Читать книгу Gipfelstürmerinnen - Tanja Wirz - Страница 9
ОглавлениеFORSCHUNGSSTAND UND QUELLEN
Die Literatur über Bergsteigen und Tourismus in den Alpen ist umfangreich und wächst stetig weiter.35 Das meiste davon richtet sich an eine breite Leserschaft. Die Autoren – oft aktive Alpinisten – betonen die heroischen Aspekte des Bergsteigens und legen den Schwerpunkt auf Namen, Daten und Ereignisse, die oft isoliert vom übrigen gesellschaftlichen Wandel beschrieben werden. Der österreichische Bergsteiger Karl Ziak stellte 1936 in seinem Buch «Der Mensch und die Berge. Eine Weltgeschichte des Alpinismus» als einer der Ersten das Bergsteigen in einen breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang, doch er blieb bis heute unter den Autoren, die sich an ein breites Publikum richten, die Ausnahme. Repräsentativer für die populäre Literatur sind Jim Rings von der Presse hoch gelobtes Buch «How the English Made the Alps» aus dem Jahr 2000 und Fergus Flemings «Killing Dragons» von 2002. Beide nehmen eine stark nationalistische Perspektive ein und präsentieren die englischen Bergsteiger als eigentliche «Kolonisatoren» der Alpen.
Wissenschaftliche Literatur zum Alpinismus existiert vor allem im deutschen und französischen Sprachraum; zumeist handelt es sich dabei um Institutionengeschichte nationaler und lokaler Alpenclubs. Das wichtigste Resultat der deutschsprachigen Forschung: Obwohl sich die bürgerlichen Alpenclubs als unpolitisch verstanden, waren sie Orte politischen Handelns, wo nationalistische und in manchen Fällen gar faschistische Ideen entwickelt wurden.36 Die meisten Autoren sind sich einig, dass der Alpinismus eine «Erfindung» des städtischen Bürgertums war, verschiedene weisen aber darauf hin, dass die bürgerliche Kulturtechnik Bergsteigen bald auch von jenen übernommen wurde, die sich als Herausforderer der bürgerlichen Werte sahen, zum Beispiel von den sozialistischen Naturfreunden und vom so genannten Wandervogel mit seinen engen Verbindungen zur Lebensreformbewegung.37 Im deutschsprachigen Raum wurden also vor allem Institutionen und (politische) Ideen analysiert. Die französischsprachige, in der Tradition der Annales-Schule stehende Forschung hingegen untersucht mit Vorliebe die Bergsteiger als soziale Gruppe mit einer spezifischen Mentalität.38 Diesen Untersuchungen zufolge war die Haltung der französischen Alpinisten der Dritten Republik stark nationalistisch und militaristisch geprägt. Gleichzeitig verstanden sich die französischen Alpenclubs als Gelehrtengesellschaften, die wissenschaftliche Erkenntnisse popularisieren wollten. Die Geschichte der sozialen Gruppe der Bergführer allerdings bleibt noch zu schreiben: Einzig die Dissertation des Geografen Philippe Bourdeau von 1991 befasst sich mit Bergführern, und zwar den zeitgenössischen, im Gebiet um Grenoble.39
Forschungslücken zeigen sich in folgenden Bereichen: Der Schweizer Alpenclub SAC ist im Vergleich zu den Alpenvereinen anderer Länder kaum untersucht.40 Zudem fand die bisherige Forschung fast immer innerhalb nationaler Grenzen statt, obwohl Bergsteigen in ganz Westeuropa beliebt war und nicht selten Anlass zu persönlichen Kontakten über die Grenzen hinweg bot. Ebenfalls kaum untersucht ist der Geschlechteraspekt, vor allem aus Sicht der Frauen. Mit den Männern befassen sich einige englischsprachige Studien. Sie kommen einmütig zum Schluss, Bergsteigen sei im viktorianischen Grossbritannien ein Symbol für Männlichkeit und imperiale Macht geworden und habe dazu gedient, den gesunden männlichen Körper zu feiern.41 In den neueren deutschsprachigen Studien findet sich gelegentlich ein – durchaus informativer – Abschnitt zum «Sonderthema» Frauen, umfassend mit dem Geschlechteraspekt hat sich aber erst Dagmar Günther befasst: In ihrer vorbildlichen diskursanalytischen Studie zeigt sie anhand der Zeitschriften des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins DÖAV, wie im alpinistischen Diskurs Männlichkeit und Weiblichkeit konstruiert wurden.42
Studien, die sich nicht nur mit dem Bergsteigen, sondern mit der Geschichte der Alpen im Allgemeinen befassen, gibt es viele. Die meisten davon erwähnen den Alpinismus bloss am Rand – vielleicht weil die schreibfreudigen Alpinisten selbst schon überwältigend viel über ihre Tätigkeit geschrieben haben?43 Vor allem die Volkskunde interessierte sich früh für das Studium der alpinen Gesellschaft, doch war sie vorerst mehr an den angeblich traditionellen Lebensstilen der Bauern interessiert als an «moderneren» Aktivitäten, die sich zusammen mit dem Tourismus in den Alpen entwickelten.44 Inzwischen gibt es neuere Zugänge; erwähnt sei die Dissertation des österreichischen Volkskundlers Bernhard Tschofen über den Alpinismus als Teil einer modernen Alpenkultur.45
Eine geschichtswissenschaftliche Richtung, die sich seit Ende der 1980er-Jahre vermehrt gezielt der Alpen annimmt, ist die Umweltgeschichte: Unter dem Eindruck zunehmender Umweltbelastung behandelt sie die Alpen als gefährdetes, zu schützendes Gebiet und hat darin einige Gemeinsamkeiten mit der naturwissenschaftlichen Erforschung der Alpen.46 Die schweizerische Historikerzunft allerdings betrachtet die Alpen bisher am liebsten aus dem Blickwinkel der politischen Ideengeschichte. Im Zusammenhang mit der Entwicklung des modernen Bundesstaates konnte anhand der Analyse des Elitendiskurses über die Alpen gezeigt werden, wie Natur und Landschaft als ideologische Ressourcen für politische Zwecke genutzt wurden, etwa zur Entwicklung einer speziell schweizerischen nationalen Identität.47
Internationale Beachtung gefunden hat ein anderes ideengeschichtliches Gebiet, nämlich die Alpen als Thema von Philosophie und Kunst, im Rahmen der Entwicklung moderner Naturvorstellungen. Besonders ausführlich beschrieben und analysiert worden ist dabei die Alpenbegeisterung der Aufklärer und der Romantik.48 Diese Forschung hat in der alpinistischen Literatur grossen Anklang gefunden: Oft wird die Ansicht geäussert, die Gipfel hätten erst durch Ideen und Diskurse angeeignet werden müssen, bevor sie von Bergsteigern «erobert» werden konnten; die Philosophen und Künstler der frühen Moderne werden damit zu Wegbereitern des Alpinismus.49 Und wie ich vor allem im ersten Kapitel ausführlich zeigen werde, nahmen Bergsteigerinnen und Bergsteiger auch bei der Darstellung ihrer eigenen Unternehmungen gerne Rückgriff auf diese berühmten Vorbilder.
Der Ruf dieser traditionellen Ideengeschichte, die historischen Wandel als Resultat der Ideen einzelner Genies zu deuten sucht, ist nicht mehr der beste, doch mit dem cultural turn sind Ideen auf eine neue Weise zum Untersuchungsgegenstand der historischen Forschung, speziell der neuen Kulturgeschichte, geworden. Gezeigt werden soll dabei, wie Repräsentation und Realität miteinander verknüpft sind, wie Ideen beeinflussen, was Menschen tun und wie menschliches Handeln wiederum zu neuen Ideen führt. Wie unschwer zu erkennen sein dürfte, ist die vorliegende Studie stark von dieser neuen Kulturgeschichte beeinflusst. Deshalb werde ich auch nicht untersuchen, wie die alpine Landschaft und Natur von Einzelnen «entdeckt» und wahrgenommen wurden, sondern vielmehr, wie sie sowohl durch Diskurse wie auch durch Praxis sozial konstruiert wurden.50
LANDSCHAFT ALS TÄTIGKEIT
In jüngster Zeit ist der Themenbereich Landschaft und Raum vor allem im englischsprachigen Raum quer durch die Disziplinen auf so grosses Interesse gestossen, dass die Rede von einem neuen, interdisziplinären Gebiet der landscape studies aufkam.51 Arbeiten aus diesem Bereich, in dem sich Geografie, Philosophie, Geschichte, Architektur, Raumplanung, Kunst- und Literaturgeschichte treffen, haben meiner Untersuchung weitere wichtige Impulse gegeben.52
Viele Autoren dieser Forschungsrichtung kritisieren, dass Landschaft bisher stets als etwas natürlich Vorgegebenes betrachtet und hauptsächlich nach ästhetischen Kriterien bewertet wurde. Vehement weisen sie darauf hin, dass stets das als schön gilt, was den Mächtigen nützt, und dass auch die «natürliche» Landschaft von Menschen gemacht ist: Der amerikanische Kunsthistoriker W. J. T. Mitchell bringt es in knappen Worten auf den Punkt, wenn er schreibt, Landschaft sei eine Tätigkeit.53 Und der britische Sozialgeograf Denis Cosgrove meint in diesem Zusammenhang: «Landscape […] is an ideological concept. It represents a way in which certain classes of people have signified themselves and their world through their imagined relationship with nature, and through which they have underlined and communicated their own social role and that of others with respect to external nature.»54 Die meisten Vertreter der landscape studies verstehen Landschaft demnach als eine spezifisch moderne Art, die Umgebung wahrzunehmen, und zwar aus der Perspektive der nicht involvierten Reisenden, Beobachter, Wissenschaftler und Künstler.
Da das Bergsteigen bei der Entstehung der Schweizer Tourismusindustrie eine wichtige Rolle spielte, musste auch Literatur über Reisen, Reiseberichte und Tourismus beigezogen werden. Die Tourismusforschung ist stark interdisziplinär ausgerichtet, nur schon deshalb ist die entsprechende Literatur enorm umfangreich.55 Die Geschichte des schweizerischen Fremdenverkehrs hingegen ist überraschenderweise sehr schlecht untersucht, obwohl der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz ist. Bis heute gibt es keine umfassende Überblicksdarstellung, sondern lediglich einzelne lokale Studien.56 Ein Lieblingsthema von Schweizer Historikern hingegen ist die teilweise mit dem Tourismus verknüpfte Technikgeschichte, vor allem die Geschichte der beiden «Nationalheiligtümer» Eisenbahn und Landeskarte.57 Wichtiger für mein Thema waren literaturwissenschaftliche Studien über Reiseberichte, die als Hauptregeln des Genres die Tendenz zur Heldenverehrung der Reisenden und zur Exotisierung des und der Fremden hervorheben.58 Ähnliches findet sich in den von mir untersuchten alpinistischen Tourenberichten.
Wie in der neueren Kulturgeschichte üblich, basiert meine Arbeit auf einer grossen Breite von Quellen: Ich habe sowohl publizierte wie unpublizierte Tourenberichte analysiert, öffentliche Publikationen genauso wie Akten und Korrespondenz der Alpenclubs, dazu alpinistische Ratgeberliteratur, Zeitungsartikel und Werbung, Bergsteigerromane, Fotos und Zeichnungen.59 Die schweizerische Quellenlage ist sehr gut, dank der langjährigen Arbeit der SAC-Bibliothek in Zürich und dem Archiv des Schweizerischen Alpinen Museums in Bern. Weitere wichtige Fundorte waren das SAC-Clubarchiv und die Landesbibliothek in Bern sowie das Sozialarchiv in Zürich. Da ich den Alpinismus in der Schweiz in seiner europäischen Dimension betrachten wollte, habe ich meine Recherchen in London und München ergänzt, in der Alpine Club Library, dem Archiv des britischen Alpine Club, und im Alpinen Museum in München, wo jene Archivalien des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, aufbewahrt werden. Zusammen mit der SAC-Bibliothek beherbergen diese beiden Orte die weltweit grössten Sammlungen alpinistischer Literatur.60
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Kurz zusammengefasst geht es in der vorliegenden Arbeit um Folgendes: Von der Untersuchung des kleinen Feldes Alpinismus soll auf grössere gesellschaftliche Zusammenhänge geschlossen werden.61 Anhand der Analyse von Beispielen aus dem alpinistischen Diskurs und der alpinistischen Praxis der Jahre 1840 bis 1940 soll darüber nachgedacht werden, wie die moderne westliche Gesellschaft Landschaft und Körper dazu nutzte, um Identitäten und Wertvorstellungen zu formen.
Im ersten Kapitel erläutere ich am Beispiel einer Bergsteigerin des 19. Jahrhunderts, wie die zum kulturellen Kapital der modernen europäischen Elite gehörende symbolische Praxis Bergtour konkret aussah. Ausserdem stelle ich anhand zahlreicher klassischer Texte vier «Reisestile» vor, die für den frühen Alpinismus besonders wichtig waren und befasse mich mit den berühmten Vorbildern, auf die sich Bergsteigerinnen und Bergsteiger gerne beriefen. Ein weiterer Schwerpunkt gilt dem Verfassen von Tourenberichten, ein zentraler Teil jeder alpinistischen Praxis.
Das zweite Kapitel handelt von der engen Verknüpfung des Alpinismus mit nationalistischen und imperialistischen Tendenzen. Zudem wird ein fünfter Reisestil vorgestellt: die Bergtour als Eroberung. Anhand von Quellenbeispielen aus dem politischen Diskurs der Schweiz des 19. Jahrhunderts zeige ich, wie die Alpen zur nationalen Erinnerungslandschaft gemacht wurden. Nach einem Exkurs zur touristischen Entwicklung der Alpen zeige ich am Beispiel zweier berühmter englischer Bergsteiger, wie die von den Touristen immer intensiver genutzte Landschaft gleichzeitig zur unberührten Wildnis stilisiert wurde, in der es sich zu bewähren galt – eine Deutung, die so populär wurde, dass die im selben Kapitel beschriebene Gründung des SAC nachgerade als «Rückeroberung» verstanden werden konnte. Und schliesslich wurde der Aufenthalt in diesem Gebiet ab Ende des 19. Jahrhunderts als Möglichkeit entdeckt, um aus Jugendlichen Patrioten zu machen – dies zeige ich am Beispiel der Jugendgruppen der Alpenclubs.
Im dritten Kapitel wird erläutert, wie der SAC Ende des 19. Jahrhunderts Bergsteigen zum Männlichkeitsritual machte – ein sechster, den Alpinismus prägender Reisestil –, und wie der Club 1907 schliesslich zum reinen Männerbund wurde. Nach einem Exkurs zu weiteren alpinistischen Ausschlusstendenzen der Jahre 1900 bis 1930 zeige ich, wie Schweizer Bergsteigerinnen diesem Ausschluss 1918 ihren eigenen Club entgegensetzten, und vergleiche diesen mit seinem englischen Pendant, dem Ladies’ Alpine Club. Dieses Kapitel basiert grösstenteils auf Quellen, die bisher nirgends wissenschaftlich ausgewertet worden sind.
Im vierten Kapitel geht es um die Frage, wie sich Bergsteigerinnen im zum «Männerraum» erklärten Hochgebirge bewegten. Eine Reihe von berühmten aber auch unbekannten Bergsteigerinnen wird vorgestellt und ich untersuche verschiedene Aspekte ihrer Tätigkeit, unter anderem die Frage, ob diese Frauen den Alpinismus als Mittel zur Emanzipation betrachteten und inwiefern die «Bergkameradschaft» zwischen Frauen und Männern die Geschlechterordnung tangierte. Zudem zeige ich am Beispiel einiger Extremkletterinnen der 1930er-Jahre, wie sich Bergsteigerinnen nun auch als reine Frauenseilschaften ohne Bergführer versuchten.
Die Themen des fünften Kapitels sind der (weibliche) Körper und die Bekleidung der Bergsteigerin: Die richtigen Kleider, das richtige Aussehen der Frauen galten als Garant für die Ordnung der Geschlechter und Klassen. Bergsteigerinnen durchbrachen diese mit ihren Ausflügen ins Hochgebirge. Sowohl die Frauen selbst wie auch eine umfangreiche Ratgeberliteratur machten sich deshalb Gedanken über Körper, Kleider, Kraft und Konkurrenz. Anhand zahlreicher erstmals ausgewerteter Quellenbeispiele zeige ich, wie diese zumeist männlichen Ratgeber vor allem um die Geschlechterordnung fürchteten und die neue Bewegungsfreude der Frauen in geordnete Bahnen zu lenken suchten, während sich die Bergsteigerinnen selbst hauptsächlich darum sorgten, wie sie bei der ungewöhnlichen Tätigkeit ihren sozialen Status wahren konnten.
Im sechsten und letzten Kapitel schliesslich wird ausgeführt, wie in der Zwischenkriegszeit Teile des alpinistischen Diskurses Eingang in den öffentlichen Diskurs fanden. Anhand einer Auswahl der damals populären Bergsteigerromane und am Beispiel der Diskussionen um das militärische Réduit und der Zeitungsberichterstattung zur Eigernordwandbesteigung zeige ich, wie Bergsteigen in den 1920er- und 1930er-Jahren zur allgemein verständlichen und breit verwendeten Metapher für Selbstermächtigung und Leistung wurde, über welche die Alpinisten keine alleinige Definitionsmacht mehr beanspruchen konnten und die sich bis heute grosser Beliebtheit erfreut. Vorgestellt wird dabei zudem ein siebter alpinistischer Reisestil: die Bergtour als Selbsterfahrungstrip.