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Das Internet der Körper
ОглавлениеImmer mehr Fitness-Apps, Wearables und Gadgets erheben und produzieren Daten: Bewegungsprofile, Anzahl von Schritten, erklommene Treppen, Aufwach- und Einschlafzeitpunkte, Schlafdauer, Biorhythmus, Herz- und Atemfrequenz, Stimmmodulation, verzehrte Nahrungsmittel, Kalorien, Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett. Angereichert werden sie um die digitalen Daten der Analysen unserer Darmflora und unserer DNA. Dazu kommt noch die Analyse dieser Daten: Das sind Zuwachs- und Schrumpfungsraten, Entwicklungen, Fortschritte. Außerdem Geodaten, Daten von Kontakten, Einkäufen, Transaktionen. So entstehen große Mengen vernetzter Gesundheitsdaten, die unsere digitalen Fitness-Helfer sammeln, ergänzen, ver arbeiten und abgeben.
Im ersten Schritt unterstützen sie den Nutzer vielleicht lediglich bei seiner Selbstoptimierung. In einem zweiten Schritt dienen sie möglicherweise dazu, sich mit anderen Nutzern zu messen oder sich gegenseitig abzugleichen: virtuelle Wettbewerbe darüber abzuhalten, wer am schnellsten abnimmt oder am schnellsten Muskelmasse aufbaut. Wer am schnellsten, häufigsten, längsten joggt, schwimmt, geht, rudert. Oder wer auf seinem Trimmrad im heimischen Keller als Erster seiner Online-Gruppe beim virtuellen Straßenrennen auf den legendären 2.115 Meter hohen Col du Tourmalet strampelt, den Schicksalsberg der Tour de France. Die Geräte sprechen also miteinander – und tauschen die Körperdaten ihrer Eigentümer aus.
Bereits heute existieren Suchmaschinen wie etwa Shodan.io, mit denen Internetadressen und offene Schnittstellen von Maschinen, Lkws, Baugeräten, Videokameras auf öffentlichen Plätzen, Behörden und privaten Firmen, aber auch von Kraftwerken und anderen öffentlichen Anlagen der Infrastruktur gesucht und gefunden werden können. Leicht vorstellbar, dass es so etwas für Körper-, Fitness- und Ernährungsdaten demnächst auch geben könnte. Schließlich verfügt jedes Smartphone über eine individuelle IMAI-Nummer, über die es identifiziert werden kann. So könnten Daten durch Hackerangriffe auf unabgesicherte Einfallstore der Apps herunterkopiert werden. Oder ganz offiziell beim Hersteller oder einem seiner Partnerunternehmen landen – wie es bei Facebook und Cambridge Analytica der Fall war. Wer weiß außerdem schon genau, welche Daten seine Fitness-App selbstständig im Hintergrund und ohne zu fragen an Dritte weitergibt oder welche offenen Schnittstellen von außen problemlos angezapft werden können? Haben Sie etwa die Datenschutzerklärung Ihrer neuen Smartwatch vollständig gelesen, bevor Sie damit joggen gegangen sind?
So gesellt sich zum »Internet der Dinge«, dem Internet der Maschinen, Kameras und Sensoren, ein »Internet der Körper«, sagt Andrea M. Matwyshyn, Professorin an der Stanford University in Kalifornien und Co-Autorin der Studie der US-Denkfabrik RAND »Das Internet der Körper«. Daten, die nicht nur für den Hausarzt, Fitness-Berater, Personal-Trainer oder den Coach der Thekenfußballmannschaft interessant sind, sondern auch für Krankenversicherungen, Arbeitsämter, Personalchefs oder den direkten Konkurrenten um einen lukrativen Job auf dem Arbeitsmarkt. Und natürlich: für Lebensmittelhersteller und -händler, die ihre Produkte verkaufen wollen.
Doch für Matwyshyn ist das erst der Anfang: Das Internet der Körper verbindet in der ersten Generation Fitness-Tracker mit intelligenten Brillen, intelligenten Exoskeletten (das sind Apparaturen, die Menschen unterstützen, etwa schwere Lasten zu heben etc.), Herzschrittmachern und Gehirnsensor-Stirnbändern. In der zweiten Generation kommen Körperimplantate, digitale Pillen, Cochlea-Implan tate (Hörprothesen), Geräte zum Management innerer Organe und Hirnimplantate (etwa für Epileptiker) hinzu. »Die Grenze zwischen der ersten und der zweiten Generation des Internets der Körper, zwischen gesundem Lebensstil und nicht-medizinischer Technologie beginnt bereits zu verschwimmen«, schreibt sie. Schätzungen gehen davon aus, dass derzeit etwa 50.000 bis 100.000 Menschen in den USA Mikrochips in ihren Körper implantiert haben.
In der dritten Generation entstehen Gehirnprothesen mit draht losen Komponenten, wie sie heute schon bei manchen Parkinson-Erkrankten eingesetzt werden. »Der menschliche Körper ist der nächste große Innovations-Raum«, prophezeit Geoffrey Woo, Gründer des Silicon-Valley-Start-ups HVMN, das einen leistungssteigernden »Ketose Ester«-Drink herstellt.
Damit entstehen jedoch neue Probleme: Software kann ausfallen oder eine Fehlfunktion haben. Neue Versionen könnten ohne ausreichende Erprobung oder Qualitätssicherung ausgeliefert werden. So wie Infrastruktur oder andere Netzwerke bereits heute regelmäßig Ziele von Hackerangriffen abgeben, gerät die Digitalplattform Mensch dann ebenfalls ins Visier. »Brainjacking« wird die böswillige Manipulation von digital vernetzten Hirnimplantaten genannt. »Gutjacking« ist die feindliche Übernahme des Magens. Computerviren könnten sich in Sonden ausbreiten, die sich im Darm von Menschen befinden und dort Darmgase messen. Dass dies gar nicht so weit hergeholt ist, zeigte sich bereits im Oktober 2013, als der ehemalige amerikanische Vizepräsident Dick Cheney in einem Fernsehinterview berichtete, seine Ärzte hätten während seiner Amtszeit darauf gedrängt, die »wireless«-Funktion seines Herzschrittmachers zu deaktivieren, da sie einen terroristischen Hackerangriff auf sein wichtigstes Organ befürchteten. Der Historiker Yuval Harari spricht von Menschen als »Hackable Animals«.
Im Körper befindliche oder mit dem Körper verschmolzene IoB-Geräte mögen zwar Ausnahmen sein – aber wie lange noch? Schon heute ist klar, dass für die Anwendung solcher Geräte ein verbind licher rechtlicher Rahmen geschaffen werden muss. Wie werden etwa Garantien für das Funktionieren der Geräte geregelt? Wo liegen die Daten und wer kontrolliert sie?
Biologische und maschinelle Intelligenz werden verschmelzen. Facebook und Microsoft arbeiten bereits an Gehirnsteuerungs-Schnittstellen, die es den Benutzern ermöglichen sollen, Computer nur mit ihren Gedanken und mithilfe von externen Gedankenerfassungsgeräten zu bedienen. Durch diese Entwicklungen, sagt Matwyshyn, werde der Körper zur digitalen Plattform. »In einer Welt, in der unsere Körper und Gehirne mit einem einzigen zusammenhängenden technologischen Netzwerk verbunden sind, beginnen wir, die Grenzen zwischen der Freiheit des Denkens als physiologischem, autonomem und abgeschlossenem Akt und der Verbreitung von Ideen und Gedanken als bewusste Tat zu verwischen«, gibt Matwyshyn in der RAND-Studie »Das Internet der Körper« zu bedenken. Denken wird also öffentlich. Es entsteht eine Art Gruppengehirn.
Im Sommer 2020 holte der Tesla-Gründer Elon Musk bei einer Präsentation seiner Firma Neuralink das Schwein «Gertrude« auf die Bühne. Das muntere Tier trug »V.09«, den neuesten Chip von Neuralink, unter seiner Schädeldecke. Und zwar in dem Gehirnareal, das mit der Schnauze verbunden ist. Sobald das Schwein damit ein Objekt berührt, sagte Musk, sehen und hören die Neuralink-Forscher auf einem Computer, welche Neuronen im Schweinegehirn aktiv sind.
Für die Rechtswissenschaftlerin Matwyshyn existieren vier große Probleme bei vernetzten Geräten des Internet of Bodies:
1. Das »Better with Bacon«-Problem
Der Zugang zum Internet wird – ob notwendig oder nicht – in sämtliche Geräte integriert. Damit können alle Geräte gehackt werden.
2. Das »The Magic Gadget«-Problem
Die Möglichkeit des Versagens oder der Fehlfunktion von Geräten wird ignoriert – mit möglicherweise katastrophalen Folgen.
3. Das »The Builder Bias«-Problem
Die Hersteller und Programmierer prüfen ihre Entwicklungen vor der Auslieferung nicht genügend auf Software-Stabilität oder auf einprogrammierte Vorurteile und Diskriminierungen. Letzteres entsteht etwa bei Minderheiten, deren spezielle Eigenheiten bei der Programmierung nicht berücksichtigt wurden. Wird alles an einem »Normalmaß« gemessen, gelten Abweichungen im wahrsten Sinn des Wortes als »nicht normal«.
4. Das »The Mandatory Soup«-Problem
Es gibt nicht genügend Alternativen zum (vernetzten) Produkt. Nutzer sind gewissermaßen gezwungen, diese Produkte zu nutzen, auch wenn diese Geräte nicht optimal erscheinen oder sich eingebaute Teile oder Funktionen nicht ausschalten lassen.
Der Gehirnchip funkte per Bluetooth aus dem Gehirn an einen Computer. Eintausend Elektroden, mit insgesamt nur fünf Mikrometer Durchmesser, sind mit Gehirnzellen verbunden. Diese »Verdrahtung« solle ausreichen, um wichtige Körperfunktionen wie Bewegung, das Sehen oder das Hören zu beeinflussen. Aufgeladen wird der Chip, der die Größe einer Knopfzellen-Batterie hat, drahtlos durch den Schädelknochen. Den Anschluss der Sensoren an die biologischen Nervenzellen übernehme ein eigens dafür entwickelter Roboter. Neuralink hoffe, die Kosten des Chips inklusive seiner Implantierung auf einige Tausend Dollar zu senken. Noch in 2021 soll der Chip bei Menschen getestet werden.
Die Mensch-Maschine-Schnittstelle soll dafür sorgen, dass Gehörlose wieder hören können, Menschen mit Rückenmarkverletzungen wieder laufen können, Depressionen und Sehstörungen der Vergangenheit angehören. Stellte man Gertrude auf ein Laufband, konnte per Software vorhergesagt werden, welcher Muskel wann aktiviert wird. Am Ende entstehe ein Fitnesstracker, so Musk ans Publikum gewandt, »nur mit feinen Drähten in Ihrem Kopf«.
Musks technologische Entwicklung – ganz gleich wie weit sie nun tatsächlich ist – führt direkt zum Thema »Gehirn im Tank«, das beispielsweise im Spielfilm Matrix aufgegriffen wurde: Wenn man feststellen kann, welche Sinneseindrücke welche Gehirnregionen oder Gehirnzellen stimulieren und auf welche Weise sie das tun, ist man gar nicht mehr weit davon entfernt, eigentlich gar keine echten Sinneseindrücke mehr zu benötigen. Man könnte Geruch, Geschmack und Emotionen direkt als Elektroimpuls per Chip ins Gehirn bringen.
»Was ist real? Wie definieren Sie real?«, fragt Andrea M. Matwyshyn. «Wenn es darum geht, was Sie fühlen, riechen, schmecken und sehen können, dann sind das einfach nur reale elektrische Signale, die von Ihrem Gehirn interpretiert werden.« John Cheney-Lippold, Professor an der Universität von Michigan, prophezeit aus diesem Grund: »Wir werden zu Daten.«
Was würde es für unsere Esskultur bedeuten, wenn unsere Lebensmittel, unser Appetit, unser Bauchgefühl von Computercodes bestimmt werden? Zerstört diese digitalisierte Esswelt mit ihrer Fixierung auf Berechenbarkeit, auf Effektivität, auf Mess- und Zählbarkeit das, was wir mit Essen verbinden, den Genuss, die Wertschätzung von Nahrungsmitteln, die Fähigkeiten der Zubereitung von Nahrungsmitteln, das soziale Miteinander?
Noch stecken einige der Forschungsprojekte und Startups in der experimentellen Phase. Andere Angebote, von denen man glaubte, dass sie erst in ferner Zukunft möglich würden, sind dagegen bereits auf dem Markt. Autonome schlaue Lieferketten, von künstlicher Intelligenz gesteuertes Empfehlungsmanagement und die Algorithmen der Social-Media-Plattformen beeinflussen unbemerkt in Form von Codes unsere Lebens- und Esswelt.