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Etwas fängt an

Sie wusste nicht, worauf sie sich einließ, als sie am zweiten Tag des Jahres 1959 den Weg zu ihrer ersten Arbeitsstelle suchte. Gisela Anders war zwanzig Jahre alt und voller Neugierde, während sie sich noch bei Dunkelheit auf den Weg machte, um pünktlich die Bibliothek zu erreichen, in der sie fortan arbeiten sollte. Eine ganze Stunde war sie unterwegs, da sie gegen sieben Uhr dreißig am Bahnhof Friedrichstraße die S-Bahn in Richtung Falkensee verließ. Der Zug war von Baumschulenweg an voll besetzt und wurde auch mit ihrem Ausstieg nicht leerer. Als sie die Friedrichstraße in Richtung Lindenallee ging, atmete sie tief, weil ihr im Abteil die Luft so knapp geworden war, unter den vielen Menschen. Es war kalt und feucht an diesem Januarmorgen, sie überquerte rasch die Linden und lief schnellen Schrittes die Charlottenstraße entlang, bis zur Taubenstraße. Sie war das erste Mal hier in dieser Gegend. Bisher war sie nur bis zur Staatsbibliothek gekommen, in der ihre Fachschule untergebracht war. Die Gegend rund um die Universität kannte sie, die hatte sie mit ihren Mitschülerinnen mittags umrundet. Nach Feierabend zog es die in Richtung Bahnhof Zoo, Gisela war nur selten dabei. Die Taubenstraße hatte sie sich auf dem Stadtplan suchen müssen. Herr Kobus, der Leiter der Bibliothek, hatte ihr den Ort ihres zukünftigen Wirkens beschrieben. Er liege zwischen Hausvogteiplatz und Gendarmenmarkt. Den überquerte sie jetzt, sah die Ruinen des Schauspielhauses, des Französischen und des Deutschen Domes. Die zerstörten Gebäude waren befestigt, der Platz aufgeräumt, er hinterließ keinen besonderen Eindruck bei ihr. Trümmer gab es in Berlin an vielen Ecken, wenn sie nicht inzwischen freien Flächen gewichen waren. Sie brauchte die zehn Jahre, die sie dort arbeiten sollte, um diesen Platz sehen zu lernen. An diesem Morgen hatte sie jedenfalls keinen Blick dafür. Sie schaute auf die Zählung, fand die Nummer 19/23, die man ihr genannt hatte. Das war nicht schwer, weil es das einzige Haus an der Tauben-, Ecke Markgrafenstraße war. Sie blickte auf das Schild, das auf dunklem Marmorgrund die goldene Aufschrift trug „Institut für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Sie ahnte nicht, dass das zu diesem Zeitpunkt schon eine wichtige Adresse war, aber der Parteiname, bei deren Zentralkomitee ihre zukünftige Arbeitsstelle liegen sollte, war ihr nicht unvertraut. Ihr Vater war Mitglied dieser Partei und alles, was von ihm kam, hielt sie für einsehbar und richtig. Das Abzeichen mit den verschlungenen Händen hatte sie auch bei Herrn Kobus gesehen, wenn er zweimal die Woche zum Unterricht in ihre Fachschule kam. Das hatte ihr Zutrauen eingeflößt. Als er sie fragte, ob sie in der Bibliothek, die er leitete, arbeiten wollte, sagte sie zu. Auch Irene, die mit ihr die gleiche S-Bahn fuhr, stellte er diese Frage. Sie beide waren froh über die Aussicht, bei ihm zu arbeiten. Es hatte nichts mit seiner Person zu tun, sie waren lediglich erleichtert, dem Dienst in der Staatsbibliothek zu entgehen. Diese Einrichtung erschien ihnen als verstaubtes Museum. Das Zutrauen in das Abzeichen, das Herr Kobus trug, war bei Irene allerdings geringer als bei Gisela. Auch deren Vater trug es, aber das war für sie nun gerade der Grund, auf Abstand zu drängen. Sie brachte es nicht direkt zum Ausdruck. Aber Gisela spürte, dass der Freund, mit dem Irene an den Wochenenden paddelte, etwas gegen das Abzeichen hatte. Immerhin konnte es sein, dass der gegen das Abzeichen war, weil der Vater von Irene gegen ihn als Schwiegersohn war. Es kann aber auch umgekehrt gewesen sein. Irene ließ sich darüber nicht aus. Gisela erlebte nur deren Unmut, wenn sie die Gefährtin danach fragte.

Beide hatten sich für diesen ersten Tag vor dem Gebäude verabredet, weil Irene nicht genau wusste, von woher sie diesen Morgen kommen würde. Sie stand schon vor dem Eingang, wartete auf Gisela, die voll hoher, beklommener Erwartung war. Irene sah aus wie gewohnt, blass, schmal mit einem kleinen Lächeln um den Mund und neu aufgedrehten Stocklocken, wie am Wochenbeginn immer. Gisela trug ihre blonden Haare kurz geschnitten, ihre Gesichtshaut war rosig überzogen. Das verdankte sie der Kälte und der Aufregung, die ihren ganzen Körper in Spannung hielt.

Nach einem kurzen Gruß drückte eine von ihnen den Klingelknopf neben der Tür. Kurz darauf summte es und die Tür ließ sich öffnen. Beide betraten einen größeren Raum, an deren rechter Seite eine hölzerne Theke aufgebaut war. Dahinter standen mehrere uniformierte Männer. Einer von ihnen sagte: „Wo wollt ihr denn hin?“ Sie nannten Herrn Kobus´ Namen. „Zum Genossen Kobus also“, sagte einer der Uniformierten und schaute auf eine Namensliste. Er schüttelte den Kopf und griff zum Telefonhörer. Offensichtlich sprach er mit ihrem zukünftigen Chef, den er streng an ein Versäumnis zu gemahnen schien. Nach einigen Minuten kam Herr Kobus durch die Tür, die vom Vorraum ins Innere des Gebäudes führte. Er streckte den Mädchen die Hände hin, so, dass jede eine nehmen konnte. Nach einem kurzen Wortwechsel mit den Wachleuten konnte er sie mitnehmen. Dazu wurden ihre Personalien notiert, jede bekam einen Passierschein. Über Treppen, durch Korridore und an Zimmern vorbei, erreichte die kleine Gruppe das Reich der Kaderabteilung. Hier wurden sie einer älteren Frau vorgestellt, von der es hieß, dass sie die Kaderleiterin sei, Genossin Geffke. Sie erklärte ihnen den Arbeitsraum, in dem sie saß, als das Herz des ganzen Gebäudes. Gisela erschien das übertrieben, aber mit Irene sprach sie nicht darüber, weil sie deren Bereitschaft zur Skepsis kannte. Sie wollte sich an das halten, was ihr half, sich hier einzuleben. Die Kaderleiterin gab ihnen große Fragebögen, die sie ausfüllen und wieder mitbringen sollten. Dann fragte sie noch, ob die Mädchen der Partei angehörten, die in diesem Haus hier wohnt. Als die die Köpfe schüttelten, meinte sie lächelnd, mehr zu Herrn Kobus hin: „Was nicht ist, kann ja noch werden!”

Der ging mit ihnen in die im ersten Stock gelegenen Bibliotheksräume. Dort erklärte er, was in den einzelnen Räumen bibliothekstechnisch zu passieren hatte. Dann ließ er sie kurz in zwei hintereinander liegende Räume blicken, an deren Tür „Sperrbibliothek” geschrieben stand. Besondere Öffnungszeiten standen darunter, die von denen der übrigen Bibliothek abwichen. Daneben gab es noch einen Lesesaal für Nachschlagewerke und einen Zeitschriftenlesesaal. Die Einrichtung erschien den beiden Mädchen überschaubarer als die Staatsbibliothek, die Aussicht hier zu arbeiten gefiel ihnen, da auch die Kolleginnen, denen sie vorgestellt wurden, freundlich waren. Das vorgerückte Alter überwog, zwei Frauen schienen etwas jünger. Gisela und Irene verständigten sich darüber, dass sie hier die Küken sein würden. Auch das fanden sie nicht schlecht.

Herr Kobus hatte zwei Stellen frei, im Lesesaal und im Katalog. Er schlug vor, dass beide Mädchen ein Los ziehen und den Zufall entscheiden lassen sollten, wo er sie hinstelle. Gisela fand, dass sie das große Los gezogen hatte, weil sie die Stelle im Lesesaal bekam. Hier hatte sie mit Büchern und nicht nur mit Karteikarten und vor allem mit Publikum zu tun. Irene meinte, bevor sie ihren Platz im Katalograum bezog, sie hätte es geahnt, sie sei immer der Pechvogel, auch zu Hause. Glück hatte Gisela auch mit dem Examenszeugnis, das man ihr kurz vor Weihnachten übergab und auf dem sie insgesamt „gut” beurteilt wurde. Sie selbst beurteilte sich in ehrlichen Augenblicken durchaus schlechter. Einige der Fächer, die sie erlernen musste, Bibliotheksverwaltung und Titelaufnahme gehörten dazu, fand sie unerträglich langweilig. Sie stellte die Arbeit für sie ein, als sie mitbekam, dass sie mit ihren eigentlichen Leseinteressen, die sie in diese Ausbildung gebracht hatten, kaum zu tun hatten.

Glück gehabt!, war die Grundstimmung, mit der sie am Abend des ersten Arbeitstages vom S-Bahnhof Baumschulenweg in Richtung Laubenkolonie trabte, wo sie mit den Eltern wohnte. Der Lesesaal, in dem sie arbeiten sollte, gefiel ihr ausnehmend gut. Der Raum war ungefähr 12 Meter lang, sechs Meter breit. Er ließ mit drei großen Fenstern die Sicht auf den Gendarmenmarkt zu. Die Fenster lagen unmittelbar gegenüber der Ruine des Deutschen Doms, auf der mehrere halbhohe Birken gewachsen waren. Vor dem Gebäude stand eine eiserne Rotunde, solche, die sie von der Mutter als Pissoir bezeichnet wusste. Eine solche Einrichtung hatte in einer französischen Filmkomödie zu mannigfachen Verwicklungen geführt, weil Anstoß an den Männerbeinen genommen wurde, die bis zur Hälfte am unteren Rand der eisernen Wand zu sehen waren. Schräg gegenüber lag das Schauspielhaus, eine befestigte Rui-ne, und von der Stirnseite des langen Saales ging noch ein Fenster mit Blick auf das Gebäude der Akademie der Wissenschaften.

Sie erzählte den Eltern von den vielen Büchern, die ungeordnet lagen. Sie sollten in Sachgruppen unterteilt werden, für die Regale bereitstanden. „Na, da wirst du ja endlich Ordnung lernen”, meinte die Mutter und lachte. Gisela wehrte solche Bemerkungen ab, fand sie unpassend. Die Frau hat keine Ahnung, dachte sie und auch die Ermahnung des Vaters, sie solle aufpassen, wenn die älteren Kollegen ihr sagten, wo es lang geht, fand sie überflüssig. Er gab ihr auf solche Weise zu verstehen, dass er sie erst am Beginn ihres Lernens sah. Gisela gab ihm in ihrem Innern recht, widersprach den Eltern aber aus Prinzip. Sie trumpfte mit der Mitteilung auf, dass die meisten Kolleginnen dort keine Ausbildung hätten. „Aber dafür haben sie Erfahrung und du fängst erst an”, hielt ihr der Vater entgegen. Den Eltern gegenüber war Gisela keck und munter, manchmal etwas vorwitzig, wenig gottesfürchtig, wie die Mutter lächelnd feststellte. Sie machten sich keine Vorstellung, wie schüchtern die Tochter unter Fremden war. Unaufgefordert sprach sie dort kaum ein Wort. Wenn man sie ansprach, röteten sich ihre Wangen. Das vergrößerte ihre Verwirrung, die sich nur langsam legte. Erst wenn sie sich zugehörig fühlte, verlor sich langsam die Beklommenheit. Sie selbst litt unter dieser Zurückhaltung. In den zwei Jahren Bibliothekarsausbildung war es ihr nicht gelungen, sich unter den Fachschülerinnen selbstverständlich zu bewegen. Sie und Irene absolvierten in der Staatsbibliothek ihre Praktika, während die anderen in der Berliner Stadtbibliothek und in der Landesbibliothek Potsdam arbeiteten und Gelegenheit hatten sich kennenzulernen. Gisela kam ihren Mitschülerinnen nicht nahe, sie empfand es als hochnäsig, wie die sich als Potsdamerinnen mit Tradition gegenüber den hergelaufenen Berlinern absetzten. Sie waren Kinder von Ärzten, Pfarrern und Apothekern, von denen der eine in der dritten Generation eine berühmte Apotheke führte. Die Bibliothekarsausbildung betrachteten die meisten als kurze Zwischenstation, weil sie zum Hochschulstudium nicht zugelassen worden waren. Einige von ihnen verschwanden noch während, andere kurz nach dem Ende der Ausbildung, sie gingen in den Westen.

Gisela gehörte zu den wenigen, die in dieser Klasse in der FDJ waren. Aber auch sie hätte es am liebsten verschwiegen, als Frau Schmidt, die Schulleiterin sich danach erkundigte. Erst als bei Irene der Finger hochging und bei noch zwei anderen, hob auch sie zögernd den Arm. Sie fühlte sich, als ob sie gezeichnet wäre. Von den selbstbewussten Potsdamerinnen gab es so manche Anspielung auf die Berliner, die nicht wüssten, wer sie sind. Auch mit Irene stellte sich nicht die richtige Vertrautheit ein. Die entließ stoßweise und leise die Mitteilung, dass auch sie das nicht mehr lange mitmachen würde, FDJ und so. Nur noch so lange, bis die Ausbildung zu Ende und sie frei sei von ihrem Vater. Gisela unterließ jedes weitere Gespräch, weil sie sich hier nicht verstanden fühlte. Wie hätte sie erklären können, dass es bei ihr gerade umgekehrt war. Nicht, dass sie ihrem Vater zuliebe im Jugendverband war. Der überließ solche Dinge ihrer eigenen Entscheidung. Jedenfalls erschien es ihr so, wenn er sagte, sie solle selbst überlegen, wohin und wozu sie gehören wolle. Natürlich ließ er sie auch wissen, wo er sie gern sähe. Sie wusste, was er von ihr erwartete. Dennoch war sie nicht darauf aus, sich ihm gegenüber unbedingt wohl zu verhalten, seinen Beifall auf diese billige Weise einzuheimsen. Sie hatte durchaus ihren eigenen dicken Schädel, wie die Mutter meinte, wenn sie sich mit kindlichem Trotz gegen die Eltern durchzusetzen suchte. Sie widersprach dem Vater, wo sie konnte. Aber mit der Freien Deutschen Jugend war es so, dass sie spürte, das lag ihm am Herzen. Es hatte mit dem zu tun, was sie an ihm bewunderte, seinen Mut, seine Unerschrockenheit und seine Unbestechlichkeit, wenn es um Überzeugungen ging, seine Zivilcourage, den eigenen Standpunkt zu vertreten. Denn es war unpopulär, was er seinen Vereinskollegen sagte, kurz nach dem Krieg, wenn er sie daran erinnerte, dass sie noch vor Kurzem den Arm zum Hitlergruß nicht hoch genug bekommen hatten. „Russenknecht” hatte ihm ein Sozialdemokrat entgegengehalten, als er für die SED warb. Auch gegenüber dem Westberliner Teil der Familie stritt der Vater gegen die schnelle Vergesslichkeit der Menschen. Er hatte meistens gegen alle recht. So erschien es der Tochter jedenfalls, weil die anderen auf seine Fragen keine Antwort hatten und ihm in vielem beistimmten. Die Eindrücke aus solchen Familienszenen trug sie unverlierbar in sich: ihr Vater mit gestikulierenden Händen, die blauen Augen sprühten Funken in solchen Augenblicken. „Reg dich doch nur nicht so auf”, beschwichtigte die Mutter.

Zur Zeit ihres ersten Arbeitsganges war er ruhiger geworden, denn er war fast sechzig. Die Westberliner attackierte er nicht mehr so vehement, sondern schimpfte jetzt mehr auf die Leute, die im Betrieb etwas zu sagen hatten und von allem viel zu wenig verstünden. „Sie denken nur an den eigenen Vorteil”, beschloss er solche Betrachtungen. Hier schloss er alle ein. Den neuen Parteisekretär, der nur noch reden wolle und nicht arbeiten. Auch die Arbeiter, die seinen Betrieb, der medizinisch-technische Geräte herstellte, verließen, um hinter dem Teltow-Kanal, in Britz für einen Unternehmer zu arbeiten, bei dem sie sich ausbeuten ließen. Auch sie denken nur an den eigenen Vorteil. In seinem Betrieb war er verantwortlich gemacht worden, technisch begründete Arbeitsnormen zu entwickeln. Er stand mit der Stoppuhr hinter der Werkbank, nahm die Zeiten, die die Arbeiter für die einzelnen Handgriffe brauchten. Es ist nicht angenehm, aber notwendig, ließ er die Mutter wissen. Manche Kollegen wollten ihn für dumm verkaufen, das vertrage er schlecht. Die meisten Arbeiter akzeptierten eine leistungsgerechte Entlohnung. Aber die sehen auch, dass es oben nicht stimmt. „Warum denn nur wir?”, wiederholt er deren Fragen und fasst seine Bedenken in den Satz: „Ja, der Fisch stinkt immer zuerst am Kopf.“

Gisela hatte das Empfinden, dass der Vater meistens richtig lag mit seiner Meinung. Manchmal war er ungerecht, schoss über das Ziel hinaus, aber dann besänftigte ihn die Mutter und er lenkte ein. Er blieb nicht unbelehrbar und konnte reumütig sein, wenn sein cholerisches Temperament mit ihm durchgegangen war. Diese Ausbrüche hatte sie als Kind gefürchtet, begriff schnell, dass man ihm in solchen Augenblicken aus dem Wege gehen musste. Langsam verschwand ihre Furcht davor, sie sah, dass er selbst unter ihnen litt. Unbegreiflich blieb ihr, warum er sich so wenig beherrschen konnte, bei allem, was er von anderen verlangte. Aber vermisste nicht auch an sich, beschämend oft, die Unerschrockenheit und den Mut, den sie gern selbst gehabt hätte?

Schwindende Gewissheiten

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