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Das Warum

Mein Vater, Gerhard Arthur Thomas (geb. am 27. August 1915 in Oppach, gest. am 25. Juni 1994 im Krankenhaus Ebersbach) verwendete in den späteren Jahren als Rentner viel Zeit, um eine Geschichte seines Heimatdorfes zu schreiben. Sein zu früher Tod beendete dieses Vorhaben jäh. Im ungeordneten Nachlass gab es Berge von Notizen, Manuskripte, viele Niederschriften und Quellenstudien, oft als Mikrofiches. Das meiste war in seiner typischen, aber schwer leserlichen Handschrift verfasst. Da der Haushalt rasch aufgelöst werden musste, landete alles ungeordnet erst einmal in Kisten und Säcken. Es fehlte ein Konzept, ein roter Faden. Christian Hermann (Freund aus der Grundschulzeit, später wissenschaftlicher und promovierter Mitarbeiter im Armeemuseum in Dresden) bat meine jüngste Schwester Bettina um diese Unterlagen. Aus für mich unerklärlichen Gründen ist aber alles irgendwann auf dem Müll gelandet. Das über Jahre angesammelte Wissen war endgültig verloren. Auch eine große Sammlung von Stilblüten aus den vielen Jahren Unterricht war dabei. An einige kann ich mich noch gut erinnern, z. B.: „Die Römer haben die Schlacht im Teutoburger Wald deshalb verloren, weil sie von der SPD verraten wurden“ oder „Der Limes rannte in Rom herum und raufte sich die Barthaare“.

Dieses in keiner Weise vorbereitete Ende habe ich, obwohl es sich nach dem Tod meiner Mutter ein Jahr vorher (15.03.1993) bereits irgendwie abzeichnete, sehr schmerzlich empfunden. Mein Vater hat in dieser Hinsicht nichts getan, hat niemanden ins Vertrauen gezogen.

Aber der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich wurde mehrmals von verschiedener Seite aufgefordert, Erfahrungen und Kenntnisse auf meinem speziellen Gebiet der Einschlussforschung niederzuschreiben. Diesem Schritt bin ich immer wieder ausgewichen. Ich sah keine Notwendigkeit, dafür Zeit zu opfern. Wen sollte so etwas überhaupt interessieren? Wem nutzt es? Außerdem widersprach eine solche Darstellung meinen persönlichen Überzeugungen, sind doch autobiografisch abgefasste Betrachtungen immer irgendwie egozentrisch und neigen neben einer „Schönung“ zur Selbstüberschätzung. Aktuelle Forschungen waren dann ein immer wieder vorgeschobener Vorwand, um sich vor dieser Aufgabe herumzudrücken. Nach meinem Renteneintritt Ende August 2007 gab es tatsächlich noch eine Reihe von Arbeiten fertigzustellen, die für die Diskussionen zur Pegmatitgenese nicht aufgeschoben werden konnten. Mit meinen Arbeiten, die seit dem Jahr 2000 an Fahrt gewannen, habe ich diese Diskussionen erneut angefacht. Da sich David London als ein sehr hartnäckiger Widersacher einflussreich in meinem Weg stellte, war ich genug motiviert, den Fehdehandschuh aufzunehmen. Die notwendige Energie für dieses Vorhaben erhielt ich von vielen Wegbegleitern der letzten 45 Jahre, die nicht das Glück hatten, kontinuierlich ein interessantes Forschungsfeld über so lange Zeit beackern und bestellen zu können. Die Urbarmachung war ein langer Prozess und die spärlichen Früchte der Saat können nun, zwar sehr spät, eingefahren werden. Aber auch diese Früchte haben manchmal einen bitteren Beigeschmack. Unehrlichkeiten, Missgunst, Egoismus und Ignoranz sind auch nach meinem offiziellen Ausscheiden ständige Wegbegleiter. Der vorangegangene Satz spricht für einen durch Frustration und Unzufriedenheit bestimmten Lebensweg – dem ist aber nicht so. Man darf solche Stimmungen aber nicht einfach unter den Teppich kehren, man muss die Quellen und Ursachen beim Namen nennen – nur so kann man auch die richtigen Lehren daraus ziehen.

Da ich in meinem Leben niemals einen Kalender oder ein Tagebuch geführt habe, fußt das Vorhaben nur auf eigenen Erinnerungen und einigen Dokumenten und verstreuten Notizen, die verblieben sind.

Letztlich initiiert wurde der durch persönliche Erfahrungen diktierte Lebensbericht durch die Beiträge „Zur Geschichte der Geowissenschaften in der DDR“ in der Schriftenreihe für Geowissenschaften im Heft 18 des Jahres 2011. Vieles ist dort nur angerissen worden. Die eigentlichen Umstände, die Triebkräfte für meinen – meist einsamen – Weg blieben im Nebel verborgen. Außerdem ist es unüblich, dass eine Person aus der zweiten oder dritten Reihe ihren gegangenen Weg beleuchtet. Aus dem Schatten heraus zu erzählen ist aber vielleicht ganz reizvoll. Ermutigt zum Schreiben wurde ich mehrfach auch von Professor Otto Leeder (1933–2014) aus Freiberg. Nachdem ich ihm eine erste Fassung zum Lesen gegeben hatte, kam prompt die erwartete kritische Reaktion: Eine solche Selbstdarstellung ist eigentlich nicht für die Allgemeinheit bestimmt. Besser wäre eine etwas nüchternere Darstellung des Werdeganges der Einschlussforschung in Analogie zu den oben erwähnten Beiträgen zur Geschichte der Geowissenschaften. Diese Meinung kann man sicherlich nicht überzeugend entkräften, da alle dargelegten Beobachtungen und Wertungen etc. eindeutig einen subjektiven Stempel tragen. Das müssen sie auch – eine imaginäre Objektivität gibt es nicht. Aber gerade dadurch gewinnt eine solche persönliche Darstellung aus der x-ten Reihe eine gewisse Berechtigung.

Rückblickend aus den gelebten Erfahrungen in drei so unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen wie es das Deutsche Reich, die DDR und die BRD waren und sind, kann ich resümieren, dass a priori nicht die Gesellschaftsordnungen entscheidend sind, sondern immer die Menschen mit ihren Stärken und Schwächen. Die jeweilige Gesellschaftsordnung überhöht, manchmal exponentiell, die vorhandenen, meist verborgenen Schwächen, die unter anderen Bedingungen nicht zum Tragen gekommen wären. Das wurde in den 12 Jahren Faschismus exzessiv genutzt und praktiziert. Der millionenfache Mord wurde von kranken Gehirnen ausgedacht und von den vielen, oft namenlosen anderen, ohne ernstlich nachzudenken praktiziert. Die Auswirkungen dieser menschlich kurzen Zeitspanne haben lange Schatten, die bis in die Gegenwart reichen. Sie sind einfach in der Psyche begründet. Nicht anders kann man beispielsweise das bewusste Verwenden von Gammelfleisch in der Lebensmittelindustrie sehen und verstehen. Das menschenverachtende Gedankengut ist immer präsent – tarnt sich in Zeiten eines demokratischen Aufbruchs –, um bei bester Gelegenheit mit aller Schärfe wieder hervorzubrechen. Aus dieser Sicht bleibt die ersehnte, oft beschworene Demokratie eine Fata Morgana – eine Illusion. Was wir in den letzten Jahren in der BRD erleben, ist keine Demokratie, sondern eine Scheindemokratie oder besser eine Diktatur des Geldes.

Ein Leben für die Einschlussforschung – ein Freiberger Mineraloge erzählt

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