Читать книгу Am hellichten Tag - Simone van der Vlugt - Страница 9

5

Оглавление

Auf der Höhe von Frankfurt sieht Nathalie von der Autobahn aus ein Novotel-Logo. Sie setzt den Blinker und nimmt die Ausfahrt.

Hinter ihr schreit Robbie zum Steinerweichen, aber sie kann sich jetzt nicht um den Kleinen kümmern. Also begnügt sie sich damit, über den Rückspiegel Blickkontakt aufzunehmen und dabei Kinderlieder zu singen, die sie von früher kennt.

Doch das hilft nicht viel. Nur hin und wieder schweigt Robbie, um Luft zu holen und dann mit neuer Energie loszubrüllen.

Er hat genug vom Autofahren und Nathalie ebenfalls. Sie fährt in die Tiefgarage des Hotels, holt den Buggy aus dem Kofferraum und klappt ihn auf. Kaum sitzt Robbie darin, hört er auf zu schreien. Froh um die himmlische Ruhe, seufzt Nathalie auf.

Sie hängt ihr Gepäck an die Handgriffe und schiebt den Buggy vor sich her zum Aufzug.

»Guten Abend.« Die Rezeptionistin lächelt Nathalie freundlich an und wirft dann einen mitleidigen Blick auf das verweinte Kind mit dem hochroten Kopf.

Ja, selbstverständlich könne sie ein Zimmer haben, beantwortet sie Nathalies auf Englisch gestellte Frage und greift nach einem Formular. Hastig füllt Nathalie es aus, holt ihren Pass aus der Tasche und legt ihn auf den Tresen.

Die junge Frau überfliegt das Formular.

Gespannt wartet Nathalie ab. Weder Pass noch Führerschein ist auf ihren richtigen Namen ausgestellt. Beide Dokumente sind gefälscht, nur hat sie sie bisher noch nie im Ausland vorzeigen müssen. Sie atmet erleichtert auf, als die Frau nickt.

Nathalie erkundigt sich, ob sie auf ihrem Zimmer ins Internet könne, und erfährt, dass es mit einem drahtlosen Zugang ausgestattet ist, vierundzwanzig Stunden zu achtzehn Euro. Ob sie einen Laptop dabeihabe?

Nathalie nickt. Sie nimmt die Schlüsselkarte in Empfang und schiebt den Buggy samt Robbie und ihrem Gepäck zum Lift.

Ihr Zimmer befindet sich in der dritten Etage. Es ist nicht gerade groß, bietet aber alles, was sie braucht: ein Bett mit guter Matratze, einen Schreibtisch, zwei Sessel um ein rundes Tischchen, einen Fernseher und eine Minibar.

Sie stellt den Buggy vor den Fernseher, zappt durch die Kanäle, bis sie eine Kindersendung findet, stellt dann ihren Laptop auf den Schreibtisch und schließt ihn an.

Während er hochfährt, inspiziert sie die Minibar. Eine kleine Flasche Weißwein, sehr gut! Das braucht sie jetzt.

Als sie den Schraubverschluss öffnet, fällt sie vor Hunger fast um. Mit einer Hand schenkt sie sich ein, mit der anderen greift sie nach der Speisekarte des Restaurants. Während sie liest, nimmt sie ein paar Schlucke und spürt sofort, wie ihr der Alkohol zu Kopf steigt. Kein Wunder, schließlich hat sie den Tag über kaum etwas gegessen.

Sie gibt ihre Bestellung an den Zimmerservice durch.

Nathalie ruft Google auf und gibt verschiedene Suchbegriffe ein, doch die angezeigten Treffer verweisen nicht auf einen Mord in einem Brabanter Landhaus.

Der Anruf von Vincents Handy aus beweist jedoch, dass die Leiche gefunden wurde. Gut möglich, dass die Polizei die Medien noch nicht informiert hat ...

Aber solange ihr Handy ausgeschaltet ist, kann man sie nicht orten. Zumindest hofft sie das.

Als Robbie zu quengeln beginnt, steht sie auf.

»Ach, mein Kleiner, du hast ja Hunger! Fast hätte ich dich vergessen.«

Sie nimmt den Babykostwärmer aus der Reisetasche, füllt ihn zur Hälfte mit Wasser und stellt ein Gläschen mit orangefarbenem Inhalt hinein: Möhren mit Fisch. Bis der Brei die richtige Temperatur hat, lenkt Nathalie das weinende Kind ab, indem sie ihm die neuen Spielzeuge hinhält.

Das gefällt Robbie offenbar, denn er strahlt sie an, sodass sie ganz gerührt ist.

Sie kniet sich neben den Buggy.

Es klopft. Nathalie fährt herum und bekommt prompt Herzrasen.

Sie steht auf, geht zur Tür, macht aber nicht auf.

»Ja, bitte?«

»Zimmerservice.« Eine Männerstimme.

Nathalie öffnet die Tür nur einen Spaltbreit. Im Flur steht ein Mann mit einem Tablett. Sie nimmt es ihm ab, bedankt sich und schiebt die Tür mit dem Fuß wieder zu.

Das Beefsteak und die Bratkartoffeln duften verführerisch.

Sie trägt das Tablett zum Tisch und geht dann ins Badezimmer, um Robbies Möhrenbrei zu holen. Wie gut, dass sie nun den Buggy hat: Sie stellt ihn neben ihren Stuhl und füttert das Kind, während sie selbst isst.

Mit einer warmen Mahlzeit im Magen fühlt sie sich gleich bedeutend besser. Trotzdem will sie früh schlafen gehen. Weil der Kleine immer sehr früh wach wird, ist an Ausschlafen nicht zu denken. Aber das hat sie auch gar nicht vor, zumal ihr wieder eine lange Fahrt bevorsteht.

Als Nathalie im Bett liegt, kann sie lange nicht einschlafen. Sie starrt in die Dunkelheit. Erinnerungen kommen hoch und drohen sie regelrecht zu überrollen.

Unruhig wirft sie sich im Bett hin und her und ist ihren bedrückenden Gedanken hilflos ausgeliefert.

Am hellichten Tag

Подняться наверх