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BERGSTEIGEN ALS SYMBOLISCHE PRAXIS


2 Henriette d’Angeville besteigt den Montblanc. Zeitgenössische Lithografie von Frédéric Margueron, Genf.

An einem Septembermorgen im Jahr 1838 machte sich die 44-jährige französische Adlige Henriette d’Angeville (1794–1871) zusammen mit zwölf Bergführern und Trägern und einem Hund auf, den höchsten Berg Europas, den Montblanc, zu besteigen. Sie schaffte es, den 1786 erstmals bestiegenen Gipfel zu erreichen, und verfasste einen umfangreichen Bericht über ihre Expedition. An ihrem Beispiel lässt sich sehr gut zeigen, wie Bergsteigen als symbolische Praxis genutzt wurde, um sich als Teil der gesellschaftlichen Elite zu inszenieren. Die Inszenierung fand dabei nicht erst im nachträglich verfassten Tourenbericht statt, sondern durchaus schon unterwegs.

Darauf weist auch die kanadische Soziologin Judith Adler in ihrem Aufsatz «Travel as Performed Art» hin. Sie deutet Reisen als eine symbolische Praxis, die viel mit darstellender Kunst gemeinsam hat: Adlers Ansicht nach erzeugt nicht erst der Bericht über eine Reise, sondern schon die Reisetätigkeit wie eine Art Theater oder Performance zahlreiche Bedeutungen: Reisende machen dabei durch die Art der Inszenierung ihrer Reise (gewollt oder ungewollt) Aussagen über sich selbst und über die Welt. Sie setzen Zeichen durch die Wahl ihres Reiseziels, ihrer Bekleidung und der Unterkunftsorte, durch die Art der sozialen Kontakte, die sie unterwegs pflegen, die Verwendung bestimmter Transportmittel und durch die Wahl der Motive, die sie als Grund für ihre Reise angeben. Bei ihrer Performance orientieren sie sich an Reisen, die andere vor ihnen gemacht haben, und bedienen sich aus dem Fundus gängiger Erzählmuster: Die eine Reise ist als Eroberung neuen Territoriums angelegt, eine andere als Suche nach dem Paradies auf Erden. Manche Reisende sehen die bereiste Welt als eine Art Buch, das es zu studieren gilt, andere wiederum glauben, an entlegenen Orten und bei weniger «zivilisierten» Menschen ihre eigene Vergangenheit und Herkunft besichtigen zu können. Adler spricht in diesem Zusammenhang von «Reisestilen».1 Diesen Ausdruck übernehme ich im Folgenden.

Wer als «richtiger» Bergsteiger, als «richtige» Bergsteigerin anerkannt werden wollte, musste sowohl unterwegs auf grosser Fahrt wie auch im anschliessend darüber verfassten Bericht den richtigen Stil wahren – denjenigen, den die Diskursgemeinschaft der Alpinisten jeweils für richtig hielt. Um das alpinistische Stilrepertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geht es in den beiden ersten Teilen dieses Kapitels. Henriette d’Angevilles Beispiel belegt, dass Bergsteigen schon damals eine von zahlreichen Normen geprägte Tätigkeit war. Angevilles Expedition fand in den Anfängen der touristischen Erschliessung der Alpen statt. Sie selbst sah sich als Pionierin und wird heute noch oft als erste Bergsteigerin überhaupt genannt. Gleichwohl war ihre Expedition keine völlig autonome Angelegenheit, sondern bezog sich auf zahlreiche bereits bestehende Vorstellungen über das «richtige» Reisen in den Alpen.

Anhand ihrer Aufzeichnungen und einer Reihe aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammender klassischer Texte versuche ich, den wichtigsten Topoi des alpinistischen Reisens und Schreibens auf die Spur zu kommen. Ich stelle vier Reisestile vor, welche die Anfänge des modernen Alpinismus besonders geprägt haben: 1.) die Pilgerreise, 2.) das ästhetische Landschaftserlebnis, 3.) die wissenschaftliche Expedition und schliesslich 4.) die Suche nach einem «goldenen Zeitalter» in den Alpen. Wie Adler gehe ich davon aus, dass die von mir untersuchten Bergsteigerinnen und Bergsteiger ihre Erfahrungen schon unterwegs nach kulturell vorgegebenen Schemata strukturiert und sich dazu eines ihnen bereits bekannten Stilrepertoires bedient haben.2 Abgeschlossen ist eine Reiseperformance aber erst dann, wenn auch darüber berichtet wird, sei es nun mündlich oder schriftlich, im privaten oder öffentlichen Rahmen.3 Zur «richtigen» Beherrschung der symbolischen Praxis einer Bergtour gehörte daher stets auch das Schreiben eines Tourenberichts, der bestimmten Konventionen genügen musste und im Idealfall publiziert wurde. Auf dieses Schreiben und die für Frauen damit verbundenen Probleme komme ich im dritten Teil dieses ersten Kapitels zurück.

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