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Die Erfahrung aus der Gruppe in den Alltag übertragen

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Damit das Leben in einer Therapiegruppe nicht nur zu einem tröstlichen Ersatz für das unbefriedigende eigene Leben außerhalb der Gruppe wird, ist es wichtig, dass Gruppenteilnehmer die Erfahrungen aus der Gruppe in ihren Alltag übertragen lernen. Eine nicht immer leichte Aufgabe.

Oft ist der Kontrast zwischen dem Hier-und-Jetzt in der Gruppe zu dem Dort-und-Jetzt groß, eine als unüberwindbar und schmerzlich erlebte Kluft. Allein schon diese Tatsache in der Gruppe anzusprechen und zuzugeben ist oft schambesetzt. Diese Scham, manchmal auch stille Verzweiflung, zu überwinden, hilft oft die Tatsache, dass die anderen Gruppenmitglieder Ähnliches erleben und sich ebenfalls vor diese schwierige Aufgabe gestellt sehen.

Nehmen wir an, dem Gruppenmitglied Alina ist es zunächst in einer Reinszenierung für ein anderes Gruppenmitglied (also stellvertretend für jemand anderen) gelungen, ihr Bedürfnis laut und klar anzumelden, dass auf ihre Wünsche mehr eingegangen wird.

Dann, als nächste Herausforderung, hat sie es auch im direkten Kontakt mit einem anderen Gruppenmitglied geschafft, einen Wunsch klar zum Ausdruck zu bringen, hat einen daraus entstandenen Konflikt erfolgreich durchgestanden und ihr Bedürfnis gut durchgesetzt. Für Alina ungewohnte Erfahrungen, an denen sie aber Geschmack gefunden hat. Sie hat eine Ahnung davon bekommen, wie viel erfüllter ihr Leben aussehen kann, wenn ihr das im Alltag öfter gelingen könnte.

Doch jetzt sind die Bedingungen erschwert. Zum einen, weil Alinas Umwelt daran gewöhnt war, dass sie ihre Bedürfnisse eher hintanstellt und – wenn überhaupt – nur indirekt anmeldet. Sei es auf der Arbeit, wo sie bisher immer leise murrend Überstunden und mitunter unzumutbare Arbeitsbedingungen hinnahm, da sie schlecht Grenzen setzen konnte. Alina könnte jetzt für ihren Arbeitgeber unbequem werden.

Zum anderen kommen bei Alina jetzt auch Existenzängste ins Spiel: »Werde ich meinen Arbeitsplatz verlieren, wenn ich klarer und selbstbewusster meine Grenzen setze?« Und: Es ist natürlich verlockend und aufregend, die Grenzen neu zu testen.

Auch im Privatleben merkt Alina deutlicher, wie oft sie sich zurücknimmt und ihr Partner dies als selbstverständlich voraussetzt. Hier kommt es unweigerlich auch in der Partnerschaft zu Unruhe. Alina wird häufig auf Widerstand beim Partner stoßen, wann immer sie für ihre eigenen Bedürfnisse eintritt. Es wird Auseinandersetzungen und Kampf geben. Wer gibt schon gerne liebgewonnene Privilegien und Verhaltensmuster auf?

Partnerschaften und auch Freundschaften geraten aus den Fugen, wahrscheinlich waren sie schon vorher für Alina unbefriedigend, wenn auch nur diffus und der Zusammenhalt von konfluenter Natur. Auch hier können Existenzängste ganz anderer Art auftreten. »Wird sich mein Partner von mir trennen oder ich mich von ihm? Werde ich all meine Freunde verlieren? Werde ich die Einsamkeit und das Alleinsein ertragen können?«

Diese Ängste können so groß sein, dass sie sie lähmen und es Alina nicht gelingt, die in der Gruppe gemachten Erfahrungen in ihren Alltag zu transferieren.

Die Angst vor Veränderung kann natürlich auch gegenteiliger Art sein:

• Kann ich es aushalten, mich mehr zurückzunehmen?

• Kann ich außerhalb der Gruppe überhaupt Intimität zulassen und verbindliche Beziehungen aushalten?

Wichtig ist, dass der Gruppenleiter mit diesen Transferschwierigkeiten rechnet und sie in der Gruppe zum Thema werden können. Hierzu dienen vor allem die Anfangs- und Endrunden. Für die Eingangsrunde kann mit folgenden Fragen an das letzte Gruppentreffen angeknüpft werden:

• Wie hat das, was ihr das letzte Mal in der Gruppe erlebt habt, in eurem Alltag nachgewirkt?

• Was ist seit unserem letzten Treffen passiert, das ihr den anderen und mir mitteilen wollt?

• Gibt es etwas, das für euch noch offen geblieben ist, das euch noch nachhaltig beschäftigt hat?

• Und natürlich auf diesem Hintergrund: Was ist euer Anliegen heute Abend in dieser Gruppe?

Für die Abschlussrunde eines jeden Treffens ist es für die Teilnehmer hilfreich zu formulieren:

– was ihnen wichtig war.

– was sie bewegt und berührt hat.

– was sie inspiriert und ihnen gut getan hat.

– was ihnen vielleicht auch nicht gefallen hat.

– was sie auf irgendeine Weise unangenehm berührt oder unzufrieden gemacht hat.

– ob das Anliegen, mit dem sie heute Abend in die Gruppe kamen, erfüllt wurde.

– was sie eventuell als Hausaufgabe mitnehmen wollen, etwas, das sie in ihrem Alltag ausprobieren wollen oder auf das sie bewusst ihre Aufmerksamkeit lenken wollen.

Meine Erfahrung als Gruppenleiterin ist, dass im Anfangsstadium einer Gruppe ihre Teilnehmer oftmals gegen eine Kontinuität der Gruppenerfahrung arbeiten und auch wenig Interesse am Transfer ihrer Erfahrungen in ihren Alltag haben. Dadurch entsteht leicht eine scheinbar zusammenhangslose Reihe von separaten Gruppenepisoden, die zunächst im luftleeren Raum zu schweben scheinen. Wie eine Oase in der Wüste, die sich allerdings beim Näherkommen als Fata Morgana entpuppen wird.

Begünstigt wird diese Gruppenkultur durch eine (häufig falsch verstandene) Betonung des Hier-und-Jetzt-Prinzips, eine der wesentlichen Merkmale der Gestalttherapie. Vielleicht sind wir in unserer Kultur auch so sehr an eine Fragmentierung unserer Erfahrung gewöhnt, dass ein Gewahrsein für unser gesamtes Dasein mit all ihren Brüchen und zum Teil widersprüchlichen Anforderungen uns fremd ist, Unwohlsein und damit Widerstand erzeugt.

In der Gestaltarbeit gilt es, die Integrationsfähigkeit unserer vielfältigen Erfahrungen zu fördern. Für Alina würde das bedeuten, dass sie aufgrund ihrer neuen Erfahrungen in der Gruppe testen kann, ob sie sich auch in ihrem Beruf und ihrem Privatleben mehr Gehör für ihre Bedürfnisse verschaffen kann. Sie wird dabei die Entdeckung machen, dass sie je nach Kontext unterschiedlich vorgehen und ihre Kontaktfähigkeit noch weiter differenzieren muss. Auch hierfür kann sie zunächst die Gruppe nutzen (vgl. Kapitel «Das kreative Potenzial der Gruppe nutzen«).

Zum Abschluss möchte ich noch betonen, dass es sich bei meinen Ausführungen um einen idealtypischen Verlauf des Gruppengeschehens handelt. Die einzelnen Phasen sind nie so klar voneinander abgetrennt, noch befolgen sie immer die beschriebene Reihenfolge. Sie bedingen sich gegenseitig und werden immer wieder aufs Neue durchlaufen.

Diese Landkarte dient mir auch zur Orientierung, wenn Gruppenteilnehmer auf der Stelle treten und sich nicht verändern. Mit ihrer Hilfe kann ich überprüfen, wo ich vom Weg abgekommen bin und was ich übersehen oder übersprungen habe.

Gestalttherapie mit Gruppen

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