Читать книгу Schwindende Gewissheiten - Ursula Reinhold - Страница 13

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Erwartungsfroh ging sie nach ihrer Genesung wieder zur Arbeit. Im Lesesaal war viel Arbeit liegengeblieben, weil sie nur notdürftig von einer Kollegin vertreten worden war. Sie sah, man brauchte sie hier, freute sich über ihre Rückkehr. Ihren Jungen wusste sie bei der Mutter in guten Händen. Die blühte auf, seitdem sie ihn versorgte. Abends erzählte sie von den kleinen Veränderungen, die nun täglich zu beobachten waren. Sie holte Gisela mit dem Kind im Wagen vom S-Bahnhof ab. Es gab dann große Freude bei beiden, denn der Kleine reagierte jetzt schon auf seine Umwelt. Gisela machte das Babybad und fütterte den Kleinen. Er quietschte und jauchzte bei ihren Späßen, wenn sie ihn ins Bett trug. Wenn er endlich schlief, war sie erleichtert. Sie ordnete noch die Sachen für den nächsten Tag, schaute die Babywäsche durch und griff nach einem Buch. Es gab so vieles, was sie lesen, was sie wissen wollte, was sie interessierte. Unsystematisch griff sie nach Verschiedenem und legte es auch wieder aus der Hand.

In ihrer Arbeitsstelle gab es Veränderungen, die sie erst langsam mitbekam. Irene war nicht mehr da. Sie hatte gekündigt, arbeitete in einer anderen Bibliothek. Früher oder später hätte man ihr ohnehin nahegelegt zu gehen, er-klärte sie Gisela bei einem kurzen Besuch. Ihr Achim hatte doch die Arbeit bei Siemens, gehörte zur Kategorie der Grenzgänger. Irene zog dieses Wort beim Sprechen in die Länge, wiederholte, dass er dort doppelt soviel verdiente wie bei Sekura, seinem alten Betrieb, obwohl er nur 30 % in West bekommt, fügte sie hinzu. Sie wollten heiraten, eine Wohnung einrichten, brauchten das Geld. Außerdem passte ihr in diesem Gewi-Institut nicht, dass man mit den Wölfen heulen müsse und man ihr vorschreibe, was sie zu denken habe. Gisela wunderte sich über die Worte der anderen, weil sie nicht wusste, mit welchen Wölfen Irene heulte und was man ihr vorschreibe in der Bibliothek. Sie empfand die Beklemmung nicht, unter der die Freundin so offenkundig litt, war einfach froh, sich von den Kollegen hier angenommen und anerkannt zu wissen. Ein bisschen fehlte ihr die Gefährtin. Sie hatte niemanden mehr, mit dem sie herumalbern und lästerliche Reden über diese und jene Gewohnheit der anderen führen konnte. Sie verwand es aber, verlor Irene bald aus den Augen.

In der Dienstbesprechung erläuterte Herr Kobus ein neues Dokumentations- und Informationssystem, das jetzt entstehen sollte. Ein neuer Leiter werde kommen, schon in der nächsten Woche. „Meine Zeit hier ist abgelaufen“, meinte er einsilbig. In der folgenden Woche schon stellte sich Freimut Wirker als der neue Chef vor. Er führte sich als Freund der Jugend bei ihnen ein, so wie Gisela ihn schon aus der FDJ-Gruppe kannte. Seine Arbeit zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend würde er bald mit einem Diplom ab-schließen, die neue Funktion hier bei ihnen übernehmen und ein leistungsfähiges Informationszentrum aufbauen. Er sprach mit durchdringender Stimme, legte Pathos in seinen Tonfall, so dass seine Rede den kleinen Sitzungsraum ganz und gar erfüllte. Von den großen politischen Weltereignissen kam er schnell zu den Verhältnissen in ihrer Bibliothek. Sprach über die Ermordung Lumumbas, über die Heimtücke der imperialistischen Täter und betonte, dass all das den endgültigen Sieg der gerechten Sache in der Welt nicht aufhalten könne. Auch sie hier in der DDR würden daran mitarbeiten, denn sie befanden sich hier an einer wichtigen, höchst gefährdeten Nahtstelle. Er zog die letzte Plenartagung heran, berief sich auf Worte des führenden Genossen, sprach vom Aufschwung marxistisch-leninistischer Theorie, die der besseren Kenntnis gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze voranzugehen habe. Konsequenzen für ihre Arbeit in der Bibliothek kündigte er an. Der Bibliotheksbestand sollte in sechs kleine Handbibliotheken aufgeteilt werden. Außerdem sollte die bibliographische Abteilung erweitert werden, um mehr Auskunftsmittel zur Verfügung zu stellen.

Gegen den Plan, den Bibliotheksbestand in Handbibliotheken bei den Lehr-stühlen aufzusplittern, hatte sich Herr Kobus gewehrt. Er war nun nicht mehr hier, aber seine Stellvertreterin Traude Heim übernahm seine Rolle, warnte vor dem entstehenden Chaos, der Gefahr, dass die Bücher nach und nach verschwinden würden. Darauf entgegnete ihr der neue Chef, sie argumentiere vom rein bibliothekstechnischen Standpunkt, begriffe nicht, dass es um andere Beträge jetzt ginge, um eine erhöhte Effektivität wissenschaftlicher und agitatorischer Arbeit. Auch Anni und Edith pflichteten Traude bei, nannten das Vorhaben eine Irrsinnsaktion, während Helga, bemüht, ihrer Verantwortung als Parteiverantwortliche gerecht zu werden, den neuen Chef unterstützte. Dabei brachte sie ins Spiel, was Albert, ihr Mann aus dem großen Haus überbracht hatte. Es waren die gleichen Worte, die auch Wirker benutzte. Gisela hörte zu und schwieg. Sie konnte keine Meinung äußern, weil sie keine besaß. Einige ihrer Beobachtungen entsprachen dem, was die anderen anführten. Auch sie hatte erlebt, wie schnell Bücher verschwanden, verstellt oder mitgenommen wurden, mit mehr oder weniger böser Absicht. Man musste höllisch auf sie aufpassen. Aber wenn die Veränderung einem höheren Prinzip dienen sollte, war sie schon bereit, daran mitzuarbeiten. Warum nicht, man würde sehen, wie es lief, sagte sie sich und belächelte etwas die Vehemenz, mit der Traude gegen die Sache anredete. Dabei gestikulierte die mit Händen, hatte rote Flecke im Gesicht, die sie nicht schöner machten.

Wochen später brach ein großes Tohuwabohu in der Bibliothek aus. Für einige Zeit konnten die Bücher gar nicht benutzt werden. Alle Mitarbeiter räumten Bücher aus dem Kellergeschoß in den zweiten, dritten und vierten Stock, wo die Handbibliotheken eingerichtet wurden. In den Katalogen mussten die Zettel gezogen und die neuen Standorte der Bücher vermerkt werden. Sie alle waren in eingestaubte blaue Kittel gehüllt, liefen den ganzen Tag mit aufgekrempelten Ärmeln umher, transportierten Bücher. Während dieser Arbeit bereute Gisela ihre indifferente Haltung beim Streit um die Standorte, war sich aber nicht sicher, ob ihre Meinung etwas geändert hätte. Immerhin hielt die Mehrzahl der Bibliotheksmitarbeiter das jetzige Tun für überflüssig. Helga Pietsch half nur selten, war meist in wichtigeren Angelegenheiten unterwegs.

Das Durcheinander ließ auch Giselas wohlgeordneten Lesesaal nicht aus. Wichtige Fachlexika und Nachschlagewerke wurden entnommen, wanderten in andere Räume. Traurig blickte sie auf die Lücken in den Reihen, überlegte, wie sie das neu gruppieren konnte. Sie hatte sich nicht vorgestellt, dass es so ausgehen würde, als sie vor einigen Wochen dem Zusammenstoß der Meinungen gleichgültig zugehört hatte. Erst jetzt, während der schweren, lästigen Arbeit begriff sie, dass die Sache, die damals verhandelt wurde, auch sie betraf.

Bibliographien zu diesem oder jenem Thema hatten sie auch unter der Regie des alten Chefs erarbeitet. Der neue Chef wollte jetzt ein neues, größeres Informationssystem aufbauen. Er befragte die Bibliothekare nach ihren Interessen. Die entschieden sich für die Lehrstühle Ökonomie oder Geschichte. Gisela erklärte nach kurzem Bedenken ihr Interesse für die Philosophie.

Als Frau eines Philosophen wollte sie von der Sache mehr verstehen als bis-her. Wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, erhoffte Antworten auf viele Fragen. Vieles hatte schon der Vater mit ihr beredet, wenn er sich über Ernst Haeckels „Welträtsel” oder über Goethes „Faust” äußerte. Dabei sprach er ernst mit ihr, wie mit einer Erwachsenen. Er erklärte ihr die Unterschiede von Mensch und Tier. Manchmal zitierte er Gorkis Wort „Ein Mensch wie stolz das klingt“ und fragte, ob der selbst immer daran geglaubt habe. Er berichtete Gisela von den bitteren Erfahrungen des Mannes und schloss mit den Worten: „Der Mensch kann auch ein Vieh sein!” Von den Familientreffen kannte sie seinen Zorn über Dummheit, Kurzsichtigkeit, Gedankenlosigkeit, Eigennutz und Lernunwillen der Menschen. In den Debatten ging es meist um Politik. Sie fand, dass er recht hatte gegen die Westberliner. Aber sie sah auch, dass es ihm nichts brachte. Nur Ärger mit denen und der Mutter, die Frieden wollte. Während der Oberschulzeit wurde ihr die unzulängliche Bildung der Eltern bewusst, sie fühlte sich über die väterlichen Betrachtungen erhaben. Seit wenigen Jahren erst interessierten sie nun wieder die Gespräche mit dem Vater. Der goutierte ihre Entscheidung für den philosophischen Lehrstuhl, ermunterte sie, Lernmöglichkeiten unbedingt zu nutzen.

Und so nahm sie die neue Aufgabe als Aufforderung zum Lernen. Von Frei-mut Wirker erfuhr sie, was die Lehrstuhlgenossen von ihrer Tätigkeit erwarteten. Sie sollte Literatur zu vorgegebenen Themen zusammenstellen. Dann sollte es ihre Aufgabe werden, einen Informationsdienst zu philosophischen Fragen aufzubauen, für den sie Zeitschriften und Zeitungen auszuwerten hatte. Die Beiträge waren zu gruppieren und zu annotieren. Es fragte niemand nach ihren Voraussetzungen und sie begann mit einer Zusammenstellung zum Thema Ethik. Genau wusste sie nicht, was dieser Begriff beinhaltete. Aber sie bildete sich eine Vorstellung nach schon bewährter Methode, schlug in verschiedenen Lexika nach und erschrak, als sie in einer Geschichte von Moralauffassungen eine unübersehbare Anzahl von verschiedenen Vorstellungen antraf, die die Menschheitsgeschichte begleitet haben sollten. Die Rettung vor diesem unüberschaubaren Feld fand sie in einem aus dem Russischen übersetzten Lehrbuch der marxistisch-leninistischen Ethik. Hier war alles klar gegliedert. Unter die vergangenen Jahrhunderte war ein klarer Schlussstrich gezogen. Für die Gegenwart wurde alles auf die politischen Fronten bezogen, mit denen Gisela vertraut war. Es leuchtete ihr ein, dass das Verhalten der Menschen und deren Auffassungen von ihren jeweiligen Interessen abhingen. Das bestätigte einen Maßstab, den sie schon zeitig in ihrem Elternhaus mitbekam und seitdem überall bestätigt fand. Auch die Sätze über die historische Mission der Arbeiterklasse und deren Moral waren ihr nicht fremd, darüber hatte sich auch Johannes geäußert. Es gab ihr ein gutes Gefühl zu sehen, dass alles irgendwie auch zu ihr hinstrebte. Sie war als Kind ihrer Eltern Teil der arbeitenden Klasse, um die es ging. Auch wenn der Vater bei solchen Worten immer abwinkte. „Ich kenne meine Pappenheimer“, sagte er dann.

Das, was sie sich unter Ethik vorstellte, half ihr über den Anfang, gab ihr die innere Zuversicht, hier an einer wichtigen Sache mitzuarbeiten.

Nach einigen Wochen gab sie ein dreißig Seiten langes Titelverzeichnis an ihren Chef. Der wünschte alles zu sehen, bevor es an die Lehrstühle ging. Viele Kärtchen hatte sie beschrieben und sortiert und war nicht unzufrieden mit dem umfangreichen, gegliederten Literaturverzeichnis, das sie aus der Hand gab. Einige Wochen lang hörte sie nichts, ihre Ungeduld begann schon abzuklingen, als ein Genosse Philosoph bei ihr im Lesesaal erschien. Von Johannes wusste sie, er war der erste Ethiker des Hauses. Er kam auf sie zu, schaute nicht unfreundlich in ihr Gesicht. Sie saß vor ihm an ihrem Schreibtisch. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie mit der Sache zu tun hatte, warf er das Papier auf den Tisch, meinte, damit nichts anfangen zu können. Er tat das nicht mit besonderem Nachdruck, aber doch so, dass seine Geste die Worte deutlich unterstrich. „Ich wollte nicht alle möglichen Titel zur Ethik, sondern ich arbeite zum Menschenbild, zum sozialistischen“, setzte er nach. Dann blieb er eine Weile stumm, drehte sich um und ging zur Tür. Gisela saß wie erstarrt. Das hatte sie nicht erwartet, dass man so unzufrieden mit ihr war. Natürlich, sie wusste wenig über Philosophie und Ethik, wenn Johannes in ihrer Nähe wäre, könnte er ihr helfen, mehr zu wissen. Er hatte sie zu der neuen Aufgabe ermuntert, in keiner Weise Bedenken vorgebracht. Sie legte die Papierseiten in den Tischkasten, wollte warten, bis sie mit jemandem darüber sprechen konnte. Sie fürchtete, dass der Ethik-Genosse schon mit ihrem Chef geredet hatte. Nach mehreren bangen Tagen, an denen sie wartete, er würde sie auf die Sache hin ansprechen, vertraute sie Anni die Unzufriedenheit des leitenden Ethikers mit ihrer Arbeit an. Dabei schwächte sie dessen Kritik etwas ab und beschloss ihren kurzen Bericht mit dem Eingeständnis: „Ich versteh´ nichts von Philosophie, aber ich möchte etwas davon verstehen.“ Anni schaute braunäugig auf die junge Kollegin, zog die Augenbrauen hoch, wie sie es stets tat, wenn sie überrascht war und sagte: „Dann wirst du es auch lernen.” Sie versprach, mit einem führenden Philosophen zu reden, sie müsse zuvor natürlich den Chef informieren, denn ohne ihn ginge es nicht.

Schon bald rief der sie in das Zimmer, in dem bisher Herr Kobus gesessen hatte. Bot ihr einen Stuhl an, sagte, dass er mit den Genossen von oben gesprochen habe. Nach kurzem Erstaunen begriff sie, dass er mit oben die Philosophen meinte, die im 4. Stockwerk des Gebäudes in der Taubenstraße untergebracht waren. Sie wurde ganz aufmerksam, begriff, es ging um sie. Zu-nächst sprach er von einem Missverständnis bei der Übermittlung der Auf-gabe für sie, es tue ihm leid, dass das so schief gelaufen sei. Es ginge nicht um Ethik schlechthin, was soviel wie Moral heißt, was sie wohl wisse, sondern um die sozialistische Ausprägung davon. In ihrem Zentrum stünde der sozialistische Mensch, die neue Persönlichkeit, die jetzt schon allerorten sichtbar würde. Die Genossen Philosophen würden das Werden dieses neuen Menschen mit ihren Arbeiten nach Kräften unterstützen, die besten Erfahrungen unter die Leute bringen. Und sie sollte diesen Vorgang bibliographisch unterstützen. Damit sie dafür bessere Voraussetzungen erhalte, als bisher, werde man sie zu Studien anleiten. Sie sollte sich beim obersten Ethiker melden, morgen schon. Gisela schaute ihm geradewegs ins Gesicht, war erleichtert über seine Mitteilung.

Man gab sie also nicht auf, traute ihr zu, auch Schwieriges zu lernen. Sie spürte eine dankbare Regung gegenüber ihrem neuen Chef, der ihr sonst fremd war. Eine freudige Spannung auf das, was kommen sollte, breitete sich in ihr aus. Sie hielt das Gespräch nach dieser Mitteilung für beendet, denn auch der Chef schwieg. Schon malte sie sich ihren morgigen Gang in die luftige Philosophenhöhe aus, wäre jetzt gern mit ihrer Erwartung allein gewesen. Aber nun legte der Chef erst richtig los, nahm den Faden von vorhin wieder auf, umriss vor ihr das Bild des neuen Menschen, an dem sie mitarbeiten sollte: „Vorwärts stürmend und kämpferisch, den Mond umfliegend und die Wüsten bewässernd, solidarisch gegenüber Freunden und Genossen, unnachsichtig gegen Feinde der Menschheit und des Fortschritts und den neuen Moralgesetzen verpflichtet, wie sie von Walter Ulbricht, dem Arbeiterführer, geschaffen worden sind. – So sieht er aus, der neue, sozialistische Mensch”. Er stand dabei, gestikulierte mit weit ausgreifenden Armen. Auch Gisela war aufgestanden, war schon an der Tür, wollte den Schritt auf den Korridor machen, als sie sich noch immer aufgehalten fand. Sie legte die Hand auf die Klinke, zog die Tür einen Spalt auf, aber auch das machte auf den Mann keinen Eindruck. Er sprach wie für einen ganzen Saal und sie merkte, er würde so bald nicht aufhören.

Der Vergleich mit einem Siruptopf, in den sie geraten war, kam ihr in diesem Moment nicht in den Sinn. Aber die deutliche Empfindung davon hatte sie. Die Worte, die Worte kamen erst viel später.

Schwindende Gewissheiten

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