auch Periktyone, deren philosophische Abhandlungen fragmentarisch überliefert sind. In Briefform blieben Schriften der Pythagoreerinnen erhalten, die zu einem großen Teil an Frauen gerichtet waren. Und wiederum durch Diogenes Laertios ist die Nachricht überliefert, dass Pythagoras einen großen Teil seiner Arbeiten zur Ethik einer Frau, der Priesterin Themistokleia zu verdanken habe. So sind immerhin einige Namen gebildeter Frauen überliefert, die ihren Einfluss innerhalb der antiken Gesellschaft geltend machten und Anteil am kulturellen und politischen Geschehen ihrer Zeit hatten. Und als in klassischer Zeit die schriftliche Aufzeichnung literarischer sowie wissenschaftlicher Werke immer breiteren Raum einnahm, als wissenschaftliche Abhandlungen, epische Dichtungen und lyrische Werke auf Papyrus niedergeschrieben und schließlich, durch Abschriften vervielfältigt, einem lesenden Publikum zugänglich wurden, da gehörten selbstverständlich auch Frauen zum Adressatenkreis der entstehenden Literatur, Frauen wie die Lesende auf der kleinen Lekythos.