Читать книгу Ein Leben für die Einschlussforschung – ein Freiberger Mineraloge erzählt - Rainer Thomas - Страница 10

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Hauerlehrling im VEB Steinkohlenwerk „Martin Hoop“ in Zwickau

Nach dem Abbruch der Oberschulzeit begann ich im September 1958 im Steinkohlenbergbau in Zwickau als Hauerlehrling. Vorausgegangen war eine Werbekampagne durch Zwickauer Kumpel an unserer Schule zwei Jahre vorher. Irgendwie hatte sich das im Hinterkopf eingeprägt.

Der größte Teil der Lehrlinge stammte aus dem Vogtland und dem westlichen Erzgebirge. „Einheimische“ aus Zwickau waren nicht darunter. Nur drei aus unserer Klasse kamen aus entfernteren Gegenden: Jürgen Kranich aus Frankfurt/Oder, Dieter Thielecke aus Dresden und ich aus Oppach. Andere kamen aus Karl-Marx-Stadt (Rüdiger Zschubiella), aus Plauen (Klaus Zurafski), Treuen und Oelsnitz im Vogtland. Wir waren im 1951–1953 erbauten Internat in Eckersbach am Scheffelberg untergebracht. Jeweils zwei oder drei Lehrlinge teilten sich ein Zimmer. Insgesamt konnten 530 Lehrlinge untergebracht werden. Für Ordnung und Disziplin sorgten ziemlich strenge Erzieher, die uns Tag und Nacht unter Kontrolle hielten. Darunter waren auch z. T. rigorose und recht fiese Personen. Schon bei der allerersten Begegnung wurden so die Fronten geklärt. Ein Herr Roscher putzte den Mitlehrling Klaus Schlei mit den folgenden Worten herunter: „Du bist für mich ein Rotzfleck, der die Wand runter läuft.“ Klaus hatte sich nur darüber aufgeregt, dass Herr Roscher zu unserer ankommenden Gruppe rief: „Ruhe! Hier geht es ja zu wie in einer Judenschule“. Dies zum Bild des sozialistischen Erziehers in der Realität. Wahrscheinlich war er vorher Aufseher in der JVA Schloss Osterstein. Es gab aber auch menschlichere Typen, z. B. Herrn Zimmermann, an die man sich gern zurückerinnert.

Den obigen Ausdruck kannte ich bereits aus der Grundschulzeit – er wurde vom Russischlehrer Oslislo im Unterricht schon einmal verwendet.

Gerade diese kleinen, am Rand ablaufenden Vorkommnisse und Ereignisse haben auf meine persönliche Entwicklung einen großen Einfluss gehabt. Immer wieder wurde mir das ungeschminkte Leben hinter der schön getünchten Fassade vorgeführt. Dazu gehörten auch die steten und meist unkommentierten „Abgänge“ von Freunden, Schulkameraden und später auch Arbeitskollegen in den Westen. Der erste war wohl Dietmar Endler, ein Mitschüler und Freund. Sein Vater arbeitete im VEB ESGO und war als guter Facharbeiter bei Siemens in Berlin-West sehr willkommen. Ende der 7. Klasse, in den Sommerferien, war er einfach weg. Erst nach langen 51 Jahren haben wir uns zum Klassentreffen 2007 wiedergesehen.

Mein Hausarzt Dr. Nicolai hatte mir diese Lehre wärmstens empfohlen. Natürlich hatte er nicht die leiseste Ahnung, was da auf mich zukam. Aber: Seit frühem Kindesalter litt ich unter starkem Asthma und Ekzem. Er versprach sich eine deutliche Verbesserung oder sogar Heilung. Ein heutiger Arzt würde sich an den Kopf greifen. Aber Dr. Nicolai hatte Recht – ich habe durch die schwere Arbeit und den vielen Sport, 8 Stunden pro Woche zuzüglich 2 Stunden Schwimmunterricht, das Asthma und auch das Ekzem vollständig verloren. Das ging recht schnell. Im 1000- bzw. 1500m-Lauf war ich meist zweiter. Jens Trauer, sehr sportlich, war immer schneller. Nach den ersten Sommerferien kam er nicht zurück. Er war mit seinen Eltern in den Westen gegangen. Auch in den anderen Disziplinen war ich nicht schlecht – in der Grundschulzeit war das noch unvorstellbar. Herr Schaarschmidt, unser Sportlehrer, ein ehemaliger Amateurboxer, hat in mir das Interesse am Boxen geweckt. Und gerade das zusätzliche Boxtraining führte zu einer greifbaren Verbesserung der Fitness für die täglichen Herausforderungen im Berg. In der Lehrzeit habe ich eine für mich interessante Beobachtung gemacht. Zu Beginn der Lehre war ich beim Anstellen im Sport vorn auf dem dritten Platz und bis zum Ende der Lehre wurde ich bis auf den drittletzten Platz „durchgereicht“. Bei den Lehrlingen, die nach uns kamen, war das Größenspektrum noch viel stärker ausgeprägt.

Ein schreckliches Ereignis während der Lehrzeit war das Grubenunglück, eine Kohlenstaubexplosion in der 1. Abteilung des Steinkohlenwerkes „Karl Marx“ am 22. Februar 1960 in Zwickau mit 123 Toten. Darunter waren auch zwei Bergarbeiter, Vater und Sohn, aus Oppach, meinem Heimatdorf: Georg Köhler (1908–1960) und Siegfried Köhler (1942–1960).

Während der Lehrzeit überschatteten auch zwei tödliche Arbeitsunfälle unter den Förderlehrlingen den normalen Arbeitsalltag: der schreckliche Unfall von Klaus Schricker, der an einem Bremsberg auf einen Haspel aufgewickelt wurde. An den anderen, nicht weniger schrecklichen Unfall des Lehrlings Barthel kann ich mich nicht mehr genau entsinnen. Zum Verständnis: Förderlehrlinge waren in der Regel Abgänger aus der 5. oder 6. Klasse der Grundschule – also mindestens zweimal sitzengeblieben. Klaus Schricker hätte niemals als Förderlehrling eingestellt werden dürfen! Er war ziemlich unbedarft und wurde auch von seinen Mitlehrlingen extrem gehänselt. Das führte sogar zu einem Selbstmordversuch durch Erhängen. Er wurde von seinem Mitlehrling Barthel in letzter Minute gerettet. Lange konnte man die Strangulierungszeichen am Hals sehen. Beide fanden den frühen Tod bei der Arbeit unter Tage.

Trotz dieser traurigen Ereignisse standen wir Lehrlinge fest zu unserem Beruf. Kein einziger Lehrling unserer Klasse hat die Lehre abgebrochen, obwohl uns nach dem Grubenunglück ein Abbruch ohne Nachteile angeboten wurde. Bergmänner sind einfache und in gewisser Weise doch stolze Leute. Wo ist dieser Stolz in der heutigen Zeit geblieben?

Eine wichtige Lehre aus der Untertagearbeit war: Man muss seinem Partner, auch unter extrem schwierigen Bedingungen, blind vertrauen können. Und das konnte man!

Neben der täglichen praktischen Geologie in der Grube wurde auf gelegentlichen Fahrradtouren auch die Umgebung erkundet. In lebhafter Erinnerung ist insbesondere eine Tour im Oktober 1960 zum Schneckenstein mit Peter Haupt, einem Mitlehrling, geblieben. Sein Vater war beim Niederbringen der Erkundungsbohrung 5 unmittelbar am Fels beteiligt. Diese Bohrung wurde unter Leitung von Ludwig Baumann und dem Objektgeologen Siegfried Gorny im Zuge der Erkundung der Zinnlagerstätte Tannenberg-Mühlleiten angesetzt.

Die ersten meiner Schneckenstein-Topase stammen von diesem Besuch. Damals gab es noch keine Absperrung. Man konnte lustig an dem Felsen herumklopfen. Eine Topas-Probe von damals enthält recht spektakuläre, mehrphasige Flüssigkeitseinschlüsse, die schon mehrmals in der wissenschaftlichen Einschlussliteratur „abgelichtet“ wurden. So z. B. in Ed Roedders „Fluid Inclusions“ (Review in Mineralogy, Band 12) aus dem Jahre 1984 oder im extra Lapis Band 14 (englische Edition), erschienen im Jahr 2011.

Der Schneckenstein mit seinen Topasen hat mich praktisch nie mehr losgelassen. Zahlreiche geführte oder selbst ausgeführte Erzgebirgs-Exkursionen tangierten immer wieder diesen exponierten Aufschluss und regten verschiedene Arbeiten zum Topas oder zum Fluor an.

Während der Lehre habe ich gemerkt, dass einseitige Bildung nicht weiterhilft. Das vermittelte Wissen und Können war auf den „Berg“ zugeschnitten und war sehr elementar. In einer anderen Umgebung nutzte dieses nichts – nur die Grundtugenden blieben.

Der regelmäßige Besuch der Stadtbibliothek Zwickau diente dazu, die großen Lücken in der Allgemeinbildung zu schließen. Beim Anmelden, zusammen mit Peter Haupt, gab es eine spaßige Einlage. Peter wollte sich Brehms Tierleben ausleihen. Er hatte nicht die geringste Vorstellung. Die Dame am Tresen machte darauf aufmerksam, dass es mehrere Bände sind. Peter antwortete kurz: dann nehme ich alle beide!

Bei einem Wissensquiz zur Weihnachtsfeier 1959 gewann ich einen Büchergutschein, den ich zum Kauf von Arno Schüllers „Die Eigenschaften der Minerale Band II“ aus dem Akademie-Verlag Berlin einlöste. Gekauft habe ich dieses Buch in Zwickau. Uli Recknagel machte mich später darauf aufmerksam, dass Arno Schüller (1908–1963) in Friedrichsgrün bei Zwickau geboren wurde. Den Band I erwarb ich danach 1960. Mein Interesse an der Mineralogie und Geologie war unter dem arbeitsbedingten Stress nicht erlahmt. Einen älteren Sammler aus Karl-Marx-Stadt versorgte ich mit geologischen Belegstücken aus dem Grubenbereich Zwickau sowie Material aus den Königshainer Bergen. Eine fünfseitige Aufstellung seiner Sammlungsziele war ein Wegweiser dafür, was gewünscht wurde.

Am Anfang interessierte mich auch eine Tätigkeit als Schießhauer oder Steiger. Ich habe viele Bücher zu der Thematik „Sprengen“ gelesen. Daraus wurde zum Glück nichts. Ich wäre wahrscheinlich auch ein passabler Terrorist geworden. Nach der Lehre wurde ein nicht unerheblicher Teil der Berglehrlinge zum Wachregiment nach Berlin verpflichtet. Das kam für mich nicht infrage. Eine Offizierslaufbahn war für mich überhaupt keine Option. Ich lehnte den Wehrdienst rigoros ab – hier kam ich nach meinem Vater, dessen Ablehnung des Wehrdienstes aus den Erfahrungen mit seinem Vater, Ernst Arthur Thomas, stammte. Er war nach langem Siechtum an den Spätfolgen eines Gasangriffes an der Westfront im Alter von 46 Jahren 1923 verstorben.

Meine etwas kritische Einstellung zum gesellschaftlichen System muss man wohl schon damals gespürt haben. Anfang 1960 stellte ich gemeinsam mit Peter Haupt einen Aufnahmeantrag in die SED. Das war damals unsere innere Einstellung, geboren aus der harten und nach unserem damaligen Verständnis wichtigen Arbeit im Steinkohlenbergbau: Ich bin Bergmann, wer ist mehr? Ohne angeworben zu sein, reichten wir die Unterlagen bei unserem Lehrausbilder Herrn Bauer ein. Die Unterlagen verschwanden auf Nimmerwiedersehen – sie sind wahrscheinlich beim Durcheinander nach dem schrecklichen Grubenunglück irgendwie verloren gegangen. Das ist meine Interpretation und es war aus der heutigen Perspektive ein glücklicher Umstand. Es gab dann nie wieder derartige Versuche, auch nicht im Ansatz.

Am Ende der Lehrzeit änderte sich die Situation im Steinkohlenbergbau. Die internatsmäßige Ausbildung von Lehrlingen wurde 1959/61 aufgegeben. Die Wohnheime wurden der Lehrerausbildung zur Verfügung gestellt. Obwohl es uns anders vermittelt wurde, dachte man damals bereits über eine allmähliche Einstellung des Steinkohlenbergbaues nach, die dann aber erst ab 1967 eingeläutet wurde. Die aus dem Zwickauer Bergbau stammenden Studenten an der Bergakademie Freiberg wurden bis 1967 relativ gut betreut: Es gab ein beachtliches Büchergeld und jährlich ein geselliges Treffen mit den Betreuern in einer Gaststätte.

Diese Betreuung war nur für kurze Zeit der einzige Faden nach Zwickau, da mit dem Auszug aus dem Wohnheim alle Verbindungen und Beziehungen zu den Mitlehrlingen beendet waren. Die letzte Stunde im Lehrlingswohnheim ist mir in unangenehmer Erinnerung geblieben: Da die Lehrzeit beendet war und 4 Wochen Urlaub anstanden, wurde am letzten Tag das Lehrlingsentgelt für zwei Monate ausgezahlt. Mein Koffer war gepackt und die Brieftasche mit dem Bahnticket lag darauf. Ich bin kurz noch einmal in den Waschraum gegangen und die etwa drei Minuten reichten aus, mir das Geld – ca. 600 Mark – aus der Brieftasche herauszunehmen, was ich auch leider erst zuhause in Oppach bemerkte. Natürlich hatte eine Anzeige bei der Zwickauer Polizei keinen Erfolg.

Unabhängig von dieser bösen Erfahrung sind mir die meisten Mitlehrlinge in guter Erinnerung geblieben. An die meisten Namen kann ich mich noch heute erinnern: Dippmann, Klaus Dölling, Rüdiger Dzubiella (Karl-Marx-Stadt/Chemnitz), Peter Haupt, Jürgen Kranich (aus Frankfurt/Oder), Klaus Schlei, Jürgen Schlosser (Plauen), Bernd Seidel, Dieter Thielecke (Dresden), Jens Trauer, Gerhard Zurawski (Plauen), und Manfred. Manfred war mein bester Freund während der Lehrzeit. Aber seinen Familiennamen habe ich vergessen und ich kann mich partout nicht mehr erinnern. Der Speicher im Gehirn ist immer für ein paar Überraschungen gut.

Ein Leben für die Einschlussforschung – ein Freiberger Mineraloge erzählt

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